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Interviews

Tocotronic: „Jeder von uns fühlte sich als Außenseiter“


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Rick McPhail (v.l.), Arne Zank, Jan Müller und Dirk von Lowtzow als Außenseiter vereint. Foto: Universal

Gerade haben Tocotronic ihr starkes und von ihnen besonders geliebtes Album „Nie wieder Krieg“ veröffentlicht. Im MOPOP-Interview spricht Bassist Jan Müller über Querdenker, die sich gewisse Begriffe auf bösartige Weise aneignen, (politische) Statements, den Backstein-Stil, Snobismus und Humor in Hamburg und reduzierende Labels.

MOPOP: Sie haben Ihr Album in der Ankündigung als eines Ihrer schönsten bezeichnet. Stimmt das? Oder denkt man das nicht von jedem Album?

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Jan Müller: Das ist eine sehr gute Frage! Generell ist es schon so, dass das aktuelle Album einem nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich am nächsten ist. Und man hat es natürlich auch immer gern – wenn nicht, wäre das ja total schwierig. Aber irgendwie hatten wir dieses Mal ein ganz besonders zärtliches und warmes Gefühl für „Nie wieder Krieg“. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass wir so viel Zeit hatten, darüber nachzudenken. Wir hatten es ja wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben.

Das 13. Album ist bei Vertigo/Universal erschienen.

 

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Das Album springt vom Großen ins Persönliche. Den Albumtitel „Nie wieder Krieg“ versteht man als politisches Statement, dabei ist inhaltlich eher ein persönlicher Krieg gemeint.

Das kann man so sagen, ja. Der Text ist eigentlich eine Erzählung mit drei Protagonisten, die sich alle in einem Zustand einer inneren Krise befinden und sich wünschen, diese wieder zu beenden. Aber wenn man so einen Albumtitel auswählt, schwingt da natürlich auch die engere Bedeutung der Vokabel „Krieg“ mit und das haben wir uns natürlich auch so gewünscht. Der Titel war unsere erste Idee, zwischendrin hatten wir einige andere, aber zum Schluss sind wir wieder dabei gelandet. Wir haben uns auch gefragt, wie die Pandemie-Situation sein wird, wenn das Album herauskommt. Passt der Titel gut oder nicht so gut in die Zeit? Und gerade gibt es ja tatsächlich das Problem, dass sich die rechtsoffene Querdenker-Szene in ganz schamloser und bösartiger Weise gewisse Begriffe aneignet. Ganz massiv zum Beispiel die Vokabel „Frieden“. Aber deswegen haben wir uns erst recht für unseren Titel entschieden. Solchen Menschen sollte man nicht den Raum überlassen. Und diese Begriffe weniger nihilistisch besetzen, als sie es tun.

„Die rechtsoffene Querdenker-Szene eignet sich in ganz schamloser und bösartiger Weise gewisse Begriffe an. Ganz massiv zum Beispiel die Vokabel „Frieden“.

Jan Müller (50), Bassist von Tocotronic
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In Ihrem eigenen „Reflektor“-Podcast sagten Sie mal, dass es der Band gar nicht so lieb ist, immer wieder die Songtexte aufzudröseln.

Das ist vermutlich nicht ungewöhnlich, dass eine Band sagt, dass sie ungern ihre eigenen Texte interpretiert. Der Texter und Sänger hat durch den Text ja eigentlich schon alles gesagt und wenig Drang, das nun mit anderen Worten zu wiederholen. Und die anderen Bandmitglieder an den Instrumenten sprechen oft lieber übers Musizieren und nicht über den Text, für den sie ja gar nicht verantwortlich sind. Aber ich finde es andererseits auch interessant, weil man oft ganz neue Impulse dadurch bekommt, wenn Journalisten, Freunde oder Leute, die man trifft, schildern, was sie in den Texten sehen. Das Problem ist lediglich der Drang, der an einen herangetragen wird, einen Text zu erklären. Es gibt oft gar keine zwei Ebenen, also: „So meine ich das eigentlich und so verklausuliere ich es.“ Das wird uns aber teilweise unterstellt, weil die Texte manchen Menschen kompliziert erscheinen. Dirks Arbeit ist da einfach oft assoziativ oder er arbeitet mit Zitaten. Deswegen lässt sich nicht sagen: „Das meinen wir damit.“ Ich erinnere mich manchmal an meine Schulzeit und zermürbende Deutungssitzungen zu Texten von Günther Grass und ähnlichen Autoren. Ich glaube, dass sich mittlerweile in der Literatur und Poesie einiges getan hat. Zumindest sollte Interpretation nicht die Sache des Autors sein. Aber ich selbst rede auch gerne über die Texte von anderen Bands, so ist es nicht.

