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Mit der Faust in der Luft: Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch über das neue Album – und das Beinahe-Ende seiner Band

Die fünf Männer in schwarzen Klamotten in einem Hauseingang
Kettcar, das sind (v. l.) Erik Langer, Lars Wiebusch, Marcus Wiebusch, Reimer Bustorff und Christian Hake
Foto: Andreas Hornoff

Pop und Politik, Zorn und Zärtlichkeit, festivaltauglich und feinsinnig – mit ihrem neuen Album „Gute Laune ungerecht verteilt“, das am Freitag rauskommt, suhlen sich die Hamburger Indierocker von Kettcar in der Gegensätzlichkeit. Und genau so möchten sie das haben. Im MOPOP-Interview verrät Frontmann Marcus Wiebusch (55), warum man auch mit der Faust in der Luft Liebeslieder singen kann.

MOPOP: „Gute Laune ungerecht verteilt“ ist ein politisches Album geworden. Wie wichtig war euch das?
Marcus Wiebusch: Wir haben ja verschiedene Phasen in der Band mitgemacht. Und die erste Phase war vielleicht eher dadurch geprägt, dass wir Songs sehr aus dem Ich heraus geschrieben haben und nicht auf die Welt blickend. Das war damals sicherlich eine Abkehr von dem, was ich in den 90ern mit …But Alive gemacht hab, weil mich das ein bisschen gelangweilt hat. Heute langweilen mich politische Songs überhaupt nicht und ich habe persönlich – und das deckt sich auch mit den Beobachtungen der ganzen Band – das Gefühl, dass es noch nie so schlimm war. Und zwar deshalb, weil wir quasi nur noch von Krise zu Krise zu Krise hecheln, und dass es Kräfte gibt, auch zunehmend in unserem Land, die dem, was ich als Demokratie erhalten wissen will, ernsthaft entgegenstreben. Das finde ich besorgniserregend. Aber wir können als Antwort darauf in einem Drei-Minuten-Popsong nur ein kleines Gefühl vermitteln. Wenn wir das Gefühl der maßlosen Überforderung in „Auch für mich Sechste Stunde“ formulieren und den Leuten so zeigen, dass wir auch keine Lösung haben, aber dass ich natürlich will, dass das „Bengalo in der Nacht“ noch da ist und eben nicht alles verloren ist.

Mir geht es in Zeiten wir diesen eher darum, dass man Gemeinschaft stiftet. Dass man das Gefühl hat auch gerade auf Konzerten: Ich bin nicht alleine mit dem, was ich fühle.

Marcus Wiebusch

Glaubt ihr, dass man mit Musik die Welt retten kann?
Ich finde, dass wir alle mit Herz und Verstand an die Probleme rangehen und nicht zu einfachen Lösungen tendieren sollten. Das übersetze ich in Kunst, und sowas ist mir wichtig. Ich glaube nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Aber ich weiß, dass ich beeinflusst wurde von Musik, und meine ganze musikalische Sozialisation hat mein Leben extrem geprägt. Ich weiß auch, dass John Lennon einen Impact hatte, als er „Give Peace A Chance“ geschrieben hat, und ich weiß auch, dass Rage Against The Machine einen Impact auf Menschen hatten, und ich weiß auch, dass Slime einen Impact hatten, oder Public Enemy. Mir geht es in Zeiten wir diesen eher darum, dass man Gemeinschaft stiftet. Dass man das Gefühl hat, gerade auf Konzerten: Ich bin nicht alleine mit dem, was ich fühle. Das muss sich gar nicht in so einem matschigen Wohlfühl-Wir Bahn brechen, in erster Linie muss es uns zeigen: Wir teilen zu 98 Prozent dieselben Werte. Auch, wenn wir hier und da mal unterschiedlicher Meinung sind.

