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Wacken-Gründer: „Wacken ist eine totale Utopie“

Thomas Jensen und Holger Hübner stehen auf dem Festivalgelände des Wacken Open Air.
Gründeten das „Wacken“-Festival 1990: Thomas Jensen (60, l.) und Holger Hübner (59) – zwei Kumpels aus dem Dorf
Foto: picture alliance/dpa/Marcus Brandt

Was ist nicht schon alles erzählt und geschrieben worden über das „Wacken Open Air“, jenes Kultfestival in der tiefsten norddeutschen Provinz. Und über die beiden „Wacken“-Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen. Die Jugendfreunde haben das Festival 1990 gegründet, zur ersten Ausgabe kamen 800 Leute, heute sind es etwa 85.000. In diesem Jahr findet das W:O:A vom 29. Juli bis zum 1. August statt. Wohl aufgrund der üblen Wetterverhältnisse im vergangenen Jahr ist es – was sehr unüblich ist – noch nicht ausverkauft. Jensen und Hübner reagierten nun mit einer Charme- und Serviceoffensive. Und: Das Bier wird – zumindest auf den Liter umgerechnet – billiger.

MOPOP: Nicht mehr so lange hin bis zum „Wacken Open Air“. Wie laufen die Vorbereitungen?

Thomas Jensen: Sehr gut. Auch wenn noch extrem viel Arbeit auf uns wartet. „Wacken“ ist im Grunde ein 24-Stunden-Job an 365 Tagen im Jahr. Aber das haben wir ja so gewollt. (lacht)

Was haben Sie im Vergleich zum vergangenen Jahr geändert?

Jensen: Es gibt mehr befestigte Wege, und vor den großen Bühnen wollen wir Platten verlegen, damit man nicht im Matsch steht. Doch man darf natürlich vergessen, dass Regenwetter in unserer Region halt dazugehört. Aber ja: 2025 war ziemlich anstrengend, und wir wollen noch einmal Danke sagen, dass die Fans, die Bands und die Medien das mit uns durchgezogen haben. Die Leute haben innerhalb der ersten 24 Stunden auch schon einen Großteil der Tickets gekauft – und das in einer – vorsichtig formuliert – herausfordernden Zeit. Das ist ein riesiger Vertrauensvorschuss für uns.

Das mit dem Matsch war heftig im vergangenen Jahr. Das ist am ersten Tag für die meisten lustig, aber irgendwann geht es richtig auf die Knochen, wenn jeder Schritt ein kleiner Kraftakt ist.

Jensen: Ich weiß. So ein Festival ist umso anstrengender, je mehr Regen fällt. Bei schönem Wetter ist alles leicht. Aber 2023, als wir einen Einlass-Stopp verhängen mussten, und 2025 waren schon harte Nummern. Gerade für die Menschen, die im Rollstuhl unterwegs sind, war das absolut eine Katastrophe, und das hat uns in der Seele wehgetan. Alle im Team sind motiviert, das in diesem Jahr besser hinzukriegen.

Beim ersten „Wacken Open Air“ 1990, zu dem 800 Leute kamen, konnten Sie von solchen Herausforderungen vermutlich nur träumen. 

Jensen: Wir hätten es uns nicht träumen lassen, was aus dem Festival wird. Ahnung von dem, was wir da machen, hatten wir am Anfang natürlich auch nicht. Auf der anderen Seite haben wir immer voll daran geglaubt – aber in den ersten Jahren waren wir damit ziemlich alleine. (lacht)

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Was hat Sie durchhalten lassen?

Jensen: Uns war immer wichtig, für etwas einzustehen. Und das ist natürlich die Musik, die wir so lieben. Wir wollten und wollen die Menschen zusammenbringen. Heute ist die ganze Welt zu Gast in dem Dorf, in dem wir beide aufgewachsen sind. Dort, wo wir Fußball gespielt haben als kleine Jungs. Je länger wir das machen, desto bewusster wird uns, was für ein Schatz diese Gemeinschaft ist. Da kannst du unterschiedlicher Meinung sein, verschiedene Geschmäcker haben, aber letztlich ist die Metal-Szene nach wie vor sehr geeint.

In der Doku „Wacken – Hearts Full of Metal“, die es gerade bei MagentaTV zu sehen gibt,  trägt der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) ein „Wacken“-Shirt und sagt, dass Deutschland insgesamt ein bisschen mehr von der Leichtigkeit und dem Spaß des „Wacken Open Air“ vertragen würde. Sehen Sie das auch so?

