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Swiss: „Der Mensch ist nicht schlecht, sondern die Verhältnisse“

Swiss: „Der Mensch ist nicht schlecht, sondern die Verhältnisse“

07.02.2021
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Swiss hat im großen MOPOP-Interview seinen „Missglückte Welt“-Kosmos und das neue Album „Orphan“ erklärt. Foto: Florian Quandt

Der Hamburger Crossover-Künstler über die „Missglückte Welt“ und das neue Album „Orphan“

Swiss & Die Andern machen im besten Sinne wilden Crossover aus Punk und Rap. Mit der MOPOP sprach der Frontmann über falsche Werte, die die Gesellschaft vermittelt, seine Gegenkultur „Missglückte Welt“, Deutschpunk- und HipHop-Legenden, die Teil davon geworden sind – und natürlich über das neue Album „Orphan“.

MOPOP: Gerade ist euer neues Album „Orphan“ erschienen. Man konnte es auch vorab als Box zusammen mit Konzert-Tickets für die sogenannte „Kleine Klubs zerfikken“-Tour bestellen. Die Tour findet in kleineren Clubs in Großstädten statt, sobald Corona es wieder zulässt. Die Boxen kamen gut an, oder?

Swiss: Ja, die sind komplett ausverkauft. In Hamburg planen wir dafür ein Konzert im Kaiserkeller. Kleine Clubs sind natürlich das, wo wir herkommen. Damals fanden wir es krass, einen 150er-Laden auszuverkaufen und mittlerweile finden unsere Konzerte in der Sporthalle statt, wo 7000 Leute reinpassen. In kleineren Clubs ist die Energie natürlich eine andere, weil es keine Wellenbrecher und keinen Bühnengraben gibt. Die vorderen Reihen klatschen dort quasi auf die Bühne, das Bier spritzt und du kriegst fast alle Körperflüssigkeiten ab. Dass unsere Fans uns in Corona-Zeiten mit dem Kauf der Boxen so unterstützen – ohne groß in das Album reingehört zu haben und ohne zu wissen, wann die Konzert-Termine stattfinden – ist großes Glück.

Eure Konzerte sind immer Erlebnisse.

Ja, wir haben eine richtige Konzertkultur entwickelt. Wir haben auch das Gefühl, dass die einzelnen Städte sich da gegenseitig übertrumpfen wollen. Die sehen Konzertvideos von uns und denken sich: Wenn Swiss & Die Andern zu uns kommen, zeigen wir’s denen. Bei uns gibt’s viele wild pogende Leute, aber irgendwann liegen die sich auch in den Armen und weinen. Das macht ein gutes Konzert – und auch eine gute Platte – aus: Man lässt die Sau raus, weint und lacht. Alle Emotionen werden ausgelebt. Das ist wie eine Therapie! Für zweieinhalb Stunden muss man sich für nichts schämen und kann machen, was man will.

„Orphan“ ist bei Missglückte Welt erschienen.

 

„Orphan“ bedeutet „Waisenkind“. Was steckt dahinter?

Der Albumtitel ist an einen Horrorfilm angelehnt. Darin nimmt eine Familie ein Waisenkind auf und merkt im Laufe der Zeit, dass es ein Dämon ist. Leute, die unsere Musik hören, sind immer Underdogs. Die finden in der Gesellschaft kein Zuhause, fühlen sich allein und sind mit der Art, wie wir miteinander umgehen, unglücklich. Sie sind quasi auch Waisen. Die Platte selbst hat auch diese Scheißegal-Einstellung eines Waisenkinds, das immer weitergeschickt wird und keine richtigen Beziehungen aufbauen kann. Deswegen gibt es zur Platte auch nur ein Video und überhaupt nicht die typische Album-Promo-Welle. Letztlich ist es uns auch scheißegal, wie die Leute das Album finden. Das passt zu dieser Zeit: Scheiß-Corona, Scheiß-Jahr, Scheißegal-Stimmung.

Amokläufer kommen nicht böse auf die Welt, sondern haben das Gefühl, dass die Welt ihnen ganz viel angetan hat.

