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„Wir spielen die Songs – und wir fliegen“: „Heroes“ in der Laeiszhalle

Alexander Scheer steht in einem orangefarbenen Anzug an einem Mikrofon.
Alexander Scheer (49) in der Show „Heroes“: Er singt Bowies Lieder und liest aus dessen Lieblingsbüchern.
Foto: Luna Tscharnt

Der wandelbare Schauspieler Alexander Scheer geht mit den größten Songs des Pop-Chamäleons David Bowie auf Tour. Und liest aus Büchern, die dessen Leben und Musik geprägt haben. Auch in der Laeiszhalle tritt er auf. Niemand im Universum des Pop habe die Grenzen zwischen Leben und Kunst authentischer verwischt als David Bowie, sagt Scheer. MOPOP sprach mit dem 49-jährigen Berliner, der schon der singende Baggerfahrer Gerhard Gundermann, der Pop-Art-Künstler Andy Warhol und der Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards war, über das von der Kritik gefeierte Bühnenprogramm „Heroes“.

MOPOP: David Bowie erfand sich immer wieder neu: Stil, Identität, Klang. Ein „Chamäleon“. Trifft das für Sie auch zu?

Alexander Scheer: In einer Zeitung stand mal, dass die Amerikaner mich „das deutsche Chamäleon“ nennen. Weil ich mich als Schauspieler teilweise auch optisch stark verwandle, um die verschiedensten Figuren zu verkörpern. Mit Bowie habe ich mir jetzt jemanden ausgesucht, den man so gar nicht fassen kann. Das ist aber auch das, was ich so sehr an ihm schätze: dass jemand immer wieder zu neuen Ufern aufbricht. Bis zu dem Punkt, wo er sich als weltweiter Superstar sagte: Ich will jetzt einfach nur Gitarrist in einer Band sein. Seine Plattenfirma wusste da gar nicht mehr, wie sie ihn vermarkten sollte. Aber Bowie war das egal, denn es sollte vor allem ihm gefallen. Vor diesem Anspruch in der Kunst habe ich großen Respekt, gerade in der heutigen Zeit, wo vieles auf Verkäufe zugeschnitten ist.

Wie haben Sie sich Bowie genähert?

Wir feiern Bowies popkulturellen Kosmos nicht nur mit der Musik, sondern wir nähern uns ihm auch über seine Liebe zur Literatur an. Bowie sagte mal, in der Kunst sei er wie ein Schwamm. Er bediene sich an dem, was er gut findet, und mischt es neu zusammen. Ein Amalgam aus der brechtschen Verfremdungstechnik, den Kostümen von Kabuki, Rock ’n’ Roll und „A Clockwork Orange“ – das ist dann plötzlich Ziggy Stardust.

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Literatur war eine stete Inspirationsquelle für Bowie. Anlässlich seiner Ausstellung im „Victoria and Albert-Museum“ in London drei Jahre vor seinem Tod 2016 brachte er eine Liste seiner wichtigsten 100 Bücher heraus. Sie ist wunderbar eklektisch und ein weiterer Beitrag zu seinem Mythos. Wir haben jetzt alle 100 Bücher zusammen. Wir spielen also Bowies Songs und ich lese zwischendurch Ausschnitte aus seiner Lieblingswerken. Auf diese Weise wird seine Musik noch mal anders erfahrbar.

Soll man nach der Show mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas darüber erfahren zu haben, wer Bowie wirklich war?

Nichts muss, aber ich glaube, das passiert ohnehin. Alles in dem Bowie-Kosmos, in dem wir uns bewegen, ist gut recherchiert. Man nimmt über Bowie etwas mit, aber auch über mich. Die Auswahl der Songs und Texte ist sehr persönlich. Und ich versuche nicht, ihn nachzuahmen. In musikalischen Zusammenhängen möchte ich auf der Bühne so ehrlich wie möglich sein. Zwischendurch erzähle ich auch, was ich mit dem einen oder anderen Buch oder Song verbinde. Oder vielleicht auch mal was ganz anderes. Für mich heißt live spielen, ganz im Moment zu sein.

Bowie konnte sich problemlos an fast jedes musikalische Genre anpassen. War das für Sie als Sänger die größte Herausforderung?

Ich singe so gut ich kann und bin froh, diese fantastische Band zu haben, die mich anfeuert. Mein Publikum gibt mir auch wahnsinnig viel. Zu Hause unter der Dusche kann ich gar nicht so gut singen. Ich bin bloß vor Publikum gut, ich brauche diese Energie. Was wir machen, sind Zeit- und Raumreisen. Wir spielen die Songs und wir fliegen. Sowohl die Band und ich als auch das Publikum. Bei „Life On Mars“ sehe ich, wie die Leute die Augen schließen und im Weltraum sind. Das Konzert damals in der Elbphilharmonie vor 2500 Menschen gehört zu den Höhepunkten meiner Laufbahn. Da war reine Elektrizität im Raum.

Was macht es mit Ihnen, wenn Sie vor Publikum Klassiker wie „Heroes“, „Ziggy Stardust“, „Ashes To Ashes“,“Let’s Dance“ oder „Life On Mars“ singen? Werden Sie dann eins mit Ziggy Stardust?

Nee, wir haben zu „Ziggy Stardust“ auch kein passendes Kostüm. Ich werde dieses Jahr 50. So waghalsig, dass ich auf der Bühne kurze Höschen wie Bowie mit 25 trage, bin ich dann doch nicht. Man muss seine Grenzen erkennen. Ich bin auch mit einem Gundermann-Programm unterwegs. Der Ostler aus dem Tagebau und der internationale Weltstar Bowie stehen sich diametral gegenüber. Was die beiden eint, ist, dass sie ihre Lieder aus ganzem Herzen  singen. Man muss beim Singen radikal ehrlich sein. Da werde ich eigentlich mehr zu mir selber, aber in den Parametern von Bowie. Ich versuche nicht auf Teufel komm raus wie er zu klingen. Gesang kommt immer aus dem Körper. Das entzieht sich der Kontrolle, wenn es gut ist.

Angeblich mochte Bowie seine eigene Stimme nicht besonders.

Es wäre auch wahnsinnig eitel, wenn man das Gegenteil behaupten würde. Mich fasziniert, dass er im Lauf der Jahre wirklich zu sich selbst gefunden hat. Nicht nur im Gesang, sondern auch im Auftreten. Irgendwann hatte er die zündende Idee, ich bin jetzt ein schwuler Außerirdischer mit meiner Rock ’n’ Roll-Band vom Mars. Er hat quasi im Alleingang den Glamrock kreiert und sich immer wieder neu erfunden. Nach dem Album „Young Americans“ wollte er vom Kokain runterkommen und ist mit seinem Kumpel Iggy Pop nach Westberlin gegangen (lacht) – in die Hauptstadt des Heroins.

Wenn Bowie noch lebte und Sie ihn treffen könnten – worüber würden Sie dann gern mit ihm sprechen?

Ich würde zuerst einmal sagen: „Schön, Sie zu treffen, Mister Jones.“ Ich habe gehört, dass man sich mit ihm sofort anders unterhalten konnte, wenn man ihn mit seinem bürgerlichen Namen ansprach. Wahrscheinlich würde ich mit ihm über Bücher sprechen, denn Bowie hat mich wieder zum Lesen gebracht. Nach jeder Show gehe ich nach dem Applaus an unsere Bowie-Bibliothek und wähle ein Buch aus, das ich noch nicht kenne, und lese es bis zur nächsten Show. 100 davon spielen wir also mindestens! (lacht)

Laeiszhalle: 3.5., 20 Uhr, 34,95-79,95 Euro

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