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Billy Bragg: „Ich will kein Rockstar-Papa sein, der Songwriting erklärt“

Billy Bragg: „Ich will kein Rockstar-Papa sein, der Songwriting erklärt“

08.11.2021
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Billy Bragg stammt aus Essex bei London und macht seit den 70ern Musik. Foto: James Green Stabal

Die Musiklegende über seinen Sohn und die Gefährlichkeit von Freiheit

Billy Bragg (63) ist Songwriter-Legende und Polit-Aktivist. Im MOPOP-Interview spricht er über sein neues Album „The Million Things That Never Happened“, die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Jack, seine politische Entwicklung und die Gefährlichkeit von Freiheit und Zynismus.

MOPOP: Nächstes Jahr spielen Sie drei unterschiedliche Shows an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Knust: Am ersten Abend aktuelle Songs, am zweiten Abend Songs von den ersten drei Alben und am dritten Abend welche vom vierten, fünften und sechsten Album. Verrückte Idee!

Billy Bragg: Mittlerweile versuche ich, meine Touren nicht mehr allzu anstrengend zu gestalten. Drei Shows in Folge in der gleichen Stadt bedeuten, dass ich fünf Nächte im selben Bett schlafen kann. Das ist eine sehr gute Sache für mich – ich bin ja schon über 60! Und ich toure einfach schon so lange in meinem Leben – da hat man einfach Lust, etwas Neues auszuprobieren.

Haben Sie eine besondere Verbindung zu Hamburg?

Wenn ich auf Tour bin, habe ich immer das Gefühl, dass ich meine besten Shows in Hamburg mache. Ich will den anderen Städten in Deutschland gegenüber nicht respektlos sein, aber für mich ist Hamburg eine echte Charakterstadt. Das liegt vielleicht am Hafen oder weil die Stadt so eine tolle Rock’n’Roll-Tradition hat. Hamburg ist für mich lebhaft, aufregend – und das Publikum ist immer irgendwie enthusiastischer. Für Berlin gilt das alles natürlich irgendwie auch.

Wann in Ihrem Leben haben Sie das erste Mal bemerkt, dass Sie eine politische Person sind?

Anfang der 70er, als ich 12, 13 war, hörte ich amerikanische Singer/Songwriter und den Soul von Motown und Stax. Beides war von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung inspiriert – mit Rassismus habe ich mich also schon ziemlich früh beschäftigt. Da wurde mir erstmalig bewusst, dass Musik in der Lage ist, die Welt zu verändern. Als ich 19 war, hatte ich Meinungen zu alles und jedem – und Musik war für mich damals das einzige Medium, mit dem ich das alles kundtun konnte: Gitarre lernen, Songs darüber schreiben, Gigs spielen. Das war damals ganz anders als heute, wo man auf so viele unterschiedliche Weisen an einer Debatte teilnehmen kann. Meine politischen Äußerungen waren damals noch sehr persönlich – ideologisch wurde ich erst 1984, als es den britischen Bergarbeiterstreik gab. Dann lernte ich auch den Widerstand durch Folkmusik kennen. Sexismus wurde mir zum Beispiel erst mit Mitte 20 bewusst. Meine politische Ader hat sich also kontinuierlich weiterentwickelt.

Ich mag an mir, dass ich ein Kommunikator bin, der seine persönlichen und politischen Gefühle äußert.

Billy Bragg (63)

Was mögen Sie an sich persönlich und an sich als Songwriter, Autor und Aktivist am liebsten?

Dass ich ein Kommunikator bin, der seine persönlichen und politischen Gefühle äußert. Und ich mag es, dass ich es weiterhin schaffe, meinen Zynismus zu bekämpfen. Darauf bin ich total stolz, denn es gibt im Moment so viele Sachen, über die man zynisch sein könnte. Die Pandemie oder den Brexit zum Beispiel. Ein Zyniker ist für mich jemand, der keine Zweifel hat – und man sollte niemals jemandem trauen, der keine Zweifel hat. Das sind die gefährlichsten Menschen überhaupt! Sie haben komplett aufgegeben und wollen, dass du das auch tust, damit sie sich besser fühlen. So möchte ich niemals sein. Wenn man die Welt verändern will, ist der eigene Zynismus der größte Feind. Den Kampf gegen ihn führe ich täglich und bin froh, dass ich noch nicht aufgegeben habe.