Swiss

Im Song geht‘s um die Prägung durch die eigene Erziehung und das Fehlen und die Fehler der eigenen Eltern – und darum, Teil einer kranken Gesellschaft zu werden. Harter Stoff.

Das stimmt. Ich habe früher ja auch mal den Rap-Song „Der letzte Schultag“ gemacht. Darin habe ich die Gefühlswelt eines Amok-laufenden Kindes dargestellt und dafür richtig auf den Kopf bekommen. Aber damit wollte ich ja nicht sagen, dass ich das gut finde. Wenn Menschen schlecht werden und Böses tun, liegt das daran, dass die Gesellschaft – also wir alle – sie nicht gut behandelt hat. Eine glückliche Person, die mit Empathie aufgenommen wird und so sein darf, wie sie möchte, läuft ja nicht Amok. Amokläufer kommen nicht böse auf die Welt, sondern haben das Gefühl, dass die Welt ihnen ganz viel angetan hat. Das kann man ja auch auf eine kleinere Dimension herunterbrechen: Welcher Mensch hat noch nicht gemobbt? In der Schulzeit habe ich auch einigen Leuten eine schwere Zeit bereitet. Man ist jung, man ist ätzend, man ist unsicher und denkt sich: Bevor ich gefressen werde, gehe ich nach vorne. Und das ist auch der Kern von „Orphan“: Der Mensch ist nicht von Grund auf schlecht, sondern die Verhältnisse.

Die „Missglückte Welt“ ist eine Gegenkultur

Dafür steht auch eure Bewegung „Missglückte Welt“ – so heißt auch ein Album und euer Label.

Ja, bei uns gibt’s viele sensible, krasse Leute, die Probleme haben. Die macht diese Welt kaputt. Unsere „Missglückte Welt“ ist die Gegenkultur. Im Mainstream geht’s darum, die Kultur, in der wir leben, abzufeiern. Der Kapitalismus wird auf einen Thron gehievt, Rapstars rappen von Geld, dicken Autos und teuren Uhren – oder die „Geißens“ gehen auf „RTL 2“ als reiche Kotzbrocken durch die Welt. Natürlich denken viele Kids, dass sie auch so sein müssen. Wir sagen: Darum geht es nicht! Reichtum ist nicht das Ziel, sondern ein guter Mensch zu sein.

Swiss & Die Andern: Dieses Bandfoto bezieht sich auf die Entführung, die im Musikvideo zu sehen ist. Foto: Martin Backspin

 

Ist „Orphan“ auch autobiografisch?

Na klar. Ich hatte nicht nur mit meinen Eltern, sondern mit allem und jedem Probleme. Auch jetzt noch! Ich war immer schon jemand, der sich sehr an den Dingen, wie sie sind, gestoßen hat. Ich fühle mich in dieser Welt nicht wohl. Ich mag nicht, dass die Menschen das Gefühl haben, gemein zueinander sein zu müssen. Ich mag nicht, dass die Reichen die Armen noch ärmer werden lassen. Ich mag nicht, dass die Weißen die Welt unter sich aufgeteilt und ausgeplündert haben.

Viele Menschen sind gut darin, das alles auszublenden.

Ja, man sieht in den Medien Bilder von einem Schiff mit 300 Flüchtlingen – darunter Kinder – und das darf keinen Hafen anlaufen. Und dagegen wird dann sogar demonstriert: Flüchtlinge sollen bloß nicht im eigenen Land aufgenommen werden. Diese Menschen flüchten doch nicht aus Spaß. Auch diesen Wirtschaftsflüchtlings-Vorwurf finde ich unhaltbar: Wenn man in Deutschland in einem sozial schwachen Landkreis lebt, geht man doch wahrscheinlich auch in eine große Stadt und baut sich dort ein besseres Leben auf. Das ist das gute Recht eines jeden. Es finden sich immer Leute, die gegen eine neue Flüchtlingsunterkunft demonstrieren. Aber gegen den neuen Waffendeal mit dem Jemen oder gegen die CumEx-Geschäfte gehen nur die Linken auf die Straße. Den Menschen fehlt oft der Blick über den Tellerrand. Uns geht’s ja nur so gut, weil’s anderen so scheiße geht. Solidarität gibt’s dann oft nur für Deutsche – oder Europäer. Aber am Ende stammen wir doch alle von den gleichen zwei Geschöpfen ab.

