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Der Orgelgott aus dem Kohlenpott: Das Phänomen Mambo Kurt

Der Musiker Mambo Kurt sitzt in seinem Keller in Bochum an seiner Orgel.
Foto: dpa | Fabian Strauch

Der Mann, der auf der Bühne in die Tasten seiner Heimorgel haut, trägt einen beigen Anzug zur gelben Billig-Sonnenbrille. Er ist promovierter Arzt. Aber von den Tausenden, die ihm zujubeln, kennt ihn kaum jemand als Dr. Rainer Limpinsel. Er ist Mambo Kurt, der Orgelgott aus dem Ruhrpott. Sein Instrument: eine Heimorgel, Baujahr 1980. Prädikat: besonders uncool.

Seit 25 Jahren versetzt er Zuschauermassen in Ekstase, wenn er Welthits auf seiner Heimorgel covert, unterlegt mit Rhythmen wie Mambo, Salsa, Rumba, Bossa Nova oder Cha-Cha-Cha. In diesem Jahr war der Dauerbrenner wieder bei den ganz großen Festivals dabei: von Parookaville bis Wacken.

Mambo Kurt: „Terminator unter den Alleinunterhaltern“

Er spielt Dr. Alban nach Slayer und Rage Against the Machine nach Abba. Seine krude Mischung treibt die Menge regelmäßig zum Äußersten: Stage-Diving und Polonaise sind feste Rituale jeder Mambo-Kurt-Show. Sein Instrument halten viele für noch uncooler als die Blockflöte: eine 120 Kilo schwere Heimorgel aus den 1980er Jahren. Mit ihr zieht der 56-Jährige alle Register.

„Ich habe immer gesagt, ich höre mit 50 auf“, sagt Mambo Kurt im Interview. „Aber die Saison läuft super, ich nehme alle positiven Vibrations mit.“ Und nächstes Jahr feiere er sein 20-jähriges Wacken-Jubiläum. An Aufhören sei somit nicht zu denken. „Inzwischen gilt: Parole Mick Jagger.“ Der Stones-Boss ist 80 Jahre alt.

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Schon 1982 wird der kleine Rainer Nordrhein-Westfalens bester Heimorgelspieler – in der Altersklasse bis 14 Jahre. Heute ist er der „Terminator unter den Alleinunterhaltern“. Dabei handelt seine Doktorarbeit noch vom „Stellenwert der transthorakalen Echosonographie in der Begutachtung berufsbedingter Atemwegs- und Lungenkrankheiten“.

Ob in Wacken oder im Logo: Wo Mambo Kurt spielt, herrscht Partystimmung. (Archivbild)Foto: IMAGO / snapshot
Ob in Wacken oder im Logo: Wo Mambo Kurt spielt, herrscht Partystimmung. (Archivbild) Foto: IMAGO / snapshot

Es war 1998 und Limpinsel war hauptberuflich noch Arzt, als ihn die Band Clawfinger sieht und als Vorprogramm für ihre Tournee verpflichtet. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Mambo Kurt gibt Arztberuf für Musik auf

Der junge Mediziner hadert mit den Arbeitsbedingungen im Krankenhaus: „Damals waren 132-Stunden-Schichten keine Seltenheit.“ Zudem stellt er fest: „Ich bin zu sensibel dafür, Menschen aufzuschneiden.“ So kommt es, dass er den Arztberuf an den Nagel hängt: „Mit der Entscheidung bin ich bis heute vollkommen im Reinen mit mir.“

Seitdem steht er auf der Bühne. „Nach 1800 Auftritten habe ich aufgehört zu zählen.“ Zwei TV-Engagements kommen hinzu: Bei „Veronas Welt“, der Show von Verona Pooth, sorgt er für die musikalische Untermalung und dann elf Jahre lang („Länger als die Beatles existiert haben“) bei Pierre M. Krauses Show: Pierre war pünktlich, Verona nicht.“

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In dieser Zeit geht es mit der Beliebtheit der Heimorgel weiter bergab und Mambo Kurt muss sich seine Orgeln inzwischen im Bastelkeller selbst zusammenbauen. Anstelle seiner ursprünglichen 120-Kilo-Orgel hat er inzwischen eine reisetauglichere 27-Kilo-Variante aus Karbon konstruiert. „Ich habe 50 patentfähige Dinge für die Heimorgel entwickelt. Ich bin der Weltmarktführer – aber ich bin auch der Weltmarkt“, sagt er.

In Ungarn hatte er auf dem Sziget-Festival seinen bislang größten Auftritt: Er springt als Ersatz für den Hauptact ein – und orgelt vor 50 000 Zuschauern. Ob Nirvana als Mambo oder Tina Turner als Highspeed-Polka – Mambo Kurts Orgel-Gaudi kann man sich nur schwer entziehen. Eigene Stücke komponiert er bis heute nicht: „Ich kann keine Noten lesen.“

„Hagen ist das Liverpool Nordrhein-Westfalens“

Beim Wacken-Festival war er 2004 das erste Mal dabei. Auf der kleinsten Bühne, vor der nur 200 Leute Platz hatten. „Und dann wollten 2500 Heavy-Metal-Fans Mambo Kurt sehen. Das ging echt drunter und drüber. Nun muss ich in Wacken spielen, bis ich sterbe.“

Aufgewachsen ist er in Hagen, Ruhrgebiet, Hauptstadt der Neuen Deutschen Welle, oder „dem Liverpool Nordrhein-Westfalens“, wie er sagt. Das prägt. „Nenas Vater war mein Lateinlehrer, mein Mathelehrer hat bei Extrabreit mitgemischt und war der erste Manager von Phillip Boa, von dem wiederum mein erstes Vier-Spur-Aufnahmegerät stammt.“

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Die Frau, mit der er zum ersten Mal Sex hatte, sang bei Extrabreit im Chor mit. „Popstar zu werden war in Hagen nicht so abwegig. Das steckt bei uns im Stadtteil irgendwie drin.“

Bis heute hat Mambo Kurt aber auch das Deutsche Ärzteblatt abonniert und sein Medizinstudium kommt ihm während der Corona-Pandemie doch noch zugute. Als viele Künstler schwere Zeiten durchmachen, wird Mambo Kurt Impfarzt und reist mit seinem kleinen Tourbus von Impfzentrum zu Impfzentrum.

Mambo Kurt: Japan-Tournee als großes Ziel

Hinzu kommt, dass er als Alleinunterhalter noch die besten Auftrittschancen hat: „In Worms bin ich auf einer komplett überdimensionierten Mega-Bühne aufgetreten. Die war eigentlich für die Helene-Fischer-Tournee, die aber abgesagt werden musste.“

Am Ende der Pandemie spielt er noch zur Auflösung eines Impfzentrums und wird vom Leiter mit dem Metal-Gruß verabschiedet. „Mein Kontostand hat die Pandemie unbeschädigt überstanden.“ Hat Mambo Kurt noch Ziele? „Ich habe eigentlich alles erlebt, was man auf der Bühne erleben kann. Aber vielleicht eine Japan-Tournee, das wäre schön. Es gibt einen Mambo-Kurt-Fanclub in Tokio.“ (dpa/mp)

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