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Die Konzerte unseres Lebens: Was MOPO-Redakteure in der Corona-Zeit besonders vermissen

Die Konzerte unseres Lebens: Was MOPO-Redakteure im Lockdown besonders vermissen

04.01.2021
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Bandana, Band-Klamotten, Rudern und wildes Umherlaufen: So kennt und liebt man Suicidal-Tendencies-Mastermind Mike Muir. Foto: Miroslav Menschenkind 

Die Sehnsucht nach Spaß, Lärm und Rock’n’Roll ist derzeit bei vielen riesig – das ist auch in der MOPO-Redaktion nicht anders. Was uns hilft: das Schwärmen von Shows, die uns so richtig umgehauen haben. Von den legendärsten Konzerten unseres Lebens, ganz egal, welches Genre. Drücken wir die Daumen, dass wir 2021 wieder großartige Gigs erleben können!

The Dillinger Escape Plan, Markthalle, 2010 (Stefan Krause):

Jeff Tuttle war von 2007-2012 bei The Dillinger Escape Plan. Diese Band kann ultrabrutal und gleichzeitig filigran sein. Foto: Jörg-Martin Schulze (www.jmsphoto.de)

Jeder, der mal in einer Band gespielt hat, kennt sie: die Musiker-Polizei. Menschen, die selbst Musik machen und auf Konzerte anderer Künstler gehen, um dort mit verschränkten Armen die coole Sau raushängen zu lassen und sich an jedem falschen Ton der Protagonisten zu erfreuen. An diesem Abend war die Markthalle das Musiker-Polizei-Hauptquartier, am Ende eingenordet von furiosen Mathcore-Irrwischen. Man rätselt ja schon beim Hören der Dillinger-Alben, wie man auf derart hammerkranke Songstrukturen kommen kann. Das filigrane, ultrabrutale Gefrickel mit jazzigen Einlagen und Taktwechseln alle paar Sekunden aber noch mit einer gnadenlos energetischen Bühnenpräsenz zu garnieren – für mich ein Naturereignis für die Ewigkeit mit einer Wucht, die mich komplett umgehauen hat.

Portishead, Hurricane-Festival, 2011 (Eva Jost):

Portishead-Frontfrau Beth Gibbons sang unserer Digital-Chefin Eva Jost den Herzschmerz weg. Foto: dpa

Eigentlich hatte ich gar nicht hier sein wollen: Ein guter Freund feierte in einer Scheune im Hamburger Westen Geburtstag und ich hatte Erdbeerbowle und Anwesenheit versprochen. Ich war aber vergleichsweise frisch getrennt, hielt mich für den betrogensten Menschen zwischen Alster und Elbe, und der Grund dafür stand auch auf der Party-Gästeliste. Stattdessen deshalb, spontan: Hurricane. Und dort, im Nieselregen: Portishead. Wehmütiger Trip-Hop, der nie mein Ding gewesen war. Was für ein Fehler. Die singt nur für mich, dachte ich und starrte auf Portishead-Frontfrau Beth Gibbons, die sich, Augen geschlossen, durch ihre Songs litt. Die einen Zauberbann über uns legte, die wir da nass geregnet im Schlamm vor ihr standen. „The blackness, the darkness, forever.“ Genau. Was ich aber auch dachte, als Portishead die Bühne räumten für Arcade Fire an diesem magischen Freitagabend: Wahrscheinlich ja doch nicht für immer. Das wird wieder. Und das wurde es dann auch.

Justin Timberlake, Barclaycard-Arena, 2018 (Miriam Khan):

Unvergesslich: Panorama-Chefin Miriam Khan stand mit Tränen in den Augen bei Justin Timberlakes Konzert. Foto: Jazzarchiv

Diesen Moment werde ich nie vergessen: Vor mir auf der Bühne der rappelvollen Barclaycard-Arena steht ein ergriffener Justin Timberlake ganz still, als die letzten Töne seines in meinen Augen großartigsten Songs „Mirrors“ langsam verklingen. Er sinkt auf die Knie, sicher ein wenig überdramatisch, aber ich kann mir nicht helfen: Mir kullern die Tränen über die Wangen. Über meine Schultern läuft die Gänsehaut runter auf meine Arme, ich schaue nach rechts zu meinem Mann, der greift nach meiner Hand und trotz der Zehntausenden Menschen um uns herum sind wir so innig, so ganz bei uns. Ein paar Wochen zuvor haben wir geheiratet und „Mirrors“ war einer unserer Hochzeitssongs: „It’s like you’re my mirror. My mirror staring back at me. I couldn’t get any bigger, with anyone else beside of me. And now it’s clear as this promise that we’re making, two reflections into one: It’s like you’re my mirror. My mirror staring back at me.“

