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Uebel & Gefährlich: Wie es dem Hamburger Club nach einem Jahr Lockdown geht

Uebel & Gefährlich-Booker: So war das Lockdown-Jahr – und so geht es weiter

13.03.2021
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Malte von der Lancken, Booker des Uebel & Gefährlich. Foto: Hami Roshan

Stille statt lauter Bässe, Leere statt voller Dancefloors: Seit genau einem Jahr sind Hamburgs Clubs im Lockdown. Wie geht es den Läden – und den Menschen, die von der Party leben? Ein Gespräch mit Malte von der Lancken, Booker des Uebel & Gefährlich im Feldstraßenbunker.

MOPOP: Ihr habt seit einem Jahr geschlossen. Die wichtigste Frage zuerst: Wie lange haltet ihr das noch so durch?

Malte von der Lancken: Wir leben noch. Wir sind noch optimistisch. Aber wir sitzen nicht auf einem Kissen und sagen: Bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag klappt das schon. Wir haben uns eine gewisse Zuversicht antrainiert, hangeln uns aber nach wie vor von Monat zu Monat. Grundsätzlich sind wir optimistischer, als wir es in den ersten zwei Wochen von Corona waren.

Die Bar des Uebel & Gefährlich. Normalerweise voll mit Durstigen. Manchmal gibt‘s auch Apfelschnitzchen. Foto: Hami Roshan

 

Erinnerst du dich noch an die letzte Veranstaltung im Uebel&Gefährlich?

Natürlich: Das war am 13. März, ein Konzert mit Boy Pablo. Da hatten wir schon etwas Bedenken, weil natürlich schon jeder über Corona gesprochen hat. Wir haben uns dennoch entschieden, die Veranstaltung durchzuziehen, weil sie nicht ausverkauft war und der Künstler samt Band quasi schon vor der Tür stand. Wir haben ein Formular eingerichtet, in das sich jeder Besucher eintragen musste. Damals war das komplett neu und auch irgendwie absurd. Die Party, die im Anschluss geplant war, haben wir abgesagt. Von Seiten der Behörde gab es da noch keine Auflagen – die kamen erst am Montag danach.

Was dachtet ihr, als es dann in den ersten Lockdown ging?

Wir dachten: Das war es jetzt für uns. Als Musikclub schlittert man finanziell immer auf Messers Schneide. Und das Frühjahr ist wichtig, damit man über den Sommer kommt. Da war die Sorge sehr konkret und groß, dass unser Traumschloss bedroht ist. Für uns und alle, die da dranhängen: Das Kernteam, aber auch MusikerInnen, DesignerInnen, TechnikerInnen, unsere Bar-, Tür- und Garderobenleute.

Ein Jahr ist der letzte Auftritt vor Publikum auf dieser Bühne her. Foto: Hami Roshan

 

Wenn ein Club vom einen auf den anderen Tag dicht machen muss, bedeutet das Einschnitte auf vielen Ebenen.

Zum einen ging es um die persönliche Existenzen: Miete bezahlen, Brot kaufen. Aber zum anderen hat man sich halt auch einen kulturellen und subkulturellen Freiraum geschaffen – wenn sowas einmal weg ist, ist das nicht so leicht, sowas wieder entstehen zu lassen mitten in Hamburg.

Was ist mit euch in den ersten Wochen des Lockdowns passiert?

Es entstand ein krasser Aktionismus, wir haben den Kopf nicht in den Sand gesteckt, weil wir im kreativen Bereich ja ohnehin so gepolt sind: Lösungen finden, aus Problemen was machen. Wir haben zusammen mit anderen Clubs die Berliner Streaming-Initiative „United we stream“ nach Hamburg geholt. Konzerte und DJ-Sets streamen, Clubkultur nach Hause holen. Wir haben das gemacht, was sich in dem Moment richtig angefühlt hat und ein Lebenszeichen gesendet.

Wie hat das aus eurer Sicht funktioniert?

In den ersten Wochen war da eine krasse Aufmerksamkeit und Bereitschaft. Wir waren überwältigt vom Zuspruch der ersten Streams, auch davon, wie viele Leute bereit waren, etwas in einen virtuellen Spendentopf zu werfen für etwas, was man online eigentlich frei konsumieren konnte. Diese Wertschätzung hat uns Kraft gegeben. Was wir damit verdient haben, haben wir gesplitet mit dem Team, mit TechnikerInnen, KünstlerInnen.

Im Laufe des Jahres hat sich eine gewisse Streaming-Müdigkeit eingestellt.

