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Sarajane: „Warum dürfen hart arbeitende Mama-Nippel nicht im Internet rumhängen?“

Sarajane: „Warum dürfen hart arbeitende Mama-Nippel nicht im Internet rumhängen?“

21.07.2022
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Sarajane zeigt auf dem Albumcover von „Milk & Money“ ihre Brust und wie sie ihren Sohn stillt. Zum Glück hat sie die anfänglichen Bedenken über Bord geworfen und es genau so veröffentlicht. Foto: Leah Bee

Sarajane zeigt auf dem Albumcover von „Milk & Money“ ihre Brust und wie sie ihren Sohn stillt. Zum Glück hat sie die anfänglichen Bedenken über Bord geworfen und es genau so veröffentlicht. Foto: Leah Bee

Die Hamburger Sängerin über ihr starkes Pop-Album „Milk & Money“, das Mutterdasein und ihre Brüste

Läuft bei Sarajane McMinn! Vor Kurzem war die Hamburger Sängerin Teil der Musikshow „All Together Now“ auf Sat. 1, morgen (22.7.) veröffentlicht sie ihr neues Album „Milk & Money“. Mal davon abgesehen, dass es voll feinster und stark produzierter Popmusik ist, hat das Albumcover ja wohl einen Preis verdient, oder? Im MOPOP-Interview spricht sie über das magische Fotoshooting, ihre Bedenken und das Mutterdasein.

MOPOP: Wie kam es zu diesem starken Albumcover?

Sarajane: Das Shooting dafür haben wir schon letztes Jahr gemacht. Weil ich durch die Pandemie nicht groß Geld verdient hatte, haben wir das einfach bei uns im Wohnzimmer gemacht. Mein Sohn Jamie war da noch kein Jahr alt, hatte dann irgendwie gepennt und war nach dem Aufwachen natürlich hungrig. Dann saß ich da eben mit meinen schwarzen Lippen und diesem Rock auf dem Tresor und habe ihn gestillt. Es ist ja auch einfach so: Wenn dein Kind Hunger hat, ist es dir scheißegal, wo du deine Brust rausholst. Da führt man gar keine Debatte. Das Foto ist dann einfach passiert. Und man guckt sich die Fotos dann ja schon vorab alle auf dem Kamera-Display an und bei diesem Bild meinten alle: „Wie schön sieht das bitte aus!“

Ich will meine Kunst nicht einschränken, weil irgendein Internetportal ein Problem mit weiblichen Nippeln hat.

Sarajane

Aber du hattest sicher auch Bedenken, oder?

Ja, klar. Ich dachte: Ich kann doch nicht meine Brüste in die Welt halten. Das Internet wird sie sperren! Aber bei jedem erneuten Sichten der Fotos haben wir alle immer wieder gesagt: „An diesem Bild stimmt alles!“ Es hat im Herzen gezaubert. Und dann habe ich auch ein bisschen recherchiert und erfahren, dass es Fälle gibt, wo Brüste nicht gesperrt wurden. Ich wollte das dann unbedingt mit meinem Team hinkriegen und habe auch selbst gemerkt, dass ich meine Kunst nicht einschränken will, weil irgendein Internetportal ein Problem mit weiblichen Nippeln hat. In den Instagram-Richtlinien steht übrigens auch, dass Stillen okay ist, und dann habe ich es einfach dort gepostet. Mein Mann und ich haben danach dann auch erst mal einen Sekt aufgemacht. Und bis jetzt wurde es nicht gelöscht. Es ist ja auch einfach so: Die arbeitslosen Jungs-Nippel dürfen alle im Internet rumhängen, aber die hart arbeitenden Mama-Nippel nicht?! Und falls es jetzt noch Probleme geben sollte, habe ich auch eine Version mit Sternchen von dem Bild.

Richtig coole Frau, diese Sarajane. Foto: Leah Bee

Wie ist das Feedback bisher?

Unglaublich schön. Die Leute kommen deswegen aus ihren Löchern – darunter natürlich ganz viele „working Mums“, die sich bedanken. Sogar mein Mann, der auch Musiker ist, bekommt Rückmeldungen. Bei dem melden sich männliche Kollegen, die auch Papas sind und schreiben: Was für ein krass geiles Cover! Ich hatte da viel mehr negative Reaktionen erwartet, aber vielleicht kommen die auch noch, wenn das Album erschienen ist. Aber Fakt ist: Das beschäftigt so viele von uns. Ein Leben, Kinder und Arbeit zu haben und das irgendwie zu jonglieren.

