In den zwölf Jahren ihres Bestehens haben Santiano aus Flensburg jedes Album auf Platz eins der Charts gehievt, und auch „Da braut sich was zusammen“ macht da keine Ausnahme. Björn Both, Hans-Timm Hinrichsen, Axel Stosberg und Pete Sage bauen auch dieses Mal wieder auf ihren volksnahen Mix aus feierfröhlichen Seemannsliedern und Stücken, die ihr gesellschaftliches Engagement spiegeln. Wir unterhielten uns mit Sänger Björn Both (60).
MOPO: „Lasst uns feiern bis zum Ende, solange es uns noch gibt“, singen Sie im Stück „Tanzen wie die Teufel“. Ist das gerade so das Band-Motto, wenn Sie sich in der Welt umgucken?
Björn Both: Nein, das wäre mir als Lebensmotto zu fatalistisch. „Tanzen wie die Teufel“ ist ein klassischer Feiersong, mit dem für Santiano typischen Augenzwinkern. Denn so pessimistisch sehen wir die Zukunft gar nicht. Wir betreiben keine Schönfärberei, aber wir sind nicht angetreten, um den Leuten zu erzählen, dass alles ganz, ganz schlimm ist. Nichtsdestotrotz befinden wir uns in einer gesellschaftlichen Ausgangssituation, aus der wir uns wieder in Richtung eines Besseren bewegen müssen.
In einem Lied heißt es: „Nach der Ebbe kommt die Flut/ Wir schöpfen neuen Mut“…
Wir sind Vertreter des Prinzips Hoffnung. Ich kann weder das Jammern im Sinne von „Hat ja alles keinen Sinn mehr“ noch diese „Übertreibt mal nicht, ist doch alles in Ordnung“-Haltung leiden. Beide Extreme sind verlogen, und man verstellt sich den Blick auf die Wirklichkeit, wenn man daran festhält. Ich glaube jedenfalls an genug gute Ideen und ausreichend anständige Menschen, die sich einsetzen und was dafür tun, dass nicht alles noch schlimmer wird.
Was machen Sie, was machen Santiano konkret?
Wir engagieren uns zum Beispiel in der Initiative Everwave, deren Ziel es ist, Meere und Flüsse von Müll zu befreien. Außerdem in der Seenotrettung und bei Sea-Watch. Wir sind immer daran interessiert, Leute und Organisationen zu unterstützen, die sich für eine wehrhafte Demokratie einsetzen und den sozialen Zusammenhalt fördern. In meiner Heimatstadt Flensburg setzen wir uns aktuell stark für die Flüchtlingshilfe ein, die hier wirklich sehr gute Arbeit leistet.
Prominente, die sich für NGOs, Nichtregierungsorganisationen, engagieren, weht zunehmend Gegenwind ins Gesicht. Wie ist das bei Ihnen?
Nicht anders. Durch die Politik unserer neuen Regierung ist der Begriff „NGO“ diskreditiert. In einer Welt, in der sich die Mitte weit nach rechts verschoben hat, müssen wir uns immer wieder anhören, was für links-grün-versiffte Vollidioten wir doch seien. Dabei setzen wir uns einfach nur für einen gewissen Anstand und für zukunftsträchtige, menschenfreundliche Projekte ein. Ich finde es super, woke zu sein. Wir waren doch in vielen Fragen viel zu lange taub und dumm, angefangen bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Sie auch?
Ich komme vom Land, aus Husum, und wurde im Seefahrermilieu groß. Das ist schon eine sehr derbe Welt. Es waren immer die Männer, die das Sagen hatten. Dabei war es meine Oma, die bei uns den Laden zusammengehalten hat. Bei mir war früher eine Menge Wut. Die hat sich nicht auf intellektueller Ebene ihren Weg gebahnt.
Sie waren bei der Antifa, oder?
Ich wusste, auf welcher Seite ich spiele. In den 90ern war es noch einfacher, den Gegner zu erkennen. Das waren die Typen mit Bomberjacken und Springerstiefeln. Heute ist das alles viel gefährlicher, weil du die Nazis nicht mehr erkennst. Ich war damals schon Punk genug, um zu erkennen, dass Pazifismus nicht immer was bringt.
Links-Grün galt vor einigen Jahren noch als Zukunftskonzept. Jetzt ist der Zeitgeist rechts.