Klar, in den ersten Wochen war da eine ganz andere Aufmerksamkeit und Bereitschaft da. Aber Streams können halt nur sehr bedingt die Emotionen imitieren, die ein echtes Konzert oder eine echte Party bringen. Und letztendlich war das auch keine ausreichende Einnahmequelle für alle, die von einem normalen Clubbetrieb leben. Geschweige denn kostendeckend. Trotzdem haben wir immer weiter versucht, Menschen eine Plattform zu geben. Daraus ist dann der  Online-Radiosender „[sic]nal“ (www.sicnal.de) entstanden, auf dem wir zwei bis drei Mal die Woche live senden – so versucht man die Situation zu nutzen um daraus neue Dinge entstehen zu lassen. Aber es kann natürlich nicht die Club-Normalität nachstellen: Feiern, dem Alltag entfliehen, neue Leute treffen, Safe-Spaces schaffen, glücklich sein.

Für ClubbesucherInnen ist der Verzicht darauf hart, für Menschen, deren Job so ein Club ist, nochmal härter.

Für Solo-Selbständige – vor allem TechnikerInnen und KollegInnen, die an Bar, Tür, Garderobe arbeiten – hat sich direkt eine prekäre finanzielle Situation ergeben. Da gab es Soforthilfen, für die es jetzt Rückzahlungsforderungen gibt. Das sind alles Menschen, die einen Club ausmachen, die Input reinstecken. Da bleibt für viele nicht mehr die Luft, was Neues, Kreatives zu machen – da geht es am Ende nur darum, die Miete zusammenzukratzen. Es tut schon weh, die Leute zu sehen, die ansonsten so viel reinstecken in so ein Projekt und dann so am Struggeln sind.

Wie erging es euch als festem Kernteam persönlich?

Es gab viele emotionale Tiefs, in die wir individuell, aber auch als Kollektiv gefallen sind. Ab einem gewissen Zeitpunkt ging es aber darum, die Situation zu akzeptieren, auch auf sich persönlich zu achten. Man schaltet in eine Art Selbsterhaltungsmodus, versucht, Kontakte zu halten. Man ist dauerhaft angespannt, denkt darüber nach wie es wird, wenn die Türen irgendwann wieder aufgehen.

Lärm macht hier leider gerade nur die Baustelle. Foto: Hami Roshan

Wie habt ihr politische Entscheidungen aufgenommen?

Am Anfang dachte man: Die Clubs fallen durchs Raster. Aber es ist ein Bewusstsein für unsere Bedeutung fürs kulturelle Leben in der Stadt entstanden. Man merkt: Clubs stehen nicht mehr in einer Kategorie mit Spielotheken, man wird genannt mit Theatern und Ausstellungen. Das gab es so klar vorher nicht. Das war längst überfällig, trägt dazu bei, dass da Verständnis und Bewusstsein ist, das zu retten. Gerade in Hamburg hat die Kulturbehörde das auch verstanden. Aber je länger der Lockdown andauert, desto mehr wird sich zeigen, wie lange da der Atem in Sachen Unterstützungsbereitschaft ist. Das geht dann auch über die aktuelle Situation hinaus.

Was denkst du: Wann könnt ihr wieder aufmachen?

Im Sommer werden hoffentlich wieder Konzerte in kleinerem Kreis unter Hygieneauflagen möglich sein, bei denen man dann wieder Livemusik genießen kann. Aber eine Party, die es sich lohnt, Party zu nennen? Ich gehe aktuell nicht davon aus, dass das vor Ende des Jahres geben wird. Andererseits kann sich das auch verdammt schnell ändern – aber dafür muss sich in Sachen Impfungen noch ordentlich was bewegen. Wir würden auch am Eingang impfen. (lacht)

Wie wird das, das erste Mal wieder Uebel & Gefährlich ohne Corona-Auflagen?

Gänsehaut. Wir haben zuletzt ein bisschen umgebaut, zum Beispiel wurde eine neue Lüftungsanlage eingebaut. Und da gab es einen Soundcheck um zu gucken, ob alles passt und der Sound nicht beeinträchtigt wird. Da stand ich seit langem mal wieder mitten im Club, während die Anlage voll aufgedreht war. Dieses Erlebnis, den Bass im ganzen Körper vibrieren zu fühlen – mein Grinsen ging bis an die Ohren. Und in dem Moment war mir so klar: Wow, wenn das irgendwann wieder hier losgeht, muss man eigentlich jede/n vorher an die Hand nehmen und sagen: Pass auf, das wird dich gleich umhauen. Die Vorfreude auf diesen Moment gibt uns weiter Zuversicht.

Interview: Stefan Düsterhöft

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