Nach sechs Jahren Album-Pause meldet sich die Hamburger Band Tonbandgerät zurück. Im MOPOP-Interview sprechen Sänger Ole Specht und Gitarristin Sophia Poppensieker über die Platte, Veränderung und Vergänglichkeit – und das finanzielle Risiko, das Tourneen mit sich bringen.
Euer neues Album kommt am 10. Oktober raus, am gleichen Tag spielt ihr eine ausverkaufte Release-Show im Bahnhof Pauli. Die Platte heißt „Ein anderes Leben“. Was ist denn jetzt anders bei euch?
Ole Specht: Unser letztes Album ist vor sechs Jahren erschienen. Und wir sind einfach in einer anderen Lebensphase angekommen, genau wie die Leute um uns herum: Wir haben oft das Gefühl, dass unser Beruf – Musik machen – damals noch überhaupt nicht „merkwürdig“ war im Vergleich zu anderen. Freunde haben noch studiert, waren ein bisschen entspannter unterwegs, wir haben uns zusammen noch ein bisschen häufiger die Nächte um die Ohren geschlagen. Und in den sechs Jahren ist so viel passiert, viele haben Kinder bekommen, Häuser gebaut.
Sophia Poppensieker: Leute, die wir zufällig mal treffen, sagen nicht mehr: „Oh cool, du machst Musik“ – sondern eher: „Du hast doch mal Musik gemacht – was machst du denn jetzt?“ (lacht) Wir machen jetzt seit 18 Jahren als Band Musik zusammen. So lange durchzuhalten, das ist einfach was sehr Seltenes in dieser Branche – etwas, wovon die Leute nicht ausgehen.
Vor der sechsjährigen Album-Pause habt ihr häufiger neue Platten rausgebracht. Warum hat das jetzt so lange dauert?
Ole: Das war so nicht geplant. Eigentlich wollten wir 2020 ein neues Album veröffentlichen, der Zwei- bis Drei-Jahres-Rhythmus hat sich für uns gut angefühlt: In dem Zeitraum haben wir genug erlebt, hatten genug Zeit zum Schreiben. Das wollten wir 2020 auch machen. 2019 war ein gutes Jahr für uns, wir haben sehr viel gespielt, in Hamburg ein eigenes Stadtpark-Open Air – für uns als Band war das der größte Live-Meilenstein, es hat sich wie ein großer Traum angefühlt. Uns war klar, jetzt geht es Richtung Album Nummer vier – und dann kam Corona und hat alle Pläne zerschossen.
Sophia: Statt eines Albums haben wir während Corona zwei EPs aufgenommen. Uns wurde gesagt: Die Leute brauchen ein Lebenszeichen von euch, sonst verschwindet ihr in der Versenkung, sonst wird eure Band Corona nicht überleben. Es war schön, Musik zu machen – aber nur auf Spotify-Klicks gucken, das ist nicht das, worauf wir Lust haben. Gleichzeitig hat es funktioniert: Auf der EP war eine Nummer mit Stefanie Heinzmann, unser erfolgreichster Radio-Song bislang.
Wie ist die neue Platte entstanden?
Ole: Als die zweite EP durch war, war klar: Als nächstes machen wir wieder ein Album. Dann haben wir mit Felix Gerlach, einem großartigen Musiker und Produzenten, zusammengearbeitet. Die Produktion war auf Augenhöhe: Wir als Band haben mittlerweile ja auch eine gewisse Erfahrung – und wir haben zusammen mit Felix tolle Ideen entwickeln.
Sophia: Wir sind eine Hamburger Band, schon immer gewesen. Aber wir haben zum ersten Mal hier ein Album aufgenommen, eine sehr schöne Erfahrung. Sonst waren wir wochenlang in Berlin oder Köln – auch toll. Aber es ist auch gesund, nach Hause zu gehen nach dem Studio – und dort gibt es andere Themen.
In eurer aktuellen Single „So schwer/so leicht“ geht es um die Vergänglichkeit des Moments.
Sophia: Es gibt so viele Momente im Alltag, in denen man etwas zum letzten Mal tut: Das können kleine Sachen sein – zum Bespiel, dass man zum letzten Mal seine Lieblingsschuhe trägt, bevor sie kaputtgehen. Wenn man jetzt wüsste: Das ist das letzte Mal – wäre das gut? Will man das wissen? Oder nimmt das die Leichtigkeit? Darüber haben wir viel nachgedacht.
