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Kurt Cobain: Ein Schuss ins Herz der Rockmusik

Kurt Cobain: Ein Schuss ins Herz der Rockmusik

Veröffentlicht vor 6 Tagen
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Kurt Cobain in einer Szene des Kinofilms „Cobain: Montage Of Heck“. Die Doku aus dem Jahr 2015 kann unter anderem bei Amazon Prime geliehen werden. Foto: Youri Lenquette/Arts Alliance/dpa

Todestag: Mitglied des „Club 27“ heute 27 Jahre tot

Am 5. April 1994  starb Kurt Cobain – der Frontmann der legendären Grunge-Band Nirvana erschoss sich in seinem Haus in Seattle, nachdem er sich eine Überdosis Heroin gespritzt hatte. Er wurde 27 Jahre alt. Der Suizid schockierte und bewegte Stars, Kritiker und Fans auf der ganzen Welt. Unglaubliche 27 Jahre ist das nun schon her – MOPO-Mitarbeiter erinnern sich an Aufstieg und Verfall des Mannes, der international als eine Art „Messias der Rockmusik“ verehrt wurde.

„Der Urknall. Und am Ende lag alles in Trümmern“: Arist von Harpe (42), MOPO-Geschäftsführer, entdeckte Nirvana 1990

Im Sommer 1990 war ich zwölf Jahre alt, trug Schlaghosen und Dr.-Martens-Schuhe und lernte Schlagzeug spielen. Alles drehte sich um die Beatles, Jimi Hendrix, Doors, Deep Purple oder Led Zeppelin. Auf dem Schulhof stellte dann ein Freund, der Gitarre lernte, fest, dass es eigentlich ein total mieses Schicksal ist, all diese Bands nicht mehr selbst erleben zu können. Alles, was auf MTV, damals der einzige Kanal zur großen Musikwelt im kleinen Vorort von Düsseldorf, lief, war irgendwie langweilig und sprach uns nicht an. Wir litten gewissermaßen unter der Schande der späten Geburt.

Ein Jahr später hatten wir dann Guns N’Roses entdeckt und es entstand so eine gewisse Freude darüber, dass es  auch jetzt noch echte und vermeintlich gefährliche Bands gibt. An einem Tag liefen auf MTV völlig unverhofft hart und ehrlich gedroschene Drums von einem Typen mit langen Haaren (Dave Grohl), dazu ein langer Lulatsch am Bass (Krist Novoselic) und dann dieser unscheinbare Blonde mit der roten Gitarre und der heiseren Stimme: Kurt Cobain.

Das Ganze in einer leicht nebligen Sporthalle zu einem anfangs ruhig sitzenden Publikum voller Teenager, die vermutlich genauso wie wir selbst unter der eben genannten Schande der späten Geburt litten. Angeheizt von der Band und von einer irgendwie da gar nicht hingehörenden Gruppe Cheerleader-Mädchen mit Anarchie-Logo auf zwar vorgestreckten, aber immerhin züchtig bedeckten Brüsten  fing die Horde an durchzudrehen. Am Ende lag alles in Trümmern. Aber Energie pur. „Smells Like Teen Spirit“ – der Urknall im eigenen musikalischen Erwachsenwerden.

 

„Das hat mich schlicht umgeblasen“: Stefan Krause (53), Sportredakteur, liebte die Energie

Die erste Hälfte der 1990er war für alle, die es mit deftiger Stromgitarrenmusik halten, eine innovative Phase. Während sich Metal dank Metallicas schwarzem Album im Kommerz niederließ, entstanden artverwandte Subkulturen mit Langzeitwirkung. Soundgarden, Helmet, Living Colour, Rage Against The Machine, Faith No More oder Kyuss kamen, um zu bleiben – und dann war da Nirvana. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Sonntagabend lief auf MTV immer „Headbangers Ball“, aber wer hatte schon Kabel-TV?

Mein Kumpel Arni und ich zeckten uns regelmäßig bei der lieben Kerstin, Kiwi gerufen, ein, die zu den Auserwählten zählte. So saßen wir also mal wieder rauchend und Bier konsumierend vor der Kiste, und dann kam „Smells Like Teen Spirit“. Ein solches Brett, diese unfassbare Energie, großartig transportiert im Video – es hat mich schlicht umgeblasen. Der Song, das „Nevermind“-Album, hat  meinen Musikhorizont nachhaltig erweitert, das Gewese um die Person Kurt Cobain allerdings begann schnell zu nerven.