Ein Zyniker ist für mich jemand, der keine Zweifel hat – und man sollte niemals jemandem trauen, der keine Zweifel hat.

Billy Bragg

Was ist schwieriger? Ein Liebeslied oder einen politischen Song zu schreiben?

Beides ist gleich schwer. Denn beides hat das gleiche Ziel: Empathie. Das ist die Währung von Musik. Sie kann von Liebe, Politik oder dem Wetter handeln, völlig egal. Hauptsache, sie verändert deine Stimmung. Musik ist in der Lage, deine Sicht auf die Welt zu verändern – somit kann sie auch die Welt verändern.

„The Million Things That Never Happened“ ist bei Cooking Vinyl/Indigo erschienen.

 

Ist Ihr neues Album „The Million Things That Never Happened“ ein Corona-Album?

Ja und nein. Wenn ich ein Album mache, schreibe ich es immer aus der aktuellen Situation heraus. „Talking With The Taxman About Poetry“ ist mein politisches Album, „Workers Playtime“ ist mein Schlussmach-Album, „William Bloke“ ist das Album, das entstand , als ich Vater wurde. Deswegen kann man das aktuelle Album natürlich als mein Corona-Album bezeichnen. Der Song „Good Days And Bad Days“ vom Album handelt davon, wie man mit Leere umgeht. Das kann alles sein – natürlich auch die Leere der Pandemie. Der Titeltrack hat noch den direktesten Corona-Bezug. Da versuche ich, auf die vielen Verluste einzugehen, die wir erleiden.

Im Song „Mid-Century Modern“ geht es darum, dass Freiheit auch gefährlich sein kann. Wie meinen Sie das?

Manche Politiker machen, was sie wollen, weil sie keine Konsequenzen zu befürchten haben. Das ist so gefährlich! Trump tat das – Johnson, Putin, Orbán usw. tun es weiterhin! Die werden nicht zur Verantwortung gezogen. Deswegen ist nicht jede Freiheit positiv. Genau diese Thematik handle ich übrigens auch in meinem neuesten Buch „Die drei Dimensionen der Freiheit“ ab.

Im Song „Pass It On“ geht es um Familie und Ursprung.

Ja, und noch um eine Ebene mehr: wo man hingehört. Wenn die Menschen genau wüssten, wo sie hineingeboren sind, würden sie besser verstehen, wer sie eigentlich sind. Deswegen rate ich jedem, dass er seine Familiengeschichte recherchiert, damit er diese an die Folge-Generationen weitergeben kann.

Billy Braggs Sohn Jack hat ihm bei einem Song geholfen. Foto: James Green Stabal

Ihr Sohn Jack hat da ja dann keine Schwierigkeiten, weil es all die Songs und Bücher von Ihnen gibt.

Das stimmt. Wenn er denn meine Bücher lesen würde. Er mag es nämlich selbst gerne, über Politik zu sprechen. Und manchmal sage ich dann zu ihm: „Hast du das nicht in meinem neuen Buch gelesen? Das steht doch genauso da drin und das ist nur ein dünnes Buch!“ Seine Reaktion: „Jaja!“ Ich bin halt immer noch sein Vater. (lacht)

Für den Song „Ten Mysterious Photos That Can’t Be Explained” haben Sie mit ihm zusammengearbeitet. Wie war das?

Super! Er schreibt auch schon lange selbst Songs, aber wenn er sie mir vorspielt, diskutieren wir sie zwar, aber ich sage nicht: „Dies und das solltest du verändern.“ Ich will kein Rockstar-Papa sein, der ihm erklärt, wie man Songs schreibt. Aber als ich ihm meinen Song vorgespielt habe, meinte er, er hätte eine Idee, wie man ihn noch besser machen könne. Und dann hat er losgelegt und hatte recht. Das ist toll, dass unsere Beziehung offenbar jetzt auch auf dieser Ebene funktioniert.

„The Million Things That Never Happened“ ist bei Cooking Vinyl/Indigo und „Die drei Dimensionen der Freiheit“ bei Heyne Encore erschienen; Knust-Shows: 26./27./28.5.2022, Tickets hier, Nochtspeicher-Lesung: 2.5.2022, Tickets ab 21 Euro hier

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