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Adrianne Lenker auf Kampnagel: „Wenn ihr den Text nicht kennt, vernuschelt ihn einfach“

Adrianne Lenker auf Kamnagel
Scherze übers Lampenfieber und große Emotionen: Adrianne Lenker auf Kamnagel.
Foto: Sebastian Madej

„Ich will nicht, dass der Song aufhört“, sagt Adrianne Lenker im austrudelnden Gitarrenakkord von „Anything” – um dann einfach von vorn anzufangen, mit Unterstützung des Publikums. Der Dienstagabend auf Kampnagel ist schließlich ihre Party, und sie weint, wenn sie will.

„Egal, wenn ihr den Text nicht kennt, vernuschelt ihn einfach.“ Was nach einem zuverlässigen Rezept für Chaos klingt, wird zum berührenden Gemeinschaftserlebnis, mit einer sichtlich angefassten Vorsängerin. Da ist das Konzert bis auf eine Zugabe schon fast vorbei. 

Knapp anderthalb Stunden davor hat sie sich in die Mitte der Bühne gesetzt, zwei Gitarren auf der einen Seite, ein Klavier auf der anderen. Das spielt sie nicht selbst, nach ein paar Songs kommt ihr Kumpel Nick Hakim dazu, der auch das Vorprogramm der Tour bestreitet. Aber erstmal ist sie da, alleine, mit dem weißen Cowboyhut auf dem Kopf, den sie auch auf dem Cover ihres aktuellen Soloalbums „Bright Futures“ trägt, und scherzt über ihr Lampenfieber.

Häufiger steht sie mit ihrer Band Big Thief auf der Bühne, die auch mal genug Lärm macht, um sich darin zu verstecken. Hier liegt alles offen, da muss zu Beginn auch nochmal der Gitarrensound nachjustiert werden. „Simulation Swarm“ vom letzten Big-Thief-Album „Dragon New Warm Mountain I Believe in You“ (2022) entwickelt so auch mit nur sechs Saiten eine Wucht, die andere Bands nicht mit sechs Leuten annähernd hinkriegen. Das Publikum scheint den Atem anzuhalten, während sie spielt, um danach in begeisterten Applaus auszubrechen.

Mit Hakim am Piano und als Gesangsunterstützung fliegt das Konzert allerdings erst so richtig. Die beiden sind befreundet seit sie Teenager sind, und dieses Vertrauen hört man in dem organischen Zusammenspiel. Die Nervosität ist schließlich auch ein Stück weit verflogen. Ein Schluck aus der Club-Mate-Flasche führt zum Sinnieren darüber, wie man sich bei Konzerten bestmöglich blamiert, etwa Rülpsen beim Singen (nicht gut) und in die Hose machen (noch schlechter). Mit Freude versteigt sich Lenker in die Peinlichkeit und erfindet einen sekundenkurzen Stehgreif-Song über „human beings/human peeings“. Total albern und komplett wundervoll. 

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Zurück zum Ende: Eigentlich geht nach „Anything“ bei den meisten emotional nichts mehr (ein Freund schreibt aus dem anderen Ende der Halle: „Ich hoffe, du hast das miterlebt“), aber der übergeschnappte Schlussapplaus bringt die beiden für einen letzten Song zurück auf die Bühne: „Not A Lot, Just Forever“, ein fabelhaftes Grübeln darüber, was Glück eigentlich ist. Manchmal reichen eine Gitarre, ein Klavier und zwei Mikrofone. Nicht viel – und leider nicht für immer.

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