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„Die deutsche Musik marschiert, die italienische tanzt“: Eric Pfeil über seinen musikalischen Reiseführer

„Die deutsche Musik marschiert, die italienische tanzt“: Eric Pfeil über seinen musikalischen Reiseführer

27.06.2022
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Pfeil trägt beigen Anzug und buntes Hemd, in seiner Hand hält er eine Eiswaffel - das türkisfarbene Eis läuft ihm über die Finger

Natürlich spielt auch Gelato (Eis!) eine Rolle in Eric Pfeils (53) Musik-Buch „Azzurro – Mit 100 Songs durch Italien“. Foto: Alfred Jansen/KiWi

„Azzurro – Mit 100 Songs durch Italien“ heißt das Buch von TV-Autor und Journalist Eric Pfeil, der damit in die „Spiegel“-Bestsellerliste eingestiegen ist. Darin nimmt er uns mit auf die Reise – im Gepäck 100 Lieder, die uns das Sehnsuchtsland der Deutschen, seine Geschichte und seine schönsten Plätze näherbringen. Dabei begegnen den Lesern gute Bekannte wie Adriano Celentano, Gianna Nannini, Lucio Battisti, Righeira, Laura Pausini, Milva, Paolo Conte, Ennio Morricone und Al Bano & Romina Power. Im MOPO-Interview spricht der Kölner vor seiner ausverkauften Lesung im Literaturhaus unter anderem über pinkfarbene Sakkos, ein italienisches Trauma und über Tränen der Rührung mitten in Mailand.

MOPOP: Herr Pfeil, warum lieben die Deutschen Italien so sehr?

Eric Pfeil: Vermutlich weil die Deutschen in Italien das im Überfluss vermuten, was ihnen daheim abgeht: Sonne, Leichtigkeit, pinkfarbene Sakkos. Dabei wird mit schöner Regelmäßigkeit natürlich viel Abgründiges ausgeblendet.

Wie viel Italiener steckt in Ihnen?

Sagen wir so: Ich bin bemüht, mir das italienische Prinzip, das vermeintlich Unwichtige besonders wichtig und das vermeintlich Wichtige besonders unwichtig zu nehmen, anzueignen. Man muss aber gleichzeitig immer bedenken, dass es DEN Italiener oder DIE Italienerin natürlich nicht gibt. Vielleicht gibt es selbst Italien gar nicht. Das ist ja gerade das Faszinierende: Wir haben es hier mit einem extrem heterogenen Kulturraum zu tun. Man muss nur auf die Landkarte schauen: zwischen Bozen im Norden und dem sizilianischen Palermo liegen Welten – und entsprechend viele Lieder.

Eric Pfeil liest in Hamburg aus seinem Buch „Azzurro“

Wie hat das mit Ihrer Italien-Liebe angefangen?

Das ging in meiner Kindheit los, meine Eltern hatten die Güte, jeden Sommer mit mir in den Urlaub nach Italien zu fahren. Ich habe das Land damals in meiner kindlichen Naivität als einen von ewiger Sonne beschienenen Vergnügungspark betrachtet. Das war in den frühen 80ern, als parallel eine immense Italopop-Welle über die hiesigen Charts schwappte: Alice, Ricchi e Poveri, Umberto Tozzi, Al Bano & Romina Power. Als ich später alleine regelmäßig wieder dorthin fuhr, fielen mir zunehmend die zahlreichen Widersprüche auf: Katholizismus und Leichtlebigkeit, Nord und Süd, Pracht und Armut, Machos und Mütter … Das hat mich sehr fasziniert, so dass ich anfing, mich tiefer mit diesem Kulturraum zu beschäftigen. Dabei hilft am besten die Musik.

Wieso haben Sie Ihr Buch „Azzurro“ genannt?

„Azzurro“ spielt mit so vielem. Es ist natürlich zum einen die Farbe des italienischen Himmels. Gleichzeitig ist es dieser ebenso grandiose wie berühmte Song, den Paolo Conte 1968 für Adriano Celentano schrieb. Die beiden sind zwei komplett unterschiedliche Vertreter der italienischen Musik, interessanterweise haben sie am gleichen Tag Geburtstag. Zudem handelt das Lied von einem nicht zu unterschätzenden italienischen Trauma: Der Erzähler des Liedes sitzt in der heißen Stadt fest, während die Geliebte am Strand liegt – und er findet „nicht einmal einen Priester für ein Schwätzchen“. Ich habe das Stück so oft in meinem Leben gehört, dass meine Tochter es auswendig mitsingen kann – obwohl sie kein Wort Italienisch spricht.

In Ihrem „Reiseführer ohne Sehenswürdigkeiten“ beleuchten Sie 100 italienische Songs. Haben Sie bestimmte Lieder an bestimmten Orten ausprobiert?

Ich habe zum Beispiel Celentanos Lied über sein Geburtshaus in Mailand („Il Ragazzo della Via Gluck“, Anm. d. Red.) via Kopfhörer vor diesem Haus stehend gehört und standesgemäß geheult. In Neapel wiederum kann man kaum zehn Meter gehen, ohne dass man der Musik des neapolitanischen Helden Pino Daniele begegnet.

Kann man das Land und die Leute besser verstehen durch die Musik?

