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Es ist Zeit für „12 points go to ...“: MOPOP klärt die wichtigsten Fakten zum ESC

„12 points go to …“: MOPOP klärt die wichtigsten Fakten zum ESC

22.05.2021
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Die italienische Band Måneskin gilt als Favorit. Foto: Francis Delacroix

„12 points go to …“ – stimmt, da war doch was! Heute Abend findet der 65. „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Rotterdam statt. Deutschland wird vom Hamburger Teilnehmer Jendrik (26) vertreten (die MOPO berichtete). Sein Song „I Don’t Feel Hate“ kommt leicht-locker daher, ist aber auch eine Anti-Diskriminierungs-Hymne. Die MOPO hat vor der Show einige wichtige Fragen mit „Dr. Eurovision“ Irving Wolther geklärt. Der Hannoveraner Journalist und Kulturwissenschaftler hat seine Dissertation über den ESC geschrieben.

Warum bekommt man weniger vom ESC mit?

Ein wichtiger Grund ist, dass der ESC im vergangenen Jahr wegen Corona ausgefallen ist – es muss erst mal wieder neue Aufmerksamkeit für die Show geschaffen werden. Außerdem gab es keinen öffentlichen deutschen Vorentscheid: „Aufgrund der Sparmaßnahmen beim NDR hat man darauf verzichtet“, erzählt Dr. Irving Wolther im MOPO-Interview. „Was viele nicht wissen: Das ESC-Budget war noch nie besonders üppig – alle teilnehmenden Länder teilen sich die Kosten. Der deutsche Anteil ist zwar vergleichsweise hoch, doch die ESC-Übertragung ist viel günstiger als etwa eine Samstagabend-Show wie ,Verstehen Sie Spaß?‘“, erklärt der Experte. Übrigens: Deutschland ist immer gesetzter Finalshow-Teilnehmer. Für die Semi-Finals, die in den letzten Tagen gestreamt wurden, gibt’s deswegen kein großes öffentliches Interesse. 

Jendrik (26) aus Hamburg nimmt für Deutschland am 65. ESC mit dem Song „I Don’t Feel Hate“ teil. Foto: EBU

Wer ist Jendrik und worum geht’s im Song „I Don’t Feel Hate“?

Jendrik Sigwart (26) ist Musical-Darsteller in Hamburg, er ist auch hier geboren. Über Videos in den sozialen Medien hat er eine Initiativ-Bewerbung gestartet und darin immer wieder betont, dass er unbedingt am ESC teilnehmen will. Irgendwann haben sich die Verantwortlichen tatsächlich bei ihm gemeldet und der Stein kam ins Rollen. Seine lebensfrohe Persönlichkeit und sein selbst geschriebener Song „I Don’t Feel Hate“ waren für die deutschen ESC-Macher wohl die perfekte Kombi. „Dr. Eurovision“ ist auch überzeugt von Jendrik: „Der Song ist cool, hebt sich ab und polarisiert. Er richtet sich gegen Hetze im Internet und sonstige Diskriminierung.“ Eine gute Show traut Wolther dem Hamburger auch zu: „Jendrik ist eine echte Rampensau, ich wünsche mir sehr, dass er in den Top 13 landet.“ Ein großes Interview mit Jendrik gibt’s übrigens hier!

Wie war das Prozedere des nicht öffentlichen Vorentscheids?