Wenn man sich diese Songliste durchliest, könnte man wirklich denken, Tocotronic hätten einen Pandemie-Soundtrack gemacht. Screenshot: Twitter
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Es wurde eine Liste mit Tocotronic-Songs von der Nutzerin Teresa Petrik auf Twitter veröffentlicht. Sie schrieb, dass diese Songs zu den unterschiedlichen Phasen der Pandemie passen. Das war wirklich verblüffend.

(lacht) Ich fand das auch sehr lustig! Sie hat sich intensiv mit unserem Werk auseinandergesetzt und kennt sich damit teilweise offenbar noch besser aus als wir selbst. Bei unseren Pandemie-Konzerten haben wir zum Beispiel auch den Song „Die neue Seltsamkeit“ vom Album „K.O.O.K.“ aus dem Jahr 1999 gespielt – der war auch auf dieser Liste. Und da waren wir natürlich auch selbst überrascht, was für eine Aktualität der Song auf einmal hatte. Das war damals ja nur ein Gedankenspiel und gerade ist das alles auf einmal sehr nah an der Realität.

Sie haben diese Liste dann auch noch selbst erweitert. Man könnte fast sagen, dass Sie Hellseher sind.

Das stimmt, aber ans Hellsehen glaube ich nicht. Aber Dirk hat in mancherlei Hinsicht ein prognostisches Talent und ist mit seinen Texten der Zeit oft voraus. „Hoffnung“ war ja unsere erste Vorab-Single. Der Text passt so gut, ist aber bereits ein Jahr vor der Pandemie-Zeit entstanden. Aber wir sind ja nun auch schon über 25 Jahre dabei und haben viele Songs veröffentlicht – vielleicht findet sich dann auch einfach immer irgendwie etwas passendes. „Die Folter endet nie“ hat ja erst mal nichts mit Corona zu tun, aber man kann den Song natürlich sehr witzig in diesen Zusammenhang stellen.

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Mit „Nie wieder Krieg“, „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“, „Ich hasse es hier“ oder „Komm mit in meine freie Welt“ setzen Sie Statements – Sie selbst nennen es „Sloganeering“. Warum ist das so stark auf diesem Album ausgeprägt?

Ich glaube, es gibt bei uns Bewegung bzw. Wellen, um es mal pandemisch auszudrücken. (lacht) Seit dem sogenannten „Roten Album“ von 2015 arbeitet Dirk und arbeiten auch wir gemeinsam daran, eine konkretere und auch einfachere Sprache zurückzugewinnen. Das Vorgängeralbum „Wie wir leben wollen“ aus dem Jahr 2013 bot sehr viel Gelegenheit – für jeden, den es interessierte – Fußnoten und Verweise zu finden. Aber seitdem geht es wieder in eine andere Richtung. Bei „Die Unendlichkeit“ bot sich eine einfache Sprache an, weil Dirk damit einen biografischen Ansatz verfolgt hat. Bei solch einer Direktheit liegen Statements dann auch auf der Hand. Dirk hat eh ein Talent dafür, Slogans zu finden und zu kreieren.

Welche anderen Musiker:innen betreiben aus Ihrer Sicht denn auch ein gutes Sloganeering?

Ich weiß nicht, ob ich da gerade schon wach genug für bin. (lacht) Im HipHop gibt es da natürlich viel, weil es ja viel mehr um Sprache und Sprachwitz geht. Aber es gibt auch sehr viel in Bereichen, wo man gar nicht sofort darauf kommen würde. Letztens habe ich zum Beispiel Bonnie „Prince“ Billy wiederentdeckt – den haben Dirk, Arne und ich in den ersten Jahren von Tocotronic viel gehört. Von ihm gibt es zum Beispiel den Song „I See A Darkness“, den auch Johnny Cash gecovert hat. Viele seiner Songtitel könnte man auf T-Shirts drucken lassen.

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Dirk von Lowtzow hat ja schon viele Song-Kollabos mit andern Künstler:innen gemacht. Für Tocotronic ist „Ich tauche auf“ mit der Künstlerin Soap&Skin die Premiere. Warum erst jetzt?

Auf unserem letzten Album „Die Unendlichkeit“ hatten wir zwar kein Feature drauf, aber bei unserem Release-Konzert hat Joy Denalane „Kapitulation“ mitgesungen und Monchi von Feine Sahne Fischfilet „Aber hier leben, nein danke“. Uns eröffnete sich, dass es eine schöne Sache sein kann, jemanden stimmlich in unseren Kosmos eindringen zu lassen. „Ich tauche auf“ ist ja kein Duett im klassischen Sinn mit A- und B-Teil. Aber es lag auf der Hand, dass es toll wäre, wenn noch eine zweite Person dabei wäre. Und Anja Plaschg von Soap&Skin schien uns die perfekte Duettpartnerin für Dirk zu sein. Sie mochte den Song und hat glücklicherweise zugesagt. Wir sind sehr froh, dass wir nicht so verschwenderisch mit Features umgegangen sind. So ist es nun etwas sehr Besonderes.

