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Ferris: „Ich werde nächstes Jahr 50, ich habe keinen Bock zu sterben“

Ferris: „Ich werde nächstes Jahr 50, ich habe keinen Bock zu sterben“

31.03.2022
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Ferris hat ein großes MOPOP-Interview über seine Biografie gegeben. Foto: Martin Fischer

Sascha Reimann hat mit seiner Frau seine Biografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ geschrieben

Sascha Reimann (48) alias Ferris (das „MC“ hat er abgelegt) ist ein Hamburger HipHop-Urgestein, war zehn Jahre Mitglied bei Deichkind, ist Schauspieler, hatte eine wilde Drogen-Zeit und ist jetzt ein liebender Familienvater. Über sein bewegtes Leben hat er nun zusammen mit seiner Frau Helena Anna Reimann seine Biografie „Ich habe alles außer Kontrolle“ geschrieben, die morgen (1.4.) erscheint. Im MOPOP-Interview spricht er über seinen Drogenkonsum, Grenzenlosigkeit, Kontrollverlust und sein neues Leben.

MOPOP: Dein Buch heißt „Ich habe alles außer Kontrolle“ und du schreibst an einer Stelle: „Es gab keine Grenzen nirgends. Ich kannte keine Grenzen.“ Woher kommt das?

Ferris: Ich habe nie der Norm entsprochen. In Bremen, wo ich großgeworden bin, waren wir alle nicht ganz dicht und in Hamburg bin ich mit meiner Art angeeckt. Ich habe viele Drogen konsumiert und war auf der Flucht vor der Realität und meinem Familien-Background. Mit 18, 19, 20 will man einfach nur raus und keine Verantwortung haben. Diese Verantwortungslosigkeit wurde mir vorgelebt. Mein Vater hat sich seit meinem zehnten Lebensjahr überhaupt nicht mehr bei mir gemeldet. Meine Mutter war zwar da, aber trotzdem war ich auf mich alleine gestellt. Ich wurde von mir selbst und meinem Umfeld erzogen.

„Ich habe alles außer Kontrolle“ erscheint morgen (1.4.) bei Edel Books. Sein Album „Alle hassen Ferris“ folgt am 17. Juni (Missglückte Welt/Arising Empire/Edel).

 

Durch den Konsum unterschiedlichster Drogen hast du oft die Kontrolle verloren – warum hat dich das so gereizt?

Ich fand es geil, willenlos zu werden, noch mehr zu konsumieren und mich noch mehr abzuschießen. Ich wollte die Grenze des Machbaren überschreiten, was ich meinem Körper und Geist antun kann. Ich hatte Bock dadrauf, halb ohnmächtig in der Ecke zu liegen und von geilen Gefühlen und Visionen berauscht zu werden. Wenn ich Pillen geschmissen hatte, habe ich auch oft versucht, Texte zu schreiben. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert. Das war ganz anders als der Heroin-Flash, den ich auch im Buch beschreibe. Da konnte ich gar nichts machen und war einfach nur dumpf. Bei allen anderen Drogen – vor allem Ecstasy und Speed – habe ich mir immer eingebildet, dass das meine Kreativität fördert und mich total verrannt.

„Ich fand es geil, willenlos zu werden, noch mehr zu konsumieren und mich noch mehr abzuschießen.“

Ferris (48)

Was war der krasseste Tiefpunkt in deinem Leben?

Es gab viele, die sich ähnelten. Einer der schwersten Momente war für mich, als ich eine Panik-Attacke gepaart mit einer Angststörung hatte und die Kontrolle verloren habe. Meine innere Stimme fing an, sich mit mir zu unterhalten. Alles, was ich gedacht habe, hat meine innere Stimme noch mal wiederholt. Das war ein unerträgliches Gefühl, das sehr lange andauerte. Ich dachte, dass ich durchdrehe, in eine geschlossene Anstalt muss und mit Opiaten und Pharmazeutika vollgepumpt werden muss. Zum Glück habe ich es mit mir allein ausgemacht. Ich bin da nur zu einer Drogenberatung gegangen und dort wurde mir gesagt, dass es wieder aufhört und quasi wie eine Grippe im Kopf ist. Danach habe ich mich schlagartig besser gefühlt.

Warst du auch schon mal dem Tod nahe?

Es kann ja sein, dass man „kleine“ Hirnschläge oder Herzinfarkte bekommt und man die selbst gar nicht bemerkt. Kann sein, dass mir sowas schon passiert ist. Und einmal, als ich Ketamin genommen habe, dachten meine Freunde, dass ich abnippele. Weil ich 45 bis 60 Minuten in einem komischen Wahnsinn war, rot angelaufen bin und gekrampft habe. Das habe ich selber natürlich gar nicht mitbekommen, weil ich komplett weg war. Ich habe die toxische Grenze auf jeden Fall mehrmals überschritten – es gibt andere Leute, die bei der Hälfte meiner Mengen schon abgenippelt sind. Aber in diesen Momenten, als ich die toxische Grenze überschritten hatte, wäre es mir natürlich egal gewesen, zu sterben. Das wäre ein schöner Tod gewesen. Seitdem ich überhaupt keine Drogen mehr nehme, habe ich totalen Respekt vor dem Tod. Zwischendurch erwische ich mich, dass ich zu mir sage: „Ich werde nächstes Jahr 50, ich habe keinen Bock zu sterben.“

Hast du mittlerweile auch Angst vorm Drogenkonsum?

