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Sting: „Endlich zurück zu Hause, zurück in meinem Wohnzimmer, der Bühne“

Sting: „Endlich zurück zu Hause, zurück in meinem Wohnzimmer, der Bühne“

23.09.2021
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Sting wird am 2. Oktober 70 Jahre alt. Aber bloß nicht „Happy Birthday“ singen, das hasst er! Foto: Eric Ryan Anderson

Sting war der Ehrengast der Reeperbahn-Festival-Eröffnung am Mittwochabend. Seinen Aufenthalt in Hamburg nutzte der Weltstar auch gleich, um seine Single „Rushing Water“ (vom neuen Album „The Bridge“) vorzustellen. Beim MOPO-Interview im „Hyatt Hotel“ tags zuvor wuselte ein Team aus PR-Agenten und Tourbegleitern um ihn herum. Doch der 17-fache Grammy-Gewinner, der sonnengebräunt und ziemlich erholt erschien, blieb gelassen – und war bestens aufgelegt, als er über sein Engagement für das Klima sprach und von Angela Merkel schwärmte.

MOPOP: Eine bessere Stadt als Hamburg hätten Sie sich gar nicht aussuchen können, um Ihr neues Album zu bewerben, oder?

Sting: Wegen des Wassers?

Wegen der Brücken!

(lacht) Ach ja, der Albumtitel! Hamburg soll ja mehr Brücken haben als Venedig! Und mehr als jede andere Stadt der Welt! Ich bin hier wirklich gut aufgehoben.

Auch wegen Udo Lindenberg, unseres inoffiziellen Bürgermeisters, der Sie mal als „brother from another mother“ bezeichnet hat.

(lacht) Ich habe Udo vor ein paar Jahren mal einen Preis für sein Lebenswerk überreicht. Ich hab’ seitdem zwar nicht mehr von ihm gehört, aber ich liebe ihn, er ist wundervoll – eine echte deutsche Rock’n’Roll-Ikone! Er war der erste Künstler, der Rock’n’Roll auf Deutsch machte und ihm seinen Stempel aufdrückte. Ich habe viel Respekt vor ihm.

Sting und Udo Lindenberg bei einer Preisverleihung 2019. Sting gerät ins Schwärmen: „Er ist wundervoll – eine echte deutsche Rock’n’Roll-Ikone!“ Foto: picture alliance/dpa/Reuters/POOL | Fabrizio Bensch

In Ihrem Video zum neuen Song „Rushing Water“, den Sie auch bei der Eröffnung des Reeperbahn-Festivals gesungen haben, stehen Sie am Ende im Meer und singen: „Breathe into Water“. Ist das eine Atem-Technik, die Sie selbst anwenden?

Es ist eine Art Taufe. Ich taufe mich quasi selbst. Jeden Morgen wache ich auf und springe in das kalte Wasser. Das Schwimmen ist meine Therapie. Es ist eine schöne Art, den Tag zu beginnen. Es weckt den Körper auf. Danach brauche ich zum Aufwärmen aber wirklich erst mal einen Kaffee.

Sie haben die Platte während der Pandemie geschrieben. Wie hat das die Songs beeinflusst?

Ich hatte ganz sicher nicht die Absicht, über die Pandemie zu schreiben. Selbst als das Album fertig war, wusste ich immer noch nicht, worum es darauf ging. Und dann guckte ich über die Liste an Songs und realisierte, dass sich alle Charaktere, über die ich geschrieben hatte, im Übergang befinden zwischen Leben und Tod, zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Beziehungen, zwischen der Gegenwart und der Zukunft. Das war also die Brücke. Sie dient mir als Metapher. 

Wofür?

Jeder von uns sucht die Brücke in die Zukunft. Die Brücke dorthin, wo wir uns sicherer fühlen können und glücklicher. Alle Probleme, mit denen wir derzeit konfrontiert sind – die Klimakrise, die Pandemie, politischer Extremismus – verlangen nach einer Lösung. Ich habe auch keine Lösung, aber wenn es eine gibt, dann liegt sie in Empathie und Liebe.

Wir sitzen alle im selben Boot. Ein „Wir haben Glück und ihr nicht“ gibt es nicht.

Sting

Wie können wir die Klimakrise mit Empathie und Liebe bekämpfen?