Bei wem würden Sie sofort zusagen, wenn er oder sie ein Feature bei Ihnen anfragen würde?

Bonnie „Prince“ Billy wiederhole ich gerne noch mal. Von Debbie Harry bin ich auch großer Fan. Hayiti mag ich auch sehr gern. Aber ich kann das natürlich nicht alleine sagen, da muss ich erst mal die ganze Band fragen. Interessant finde ich es immer dann, wenn das Feature aus einer ganz anderen musikalischen Welt und Generation kommt. Anja Plaschg war definitiv jemand, den wir uns alle sehr gewünscht haben, weil wir ihre Musik sehr bewundern.

Ist das Album ein Konzeptalbum? Weil man es ja auch wie eine Lebensgeschichte mit all seinen Höhen und Tiefen lesen kann.

Diese Assoziation, finde ich sehr schön, aber im engeren Sinne würde ich „Nie wieder Krieg“ nicht als Konzeptalbum bezeichnen. Wir haben natürlich immer ein gewisses Konzept oder einen roten Faden und bei „Die Unendlichkeit“ war das ja alleine durch die biografischen Elemente gegeben. Bei „Nie wieder Krieg“ haben wir für uns festgestellt, dass es einen schönen Effekt hat, wenn man das Album am Stück hört, aber darüber hinaus geht es nicht.

Am Ende möchte ich noch mal über Hamburg sprechen. Ist die Stadt noch sehr besonders für die Band oder gar nicht mehr so wichtig?

Hamburg ist meine Heimatstadt, ich habe über 30 Jahre in ihr gelebt. Und ich merke, wenn wir jetzt in der Pandemie-Zeit weniger unterwegs sind und ich dann mal in Hamburg bin, dass ich ein sehr warmes Gefühl gegenüber Hamburg habe. Das Konzept dieser Stadt gefällt mir sehr gut. Mal ganz abgesehen von der Kultur und dem Nachtleben – ich mag die Größe der Stadt. Sie ist weder zu groß, noch zu klein, Ich liebe die Elbe, die Alster und den Backstein-Baustil. Hamburg hatte aber auch schon immer etwas Snobistisches. Ich bin in Winterhude aufgewachsen, der Stadtteil ist ein Schnittpunkt zwischen gut situiert und proletarisch. Diese Reibung habe ich durchaus miterlebt. Die Hamburger Art und Mischung aus Strenge und kernigem Humor finde ich außerdem sehr schön. Es gibt Hamburger Eigenarten, die ich in Berlin vermisse. Insofern wird Hamburg immer wichtig sein, aber mein Lebensmittelpunkt ist nun in Berlin, aus ganz persönlichen Gründen. Für mich war es auch einfach wichtig, im Leben zumindest einmal den Ort zu wechseln. Ich erinnere mich in Hamburg auch an vieles zurück, was unsere Band betrifft. Ich weiß nicht, ob sich das, was sich da mit uns ereignet hat, so in einer anderen Stadt auch ereignet hätte. Wahrscheinlich nicht.

Kommt bei Ihnen hier denn immer noch ein magisches Gefühl für die „Hamburger Schule“ auf? Oder bedeutet Ihnen dieses Label gar nicht mehr so viel?

Das Label hat sich ein Journalist von der „TAZ“ ausgedacht und wir haben diesen Begriff ja auch als ganz junge Band in einem Song von uns aufgenommen, weil wir es ganz toll fanden, zu einer Szene dazuzugehören. Denn jeder von uns dreien – und jetzt auch vieren – hat sich Zeit seines Lebens als Außenseiter gefühlt. Man war Teil einer Szene, die sich als Avantgarde begriff. Sie hatte einen ganz eigenen Ansatz und doch haben alle Bands ganz unterschiedliche Musik gemacht. Die Bandbreite ging von Indierock, wie wir ihn gemacht haben, über Pop, bis zu Punk und Funk. Aber dennoch war es immer so, dass wir als Band auch den Ehrgeiz hatten, etwas ganz eigenes zu sein und nicht immer einsortiert werden wollten. Irgendwann wurde aus dem Begriff „Hamburger Schule“ ein Label, das wir als reduzierend wahrgenommen haben.

„Nie wieder Krieg“ ist bei Vertigo/Universal erschienen. Die Tocos spielen am 16.4. in der edel-optics.de-Arena, Tickets ab 39 Euro gibt‘s hier!

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