Das zeichnet sich seit zehn, fünfzehn Jahren ab. Das Erstarken der AfD passierte nicht über Nacht. Die Leute fühlen sich im Stich gelassen, gerade auf dem Land. Man hat sich nicht um ihre Belange gekümmert. Dann hast du eine schlechte Sozial- und Wirtschaftspolitik und eine Deutsche Bahn, die wahrscheinlich mehr Schaden an der Demokratie angerichtet hat, als die AfD das je könnte. Millionen Menschen sitzen jeden Tag im Zug und ärgern sich, dass der Staat nicht mehr funktioniert. Auch die aktuelle Regierung hat nicht das Vertrauen der kleinen Leute. Und wenn du dich als Union in deinen Forderungen kaum noch unterscheidest von denen, die du angeblich bekämpfst, dann musst du dich nicht wundern, wenn eine AfD in manchen Landstrichen auf 40 Prozent kommt. Ach, Mensch, wir wollten doch eigentlich über unsere Platte reden!
Foto: Simon VolzDen Titelsong „Da braut sich was zusammen“ haben Sie zwei Tage vor der Bundestagswahl veröffentlicht …
Wir haben unsere Haltung immer eher verklausuliert zum Ausdruck gebracht. In diesem Stück werden wir ein bisschen deutlicher.
Der Spagat zwischen Punk-Attitüde und größtmöglichem Publikum ist kein leichter.
Nein. Ich bin nicht Campino. Ich spreche im Konzert nicht vor praktisch ausnahmslos Gleichgesinnten. Wir haben im Publikum auch Leute, die einfach die Musik genießen wollen. Zugleich sind wir von Anfang an sehr klar. Die Leute sind sensibilisierter geworden.
„Dann bin ich weg“ ist ein Song übers Alles-hinter-sich-Lassen. Flucht oder Aufbruch?
Das lassen wir offen. Ich glaube, das mit dem Abhauen funktioniert sowieso nicht. Die Probleme müssen hier gelöst werden. Der Rückzug auf eine einsame Insel nach der Devise „Macht euren Mist doch alleine“ ist völlig unmöglich. Es sei denn, dir geht die Menschheit am Arsch vorbei, was bei mir nicht der Fall ist. Ich habe Kinder, ich will, dass die ein gutes Leben führen können, ich will, dass es vorangeht, in New York, in Berlin, in Brüssel. Du veränderst die Welt nicht allein.
„Nie wieder Krieg“ erzählt eine tragische Geschichte…
Krieg ist immer eine Tragödie. Ich war vier Jahre bei der Bundeswehr, als Stabsunteroffizier. Ich bin durchaus für eine wehrhafte Demokratie, aber es war schon ganz gut, dass in all den Jahren niemand auf die Idee kam, uns angreifen zu wollen. Wir hatten 51 Flugzeuge auf unserem Flugplatz, von denen funktionierte nie mehr als die Hälfte.
Sind Sie für die Wehrpflicht?
Wir lassen die Jugend seit Jahren hängen, übergeben ihr eine völlig zerrüttete Infrastruktur, motzen sie nur an, gehen auf die Klimakleber los, nehmen „Fridays for Future“ nicht ernst. Und jetzt kommen wir auf die Idee, ach übrigens, wollt ihr nicht ein bisschen Dienst am Vaterland leisten? Was sollen die denn verteidigen? Eine Gesellschaft, der die Jugend gleichgültig ist? Die Integrations- und Inklusionsprogramme wieder abschafft? Vielen Dank auch.
Sie sind in diesem Jahr 60 geworden.
Die Zahl ist schon komisch. Wenn ich in den Spiegel gucke, kommt das hin. Aber ich fühle mich überhaupt nicht wie 60.
Was möchten Sie in Ihrem Leben noch erledigen?
Bis vor ein paar Jahren habe ich gedacht, ich muss noch mal allein um die Welt segeln. Dieser Plan ist jetzt ganz weit weg. Ich möchte Dinge verändern, den Kindern eine lebbare Zukunft auf einem intakten Planeten vermachen, in einer gesunden Demokratie leben.
Auch das neue Album ist auf Platz eins der Charts. Was zeigt Ihnen dieser Erfolg?
Dass bei uns noch immer richtig viel Feuer drin ist. Und dass unser Publikum weiterhin mit Leidenschaft dabei ist. Wir sind ein bisschen stolz auf das Album. Wir sind keine vierzig mehr, aber wir sind ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man im Leben niemals aufgeben sollte und dass man auch auf der Zielgeraden noch mal richtig aufdrehen kann.
Barclays-Arena: 22.3.26, 20 Uhr, ab 59,90 Euro

