Keine Angst, aber Respekt. Manchmal denke ich: Wenn meine Kinder groß genug sind, gönne ich mir mal wieder so eine Party, die dann aber viel kontrollierter ist. Die Mengen von früher würde ich sicher nicht mehr überleben, ich dürfte höchstens dran schnuppern. (lacht) Aber bis es soweit ist, traue ich mich das bestimmt gar nicht mehr. Aber das Interesse kommt schon manchmal noch hoch. Die wilde Zeit vermisse ich schon auch irgendwie, denn es gibt daran ja auch viele gute Erinnerungen. Das ist wie mit der ersten Liebe, die auch für immer verankert bleibt.

Was bereust du?

„Ich hätte mein Leben gerne früher und mit weniger Kämpfen in die richtigen Bahnen gelenkt.“

Sascha Reimann

Ich hätte mein Leben gerne früher und mit weniger Kämpfen in die richtigen Bahnen gelenkt. Aber wenn man so aufwächst wie ich, ist es schwierig, diese Erleuchtung so schnell zu erlangen. Dazu muss sich erst das Umfeld ändern.

Ferris im Gespräch mit MOPOP-Redakteurin Frederike Arns. Foto: Florian Quandt

 

Im Titelsong deines Albums „Alle hassen Ferris“ geht’s darum, dass du dir von Leuten Nörgeleien anhören musst, weil du nicht mehr zu Eskapaden neigst. Stimmt das?

Das ist scherzhaft, plakativ und ironisch gemeint, aber ein bisschen Ernst schwingt natürlich auch mit. Die Leute sagen schon sowas wie „Wir wollen den alten Ferris zurück, früher war alles geiler!“ Aber tut mir leid, ich habe mich weiterentwickelt.

Ferris ist Teil des Hamburger Labels Missglückte Welt

Den Song „Partisan“ beziehe ich auch auf dein Hamburger Label „Missglückte Welt“. Das Zugpferd davon ist der Crossover-Punk-Rap-Künstler Swiss und das Label ist auch gleichzeitig eine Bewegung von Außenseitern. Was bedeutet es dir, davon ein Teil zu sein?

Ich war ja schon immer Crossover-Punk-Rap-affin und passe da auch rein aufgrund meiner Vergangenheit. In der HipHop-Szene früher war ich immer der Sonderling. In der „Missglückten Welt“ bin ich kein Außenseiter mehr. Wir scheißen alle darauf, was die Außenwelt denkt. Ich habe auch gemerkt, dass ich auf alle Szenen scheiße. Sie wollen sich gegen Regeln aussprechen: Anarchie, dies das, aber am Ende gibt’s auch in jeder Szene irgendeinen Kodex. Damit kann ich nichts anfangen. HipHop hat seinen Dresscode, Punk noch schlimmer. Nur weil du einen Iro und kaputte Klamotten hast, bist du noch lange kein Punk. Es kommt immer auf die Attitude an. Und Punk heißt für mich, gar keinen Regeln zu folgen Ich sehe mich als Ramones-Punk: Hässlich, Selbstdarsteller und ich mache, was ich will. In der „Missglückten Welt“ kann ich all das sein. Wir sind ein Potpourri aus verschiedenen Punk-Außenseiter-Generationen: Dicken als erste Generation, ich als nächste, danach Swiss und zuletzt Shocky, der der jüngsten Generation angehört.

Sascha und Helena Anna Reimann; Heiratsantrag per „McDonalds“-Tüte und jetzt ein Buch zusammen geschrieben

Du hast das Buch mit deiner Frau Helena Anna Reimann zusammen geschrieben – wie war eure Zusammenarbeit?

Sie hat den Großteil der Schreibarbeit gemacht. Das ist ihr Debüt. Sie hat Modejournalismus studiert, für Zeitungen gearbeitet, Werbung geschrieben. Eigentlich hat sie vor, irgendwann ihr eigenes Buch zu schreiben, aber um den Fuß in die Tür zu bekommen, hat sie jetzt erst mal meine Biografie gemacht. Wir haben mehrere Monate Tag und Nacht daran gearbeitet. Abends habe ich immer lange Sprachmemos für sie aufgenommen und tagsüber hat entweder Oma die Kleine genommen oder ich, damit sie am Buch arbeiten konnte.

Letzte Frage: Was machst du bei deinem Kind anders als es dir selbst widerfahren ist?

Alles. Ich bin ein komplett moderner offener cooler Daddy. Meiner Generation und der Generation davor ist es oft verwehrt geblieben, dass man als Kind an erster Stelle steht. Wenn die Eltern – wie auch in meinem Fall – eine scheiß Kindheit hatten, wollten sie es sich irgendwann selbst gutgehen lassen. Damit sät man natürlich einen bestimmten Weg für das eigene Kind, wenn man nur an sich denkt. Ich hatte es mit Egoisten zu tun und das wollen meine Frau und ich für unser Kind nicht. Wir wissen, was unsere Eltern und Großeltern falsch gemacht haben und machen es jetzt richtig.

Ferris‘ Album-Releasekonzert im Gruenspan sollte am 9.4. stattfinden, wurde aber auf den 28.8. verschoben, Tickets und das Album gibt‘s hier. Das Buch gibt es ab 19,95 Euro hier

Das Interview wurde am 1. April aktualisiert.

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