Was Coldplay für Großbritannien, das sind Revolverheld für Deutschland. Losgelegt mit Anfang 20, inzwischen Mitte 40, sozial und klimapolitisch engagiert, mit Poprock, der meist nett, bisweilen etwas schnulzig ist, und Klassikern, die alle mitsingen können. Jetzt will die Band aus Hamburg Pause machen, bringt vorher aber noch das Album „20“ mit neuen Songs raus und geht auf eine vorläufige Abschiedstournee. Wir sprachen mit Frontmann Johannes Strate (45).
MOPO: Geht man anders in eine Tournee, wenn man weiß, dass danach erst mal Schicht ist?
Johannes Strate: Ja, wir sind gerade in einer richtig schönen Stimmung, gelöst und entspannt. Zum ersten Mal seit 20 Jahren steht nicht direkt das nächste Projekt auf dem Programm, wir haben dann wirklich frei. Bei den Fans haben wir im Sommer während der Festivals schon gemerkt, dass sie noch ein bisschen emotionaler bei der Sache sind als sonst. Die Pause ist ja bereits seit Längerem bekannt, und mit diesem Wissen geben wir gemeinsam – Band und Publikum – einfach noch mal alles.
Warum haben Sie sich überhaupt für eine Pause entschieden?
In den vergangenen 20 Jahren war immer gut was los. Gerade wenn du Familie hast, ist die Doppelbelastung wirklich enorm und nicht zu unterschätzen. Wir haben gedacht: Bevor wir ausbrennen und womöglich keinen Spaß mehr an der Sache haben, erholen wir uns und gucken mal, auf welche Art und Weise wir Lust haben, anschließend weiterzumachen. Für uns ist das eine gesunde Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.
Es gibt also keinen Knatsch in der Band?
Nein, überhaupt nicht. Wir machen auch privat nach wie vor viel zusammen. Ich freue mich darauf, nächstes Jahr mit den Jungs mal einen Kaffee trinken zu gehen, ohne zu besprechen, was die nächste Single wird, wann wir das Schlagzeug aufnehmen oder was wir als Nächstes auf Social Media posten. Ohne Druck auf dem Kessel dürfte unser Verhältnis sogar eher noch besser werden.
War es für Revolverheld immer wichtig, dass Sie Freunde sind?
Total wichtig sogar. Unsere Tourneen waren und sind wie Klassenfahrten mit den besten Kumpels. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit, weil ich meine Kollegen sehr mag.
Wie lange Sie pausieren, können Sie wahrscheinlich noch nicht sagen?
Nein. Das wäre auch kontraproduktiv, wenn wir jetzt sagen, wir wollen den Druck rausnehmen, aber gleichzeitig schon auf den Tag genau wüssten, wann wir wieder loslegen.
Könnten Sie sich vorstellen, mit Mitte 40 noch mal beruflich etwas ganz anderes zu machen?
Ich bin sehr sportaffin und sitze zum Beispiel ehrenamtlich im Stiftungsrat bei Werder Bremen. Ich bin dort sehr dicht am Verein, was mir großen Spaß macht. Aber ich bin überzeugt, dass Musik immer eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen wird.
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Sie kommen ja auch aus einer Musiker-Familie.
Das ist richtig, meine Eltern machen beide Musik. Mein Vater ist jetzt 84 und steht trotzdem noch mit der Gitarre auf der Bühne. Ich bin früh mit diesem Leben infiziert worden, und es lässt mich nicht mehr los.
Sie sind im Künstlerdorf Worpswede bei Bremen aufgewachsen, Ihr Vater Eckart Strate war einer der Mitbegründer der dortigen Grünen. Wie stehen Sie zum Rückzug von Robert Habeck aus der deutschen Politik?
Ich verstehe seine Entscheidung, aber ich finde sie sehr schade, weil wir einen der wenigen verbliebenen aufrechten Politiker verlieren. Ich hoffe, dass er irgendwann zurückkommt. Ich mag ihn für seine ehrliche Ansprache und für seine Positionen. Ich habe ihn auch hinter den Kulissen ein bisschen kennengelernt. Er ist ein absolut angenehmer und empathischer Mensch.
Generell haben die Grünen ja gerade einen schweren Stand …
Ich halte es für bedenklich, wie sehr dieser Rechtsruck, der auch bei uns stattfindet, noch immer verharmlost wird. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in diese autoritären Strukturen reinlaufen, wie es in den USA gerade passiert. Hier einen guten Gegenpol zu bilden, zusammenzuhalten und dafür zu sorgen, dass unser Sozialstaat nicht auseinandergenommen wird, ist enorm wichtig.