Durchs Elternsein werden Kriege und Krisen natürlich besonders absurd. Wir waren doch alle irgendwann mal selbst Babys und viele von uns hatten auch schon mal so ein kleines, wahnsinnig beschützenswertes Wesen im Arm. Und da denkt man sich doch: Oh mein Gott, jetzt mache ich alles besser! Aber dann wird das viel zu oft wieder vergessen.

Sarajane McMinn

Das Album heißt ja „Milk & Money“ – kamst du durch das Foto auf den Titel?

Der kam früher. Ich singe für Ina Müller ja auch Background und irgendwann hatten wir in der Lockdown-Zeit einen Fernsehauftritt – da saß ich in der Maske, pumpte währenddessen Milch ab und Jamie war mit Papa im Hotel. Und da dachte ich eben: Krass, jetzt ist es nicht nur „Money“, sondern „Milk & Money“. „Milk“ ist ja irgendwie auch so ein Urding und kommt von Nahrung und Kümmern. So was hat jeder in seinem Leben: Man kümmert sich um Hund, Kaktus, Kind, Omma oder ein Ehrenamt. Und jeder muss in irgendeiner Form Kohle ranholen. Das verbindet und betrifft uns alle. Das Album hat aber auch Themen, die nicht nur Eltern mit Kindern betreffen. Aber ich finde es dennoch krass, wie das Elternsein das Leben verändert und wie viele Leute dieses Thema gemeinsam haben. Und durchs Elternsein werden Kriege und Krisen natürlich besonders absurd. Wir waren doch alle irgendwann mal selbst Babys und viele von uns hatten auch schon mal so ein kleines, wahnsinnig beschützenswertes Wesen im Arm. Und da denkt man sich doch: Oh mein Gott, jetzt mache ich alles besser! Aber dann wird das viel zu oft wieder vergessen. Das ist auch so ein Ding, was mich sehr beschäftigt.

Jetzt lass uns mal über deine Biografie sprechen. Du bist in unterschiedlichen kleinen Orten in Niedersachen aufgewachsen, Halb-Britin und die älteste von sechs Geschwistern. Was an dir ist typisch deutsch und was typisch britisch?

Ich bin Tee-süchtig und damit erfülle ich komplett das britische Klischee. Wenn sich meine Familie trifft, wird auf der britischen und auch auf der deutschen Seite erst mal Tee gemacht. Es gibt ein Problem: Teekocher an. Die britische Seite ist auch Leichtigkeit und Spaß – wie im Pub, einfach eine gute Zeit haben. Meine deutsche Seite hat auf jeden Fall etwas sehr Strukturiertes. Und dann gibt es ja auch noch die Klopapier-Theorie: Es heißt, dass die deutschen es falten und die Engländer es knüllen. Und ich falte es – das ist dann auf jeden Fall meine deutsche Seite! (lacht)

Welchen Stellenwert nimmt dein neues Album in deiner Biografie ein? Das vorherige „Fuel“ war ja auf jeden Fall das Durchstarter-Album.

Genau, „Fuel“ war „Bam Bam“! Und bei „Milk & Money“ merke ich jetzt, dass ich gar nicht mehr so laut sein muss, um zu empowern. Der Song „F.U.P.A“, der ja für die „fat upper pubic area“ steht, also für eine Bauchrolle oder Hüftspeck, war in der ersten Version total auf die Fresse und aggro. Und dann kam ich darauf, dass das so gar nicht geht und der irgendwie leicht sein muss. Und so ist auch meine Album-Evolution: Das neue Album hat auch Power, aber ist gleichzeitig entspannt. Es brüllt nicht so an, aber es gibt trotzdem ein total gutes Gefühl.

Wie war es überhaupt, ein Album mit Kind zu machen?