Depeche Mode, Alsterdorfer Sporthalle, 1990 (Simone Pauls):

Ich hörte dödödödööd, dödödödööd – und dachte, ich müsse sterben. Vor Glück! 28. Oktober 1990, Alsterdorfer Sporthalle. Depeche Mode, die „Violator“-Tour. Für mich das legendärste, weil es das erste Konzert meines Lebens war. Mit zwei Freundinnen und ihren Brüdern kam ich an und war überwältigt. So viele Menschen auf einem Haufen! Jeder zweite Typ sieht aus wie Dave Gahan, der Sänger! Und dieses Flirren, diese Vorfreude im Saal! Plötzlich Dunkelheit, dann der markante Synthesizer mit den ersten Tönen zu „World In My Eyes“, der Vorhang fällt, und da waren sie. Dave! Martin! Andrew! Alan! Meine Helden – mit mir zusammen zur selben Zeit am selben Ort! Wahnsinn. Die Lieblingslieder krachend laut und live zu hören – was für ein Erlebnis. Einige klangen plötzlich völlig anders – „I Want You Now“ und „World Full Of Nothing“ nur mit Gitarre. Kann das hier bitte niemals enden?, dachte ich. Ich erinnere mich noch, wie entsetzt ich war, als die Band winkte und von der Bühne verschwand – und an die Euphorie, als sie plötzlich wieder da war. Nach 19 Liedern war Schluss, ich total euphorisiert.  Und das bin ich heute noch, wenn ich auf Konzerten bin. Jedes von ihnen ist ein Geschenk. Ein Geschenk für das Ohr, das Herz, die Seele. Ich kann es kaum erwarten, dass es endlich wieder losgeht.

Genesis, Volksparkstadion, 2007 (Daniel Gözübüyük):

Phil Collins (r.) und Mike Rutherford im Juni 2007 beim Tourauftakt in Hamburg. Foto: dpa

Ich war 14, eine Zeit, in der mir meine Mutter eintrichtern wollte, dass man Jogginghosen nur zum Sport trägt. Uncool wäre  das, mahnte sie, wenn man so zur Schule gehen würde. Fand ich doof, hielt ich mich nicht dran. Und ich weiß, dass Phil Collins auf meiner Seite gewesen wäre. Weil meine Mutter mit meiner Oma in die Türkei flog und die Genesis-Karten vergaß, die mein Vater besorgt hatte, nahm der stattdessen mich mit. „Du kennst doch ‚In The Air Tonight‘, oder?“ Ich nickte. Es war ein verregneter Sau-Abend. Aber rappelvoll im Volkspark. Erst nervten die Tropfen, doch dann kam Phil Collins auf die Bühne; unrasiert, in Jogginghosen, locker, lässig. Seine Schlagzeug-Solos und unnachahmlich kräftige, aber sanfte Stimme bleiben mir bis heute in Erinnerung. Ich dachte damals nur: Was für ein cooler Typ. Und es lag nicht nur an seiner Hose.

Depeche Mode, Berlin, 2018 (Rayk Unger):

Begeisterte 2018 genauso wie schon 1990: Dave Gahan von Depeche Mode. Foto: imago images/POP-EYE

Ein Konzert der legendären Synthie-Pop-Band Depeche Mode bot im nasskalten Winter 2018 genug Anlass, um Berlin mal wieder einen Besuch abzustatten. Denn obwohl ein Kind der 1990er, hatte ich dank meiner Mutter eine Vorliebe für die Musik der 80er Jahre entwickelt – und Depeche Mode bedauerlicherweise noch nie live gesehen. Das sollte sich nun ändern, denn die britische Ausnahmeband schaute im Rahmen ihrer „Global Spirit“-Tour eben in der Mercedes-Benz-Arena in der Hauptstadt vorbei. Voller Vorfreude pilgerten wir zur – natürlich seit Wochen ausverkauften – Konzerthalle und suchten uns einen Platz im Innenraum. Die angestaute Spannung der 17 000 Zuschauer entlud sich blitzartig, als endlich Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher auf die Bühne kamen. Die Intensität, mit der die fast 40 Jahre zuvor gegründete Band auch bei diesem Auftritt auf ihre Fans wirkte, war immens: Das glänzend aufgelegte Trio samt Livebegleitung bot eine Performance der Extraklasse und brachte mit Klassikern wie „I Feel You“ und „Enjoy The Silence“ die Arena zum Kochen. Nach dem gigantischen Auftritt von Depeche Mode ging es für uns heiser und zufrieden wieder Richtung Hotel.

