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Sebastian Krumbiegel: Lesung in der Elbphilharmonie

Was macht der Prinz auf dem Elphi-Dach?

03.08.2021
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Für Fotografin Tine Acke stieg Sebastian Krumbiegel (55) aufs Dach des Konzerthauses. Foto: Tine Acke

Heute um 11 Uhr heißt es schnell sein: Der Ticketvorverkauf für das „Harbour Front“-Literaturfestival startet. Vom 9. September bis 24. Oktober finden Dutzende Veranstaltungen in verschiedenen Spielstätten in Hamburg statt. Den Event-Reigen eröffnen wird Die-Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel im Großen Saal der Elbphilharmonie. Mit illustren Gästen stellt er dann sein Buch „Courage zeigen: Warum ein Leben mit Haltung gut tut“ auch musikalisch vor. MOPOP hat mit ihm in der Elphi gesprochen.

Herr Krumbiegel, vor Ihrer Lesung in der Elbphilharmonie haben Sie schon mal das Dach inspiziert. Wie war’s?

Es war der Hammer. Es ist ein unglaublicher Anblick, wenn du über den Dächern von Hamburg bist. Wir hatten dramatische Wolken, wir hatten trotzdem Sonnenschein und einen herrlichen Blick über die Stadt.

Sie sind offensichtlich schwindelfrei.

Ja, so ziemlich, aber damit wir das ganze Panorama mit aufs Bild kriegen, musste ich auf eine Leiter klettern. Was tut man nicht alles für die Kunst! Die Leiter war zwar nur zwei Meter hoch, aber ich habe mich nur bis zur vorletzten Stufe getraut. Das war dann doch etwas viel des Guten.

Ihr Freund Udo Lindenberg hat jüngst das Video zu „Mittendrin“ auf dem Dach der Elphi gedreht. Hat Sie das inspiriert?

Wir haben mit den Prinzen vor ein paar Jahren schon mal eine Fotosession auf dem Elphi-Dach gemacht, und die war tatsächlich durch Udo inspiriert. Die Fotografin Tine Acke hatte auf dem Dach Bilder von Udo gemacht. Als ich jetzt die Einladung bekam, den Eröffnungsabend des Festivals zu bestreiten, habe ich sofort gesagt: Wir brauchen ein Foto von da oben.

Ich hab sofort gesagt: Wir brauchen ein Foto von da oben!

Sebastian Krumbiegel 

Haben Sie Respekt davor, in der Elbphilharmonie aufzutreten?

Klar! Mit Die Prinzen haben wir vor drei Jahren dort gespielt. Als die Leute vom Literaturfestival anfragten und meinten, sie hätten mein Buch gelesen, ich sei genau der Richtige für diesen Abend, habe ich mich total gefreut, denn ganz ehrlich: Mein Buch ist keine große Literatur, ich schreibe wie mir der Schnabel gewachsen ist, aber im Gegensatz zu anderen Leuten kann ich sagen, dass ich jedes Wort in „Courage zeigen“ selbst geschrieben habe.

Was können wir von dem Abend erwarten?

Ich habe mir drei Gäste eingeladen: Anja Reschke lernte ich 2015 beim Sächsischen Förderpreis für Demokratie kennen, wir setzen uns beide für Dinge ein, die uns wichtig sind. Sie ist auch in meinem Video zu „Die Demokratie ist weiblich“ von 2019 dabei, genau wie Mo Asumang, eine Filmemacherin, Schriftstellerin und Moderatorin, die durch den Film „Die Arier“ bekannt wurde. Dafür besuchte sie als dunkelhäutige Frau den Ku-Klux-Klan und NPD-Funktionäre. Sie hat diesen Leuten Fragen gestellt wie „Was haben sie eigentlich gegen dunkelhäutige Menschen?“ und sie dazu gebracht, ihre Masken fallen zu lassen. Über Gregor Gysi muss man nicht viel sagen. Wir kennen uns schon ewig, die Einladung hat nichts mit Parteipolitik zu tun. Ich schätze ihn sehr dafür, dass er ein Politiker ist, den man versteht, der in Sätzen spricht, die nicht den schablonenhaften Politikerphrasen gleichen, und der jemand ist, der Politik unterhaltend macht – im allerbesten Sinne.

