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Schon Lemmy sagte zu mir: „Nothing’s sure!“ Wacken-Chef Thomas Jensen über Corona und Heavy Metal

„Schon Lemmy sagte zu mir: Nothing’s sure!“ – Wacken-Chef Thomas Jensen über Corona und Heavy Metal

18.01.2021
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Thomas Jensen (54) glaubt an Rainbows Songzeile „Long live Rock’n’Roll“. Foto: Pep Bonet/ICS Festival Service GmbH

Festival-Veranstalter leben momentan in völliger Ungewissheit. So auch Wacken-Gründer Thomas Jensen (54). Ob sein Festival 2021 stattfinden kann? Er hofft das Beste. MOPOP sprach mit ihm über Livemusik und Corona, sein letztes Gespräch mit Lemmy Kilmister, Metal im digitalen Raum, die neue Veranstaltungsreihe „Metal Summit“ (siehe Infos unten) und darüber, dass er niemals aufgeben wird.

MOPO: Wie geht es Ihnen?

Thomas Jensen: Beruflich war das Jahr megaanstrengend und auch sehr emotional. Aber was mich persönlich betrifft, bin ich an meinem Wohnort Husum ja quasi auf der Insel der Glückseligen. Hier in Nordfriesland ist der Inzidenzwert noch niedrig.

Was vermissen Sie gerade am meisten?

Ich schwelge gerade gerne in Erinnerungen. In Hamburg habe ich als Fan meine ersten legendären Konzerte erlebt. Die UK Subs Anfang der 80er zum Beispiel. Oder Manowar noch in der Markthalle – die ist ja quasi das Wohnzimmer des norddeutschen Metallers. Ich vermisse die Vibration beim Intro, dieses physische Empfinden von Musik! Da geht es ja nicht nur um die Lautstärke, sondern auch um die Adrenalin-Ausschüttung. Wenn Lemmy bei Motörhead am Anfang „We are Motörhead and we play Rock ’n’ Roll!“ gegrölt hat, dann war das für mich schon 50 Prozent der Experience. Meine letzte Motörhead-Show habe ich übrigens auch in Hamburg erlebt und konnte auch noch mal mit Lemmy sprechen – das war im Dezember 2015 kurz vor seinem Tod. Da hat er zu mir gesagt: „Nothing’s sure, nothing!“ Was für ein wahrer Ausspruch! Durch Corona hat der jetzt eine ganz andere Dimension bekommen.

Lemmy Kilmisters Ausspruch „Nothing’s sure, nothing!“ hat durch Corona eine ganz andere Dimension bekommen.

Das war jetzt Ihre persönliche Sicht als Metal-Fan. Wie geht’s Ihnen als Wacken-Chef?

Wer mich kennt, weiß, dass sich diese beiden Positionen nicht groß unterscheiden. Als die Entscheidung kam, dass keine Großveranstaltungen stattfinden können, sind wir alle – das Team, das Dorf, die Musiker und die Fans – in ein Loch gefallen. Aber dann hat am Wacken-Wochenende im August unser Streaming-Event „Wacken World Wide“ stattgefunden.

 

2020 fand wegen Corona das Streaming-Event „Wacken World Wide“ statt. Foto: Danny Jungslund/Magenta Musik

 

Aber das war natürlich etwas ganz anderes als das Festival.

Klar. Wir haben „Wacken World Wide“ auch nie als Ersatz verstanden. Das klingt jetzt pathetisch und sehr emotional: In guten wie in schlechten Zeiten! Wenn ich irgendwas aus ganzem Herzen sagen kann, dann: Wacken ist kein Schönwetter-Festival. Deswegen ist „Wacken – rain or shine!“ ja auch unser Motto. Die Fans sind eben nicht nur bei schönem Wetter dabei. Und das kann man ja jetzt auch auf die Corona-Situation ausweiten. Auch in schlechten Zeiten stehen sie zu uns – sei es durch Merchandise-Käufe, durch aufmunternde Worte oder dass sie beim Streaming-Event eingeschaltet haben. Laut der Zeitschrift „Metal Hammer“ war das das größte Streaming-Event der Welt – wir hatten geschätzt elf Millionen Zugriffe. Die Solidarität in der Szene ist riesig. Die trägt uns durch diese Pandemie und hat bewirkt, dass unser Team Unmögliches möglich gemacht hat.