Ja, das ist meine Theorie. Die musica leggera, die „leichte Musik“, wie man in Italien die Popmusik nennt, ist dort überall. Sie ist Grundnahrungsmittel, höchste Handwerkskunst und Trost zugleich. In den besten Liedern der sogenannten Cantautori, der italienischen Singer/Songwriter, findet sich alles Leid und alle Liebe, alle Nöte und alles Glück Italiens. Die Musik erklärt uns dieses Land besser als jeder kunstgeschichtliche Reiseführer.

Woher kommt die Musikbegeisterung der Italiener?

In Italien speist sich die Popmusik aus der Oper und der canzone neapoletana, man hat also einen enormen Reichtum, aus dem man schöpfen kann. Hinzu kommt, dass die Vollmundigkeit der italienischen Sprache natürlich den Gesang enorm begünstigt. Der große Lucio Dalla hat mal gesagt: „Wir Italiener sind Spatzen und Nachtigallen, alle singen bei uns.“


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Was unterscheidet italienische Musik grundsätzlich von der deutschen?

Die deutsche Musik marschiert eher, die italienische tanzt. Sie ist verspielter, angstloser, deutlich melodiöser und beherzter, wenn es darum geht, so richtig auf das Pathos-Pedal zu drücken. Zudem textet man in Italien ganz anders, viel poetischer. Paolo Conte hat mal in „Un gelato al limone“, einem Liebeslied für seine Frau, gesungen: „Ich wünsche dir die Intelligenz der Elektriker/dann hast du wenigstens immer Licht“. Das würde Herbert Grönemeyer zum Beispiel eher nicht in den Sinn kommen.

„Die Lage ist aussichtslos, aber nicht ernst“, zitieren Sie am Anfang des Buches den italienischen Schriftsteller Ennio Flaiano. Können Italiener einfach besser mit Krisen umgehen?

Der Satz steht nicht umsonst ganz vorne. Er bündelt das Thema des Buches. Ich weiß nicht, ob die Italiener und Italienerinnen besser mit Krisen umgehen können, aber sie wissen zumindest, dass man sich davon nicht die Freude an den schönen Dingen verderben lassen sollte. Das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es – gerade im italienischen Süden – auch viel Elend und Hoffnungslosigkeit gibt, was im Kontext eines Touristenmenüs natürlich selten vorkommt.

Wieso haben es in den vergangenen Jahren trotzdem so wenig junge italienische Talente bis zu uns geschafft? Italienische Musik bedeutet für die meisten hierzulande ja Eros Ramazzotti, Gianna Nannini und Zucchero.

Man bespielt in erster Linie den heimischen Markt. Dass es nur noch selten italienischsprachige Künstler in die hiesigen Charts schaffen, liegt auch an der Gesamtentwicklung, die die Musikindustrie in den vergangenen Jahrzehnten genommen hat.

Sie sind selbst ja auch Musiker. Haben Sie sich schon am italienischen Liedgut ausprobiert?

Ja, 2014 habe ich einen Song namens „Radio Gelato“ veröffentlicht, eine Ehrerbietung an die italienische Popmusik der frühen 80er. Ende Juni erscheint das Stück noch mal als limitierte Single, zusammen mit einer tollen italienischsprachigen Version der Band Mondo Sangue, die klingt, als wäre es noch immer 1981 und Ricchi e Poveri stünden in jeder zweiten TV-Sendung auf der Bühne.

Sie sind nächsten Donnerstag im Literaturhaus, die Lesung ist ausverkauft, eine weitere ist schon in Planung. Was bieten Sie Ihrem Publikum?

Ich erzähle wilde Geschichten aus der Wunderwelt des italienischen Musikzirkus, zeige ein paar besonders eindrückliche Plattencover und spiele auch immer wieder Lieder an. In Hamburg gibt es ein Drei-Gänge-Menü dazu, das habe ich aber nicht gekocht. Ebenso wie der Koch des Abends wenig Einfluss auf mein Buch hatte.

Buch: „Azzurro – Mit 100 Songs durch Italien“, 368 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 14 Euro
Lesung: 30.6., 19 Uhr, ausverkauft
Single: „Radio Gelato“ von Mondo Sangue/Eric Pfeil


Eric Pfeils Italo-Top-5-Songs

Mina – „Se telefonando“
Ein Wunderlied. Eine Kathedrale von einem Song. Geschrieben von Ennio Morricone, der sich von einer Polizeisirene inspirieren ließ. Gesungen von Mina, der Primadonna der musica leggera.

Adriano Celentano – „Il Ragazzo della Via Gluck“
Für mich das schönste Lied der Welt. Zugleich einer der ersten Umweltsongs: Celentano preist zu nur drei Akkorden das einfache Leben auf dem Land. Dass er das mit der coolsten Stimme der Welt tut, macht die Sache noch erfreulicher.

Lucio Battisti – „Ancora Tu“
Battisti ist Italiens Antwort auf die Beatles. Ein absolutes Genie und ein Mythos. „Ancora Tu“ ist ein Lied, bei dem schlagartig selbst im tiefsten Winter der Sommer ausbricht.

Alice – „Messaggio“
Eine Lieblingssängerin. Als Kind war ich wie jeder komplett in Alice verschossen. Hier verkündet sie, dass sie keine männlichen Gebieter in ihrem Leben braucht.

Jovanotti – „Baciami Ancora“
Einer der größten aktiven Stars Italien. Diesen Sommer spielt er wieder Riesen-Konzerte an Italiens Stränden. Ein Lied, das ein ganzes Leben enthält. Pures Glück.

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