Saïan Supa Crew, Gruenspan, 2006 (Julian König):

„Positive Reimkaskaden“: So kündigte die MOPO das Konzert im Februar 2006 an.

Wir japsten auch Minuten später noch nach Luft, völlig platt machten wir uns auf die Suche nach Flüssigkeit. Die Wadenmuskulatur brannte, unsere T-Shirts klebten. Und während wir uns beim Absacker darüber wunderten, dass man uns so zugerichtet in den Kaiserkeller gelassen hatte, wirkte das gerade Erlebte nach. Mehr als zwei Stunden hatte uns die französische Rap-Kombo Saïan Supa Crew mit ihrer „Hold Up“-Show im Gruenspan komplett übernommen, feinster Rap im Winter 2006. Draußen war es unfassbar kalt, drinnen machte die Truppe aus Frankreich von Beginn an Druck. Wie Getriebene schaukelte die Masse durch den Club, angepeitscht von melodischen Beats, schnellen Versen und Beatbox-Einlagen, bei denen die Künstler rappten und sich gleichzeitig begleiteten. Irre! Ich erinnere mich auch gar nicht mehr an einzelne Tracks, abgesehen von einer Ol-Dirty-Bastard-Imitation, die so unfassbar gut war, dass wir uns daran noch Tage danach berauschten. Vielleicht lag es auch an der Umgebung, denn damals wurde noch recht hemmungslos bei den Konzerten gekifft. Passte alles. Der für mich mit Abstand coolste Club der Stadt, eine Gruppe, die ebenjenen komplett im Griff hatte. Ekstase, schwitzende Körper, hinterher Bier und ein bis heute unvergesslicher Abend. Auf etwas Ähnliches freue ich mich (hoffentlich) 2021 sehr. Die Saïan Supa Crew gibt es nicht mehr. Müssen halt andere die Lücke füllen.

Suicidal Tendencies, Große Freiheit 36, 2017 (Frederike Arns):

Eigentlich ist es hier bei der MOPO mein Job für diese Seite – MOPOP.de – auf Konzerte zu gehen und darüber zu schreiben. Was für ein unschlagbares Privileg! Aber momentan muss ich mich ja weiter gedulden. Es fällt mir sehr schwer, mich für ein legendäres Konzerterlebnis zu entscheiden. Es sind so viele – ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben. Ich habe auch die feste Überzeugung, dass diese Glücksmomente, die man in schwitzigen, engen Clubs erleben kann, das Leben verlängern. Ein so besonderer Konzert-Glücksmoment, der mein Herz hüpfen lies, war für mich auf jeden Fall am 23. Januar 2017. Suicidal Tendencies, die funkigen Hardcore-Thrash-Metal-Helden aus Venice Beach, spielten in der Großen Freiheit 36. Wie immer zum Ende holte Frontmann Mike Muir beim Song „I Saw Your Mommy“ Fans auf die Bühne. Eigentlich bin ich bei sowas ängstlich und ich muss ja auch immer dastehen und mir ein Paar Notizen für meine Kritik machen, aber in dem Moment packte es mich einfach: Ich kletterte über die Barrikade, schwang mich an der Bühne hoch, tanzte und sang mit vielen gleichgesinnten ST-Jüngern aus tiefstem Herzen mit – und schüttelte „Cyco Miko“ sogar die Hand. Selbstmord-Tendenzen? Nö. Diese Band ist absolute Lebensenergie! Und ich war danach noch so aufgekratzt, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Krass, weil dieses Erlebnis sogar auf der Bühne stattfand, fühlt es sich jetzt im Nachhinein wie das exemplarische Beispiel schlechthin dafür an, was Corona gerade alles verhindert. Ich hoffe so sehr, dass solche lebensverlängernden – und definitiv systemrelevanten – Momente bald wieder möglich sind. Impfstoff, seh zu!

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