AlbumcoverFoto: GHVC
Starkes Album: „Gute Laune ungerecht verteilt“ erscheint am Freitag (5.4.) bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?
2017 kam das letzte Album, 2019 haben wir noch eine EP gemacht. Wir haben dazwischen noch super viel getourt, dann kam Corona. Corona ist mir überhaupt nicht bekommen. Dazu hatte ich auch noch privat eine schwere Krise, die mich relativ hart aus der Bahn geworfen hat, da war ich gefühlt zwei Jahre lost. Es hat so einen kurzen Moment gegeben, wo ich dachte, wir machen Kettcar vielleicht nicht weiter, und „Ich vs. Wir“ ist unser final hooray. Zu ganz bitteren Corona-Zeiten habe ich das mal befürchtet. Ich wusste buchstäblich nicht, wann ich je wieder mit meiner Band Musik machen und Geld verdienen kann. Aber nach der Krise haben wir dann so ​richtig Gas gegeben, und das war dadurch geprägt, dass Reimer mit sehr starken Texten um die Ecke kam. Er hat ja „München“ geschrieben, und als wir „München“ hatten, als wir so ein paar Bretter hatten, hat es richtig Fahrt aufgenommen.

Brauchte es diesen ersten Anschub, damit du richtig mit an Bord warst?
Das ist jetzt so zu viel gesagt. Innerhalb der Band war immer ein ziemlich guter Vibe. Die Chemie hat gestimmt. Ich musste mich nur immer selber fragen: Warum zündet denn bei mir nichts? Warum hab ich denn keine guten Ideen? Das hab ich dann versucht, mir tiefenpsychologisch so zu erklären: Wenn ich ehrlich bin, beginnt das ganze Musikersein für mich mit der Akustikgitarre auf der Bettkante. Du spielst was, und denkst, das ist schön, das könnte eine gute Idee sein. Dieser typische Weg für mich als Künstler: Bettkante, Proberaum, Studio, Bühne, Menschen – diese folgerichtigen Aktionen, diese Linie, das war komplett unterbrochen. Und deshalb habe ich nichts hingekriegt.

Es hat einen Moment gegeben, wo ich dachte, wir machen Kettcar vielleicht nicht weiter, und „Ich vs. Wir“ ist unser final hooray.

Marcus Wiebusch

Corona wird ja, anders als andere gesellschaftliche Probleme, nicht explizit auf dem Album erwähnt.
Nee, das wollten wir nicht.

Wie habt ihr denn die Themen für eure Songs ausgewählt? Eine Liste mit 100 aktuellen gesellschaftlichen Problemen verfasst und überlegt, welche am dringendsten mal thematisiert werden sollten?
(lacht) Mir ist nur wichtig, dass wir jetzt auch nicht die Polit-Onkel sind, die die Themen abhaken und ein durchgängig politisches Album machen. Mir war zu dem Zeitpunkt, an dem wir diese ganzen politischen Bretter hatten, dann auch wichtig, solche Songs zu schreiben wie „Zurück“. Ein klassisches Liebeslied. Diese Band Kettcar arbeitet nicht nur die Themen ab. Wir sind Menschen, die sehr stark darauf hoffen, dass man uns nicht eindimensional wahrnimmt. Deshalb schreiben wir auch Liebeslieder. Deshalb haben wir im Konzert manchmal „Sommer 89“ und direkt danach kommt „Balu“. Diese Dichotomie – das eine ist das eine und das andere das andere – existiert für uns gar nicht. Wir machen Kunst, und unsere Kunst soll spannend sein.

Interessant ist, dass etwa „Rügen“ kein klassisches Liebeslied à la „Sie trafen sich und waren glücklich bis ans Ende“ ist, sondern eines, das von vielen echten Menschen in unserem Bekanntenkreis erzählen könnte.
Das ist ja auch ein Song über Elternschaft, über Kinder. Ein Song der dieses Spannungsfeld darstellt, dass man da so viel Freude empfindet als Vater oder Mutter … aber keinen Spaß. (lacht) Das einfach auch mal auszusprechen, das war vielleicht wichtig. ​

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Ihr blickt auf dem Album ja teils ein wenig zurück, etwa in „Ein Brief meines 20-jährigen Ichs“. Wieso bloß ist mit 20 alles so klar, und mit mehr Erfahrung wird alles immer komplizierter?
Die einfache Wahrheit ist, dass der Zeitgeist so unglaublich viel komplexer ist heute als in den 90ern. Als ich angefangen habe mit Punk gab‘s so eine relativ moralische Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Dichotomie, die ich heutzutage nicht mehr in der Form beobachten kann. Jetzt könnte man sagen: Du bist ja auch milde und altersweise geworden – so wird es immer noch wahrgenommen, bei manchen Leuten aus der Punkszene bin ich ein Verräter, weil ich Kettcar gegründet habe. Dieser Song ist ein Gedankenexperiment: Jeder im Raum soll sich mal fragen, was wohl sein 20-jähriges Ich heute zu ihm sagen würde. Es geht nicht nur um mich. Jeder verliert Ideale auf dem Weg, jeder verliert die Faust in der Luft, jeder verliert diesen Furor, der am Anfang natürlich unheimlich beseelend ist. Ich bin aber ziemlich sicher, dass mein 20-jähriges Ich Songs wie „Sommer 89“ und „Der Tag wird kommen“ immer noch ziemlich gut finden würde.