Wir müssen es einfach anpacken! Wir sitzen alle im selben Boot. Ein „Wir haben Glück und ihr nicht“ gibt es nicht. Es ist wie bei der Pandemie: Es ist egal, ob du reich oder arm bist, es killt dich. Auch wenn die ärmeren Leute an vorderster Front betroffen sind, sind wir irgendwann die Nächsten. Ohne Zweifel. Und ich weiß, dass wir dem Rest der Welt helfen müssen. Wir müssen den Menschen Impfstoff geben. Wir müssen ihnen helfen, mit den Klimaveränderungen klarzukommen, und die Ursachen bekämpfen. Denn wir sind alle eine große unglückliche Familie. 

Sie kämpfen ja schon etwas länger gegen den Klimawandel an.

Nun, ich wünschte, ich hätte mich damals geirrt, als ich anfing, mich für den Regenwald zu engagieren und 1987 die Rainforest Foundation gründete. Ich läge lieber falsch, als recht zu haben, glauben Sie mir. Aber ich hab’ mir immer noch ein Fünkchen Optimismus bewahrt. Auch wenn der Kampf von Jahr zu Jahr immer schwieriger wird, müssen wir optimistisch bleiben und uns sagen: Es muss eine Lösung geben. Denn das zeitliche Fenster schließt sich langsam.

In Deutschland steht Sonntag die Bundestagswahl an …

Ja, ich weiß. Wie wollt ihr nur Angela Merkel ersetzen? Das frage ich mich wirklich. Sie war eine Gigantin auf der Weltbühne! Man kann dem Herrgott nur danken für sie. Ich bewundere sie zutiefst.

Wie wollt ihr nur Angela Merkel ersetzen? Das frage ich mich wirklich. Sie war eine Gigantin auf der Weltbühne!

Sting

Tun Politiker:innen genug, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen?

Poliker:innen wollen an der Macht bleiben – das ist ihr wichtigstes Ansinnen. Wir müssen ihnen also sehr klar vermitteln, was uns wichtig ist, und dass sie an der Macht sind, um das zu tun, was wir von ihnen erwarten. Ich habe gerade den Eindruck, dass mehr und mehr Menschen sich bewusst werden, welchen Herausforderungen wir gegenüberstehen, und erwarten, dass die Politik Grundlagen für die Veränderung schafft. Denn als Individuen können wir nur einen gewissen Teil dazu beitragen, wir können recyceln und verantwortungsbewusster leben. Aber bis Politiker nicht klare Regeln und Rahmenbedingungen vorgeben für das Leben der Zukunft, wird es mit der großen Veränderung nichts werden.

Bemühen Sie sich, klimaneutral zu touren?

Ich haben aufgehört, Privatflugzeuge zu benutzen. Letzte Nacht sind wir im Bus von Baden-Baden nach Hamburg gereist. Ich habe im Bus geschlafen, und das klappt viel besser als im Flugzeug. Ich habe natürlich immer noch einen ziemlich großen CO₂-Fußabdruck, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich arbeite stetig daran, es besser zu machen.

Beim Reeperbahn-Festival wird jetzt die Rückkehr zur Live-Musik gefeiert. Freuen Sie sich schon, selbst wieder Konzerte zu geben?

So sehr! Endlich zurück zu Hause, zurück in meinem Wohnzimmer, der Bühne. Ende Oktober werde ich für drei Wochen in Las Vegas auftreten. Mir geht ganz schön die Düse, wenn ich daran denke, weil es ein komplett anderes Ding für mich ist. Mit vielen visuellen Elementen, mit denen man mich zuvor nicht in Verbindung gebracht hat.

Endlich zurück zu Hause, zurück in meinem Wohnzimmer, der Bühne.

Sting

Am 2. Oktober werden Sie 70. Wie werden Sie Ihren Ehrentag feiern?

Ich werde auf der Bühne stehen in einem griechischen Theater unter der Akropolis. Die ist 3000 Jahre alt – dagegen bin ich ein Jungspund! (lacht) Ich bin also bei meinem Publikum, umgeben von meiner Band, und es werden viele Familienmitglieder anreisen. Aber ganz ehrlich: Ich mag keine Geburtstagsfeiern. Weil die Leute dann „Happy Birthday“ singen – das hasse ich! Also singe ich selbst. Das ist die beste Art, das neue Lebensjahr einzuläuten.

Könnten Sie sich vorstellen, wie ABBA einen Avatar von sich auf Tour zu schicken, wenn Sie selbst der Bühne mal überdrüssig werden?

Um Gottes willen, nein! Das wird nie passieren, dazu ist mein Ego zu groß. Ich liebe die Bühne zu sehr und spiele bis zum bitteren Ende.

Album: „The Bridge“ erscheint am 19.11. (Interscope/Universal)

Konzert: 30.3.22, 20 Uhr, Barclays-Arena, 70-110 Euro

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