 

Euer Video zu „Orphan“ ist kein normales Musikvideo, sondern quasi ein richtiger Film. Sehenswert, aber auch brutal – es geht um einen Waffenhändler, der ermordet wird.

Ja, einigen war die Message zu linksradikal. Aber das ist die Aufgabe von Kunst und Gegenkultur: Eine Realität liefern, die sich mit anderen Realitäten reibt. Und Fragen stellen! Im diesem Video fragen wir: Wer hat mehr Blut an den Händen? Ein Waffenhändler, der sich selbst nie die Finger dreckig macht? Oder Leute, die so einen Menschen entführen und ihn die Gewalt, die er in die ganze Welt exportiert, spüren lassen? Vorher weiß man ja auch, dass es nicht allen gefallen wird. Das wäre eh schlimm für mich, Konsenskunst zu machen, die nicht aneckt. Dass ein Sauf-Abend mit Freunden geil ist, wissen wir alle. Aber wenn du nur darüber Musik machst, wirst du nie echte Themen ansprechen können. Wobei: Vielleicht machen wir bald einfach wirklich „linksradikalen Schlager“, sowas gibt’s noch nicht! (lacht)

Gibt’s bald „linksradikalen Schlager“ von Swiss & Die Andern?

Das Label „Missglückte Welt“ stellt ihr als gute Freunde auf die Beine. Funktioniert das gut?

Das funktioniert genau deswegen. Wir haben das alle zusammen angefangen, als wir noch gar kein Geld damit verdient haben – aus Spaß! Jetzt verdienen wir auch was damit, aber es bringt immer noch Spaß. Das ist das Wichtigste. Mit meinem Manager, mit dem ich das Label und die Merch-Firma mache, habe ich bis heute keinen Vertrag. Wir haben uns alle noch nie über Geld gestritten. Hier wird jeder für den Beitrag, den er leistet, honoriert. Wir machen kein Abfuck-Business. Auch wenn wir im Supermarkt an der Kasse arbeiten würden – was ein ehrenwerter Beruf ist – würden wir trotzdem Musik zusammen machen. Das ist unser größter Spaß und unsere Flucht aus dieser Welt.

Wie „Kiss Army“ oder „Turbojugend“: Swiss & Die Andern haben Fanclubs – sie nennen sich „Sippschaften“

Eure Fans gruppieren sich in sogenannten „Sippschaften“, das sind quasi Fanclubs in verschiedenen Städten.

2015 ging alles mit der Sippschaft Hamburg los, dort bin ich selbst auch Mitglied. Die Idee dabei war, dass die Sippschaft Promo für die „Missglückte Welt“ macht. Als Gegenleistung durften die Leute dann zum Beispiel beim Soundcheck dabei sein und uns treffen. Mittlerweile gibt es mehr als 100 Sippschaften mit insgesamt ca. 800 Mitgliedern. Das Promo-Ding ist jetzt aus dem Fokus gerückt. Wir machen zum Beispiel mit allen Sippschaften einmal im Jahr – immer am 6.6. – eine Dämonenverbrennung an einer alten Mühle. Da wirft jeder ein Stück Holz ins Feuer und verbrennt mit dieser Geste ein schicksalhaftes Erlebnis oder Problem. Da wird auch geweint und es sind krasse Dämonen wie Missbrauch dabei herausgekommen. Das hört sich vielleicht komisch an – wir fühlen uns da auch selbst immer wie die Hexer im Wald –, aber das ist sehr reinigend und spirituell. Sonst machen Sippschaften einfach geile Aktionen: für die örtliche Kleiderkammer sammeln, sich für Tierschutz einsetzen oder Soli-Sticker entwerfen. Die sind bundesweit und auch nach Österreich und in die Schweiz vernetzt. Dadurch hat man quasi überall Freunde – das ist schön.