Am Ende von „Einkaufen in Zeiten des Krieges“ gibt es einen herrlichen Gag. Wie ist es dazu gekommen?
Das war Reimers Ding. Wir spielen den Song auf dieser Tour nicht live, aber wir haben schon gesagt, dass wir ihn auf der nächsten spielen werden.

Bist du im Rückblick zufrieden mit der Zusammenstellung des Albums, oder ist man das als Künstler ohnehin niemals?
In der Herstellung des Albums war ich häufig unzufrieden, so unzufrieden wie selten in meiner Karriere, muss aber rückblickend sagen, dass es das Album vielleicht nicht mal schlechter gemacht hat. Ich bin mit dem Endprodukt – auch wenn ich nicht hundertprozentig weiß, wie es dann so gekommen ist – doch zufrieden. Es war schon ein harter, langer Gang. Weil das so quälend und lang und intensiv war, hat es mir das Ergebnis etwas vernagelt – aber von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, bin ich zufriedener.


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Du hast jetzt aber vor, auf jeden Fall weiterzumachen, richtig?
Also ja, hinschmeißen ist jetzt erstmal nicht angesagt. Jetzt steht ja Touren an, wir werden sehr viel spielen im Verlauf des Jahres. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich etwas in mir schlummern fühle, ob ich nicht mal versuche, das Buch zu schreiben, das ich mir schon so lange vorgenommen habe. Also: Ich weiß nicht, wo ich in zwei Jahren bin – aber dass ich auch irgendwie weiter Musik mache, ist klar.​

Ein Buch – das wäre aber auch spannend!
Ich war ja neulich auf der „Lit.Cologne“ mit meinem geschätzten Songwriter-Kollegen Craig Finn von The Hold Steady. Der wurde natürlich auch gefragt: Du kannst so gute Geschichten erzählen, alle deine Songs sind narrativ, kannst du nicht aus einem davon mal ein Buch machen? „Aber ich denke immer nur in Songs“, meinte er. Fand ich total nachvollziehbar. Am Ende meinte er: „Aber ich werde diesen Planeten nicht verlassen, bevor ich ein Buch geschrieben habe“. Was für ein genialer Satz.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich etwas in mir schlummern fühle, ob ich nicht mal versuche, das Buch zu schreiben, das ich mir schon so lange vorgenommen habe.

Marcus Wiebusch

Auf die Tour freust du dich wahrscheinlich jetzt, weil es der Part ist, der dir Spaß macht?
Ja! Das ist jetzt der Fun-Teil an der ganzen Geschichte. Frag mich nochmal am Ende des Jahres, wenn ich dann mein 69. Konzert in den Knochen habe… (lacht) Aber wir haben jetzt den Luxus: Wenn man so lange Musik macht, mit sechs Alben, da kann man ja tatsächlich mal gucken und Sachen austauschen. Wir werden nicht jeden Abend dasselbe spielen, wir wollen schon ein Potpourri der guten Laune aus all unseren Schaffensperioden darstellen.

Album: „Gute Laune ungerecht verteilt“, ab Freitag via Grand Hotel Van Cleef/Indigo Konzert: 27.4., 19.30 Uhr, Sporthalle, 49,80 Euro

Verlosung: Tickets fürs Sporthallen-Konzert zu gewinnen!

Für das Kettcar-Konzert am 27. April verlosen wir 2 x 2 Tickets.

Wer gewinnen will, schickt bis Sonntag (7.4.), 24 Uhr, eine E-Mail mit Betreff „Kettcar“ an [email protected] und beantwortet folgende Frage richtig: Wie heißt das Kettcar-Album, das 2017 veröffentlicht wurde? Viel Glück!

Veranstalter des Gewinnspiels  ist die Morgenpost Verlag GmbH. Bei einer Teilnahme gelten unsere AGB als akzeptiert. Diese AGB gibt’s unter www.mopo.de/gewinnspiel-agb

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