Ein Abend mit Gästen: Anja Reschke, Mo Asumang und Gregor Gysi sind auch auf der Bühne.

Wie wollen Sie den Abend umsetzen?

Wir reden miteinander. Eigentlich ist es eine musikalische Lesung. Es wird ein Flügel dastehen, ich werde Songs von mir spielen, etwas von Udo Lindenberg und vielleicht noch ein Stück von Rio Reiser – Lieder, die mit dem Thema zu tun haben, um das es geht: Was hat Unterhaltung mit Haltung zu tun, und inwieweit gehört zur Unterhaltung auch eine Haltung dazu? Dass Haltung in dem Wort Unterhaltung drinsteckt, ist mir immer wichtig gewesen.

Dass Haltung in dem Wort Unterhaltung drinsteckt, ist mir immer wichtig gewesen.

Sebastian Krumbiegel

Finden Sie, dass hierzulande genug Künstler:Innen Musik mit Haltung machen?

Es steht mir gar nicht zu zu sagen: „Hey, Helene Fischer, mach jetzt mal ein politisches Lied. Oder Hey Campino, du haust viel zu viele politische Botschaften raus.“ Jeder soll sein Ding machen. Wenn jemand „nur“ unterhalten will, ist das trotzdem okay, dann sorgt er vielleicht dafür, dass die Leute ein bisschen besser drauf sind. Und wenn jemand zu viel Haltung in die Unterhaltung bringt, dann könnte es auch schnell anfangen zu nerven. Diese Gradwanderung hinzukriegen ist für mich eine Disziplin, die ich versuche zu beherrschen, und ich bin dabei immer noch am Lernen bin. Generell sollte sich aber jeder Mensch Gedanken darüber machen, in was für einer Welt wir leben wollen – egal, ob du jetzt Taxifahrer bist, bei Lidl an der Kasse sitzt oder im Bundestag – jeder kann was machen.

Das Buch „Courage zeigen: Warum ein Leben mit Haltung gut tut“ ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Foto: Penguin/Randomhouse

Wann haben Sie das letzte Mal couragiert eingegriffen?

Ich glaube, dass das jeden Tag im Kleinen passiert. Es ist manchmal natürlich auch schwer, gerade im Familienkreis, wenn jemand einen Spruch macht, der nicht korrekt ist, der vielleicht etwas ins Schwulenfeindliche oder Rassistische abgleitet, da reinzugrätschen. Man darf’s auch nicht übertreiben. Wenn meine Mutter zu einem Schaumkopf „Mohrenkuss“ sagt, dann werde ich doch einen Teufel tun, sie deswegen zu beschimpfen. Ich sage dann: „Hey, Mutti, durch das Wort fühlen sich Menschen beleidigt oder verletzt, denk mal bitte drüber nach.“ Es ist wichtig, dass da der Ton immer die Musik macht. Das man nicht anfängt, zu eifern, Leute belehren zu wollen. Denn am Ende geht es doch darum, freundlich zu anderen zu sein, sie so zu behandeln, wie du selbst behandelt werden willst. Ich mache ja auch Fehler, ich habe manchmal einen schlechten Tag. Und wenn mich jemand auf dem falschen Fuß erwischt, dann denk ich: Scheiße, da hast du jetzt echt nicht gut reagiert. Aber das zu reflektieren, damit fängt es an.

Nena bekommt für Ihre Corona-Aussagen gerade reichlich Gegenwind. Ihr Konzert in Wetzlar wurde vom Veranstalter abgesagt. Finden Sie das zu hart?

