Vor zehn Jahren machte sie mit ihrem Song „No Roots“ ihre Lebensgeschichte zum globalen Überhit. Seitdem ist Alice Florence Clarissa Merton bestens im Geschäft. Die 32-Jährige hat drei Staatsbürgerschaften (deutsch, britisch, kanadisch), einen irischen Vater, eine deutsche Mutter und ist schon oft umgezogen: Sie ist wohl nicht nur die kosmopolitischste, sondern auch erfolgreichste Absolventin in der Geschichte der Mannheimer Popakademie. Mit ihrem dritten Album „Visions“ kommt sie im März für ein Konzert nach Hamburg. Ein Interview über Schüchternheit, Social Media und die Vorteile eines Festnetztelefons.
MOPO: Mal doof gefragt: Wie schwer ist es eigentlich, ein Album zu machen?
Alice Merton: Viel schwerer, als die meisten Menschen sich das vorstellen. So ein kreatives Projekt ist gespickt mit Höhen und Tiefen. Da steckt unheimlich viel von einem selbst drin, man ist einfach die ganze Zeit unheimlich nah dran. Es gibt Tage, an denen man alles im Griff zu haben glaubt und sich genussvoll dem Drang hingibt, etwas zu erschaffen. Aber auch solche, an denen man alles infrage stellt.
Was hält Sie in schweren Momenten davon ab, alles hinzuwerfen?
Das Vertrauen in mich selbst und in meine künstlerische Vision. Deshalb auch der Titel, „Visions“. Ich liebe meine Musik, sie bedeutet mir unendlich viel. Aber sie wird von außen auch beurteilt, kritisiert, infrage gestellt. Das war ein Lernprozess für mich, damit klarzukommen, wenn meine Vision nicht geteilt wird.
Wie wichtig ist es, an sich und seine Kunst zu glauben?
Das ist extrem wichtig. Ob du jetzt Musikerin bist oder zum Beispiel Start-up-Unternehmerin oder Politikerin – du erstellst sozusagen ein Produkt, von dem du überzeugt bist und das aus dir selbst, deiner Haltung und deinen Qualitäten besteht. Dann ziehst du los, klopfst an jede Haustür und versuchst, es zu verkaufen. Das ist dann fast so, als wärst du im Wahlkampf.
Sie haben „Visions“ unter anderem in Island aufgenommen. Wie kam es dazu?
Ich wollte an einem Ort schreiben, der abgelegen ist und den ich nicht gut kenne. Ich war vorher schon dort gewesen und habe das Land für die dreiteilige ZDF-Doku „Song Trip“ bereist, zusammen mit dem isländischen Musiker Daði Freyr. Wir waren in Reykjavik und im hohen Norden, und ich muss sagen, ich habe mich total in dieses Land verliebt. Gerade diese Ruhe und Einsamkeit fand ich total wunderbar. Und dann bin ich etwas später noch mal hin, um an „Visions“ zu arbeiten.
Was ist für Sie das Besondere an Island?
Die Natur. Die Landschaft ist vollkommen magisch. Ich liebe auch all die Erzählungen über die kleinen Feen, die in den Bergen leben und dort irgendwie auf die Menschen aufpassen. Na, und dieses Abgeschiedene ist einfach toll. Raus zu sein, eine halbe Stunde bis zur nächsten Kleinstadt fahren zu müssen, das mag ich gern.
Kurzerhand haben Sie auch noch Ihren Kumpel Dan Smith, den Sänger der Band Bastille, nach Island eingeladen, wo Sie gemeinsam den Song „Ignorance Is Bliss“ geschrieben haben.
Dan ist irgendwie so etwas wie die männliche Version von mir, wir beiden sind uns sehr ähnlich, und in London unternehmen wir gern Sachen zusammen, gehen ins Theater und so. Das Stück selbst handelt davon, dass es manchmal auch ganz angenehm sein kann, in seiner eigenen kleinen Wohlfühlwelt zu verharren und das große, chaotische Draußen so ein bisschen zu blockieren. Ich denke, dieses Gefühl „Hier bin ich glücklich, hier will ich sein“ sollten wir uns ruhig öfter mal gönnen.
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Worin ähneln Sie sich konkret?
Wir sind beide introvertiert, kennen uns aus mit Bühnenangst und mit Schüchternheit. Ich saß 2019 zum Beispiel gern in der Jury von „The Voice Of Germany“, aber die Zeit war nicht einfach für mich. Überall erkannt zu werden und das nicht wegen meiner Musik, sondern wegen einer Fernsehshow, ist nichts, worauf ich es jemals angelegt habe.
Sie haben eine Bleibe in Berlin, leben aber seit einigen Jahren überwiegend in London. Ist Ihre „No Roots“-Phase allmählich vorbei?
Das Vagabundenleben wird immer ein sehr großes Thema für mich bleiben. Das liegt sicher an den vielen, vielen Umzügen, die ich unternommen habe, aber auch an meiner Erkenntnis, dass ich mich überall schnell zu Hause fühlen kann. Ich liebe es, mich frei zu fühlen und nicht zu viele Gegenstände und zu viel Besitz anzuhäufen, an dem man sich dann festhält. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn Leute ihr ganzes Leben an einem Ort verbringen. Das ist schön, wenn du das willst, und ich sage bestimmt nicht, dass meine Art zu leben die einzig richtige ist. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, die Welt zu sehen, sich auf andere Menschen einzulassen und einfach mit offenen Augen durchs Leben zu gehen.
In der schönen Ballade „Landline“ singen Sie nun davon, sich in London einen Festnetzanschluss zugelegt zu haben. Wie passt das zu Ihrer Haltung?
„Landline“ ist nicht zuletzt ein sehr nostalgisches und melancholisches Lied. Ich bin Jahrgang 1993, ich kann mich gut erinnern, wie ich – damals lebten wir in München – übers Festnetz immer bei meinem ersten Freund angerufen habe. Meistens gingen zuerst seine Eltern ran. Na ja, und dann war ich ungefähr 16 und die Smartphones drängten sich in unser Leben.
Wofür brauchen Sie das Festnetz?
So ein altmodisches Telefon mit Kabel, das ich jetzt seit zwei Jahren habe, steht für mich auch ein Stück weit für einen Ort, an dem ich angekommen bin. Ein Festnetzanruf hat zudem etwas Verbindliches. Wenn es dort klingelt, gehst du auch wirklich ran. Und wenn du jemanden anrufst, dann willst du dich auch wirklich unterhalten. Diese ganzen Social-Media-Kanäle wie WhatsApp fördern in meinen Augen Oberflächlichkeit und sind eher darauf ausgelegt, einer echten Kommunikation aus dem Weg zu gehen.
Wie viele Leute haben Ihre Nummer?
Nicht viele. Nur die Menschen, die mir wichtig sind. Ich glaube, es sind weniger als zehn.
Wer ruft am häufigsten an?
Meine Mutter. (lacht)
Konzert: 22.3., 20 Uhr, Fabrik, 47,50 Euro, fabrik.de
Album: „Visions“ (Paper Plane)


