Ole: Ich glaube, das kennt ja jeder: Dass man an Sachen in der Vergangenheit denkt, die vielleicht total banal oder blöd waren – und im Nachhinein denkt man: Oh man, ich hätte das so gerne gewusst, dass das nie wieder so kommt.
Schon Ende Mai habt ihr mit „88 Luftballons“ einen Song gegen Rechtspopulismus rausgebracht. Seid ihr als Band politischer geworden?
Sophia: Wir als Band waren schon immer politisch. Wir haben für Pro-Asyl gespielt, wir haben im Hambacher Forst gespielt, auf mehreren Demos.
Ole: Allerdings sind wir noch nie so konkret geworden wie im Song „88 Luftballons“. Aber die politische Landschaft hat sich in der Zwischenzeit auch noch mehr verändert – ich finde das macht total Sinn, dann auch so einen Song zu machen. Unsere Songs haben immer das thematisiert, was uns gerade beschäftigt hat.
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Im Frühjahr geht ihr auf Tour – wie blickt ihr dem entgegen?
Sophia: Mit Vorfreude und Respekt – obwohl wir eigentlich gemerkt haben, dass unsere Touren tendenziell immer schöner werden. Weil wir die Anfängerfehler nicht mehr machen. Alles ist entspannter, nicht mehr so verkatert – einfach schön.
Ole: Es gibt viel mehr Routine, nicht auf der Bühne, aber drumherum. Die Abläufe sind klar, jeder Handgriff sitzt.
Und ihr geht jetzt um elf mit nem Tee ins Bett?
Ole: Ich hab’s mir vorgenommen – aber es wird wohl nicht passieren. (lacht) Ich weiß, dass ich nach der dritten Show mutmaßlich am Abend doch ein paar Bier zu viel trinke und denke: Nein, wie soll ich das morgen schaffen? Aber im Vergleich zu damals habe ich jetzt einige Stimmtechniken an der Hand.
Große Acts wie Taylor Swift und Beyoncé verkaufen ihre riesigen Konzerte binnen Minuten aus, für kleine Bands wird es schwieriger, Tickets zu verkaufen.
Ole: Ja, merken wir auch. Uns haben auch ein paar Leute gesagt: Ihr seid bescheuert, dass ihr so eine Tour spielt, mit so vielen Terminen. Und es sind auch kleinere Shows dabei, in Locations für 200 Leute. Wenn die ausverkauft sind, dann gehen wir da mit null Euro raus – tragen aber trotzdem im Vorfeld ein finanzielles Risiko. Aber es ist nun mal so, dass live spielen für uns das schönste ist. Ich habe immer noch den kindlichen Traum, uns die Leute zu erspielen: Dass dann beim nächsten Mal 400 statt 200 Leuten kommen. Das hat bis Corona gut funktioniert.
Sophia: Wir mussten jetzt alles etwas kleiner fahren: Alles wird teurer, die Bereitschaft, Geld für Konzerte auszugeben, nimmt ab. Wir spielen trotzdem – weil wir hoffen, dass es danach wieder weiter nach oben geht.
Was erwartet die Leute bei eurem Heimspiel-Konzert im Grünspan?
Ole: Es ist die letzte Show unserer Tour, wir werden unglaublich eingespielt sein. Und für uns ist es natürlich immer was Besonderes, in der Heimat zu spielen, vor vielen Freunden. Plus: Wir werden die beste Setlist haben – schließlich haben wir ja jetzt noch mehr gute Songs.
Sophia: Natürlich spielen wir nicht nur die neue Platte. Es gibt ja Bands, die sagen: Die alten Songs spielen wir nicht mehr. Das können wir nicht nachvollziehen, sowas gibt’s bei uns nicht.
Album: „Ein anderes Leben“, ab 11.10.; Konzerte: 11.10., 19 Uhr, Bahnhof Pauli (ausverkauft); 9.3.2025, 20 Uhr, Gruenspan, 39,20 Euro

