Jensen: Ja. „Wacken“ ist eine totale Utopie. Im Grunde ist das ein unmöglicher Ort, der einmal im Jahr aufgebaut wird und wo für eine knappe Woche tatsächlich so etwas wie eine bessere Welt entsteht. Wir wünschen uns natürlich, dass die Leute dieses „Wacken“-Gefühl mitnehmen in die Welt und in ihren Alltag. Vieles rund um „Wacken“ klingt wie Phrasendrescherei, ist aber wahr. Zum Beispiel, dass wir wirklich wie eine große Familie sind.

Holger Hübner: In „Wacken“ wirst du aufgefangen. Man nimmt dich an die Hand, man nimmt dich mit. Wenn du hier dein Zelt aufbaust und dir ein Bier aufmachst, dann hast du ein paar Tage Ruhe vor dem Alltagswahn.

Sie sagen, anfangs wussten Sie nicht, was Sie taten. Wissen Sie es heute?

Hübner: Wir haben alle Positionen bei so einem Festival inzwischen selbst durchlaufen: Bühnenaufbau, Security, Künstlerbetreuung, Öffentlichkeitsarbeit – wir haben das Geschäft von der Pike auf gelernt. Nur bei einem Thema wie den Finanzen ist sicher noch Luft nach oben, vor allem in der Vergangenheit war das so.

Mittlerweile gehört das Open-Air zum Großteil der Gruppe Superstruct Entertainment aus UK, deren Portfolio neben dem W:O:A aus rund 80 weitere Festivals besteht. Die Firma wurde vom US-Finanzinvestor KKR gekauft. Sie selbst haben aber weiterhin Anteile.

Hübner: Aber wenn es irgendwo hakt oder Probleme gibt, kommen immer noch alle zu Thomas und Holger. (lacht) Wir haben schon Bierfässer durch den Dreck geschleppt, wir wissen, wovon wir reden, wenn es um Veranstaltungen geht. Trotzdem maßen wir uns nicht an, dass wir in allen Bereichen die Weisheit gefressen haben. Dementsprechend haben wir uns Leute reingeholt, die auf ihren Gebieten Profis sind. Wir haben hier jedes Jahr 85.000 Menschen. Gewisse Strukturen mussten einfach mitwachsen.

Sie sind beide Jahrgang 1966 und damit im Alter vieler Heavy-Metal-Musiker. Ihre Freundin Doro Pesch ist ein Jahr älter, die Sänger Ihrer diesjährigen Headliner Def Leppard und Judas Priest – Joe Elliott und Rob Halford – sind 66 und 74 Jahre alt …

Jensen: 60 ist ein Superalter! (lacht) Ich will jetzt nicht sagen, dass es nicht auch gut war, als wir noch unsere Jugend hatten. Aber Hauptsache ist doch, du bleibst jung im Kopf.

Hübner: Ich glaube, es wird mir nicht wehtun, zwei Tage vor Festivalbeginn 60 zu werden. Auch weil noch so viele Weggefährten am Start sind. Allerdings kommen auch die Einschläge näher, das bleibt nicht aus, wenn du älter wirst. So manche unserer Freunde sind nicht mehr da. Ich denke zum Beispiel an Lemmy und an Phil Campbell von Motörhead, der vor zwei Monaten starb und dieses Jahr 65 geworden wäre.

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Wie lange wollen Sie noch dabeibleiben?

Jensen: Wir haben nicht vor, in Rente zu gehen.

Hübner: Wir sind glücklich, dass wir noch so agil und so fit sind und Bock haben. Wir brennen immer noch dafür, den Fans jedes Jahr ein geiles Festival zu liefern. Ich vergleiche uns gerne mit den Fußballern. Manche haben ihr Hobby zum Beruf gemacht und damit Geld verdient. So war es auch bei uns. Unser Vorteil ist: Wir können den Job länger machen. Um Lemmy zu zitieren: „Wenn du glaubst, du bist zu alt, dann bist du es.“

Jensen: Es ist ein schönes Gefühl, auf etwas zurückblicken zu können, das uns sehr stolz macht. Wir haben den Leuten viel gegeben, und wir haben viel bekommen. Wir leben nach wie vor unseren Traum. Wenn man sich unser Leben so anguckt, dann haben wir es schon ziemlich gut getroffen.

Wacken Open Air: 29.7.-1.8., Wacken, Vier-Tage-Tickets ab 351 Euro; Film: „Wacken –  Hearts Full Of Metal“, MagentaTV (am 27.6. kann die Doku kostenfrei gestreamt werden)

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