Und alle Mitglieder tragen Kutten.

Ja. Erst kürzlich wurde wild diskutiert, ob dieses Kutten-Ding etwas Faschistoides hat. Natürlich ist da was dran. Aber wenn ich im Millerntor-Stadion mit Sachen vom FC St. Pauli stehe, ist das auch Uniformierung. Ich finde: Wenn eine Gruppe eine gewisse Einheitlichkeit durch sowas demonstriert und dennoch jedem seine Individualität zugesteht, dann ist das nicht faschistoid. Man darf nur nicht anfangen, daraus etwas Elitäres zu machen. Das ist das grundsätzliche Dilemma mit der linken Szene: Alle Linken kommen zu unseren Konzerten, aber es gibt da auch immer Leute, die sagen, wir seien Sexisten, weil wir oberkörperfrei spielen. Da wird dann nach einzelnen Kriterien gesucht, die ausschließen könnten, obwohl es so viele Gemeinsamkeiten gibt! Solche Kritiker sind doch auch auf eine Weise uniform – und wahrscheinlich viel dogmatischer, engstirniger und faschistoider als wir es sind. Uns geht’s um die Freiheit!

Viele eurer Fans lassen sich auch „Missglückte Welt“-Symbole tätowieren.

Ja, einer hat zum Beispiel die Zahl „1323“ – sie steht für die Initialen der „Missglückten Welt“ – auf die Stirn tätowiert. Einige Mädels haben das auch im Dekolleté. Ich finde das schon auch krass, aber andererseits ist es auch cool: Tattoos stehen ja immer für gewisse Abschnitte und Erlebnisse des eigenen Lebens.

„Missglückte Welt“: Wir haben Ferris, Ferris, Ferris – was habt ihr?

Warum sind Leute wie Ferris MC oder der ehemalige Slime-Frontmann Dirk Jora Teil der „Missglückten Welt“ geworden?

Am Ende findet sich alles. Mit seiner Geschichte und seinen ersten Jahren ist Ferris MC einfach „Missglückte Welt“. Bei „Diggen“ ist es ähnlich – das passt einfach. Bevor ich ihn kennengelernt habe, habe ich das Buch über ihn und Slime gelesen. Ich dachte nur: Krasser Typ, der war damals bei den Hafenstraßen-Schlachten an vorderster Front dabei oder hat beim FC St. Pauli die Faschos mit aus dem Stadion geprügelt. Seinetwegen ist die St.-Pauli-Kultur ein Stückweit so, wie sie ist. Der hat uns beim „Ruhrpott Rodeo“-Festival erstmalig wahrgenommen. Da haben wir eine frühe 13-Uhr-Show gespielt und er ist total abgegangen. Wenn jemand wie er als Deutschpunk-Begründer sagt, dass wir die Fortführung des Genres sind, macht mich das sehr stolz. Das klingt jetzt eingebildet, ich weiß, aber wir haben Deutschpunk reformiert! Wir verbinden viele Stile miteinander und brechen mit Konventionen – das ist doch Punk! Deswegen wird in diesem Jahr übrigens auch noch eine EP von „Diggen & Swiss & Die Andern erscheinen.

Altpunk mit Jungpunks vereint: Noch dieses Jahr gibt’s eine EP von „Diggen & Swiss & Die Andern“

Du hast eine kleine Tochter – wie vereinst du das Musikerleben mit ihr?

Sie ist erst ein Jahr – ich war also noch nicht auf Tour, seitdem sie auf der Welt ist. Aber so etwas funktioniert natürlich nur, wenn die Partnerin das unterstützt. Und das hat sehr viel mit Selbstlosigkeit zu tun. Wenn sie den gleichen Raum für ihre Arbeit bräuchte wie ich, hätten wir ein Problem. Dafür kann ich ihr nur sehr dankbar sein.

Das Album „Orphan“ ist bei Missglückte Welt erschienen. Das kleine Konzert im Kaiserkeller (noch kein Datum) ist restlos ausverkauft – für das Konzert in der Sporthalle am 11. Dezember (19 Uhr) gibt’s ab 35 Euro Tickets hier!

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