Am Ende hat mich sein Suizid nicht im Ansatz so berührt wie der Tod von AC/DC-Sänger Bon Scott, Thin Lizzys Mastermind Phil Lynott oder Metallicas Bassist Cliff Burton. Heute ist meine innigste Verbindung zu Nirvana die zu den Foo Fighters mit dem großartigen Dave Grohl.

„An jeder Ecke standen Lookalikes“: Nadine Rinke (43), Kulturredakteurin, war erst genervt, dann geschockt

Zeitzeugnis – und der Autorin heute ein bisschen peinlich: Im Tagebuch geht’s 1994 seitenweise um Kurt Cobains Suizid. Hier der Eintrag vom Abend des 8.4.

 

Ich war Team Pearl Jam, seit ich bei MTV zum ersten Mal das Video zu „Alive“ gesehen hatte. 1991 war das, und ich war 14. Wenig später hörte ich Mother Love Bone und den „Singles“-Soundtrack, sprang auf Hobbykeller-Partys und freitagabends im Jugendclub der nächsten Kleinstadt zu „Killing In The Name Of“ und „Insane In The Brain“ rum. Oh, und dann war da noch das Guns N‘ Roses-Open-Air in Stuttgart, mein erstes „echtes“ Konzert. Gigantisch.

Nirvana? Gingen mir irgendwie auf den Keks. Klar, „Smells Like Teen Spirit“ war ein Brett, so roh, so anders. Aber selbst bei uns auf dem Dorf standen plötzlich an jedem Kaugummiautomaten Lookalikes: T-Shirt überm Longsleeve, Holzfällerhemd, die Haare zottelig und gebleicht. Und nach dem fantastischen Unplugged-Konzert 1993 trugen sie auch noch alle Omas olle Strickjacken auf. Alberner Personenkult, dachte ich, beruhigt euch doch mal. Und dann vermeldete MTV die Nachricht vom Tod Kurt Cobains: Sondersendungen, Reportagen, Interviews, das ganz große Besteck. Ich klebte vor dem Fernseher, stundenlang.

Ich war schockiert. Und berührt. Seitenweise geht es in meinem Tagebuch in diesem April 1994 um Cobains Abschiedsbrief, um Drogen und Polizei-Statements. Um Courtney Love und Haarsträhnen, um die Jugend in den USA, um Michael Stipe und MTVs Seelsorge-Bemühungen („Sie haben gesagt, dass man Kurts Leben nachmachen kann, aber man solle bloß nicht Kurts Tod nachmachen. Wahnsinn, was der Kerl auch noch nach seinem Tod für eine Macht hat.“). Dazu klebte ich Schnipsel aus Magazinen, in denen es auch um Eddie Vedder ging. Unter den mit der Überschrift „Angst um Grunge-Heroes“ notierte ich: „Wenn sich der Pearl-Jam-Sänger auch noch umbringt – na dann!“ Ein paar Seiten dahinter ein weiterer Zeitungsausschnitt. „Symbol verstörter Generation“ steht drüber. Heute ist mir klar: Die meinten wohl auch mich.

„Das hat mein Leben verändert. Von jetzt auf gleich“: Maik Koltermann (45), Chefredakteur, empfand „Smells Like Teen Spirit“ als Donnerschlag

Die erste Begegnung? Ein Donnerschlag. Auf dem Philips-Fernseher in meinem Kinderzimmer, spätabends, vermutlich war es „Headbanger’s Ballroom“ auf MTV. Ein Paar Chucks-Turnschuhe in Großaufnahme. Ein zotteliger Typ, T-Shirt über langärmeligem Shirt. Ein Basketballfeld. Cheerleader. Nebel. Und dann traf es mich direkt ins Mark. Die paar spärlichen Tönchen auf der Gitarre, drei simple Akkorde – und eine Wagenladung Weltschmerz: „Smells Like Teen Spirit“ hat mein Leben verändert. Von jetzt auf gleich. Ich besorgte Chucks, trug fortan T-Shirts über langärmeligen Shirts, mein Haar zottelig und kaufte mir eine Gitarre (Linkshänder!). Ab sofort war schlecht gelaunt sein en vogue. Das kam meinem pubertierenden Ego sehr entgegen.

Nicht mal drei Jahre später, in meinem metallicgrünen Uralt-Flunder-Mazda am Dammtor im Stau. Im Radio kommt, dass Cobain sich erschossen hat. Vor all meiner larmoyanten Teenie-Attitüde blitzte da brutal plötzlich der echte Abgrund auf. Da wurde mir kurz schwummerig.