Am Ende geht’s um die Branche. Man sollte nicht anderen Kulturschaffenden in den Rücken fallen. Ich finde das nicht gut, was sie gemacht hat. Mir tut das weh. Ich mag sie eigentlich, habe mal ein Duett mit ihr gesungen. Wir haben ja alle verfolgt, dass sie schon ein paar fragwürdige Sachen von sich gegeben hat in den letzten Monaten und Jahren. Aber es gibt eben nicht nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Ich möchte sie gerne treffen und sie fragen: „Hey, du, was war denn das eigentlich für ’ne Aktion?“ Denn ich finde trotzdem, man sollte miteinander reden.

Ich finde das nicht gut, was Nena gemacht hat. Mir tut das weh.

Sebastian Krumbiegel

Auf welches Kapitel Ihres Buches kann man sich bei der Lesung freuen?

Das mit Udo Lindenberg, wie er uns Hamburg gezeigt hat und wie wir mit ihm auf Tour waren. Udo ist für mich ein ganz wichtiger Mensch. Und ich habe eine große Verbundenheit zu Hamburg, weil wir Anfang der Neunziger viele Jahre hier gewohnt haben. Wir sind jeden Tag von unserer Wohnung, die die Plattenfirma für uns angemietet hatte, nach Ottensen ins „Boogie Park Studio“ gegangen. Einmal tagsüber, wo du die triste, dreckige Reeperbahn wahrnimmst, und dann nachts, wo alles glitzert und leuchtet, die Türsteher dich reinbitten und die Verlockungen überall winken. Udo hat uns in die Keller geführt, wir haben durch ihn Szenetypen wie Domenica, Kalle Schwensen, René Durand und Corny Littmann kennengelernt. Udo hat dann immer gesagt: „Das sind meine Freunde hier aus der DDR.“ Wir waren damals Exoten!

„Udo ist für mich ein ganz wichtiger Mensch“, sagt Sebastian Krumbiegel über Udo Lindenberg. Das Foto zeigt beide im Januar 1992 auf einer Pressekonferen. Foto: picture-alliance / ZB / Jens Büttner

Erinnern Sie sich an eine bestimmte Begegnung?

Domenica habe ich extrem geschätzt. Sie hat uns 1990 Annette Humpe vorgestellt, die dann unsere Produzentin wurde. Die Beiden waren eng befreundet. Domenica hat uns über die Herbertstraße geführt. Die Herbertstraße ist ja ein No-Go für Ladys. Mit Domenica durfte Annette mit. Und das war für uns wirklich ein Flash, denn wir kannten das alles nicht. Wir kannten das maximal nur aus Filmen. Und dann gehst du da als 24-jähriger Kerl durch, siehst die Ladys in den Schaufenster sitzen, und alle waren so nett zu uns, so freundlich und herzlich. Domenica hat sich als Sozialarbeiterin natürlich auch um die Sexarbeiterinnen und ihre Rechte gekümmert – das war großartig von ihr.

Domenica hat sich um die Sexarbeiterinnen und ihre Rechte gekümmert – das war großartig von ihr.

Sebastian Krumbiegel

Udo beschreibt im Vorwort Ihres Buches, wie Sie sich in Leipzig das erste Mal zu ihm in die Garderobe vorgearbeitet haben.

Die Prinzen gab es damals in der Form noch nicht. Ich habe ihm eine Demokassette von der Vorgängerband gegeben. Da war schon „Gabi und Klaus“ drauf, „Mein Fahrrad“ hieß damals noch „Mein Käfer“ – den hatte ich mir nach dem Mauerfall nämlich voller Stolz gekauft. Und ich glaube sogar, ein Vorgänger von „Millionär“ war auch mitdrauf auf dem Tape. Immerhin konnte sich Udo später noch daran erinnern, dass da so ein komischer dicklicher Typ hinter die Bühne kam und sagte: „Ey Udo, hier ist mein Tape.“

Lesung in der Elbphilharmonie: 9.9., 20.30 Uhr, 10-57 Euro, Infos und Tickets gibt‘s hier.

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