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Anarchy in the Wendland! Madsen haben ein Punkrock-Album namens „Na gut dann nicht“ herausgebracht

Drei Brüder und ein richtig guter Kumpel: Niko Maurer (v.l.), Sebastian Madsen, Johannes Madsen und Sascha Madsen. Foto: Dennis Dirksen
Drei Brüder und ein richtig guter Kumpel: Niko Maurer (v.l.), Sebastian Madsen, Johannes Madsen und Sascha Madsen. Foto: Dennis Dirksen

Wenn alle Pläne durch Corona über den Haufen geworfen werden, dann hilft nur noch die rohe Energie des Punks. So war’s jedenfalls bei der Wendländer Band Madsen. Im MOPOP-Interview über Skype sprachen die Brüder Sebastian (39) und Sascha Madsen (36) über ihr neues Album „Na gut dann nicht“, die Ramones, Rebellion, die Freiheit des Landlebens und die Ungewissheit in diesen Zeiten.

Mal vorweg: Wie ist die Stimmung gerade im Wendland wegen Gorleben und des Endlagers?

Sebastian Madsen: Ein großes Aufatmen.

Sascha Madsen: Die Leute aus der Bürgerinitiative wirken gerade alle wie aufgescheuchte Hühner. Das ist süß und schön zu beobachten. Wir haben schon immer gewusst, dass das Endlager dort nicht möglich ist. Dass es jetzt endlich offiziell ist, ist eine große Erleichterung.

Sebastian: Der Widerstand hat sich gelohnt! Aber natürlich ist das Problem damit nicht aus der Welt. Aber wir sind erstmal auf einem guten Weg mit dem Atomausstieg.

Madsen über Gorleben: Der Widerstand gegen das Endlager hat sich gelohnt

Wie ist die Stimmung in der Band?

Sebastian: Super! Wir haben seit November das erste Mal wieder live gespielt – in der Fernsehsendung „Late Night Berlin“. Die Sendung selbst war ja auch live. Das war alles sehr aufregend! Über allem schwebt gerade Leichtigkeit. Wir nehmen alles lockerer als sonst und erwarten auch keine hohe Chartplatzierung.

Sascha: Aber wir fragen uns natürlich schon: Wann kann es weitergehen und wann verdienen wir mit Konzerten wieder Geld? Leichtigkeit einerseits, aber diese Ungewissheit bleibt kacke.

„Irgendwann habe ich in das Debütalbum der Ramones reingehört und es hat mich eiskalt erwischt! Ich dachte: Wie geil ist Punkrock eigentlich? Das war ein Befreiungsschlag, selbst Punksongs zu schreiben.“

Sebastian Madsen (39) über die Entstehung des Albums

Wie kommt es, dass ihr ausgerechnet in der Corona-Zeit Bock auf Punkrock bekommen habt?

Sebastian: Ich war mit Lisa, meiner Freundin und unserer Keyboarderin, zum Lockdown im Wendland. Wir haben aufgeräumt, waren enttäuscht, dass wir die Tour nicht spielen und unser eigentliches Album, das wir schon geschrieben und vorproduziert hatten, nicht aufnehmen konnten. Das war so ein lähmendes Gefühl, wir mussten erst mal klarkommen. Dann haben wir beide angefangen, für andere Künstler Musik zu schreiben. Irgendwann habe ich in das Debütalbum der Ramones reingehört und es hat mich eiskalt erwischt! Ich dachte: Wie geil ist Punkrock eigentlich? Das war ein Befreiungsschlag, selbst Punksongs zu schreiben. Das haben Lisa, mein anderer Bruder Johannes und ich im kleinsten Kreis gemacht. Dann haben wir die ersten Songs Sascha und Niko gezeigt. Und Sascha, der ja in Wien wohnt, meinte: „Ich kann jetzt aus Wien raus, ich bin morgen da!“

Sascha: Wir hatten uns auch ein halbes Jahr nicht gesehen. So lange wie vorher noch nie.

Sebastian: Was sehr früh feststand, war der Plattentitel: „Na gut dann nicht“. Das war eine Trotzreaktion und gleichzeitig ein Schlachtruf: Dann machen wir jetzt eben was anderes!

So sieht das Albumcover aus. Bild: Arising Empire

Ist Punkrock auch das Genre, mit dem ihr aufgewachsen seid?

Sebastian: Als wir mit unseren Eltern auf Flohmärkten in Hamburg waren, haben wir Platten von Elvis und Bill Hailey gekauft. Für uns Kids war das damals die härteste Musik der Welt, weil wir Punk, Grunge, Nirvana und so noch gar nicht kannten. Aber diese Musik aus den 50ern hat ja damals auch schon für eine Jugendrevolte gesorgt und war eine Alternative zur Spießigkeit in der Gesellschaft. Und das ist die Konstante, die uns immer schon begleitet hat: Das Rebellische in der Musik. Unsere ersten Berührungen mit Punk lagen dann später im Deutschpunk: Ärzte, Hosen, aber auch unkonventionellere, dreckigere Bands wie Slime, Hass, Schleimkeim, Dritte Wahl, Daily Terror … Dann kamen auch irgendwann die englischen und amerikanischen Bands dazu.

