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Neues Album: Rammstein singen (sehr) laut „Adieu“

Neues Album: Rammstein singen (sehr) laut „Adieu“

28.04.2022
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Rammstein-Frontmann Till Lindemann

Rammstein-Frontmann Till Lindemann. Foto: dpa

„Dicke Titten“ werden für einen Skandal kaum reichen. Auf dem neuen Album „Zeit“ platziert Rammstein den Titel als Traumvorstellung eines einsam alternden Mannes während der Selbstbefriedigung, dessen Fantasien aber eher lächerlich als lustvoll klingen. Zum Mitgrölen im Stadionkonzert mag es den einen oder anderen wohl eher männlichen Fan animieren. Mehr Empörungsmaterial gibt’s aber kaum im achten Studio-Album der harten Berliner Metal-Band.

Elf Titel, rund 45 Minuten musikalisch erwartbare Rammstein-Songs – das wird viele aus der riesigen weltweiten Fangemeinde freuen. Erstaunlich: Viele Lieder drehen sich um Ende, Abschied, Alter, schwindende Zeit. Schon wird in Fan-Foren diskutiert, ob das als Zeichen zu deuten ist. Bei Rammstein ist man jedenfalls Härteres gewohnt.

Das titellose Vorgänger-Album bewarb die Band vor drei Jahren mit einem kurzen Video-Ausschnitt aus dem Song „Deutschland“: drei Band-Mitglieder vor der Exekution, in einer an KZ-Insassen erinnernden Kluft. Die Kritik war laut: um mangelnde Empathie für Opfer ging es, um Werbung auf Kosten von Nazis ermordeter Juden. Solche Reaktionen sollen sogar bei den sonst über Aufregung lachenden Musikern Nachdenklichkeit bewirkt haben.

Rammstein: Album ohne Skandal-Tamtam

Nun also erstmal ohne Skandal-Tamtam. Das Album ist ohnehin eine Konsequenz von viel Zeit für Reflexion: Auch Rammstein ist nicht härter als Corona, das Virus bremste die Stadiontour aus. Mehrfach verschobene Auftritte bedeuteten auch Freiraum in bereits als gemeinsam verplanter Zeit einer Gruppe, deren Mitglieder sich in den fast drei Jahrzehnten Geschichte schon auch mal das eine oder andere Jahr am Stück aus den Augen gehen.

Auf „Zeit“ lässt die Band Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz und seinen mitunter verspielten Synthesizer-Phrasen viel Raum. Wo einzelne Songs in Pop-Sphären zu gelangen drohen, riegeln Richard Kruspe und Paul Landers mit ihren hämmernden, oft stakkatohaften Gitarren-Riffs ab. Einige Passagen etwa in „Gift“, „OK“ oder „Angst“ erinnern sehr an alte Rammstein-Härte.

Der Song über die großen Brüste kommt als Persiflage daher, Blasmusik bestimmt das Intro, es herrscht Festzeltstimmung, knackige Lederhosen und körperbetonende Dirndl scheinen nicht weit. Christoph Schneider beendet das mit brutalem Schlagzeugeinsatz, übergibt an harte Gitarrenakkorde. Das Lied ist auch ein Beispiel dafür, wie die Band bürgerliche Doppelmoral durch platte Benennung vorführen kann.

Rammstein: Es geht um Vergänglichkeit

Im Lied „Zeit“ geht es viel um Vergänglichkeit. In „Zick Zack“ wird der Kult um Körper und Schönheitsoperationen persifliert. Pathetisch kommt der Titelsong „Zeit“ daher, Gevatter Tod ist schon ganz nah. „Nach uns wird es vorher geben“ singt Till Lindemann dann. In „Armee der Tristen“ gehen die Traurigen im „Gleichschritt gegen Glück“ hinein in gemeinsame Tristesse: „Wir wollen zusammen traurig sein“.

Vieles würde passen für ein finales Album. „Wenn unsere Zeit gekommen ist, dann ist es Zeit, zu geh’n / Aufhören, wenn’s am schönsten ist, die Uhren bleiben steh’n“, heißt es. Der auf dem Album letzte (!), sehr getragene Song „Adieu“– vordergründig für einen Verstorbenen – steckt voller Anspielungen auf ein Aus. Ist mit „Sogar die Sonne wird verglüh’n“ der seit 20 Jahren bei Konzerten frenetisch gefeierte Erfolgstitel „Sonne“ gemeint? „Ein letztes Lied, ein letzter Kuss, kein Wunder wird gescheh’n“, heißt es weiter.

All das kann auch wieder einer der Gags der Band sein, ein Spiel von Erwartung und Enttäuschung. Und schließlich ist da auch noch eine ausverkaufte Tour zu spielen: viel Feuerwerk und Nebel, Böller, Licht – ein Riesenaufwand, ein sehr, sehr langer Kraftakt. Und am 14./15. Juni live in Hamburg.

Das Album „Zeit“ gibt’s ab Freitag, 29. April 2022

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