Es war sauschwer! Sachen sind so oft so unplanbar, weil das Kind ja auch öfter krank ist. Das ist einfach heftiger Struggle. Da hat man Studiozeit gebucht und auf einmal hat das Kind Durchfall. Der Song „Some More Coffee“ ist auch kein Witz, wie oft steht man da morgens und ist völlig erschöpft? Aber was mir dann auch gelungen ist, ist, dass ich Strophen in einer einzigen Stunde eingesungen habe, weil ich nur diese Zeit zur Verfügung hatte. Man muss einfach in den Zeiteinheiten, die man hat, so ballern! Es ist krass, wenn man sich zu 100 Prozent auf etwas fokussiert, wie viel dann doch möglich ist. Unsere Tagesabläufe haben sich natürlich auch komplett verändert: Wo man sich früher nachmittags getroffen und bis abends gearbeitet hat, trifft man sich heute morgens und arbeitet bis nachmittags.

Mütter – natürlich auch Väter, aber ich kann ja jetzt nur von mir sprechen – sind in der Zeit, in der das Kind nicht da ist, ultrafokussiert und schaffen ganz viel weg. Die trinken weniger Kaffee, machen kürzere Pausen und vergessen teilweise zu essen. Das darf natürlich nicht sein.

Sarajane

Was wünschst du dir von der Gesellschaft als Mutter und Musikerinnen-Mutter?

Natürlich ist da das größte Thema die Vereinbarkeit von Elternschaft und Job. Ich finde, die Firmen müssen sich darüber viel mehr Gedanken machen. Denn die jetzigen Kinder sind ja die potenziellen Angestellten in 20 bis 30 Jahren. Wenn ihr wollt, dass es diesen Nachwuchs gibt, muss der ja auch irgendwo herkommen. Mütter – natürlich auch Väter, aber ich kann ja jetzt nur von mir sprechen – sind in der Zeit, in der das Kind nicht da ist, ultrafokussiert und schaffen ganz viel weg. Die trinken weniger Kaffee, machen kürzere Pausen und vergessen teilweise zu essen. Das darf natürlich nicht sein. Und wie cool wäre es für Firmen, wenn sie checken würden, wie viel Mütter reißen können. Dass sie sagen: „Melde dich kindkrank, wenn dein Kind es eben ist und sonst teilen wir eine Position auf zwei Mütter auf.“ Mütter können auch eine Firma leiten, weil sie ja auch so die komplette Logistik, Betreuung und Freizeit von oft mehreren Kindern wuppen. Und obendrauf gehen sie noch arbeiten, besorgen das Geburtstagsgeschenk für Tante Hildegard, packen den Turnbeutel und backen den Kuchen für den Kindergeburtstag. This is what we do und das ist unfassbar krass. Diese Kraft müsste viel mehr genutzt werden. Und na klar: Du machst dann oft 20 Sachen gleichzeitig und fünf werden dann davon vielleicht nichts. Aber ist das schlimm? Besser man macht es überhaupt als gar nicht. Warum muss man als Mutter im Job so perfekt sein, als wäre man kinderlos? Und warum muss man eine Mutter sein, wie als hätte man keinen Job? Da muss in den Unternehmen noch viel mehr begriffen werden.

Lass uns noch mal über den Song „Don’t Care About No Ring“ sprechen. Warum ist es nicht wichtig, dass man heutzutage verheiratet ist?

Das Witzige ist, dass ich ja mit meinem Mann verheiratet bin. Aber er hat als Drummer schon zwei Mal seinen Ehering verloren – er muss den natürlich öfter ablegen. Und ein Mal, als wir in den Wildpark Schwarze Berge wollten, meinte er mal wieder: „Oh, ich habe meinen Ring gar nicht dabei.“ Ich habe dann als Antwort „I don’t care about no ring!“ gesungen und so kam ich auf den Song. Und weil wir eh wussten, dass das bei uns nichts ist mit Ehering, haben wir auch beiden noch ein Diamant-Tattoo statt -Ring am gleichen Arm. Ich wollte auch nie heiraten, weil man das eben so macht, sondern weil wir uns so lieben. Dennoch ist es das Wahnsinnigste, was man machen kann. Kinderkriegen kommt direkt danach. Für mich ist das überhaupt nichts Normales, das man einfach mal so auf der Lebensliste abhakt. Und der Song sagt eben auch, dass ich kein weißes Kleid, Instagram-Videos, einen riesigen Feier-Bauernhof mit unzähligen Gästen oder diesen ganzen Chichi brauche. Ich wollte einfach ein Familienfest, wo jeder einen Salat mitbringt. Und so haben wir es dann auch gemacht. Mir ist dieses Commitment und die Verbindung viel wichtiger.

„Milk & Money“ erscheint morgen (22.7.) bei McNificent Music/Kontor New Media.

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