Skypen mit Madsen macht auch großen Spaß! Foto: Miroslav Menschenkind

Die Aufnahmen von „Na gut dann nicht“ waren großer Spaß für euch. Warum?

Sascha: Wir haben einfach angefangen aufzunehmen. Am Anfang wussten wir noch nicht mal, dass das Musik für Madsen sein soll. Wir sind da völlig frei und unverkopft drangegangen. Der eigentliche Schreibe- und Aufnahmeprozess hat nicht viel länger als zwei Wochen gedauert. Wenn ich morgens aufgestanden bin, saß Sebastian meistens schon mit der Gitarre und Kaffee auf der Terrasse in der Sonne und hatte eine Idee. Dann haben wir das gemeinsam ausgearbeitet und abends war dann ein Lied fertig.

Madsen haben das erste Mal alle zusammen getextet

Sebastian: Wir haben auch das erste Mal alle zusammen getextet. Normalerweise schreibe ich zwei, drei Jahre an den Texten für ein Madsen-Album und dann haben wir 50 Lieder. Dann wird aussortiert. Jetzt war das anders: Jeden Tag ein Lied und alle kommen auf die Platte. Diese Dringlichkeit war super. Das war auch irgendwann ein bisschen anstrengend, weil wir so viel Bier getrunken haben. (lacht)

Sascha: Ja, man bekommt von dieser Musik tierischen Bierdurst!

Wie kam es zum Album-Outro von Benjamin von Stuckrad-Barre?

Sebastian: Der hatte wohl Langeweile – wie viele andere Menschen in der Corona-Zeit auch – und hat mich über Instagram angeschrieben. Darüber habe ich mich total gefreut, weil ich ihn spitze finde. Unsere Idee vom Punkalbum fand er wiederum spitze und so ist aus ihm quasi der Bandberater für dieses Release geworden. Wir haben ihm den Pressetext zugeschickt oder ihn nach der ersten Single gefragt.

Gibt es etwas an euch, dass auch „Alte weiße Männer“-mäßig ist? So heißt ein Song auf eurem Album.

Sebastian: Interessante Frage. Wir sind es ja selbst bald ein wenig, das stimmt. Ich hoffe es aber nicht!

Sascha: Ich glaube, wenn dann so im Ansatz, aber dann merkt man das selber und hört ganz schnell auf mit dem Scheiß.

Sebastian: Wir sind halt auch in der Generation aufgewachsen, in der man völlig selbstverständlich „Negerkuss“ und nicht „Schaumkuss“ sagte. Ich glaube, es ist wichtig, dass man viele Dinge noch mal überdenkt und diesen ganzen versteckten Alltagsrassismus hinterfragt. Da sind viele Dinge massiv falsch gelaufen. Deswegen muss man aufpassen, dass man kein alter weißer Mann wird.

Ein Song mit sehr lustigem Video heißt „Quarantäne für immer“. Könntet ihr euch damit anfreunden?

Sascha: Die ganze Zeit hatte natürlich auch was Positives: Man kommt mal zur Ruhe. Quarantäne für immer kann ich mir aber auf keinen Fall vorstellen. Das Video haben wir übrigens selbst gedreht – wie alle anderen Videos für das Album auch.

Sebastian: Damit ist uns auch noch mal bewusst geworden, wie privilegiert wir eigentlich in dieser Krise sind. Wir sind finanziell nicht komplett im Arsch, haben die Möglichkeit eine Platte im Wendland aufzunehmen und können uns kreativ ausleben. Rausgehen, über die Felder laufen, Videos drehen – und treffen dabei kaum Menschen. Das ist schon eine andere Situation, als wenn man in der Stadt in einer Wohnung ohne Balkon lebt.

Worauf freut ihr euch am allermeisten, wenn Corona irgendwann mal vorbei ist?

Sascha: Auf Konzerte. Selbst zu spielen und auf welche zu gehen. Wir vermissen es, auf der Bühne zu stehen, direktes Feedback von den Leuten zu bekommen und zusammen zu schwitzen, zu singen und uns zu verausgaben. Wie schon erwähnt, geht’s uns finanziell momentan noch nicht schlecht. Aber wenn wir bis Ende nächsten Jahres kein Konzert spielen können, dann geht’s auch uns an die Existenz.

Sebastian: Lisa und ich wohnen ja auch in Berlin. Und neulich hörte ich auf einmal Musik aus dem Innenhof. Das waren Musiker von der Komischen Oper, die in den Innenhöfen der Stadt kleine Konzerte spielen. Als wir uns das vom Balkon aus angeguckt haben, hatten wir richtig Tränen in den Augen, weil wir das nicht mehr kannten.

Das Album „Na gut dann nicht“ ist bei Arising Empire am 9. Oktober erschienen. PS: Johannes Madsen hatte vor einigen Tagen einen schlimmen Autounfall, er ist aber zum Glück schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Dennoch: Gute Besserung!

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