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Den meisten Spaß hat der Chef: Jochen Distelmeyer auf Kampnagel

Nahezu perfekt – und dazu bester Stimmung: Jochen Distelmeyer (55) auf Kampnagel.
Nahezu perfekt – und dazu bester Stimmung: Jochen Distelmeyer (55) auf Kampnagel.
Foto: JMS

„Zurück zu mir“ heißt der erste Song an diesem Sonntagabend, und wie Jochen Distelmeyer die Phrase nach einem bisschen Gequassel zwischen den Songs wiederaufnimmt, ist schon ziemlich wunderbar: Bitte alle Augen auf ihn, es geht weiter. Das Konzert beim „Internationalen Sommerfestival“ auf Kampnagel steht etwas verloren im Tourplan zwischen den Festivalgigs der Open-Air-Saison und der sich anschließenden Clubtournee; nicht das eine, aber auch noch nicht richtig das andere.

Auch Distelmeyers neue, junge Tourband scheint noch zu fremdeln: Das Schlagzeug holzt zu Beginn über Gebühr, während die Tasten kaum zu hören sind, ein paar Verspieler, nichts Schlimmes. Wer den warmen Pop-Sound von „Gefühlte Wahrheiten“, Distelmeyers aktuellem Solo-Album, erwartet hat, verspürt in der gut angewärmten Kampnagel Music Hall allerdings erst einmal ein leichtes Frösteln.

Distelmeyer: „Gefühlte Wahrheiten“ in Hamburg

Es geht vorbei, und Distelmeyer scheint es nichts auszumachen: Teilweise singt er die Gitarrensoli mit, zwischendurch wird der Drummer gelobt, und Pianist Daniel Florey kriegt vor einem Solo ein „Take it away, Daniel!“ zugeworfen – als wäre der Geist von James Brown in einen netten Musiklehrer gefahren. Alright!

Die Stimmung ist prächtig, aber den meisten Spaß hat offenkundig Distelmeyer. In „Tanz mit mir“, einem Sadé-inspirierten Stück Erwachsenenunterhaltung, webt er kunstvoll den Nat-King-Cole-Klassiker „Nature Boy“ ein. Das Britney-Spears-Cover „Toxic“ klingt wie von einer rauflustigen Barband gespielt und hat den schönsten Mitmach-Moment des Abends, als das Publikum angestiftet wird, „The Ghetto“ von Donny Hathaway mittenrein zu singen.

Prächtige Stimmung und Gequassel vom Band-Chef

Mittlerweile ist das Konzert eine gute Dreiviertelstunde alt, und noch kein Blumfeld-Song? Distelmeyers ehemalige und Immer-mal-wieder-Band ist so sehr mit seiner Person verwebt, dass letztlich alles ein einziger Werkkörper ist: Mittlerweile spielen Blumfeld live auch Distelmeyer-Solo-Songs, an diesem Abend ist es andersherum: Ein erstaunlich kompakter Block erprobter Lieblingslieder beginnt mit „Tics“ vom Album „Verbotene Früchte“, und der Raum, der zuvor bei „Tanz mit mir“ (zur sichtlichen Konsternierung des Band-Chefs) nicht richtig in Bewegung kam, kriegt endlich die Füße vom Boden.

Es folgen „Eintragung ins Nichts“, „In der Wirklichkeit“, „Anders als glücklich“, „Wir sind frei“ – eine grandiose Best-of-Nummernrevue, die schlüssig neben den neuen Songs steht. Vom Unbehagen in der Welt zu sein, könnte dieser Teil der Show auch überschrieben sein; ein Gefühl, über das mittlerweile so gut wie alle mindestens ein Lied singen können, nicht nur Distelmeyer – aber er hat nun mal die besten Songs dazu.

Als Zugabe gibt’s „Der Apfelmann“ auf Kampnagel

Mit diebischer Freude wird zur Zugabe noch mal „Der Apfelmann“ gespielt, das mit ehrlicher Begeisterung vom Obstverkauf erzählt, bevor alle mit dem Stück „Sonntag“ jetzt aber wirklich nach Hause geschickt werden, mit explizitem Gruß an den Ahrensburger Boogie-Woogie-Pianisten Axel Zwingenberger. Und dass es letztlich nicht nur um den geht, der groß auf dem Plakat steht, stellt Distelmeyer ganz am Ende doch noch mal richtig: „Das waren wir!“ Ein nahezu perfektes Konzert: Sogar Anfang und Ende reimen sich.

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