Die Jury des deutschen Vorentscheids besteht aus einer Expert:innen-Jury sowie aus 100 Menschen, die von einer Beraterfirma ausgewählt wurden und das europäische Wertungsverhalten widerspiegeln sollen. Es wurden ca. 300 Songs bewertet und die Videos der Künstler:innen. Am Ende mussten 15 Künstler:innen im nicht öffentlichen Finale live performen. Das Kontroverse an der ganzen Sache: Viele ESC-Songs stammen aus sogenannten „Songwriter-Pools“: „Dabei werden häufig Songs innerhalb Europas weitergereicht“, erklärt Dr. Irving Wolther. „Das bedeutet, dass die Songs gar nicht exklusiv für Deutschland geschrieben sind. Immer die gleichen Leute reichen also immer ähnliche Musik in anderen Schattierungen für unterschiedliche Länder ein.“ Der diesjährige schwedische Beitrag etwa war in diesem Jahr auch in Deutschland im Topf, wurde aber am Ende nicht ausgewählt. Aus musikalischer Sicht findet „Dr. Eurovision“ dieses Prozedere „ganz grausig“. Aber mit Jendriks Beitrag hat in diesem Jahr doch ein eigener Song das Rennen gemacht – dem merkwürdigen Auswahlverfahren zum Trotz. Dass für den Wettbewerb Songs in einen Pool geworfen werden, liegt auch daran, dass der ESC seit 2003 eine neue Richtung eingeschlagen hat: „Früher stand im Reglement, dass es Ziel sei, die europäische Unterhaltungsmusik zu fördern. Jetzt geht es nur noch darum, eine erstklassige Fernsehsendung auf die Beine zu stellen“, erklärt der Experte.

„Dr. Eurovision“ Irving Wolther hat seine Dissertation über den ESC geschrieben und ist natürlich in Rotterdam vor Ort. Foto: privat 

 

Wie findet die Show in Rotterdam statt?

3500 niederländische (natürlich negativ getestete) Zuschauer:innen dürfen dabei sein – alle anderen müssen die Show im Fernsehen gucken. Alle Acts sollen live auftreten, es wurden vorsorglich aber Back-up-Videos gedreht, falls es doch Corona-Fälle geben sollte. Die australische Teilnehmerin (das Land ist seit 2014 fest dabei) darf nicht ausreisen, deswegen wird ihre Performance als Einspieler gezeigt. Nach einem Corona-Fall dürfen auch die isländischen Teilnehmer Daði og Gagnamagnið nicht live auf der Bühne stehen. Stattdessen wird einer ihrer Probenauftritte eingespielt.

Welches Standing hat der ESC in Deutschland?

In den 80ern war Deutschland ständig auf den vorderen Plätzen. Die Erfolgskurve zeigte in den letzten Jahren aber deutlich nach unten – bis auf Michael Schultes vierten Platz 2018 in Lissabon. „Er ist ein schönes Beispiel, wie der ESC nachhaltig Karrieren fördern kann“, sagt Dr. Irving Wolther. Große deutsche Künstler:innen meiden eine ESC-Teilnahme oft, weil sie die Befürchtung haben, nicht den europäischen Geschmack zu treffen, und sie die Fallhöhe für ihre Karrieren bei einer schlechten Platzierung zu hoch einschätzen: „In Deutschland ist Nationalstolz nicht ausgeprägt. Deswegen wird es hierzulande nicht so gesehen, dass der Act unser Land vertritt – wenn er verliert, ist es einfach seine Schuld. Auf dem Balkan oder im Baltikum ist das ganz anders: Dort sind sie auch stolz, wenn sie Letzter werden“, weiß der Experte.

Wer sind die diesjährigen Favorit:innen?

Dr. Irving Wolther sieht die italienische Band Måneskin mit dem Song „Zitti E Buoni“ vorne: „Ihre extreme Rockkonzert-Stimmung wird vielen gefallen – gerade in der Pandemie-Situation.“ In Italien ist die Band schon etabliert und ist gerade auf dem Sprung ins restliche Europa.

Go-A aus der Ukraine. Foto: Anastasiia Mantach

 

Auch den ukrainischen Act Go-A mit dem Song „Shum“ findet Wolther spannend: „Der osteuropäische sogenannte Schrei-Gesang ist für mitteleuropäische Ohren zwar schwer erträglich, aber in Verbindung mit der treibenden Rave-Musik ist der Beitrag für mich der End-Pandemie-Song schlechthin.“

The Roop aus Litauen. Foto: Vaidas Jokubauskas

 

Sein dritter Tipp – The Roop aus Litauen mit „Discoteque“: „Das ist ein Kracher-Song und die Band sprüht geradezu vor kreativer Energie, anders als viele der teilnehmenden Casting-Sternchen. Echte Musiker eben.“

ESC: heute, 21 Uhr, Das Erste (ab 20.15 Uhr läuft: „Countdown für Rotterdam“ mit Barbara Schöneberger, Jan Delay, Sarah Connor, Zoe Wees und anderen)

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