Kommen Sie mit der Ungewissheit zurecht? Auch das nächste Festival ist wie immer ausverkauft, aber es steht noch in den Sternen, ob es 2021 stattfinden kann.

Da muss ich wieder auf das Lemmy-Zitat „Nothing’s sure, nothing!“ zurückkommen. Aber die Band Rainbow hat auch gesagt: „Long live Rock ’n’ Roll!“ Oder von Saxon stammt „Never surrender!“ – „Niemals aufgeben!“ Wir werden niemals aufgeben. Es geht jetzt darum, für Kultur und für Musik da zu sein. Es wird wieder Live-Shows geben, da bin ich mir sicher. In welchem Umfang und wie schnell, das werden wir sehen. Was unser Festival betrifft, sitzen wir gerade in ganz vielen Gremien zusammen und planen alle Szenarien. Wir sprechen auf internationaler und europäischer Ebene mit anderen Festivals – da findet richtig viel Austausch statt. Wir werden tun, was wir tun müssen. Klar ist: Das Wichtigste war schon immer die Sicherheit der Fans und Künstler, auch ganz unabhängig von Corona.

 

Beim 30. Wacken Open Air 2019 war Corona noch fern und die Metaller headbangten sorglos auf dem „Holy Ground“. Foto: ICS Festival Service GmbH

 

Überlegen Sie sich denn auch ein Szenario, wie das Festival auf größerer Fläche mit Hygiene-Konzept stattfinden könnte?

Wir denken da in jede Richtung. Desinfizier-Stationen setzen wir schon lange ein – gerade in unserem Crew-Catering, wo so viele Menschen zusammenkommen und essen. Wir haben ja auch schon BSE und andere schlimme Sachen durch. Im Wacken-Matsch war Hygiene schon immer ein großes Thema! Wenn man mal etwas Positives über das Virus sagen will: Corona hat bewirkt, dass sich jetzt auch jedes Kind regelmäßig die Hände wäscht. (lacht)

Ihren Humor scheinen Sie nicht verloren zu haben.

Das dürfen wir auch niemals! Auch wenn uns – auf Deutsch gesagt – die Scheiße bis zum Hals steht, müssen wir darüber auch mal lachen. Wir sind in der Entertainment-Branche. Es ist unsere Aufgabe, gut drauf zu sein. Aber man darf die Augen auch nicht vor den ganzen Problemen verschließen – die Lage der Kultur ist dramatisch. Wir versuchen da mit unseren Mitteln zu unterstützen. Unsere Stiftung, die „Wacken Foundation“, hat etwa einen Rescue-Fonds für Crewmitglieder eingerichtet. Unser Business-Netzwerk „Metality“ hat Geld für Schlafsäcke für Obdachlose bereitgestellt – und vor kurzem startete das Netzwerk die Veranstaltungsreihe „Metal Summit“. Ich war zu Gast und wir haben den Wert von Kultur in Corona-Zeiten diskutiert.

Die Scheiße steht uns bis zum Hals – aber wir dürfen unseren Humor nicht verlieren.

Wacken-Chef Thomas Jensen (54) über Corona

Was machen Sie als Allererstes, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist?

Ich gehe auf ein richtiges Konzert in einem engen Club wie der Markthalle! Das muss richtiges Geballer sein und klötern im Karton! Das Hosenbein muss flattern vom Bass und das Wasser die Wand herunterlaufen. Deswegen ist es jetzt ganz wichtig, dass wir die Clubs supporten, damit es sie nach der Pandemie überhaupt noch gibt!

Talk im Stream: „Metal Summit“

„Metality“ ist ein Netzwerk von Menschen, die dem wohl härtesten aller Musikgenres zugeneigt sind. Der Anfang 2020 gegründete Verein hat schon Geld für Schlafsäcke für Obdachlose gespendet, weil diese vergangenes Jahr nicht auf dem Wacken Open Air eingesammelt werden konnten. Außerdem startete „Metality“ eine Kampagne, die für ein Grundeinkommen für Musiker wirbt. Vor kurzem fand erstmalig die neue „Metal Summit“-Veranstaltungsreihe statt, bei der Moderator Reinhold Beckmann mit Wacken-Gründer Thomas Jensen, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, Bestsellerautorin Nina George und Weiteren über Metal und die durch Corona aufgeworfene Frage „Wie viel muss dem Staat Kultur wert sein?“ diskutieren wird.

Der Talk kann hier nachgeschaut werden. Mehr Infos über das Netzwerk gibt es unter www.metality.org.

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