20.8.1991: Dave Grohl (v. l.), Kurt Cobain und Krist Novoselic beim Interview zum Europa-Release des Nirvana-Albums „Nevermind“ in London. Foto: R. Keuntjex/Future Image

 

„Der Hype kotzte Kurt an — mich auch“: Till Stoppenhagen (46), Lokalredakteur, reagierte auf Cobains Tod ganz anders, als er erwartet hätte

Es hätte mir eigentlich egal sein können. Aber die Nachricht kam dann doch wie ein Schock: „Nirvana-Sänger Kurt Cobain soll sich Medienberichten zufolge das Leben genommen haben“ oder so ähnlich lautete der Lauftext, den der Musiksender Viva  über den Bildschirm flimmern ließ.

Es war der 8. April 1994. Gerade mal zweieinhalb Jahre war es her, dass diese Band den  Alles-Scheiße-Sound namens Grunge zum Mainstream-Phänomen gemacht hatte. Und ihr sensibler Frontmann zum Idol einer ganzen Generation geworden war. Was ihn  tierisch ankotzte – vielleicht die einzige Gemeinsamkeit, die Kurt und ich da noch hatten.

Natürlich hatte auch ich im Herbst 1991  das Video zu „Smells Like Teen Spirit“ in mich aufgesogen und die beiden Alben der Band rauf- und runtergehört.  Doch nach Grunge-Mode auf Laufstegen und Heerscharen von Jüngern mit demonstrativ schlechter Laune ging mir der  Hype um Nirvana und ihren messianisch verklärten Schmerzensmann nur noch auf die Nerven.

Denn alles, wofür diese Musik stand, wurde dadurch  sinnentleert: die Verweigerung gegenüber Erwartungshaltungen; Authentizität abseits von Rockstar-Posen; ein roher, brachialer Sound, der niemandem gefallen wollte. Dass er mit seiner Kunst selbst ein Teil der verhassten Unterhaltungsindustrie geworden war, hat Cobain wohl nicht verkraftet. Und einen Ausweg gewählt, der mich vermeintlich abgeklärten Möchtegern-Checker an jenem Freitagabend in Schockstarre zurückließ.

Wilde Familie: Cobain, seine Frau Courtney Love und die gemeinsame Tochter Frances Bean am 2.9.1993 in L.A. Foto: ZUMA/Imago Images

 

„Nie werde ich die Wucht vergessen, die aus den Boxen dröhnte“: Nils Weber (43), Sportredakteur, liebte den Seattle-Sound – aber seine Lieblingsband war Nirvana nicht

Das Bild hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt: Mit weit aufgerissenen Augen starrt mich mein damals bester Freund Sven auf dem Pausenhof an, weiß wie die Schulkreide. „Kurt Cobain ist tot!“ Ich war wie betäubt. Was? Wie? Und warum? Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer an meinem Dorf-Gymnasium. Es war die Hast-du-schon-gehört?-Zeit, lange vor dem Smartphone.

An diesem Morgen waren die Jungs und Mädels mit gutem Musikgeschmack auf den ersten Blick zu erkennen. An den bleichen Gesichtern. Viele waren sprachlos, manche lagen sich weinend in den Armen. Ich war 17. Es war das erste kollektive Schockerlebnis in meiner Clique (so hieß das damals) und eine harte Konfrontation mit dem Thema Suizid. Ich weiß noch genau, was ich dachte, als ich die Todesursache erfuhr: an eine Textzeile. „And I swear that I don’t have a gun“ hatte Cobain in „Come As You Are“ gesungen, was leider nicht den Tatsachen entsprach und ihm in Kombination mit einer Überdosis Heroin die Flucht vor seinen Dämonen ermöglichte.

Ich will nicht behaupten, dass Cobain mein großer Hero und Nirvana meine Lieblingsband war, aber ich liebte den Sound aus Seattle und meine Helden hießen Soundgarden, Pearl Jam und Alice In Chains. Dennoch gab es eine intensive Verbindung zu Nirvana. Sven und ich hatten damals eine Band. Wir coverten Songs, spielten auf Schulfesten und Nirvana gehörten zum Repertoire. Der Song übrigens, den wir auflegten, um den Voll-in-die-Fresse-Faktor unserer ersten selbst gekauften PA daheim zu testen, war „Smells Like Teen Spirit“, weil sich das Intro so gut eignete.

Nie werde ich die Wucht vergessen, die aus den Boxen dröhnte, uns überwältigte, den Boden und unsere Eingeweide vibrieren ließ, das Adrenalin durch die juvenilen Venen jagte, Tränen in die Augen trieb und nach der zehnten Wiederholung die Nachbarschaft auf den Plan rief. Unvergesslich. Gänsehaut. Auch beim Gedanken daran. Noch heute. Danke dafür, Kurt.

PS:  Schönen Gruß an Chris Cornell und Layne Staley!

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