Auf Ihrem Hardrock-Album „R/H/1“ gab es den Song „Das mit uns wird nichts“, dessen Protagonist sich resigniert aus der Gesellschaft zurückzieht. Ist das auch eine Option?
Nein! Resignation ist Quatsch und keine Lösung. Es gibt viele Menschen in unserem Land, die das Beste wollen und weiter an eine gute Zukunft glauben. Hier in Hamburg etwa haben wir eine sehr stabile Regierung, und den Menschen geht es größtenteils gut. Hier entstehen Fahrradwege, die Stadt wird grüner und nachhaltiger. Ansonsten ist die politische Stimmung immer schon wechselhaft gewesen. Gerade ist es irgendwie im Trend, rechts zu sein. Aber das muss nicht so bleiben.
In Revolverheld-Songs regieren seit jeher Zuversicht und Zusammenhalt. Manche der alten Songs haben nun ein ganz neues Kleid, die Ballade „Ich lass für dich das Licht an“ hat sogar eine Jazz-Note bekommen. Ist das eigentlich Ihr bedeutendster Song?
Für die Menschen da draußen auf jeden Fall. Der läuft wahnsinnig viel auf Hochzeiten oder bei Heiratsanträgen. Die Leute verknüpfen dieses Lied einfach gern mit ihrer eigenen Vita. Davon träumst du natürlich als Songschreiber.
Der Song „Ich werd die Welt verändern“ entstand 2007. Denken Sie das noch immer?
Damals wollte ich mit dem Kopf durch die Wand, heute bin ich deutlich zweiflerischer, sehe vieles differenzierter und kritischer. Manchmal vermisse ich den blauäugigen Blick auf die Welt, den ich mit Anfang, Mitte 20 hatte, den aber selbst die heute Zwanzigjährigen nicht mehr besitzen.
Nein?
Ich arbeite auch als Dozent beim Popkurs Hamburg und lerne dort junge Leute kennen, die aufgrund der Globalisierung und der sozialen Medien sehr viel mehr über alles Bescheid wissen als wir früher. Manchmal wünsche ich denen ein bisschen von unserer damaligen Unbekümmertheit.
Ihr Sohn ist zwölf. Die Gespräche mit ihm stelle ich mir nicht unkompliziert vor.
Du musst gucken, dass du die Balance hältst. Meine Frau und ich versuchen, ihm einen bewussten Umgang mit den Ressourcen nahezubringen und ihn zu einem liebevollen Umgang mit Menschen, Tieren und der Natur zu erziehen. Auf der anderen Seite sagen wir ihm, dass er sein Leben genießen soll. Er ist schließlich nicht allein verantwortlich. Niemand ist das. Wenn wir den Planeten retten wollen, dann geht das nur gemeinsam.
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Können Sie der Idee des Ökonomen Marcel Fratzscher etwas abgewinnen, dass Rentnerinnen und Rentner zu einem sozialen Jahr verpflichtet werden sollten?
Mein erster Impuls ist, dass jemand, der sein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt und früher vielleicht noch gedient hat, diesbezüglich aus dem Schneider ist. Ich selbst habe noch Zivildienst gemacht und fände es generell gut, wenn jeder junge Mensch ein soziales Jahr machen würde. Das würde erstens den Staat entlasten und zweitens auch die Gesellschaftsschichten wieder mehr zusammenbringen.
Das „20“-Album gibt es auch als liebevoll zusammengestellte Box mit vielen Fotos von Ihnen und allem Möglichen zu kaufen. Das hat ja schon was Nostalgisches, oder?
Ja, klar. Wir kommen aus einer ganz anderen Zeit. Ich bin noch ohne Handy aufgewachsen, mein erstes habe ich mir mit 18 gekauft. Ich bin überhaupt kein Digital Native. Als wir mit der Band anfingen, gab es gerade MySpace und YouTube, aber relevant waren noch MTV und VIVA, die Musiksender. All diese Entwicklungen seither haben wir am eigenen Leib miterlebt.
Lieder wie „Lass uns gehen“ spielen mit Nostalgie. Ist das eine der Stärken von Revolverheld, so ein wohliges Gefühl von früher auszulösen?
Solche Songs gehören natürlich dazu. Aber ich finde es gerade in der heutigen Zeit wichtig, nicht nur verklärt zurückzuschauen. Dass früher alles besser war, stimmt einfach nicht. Ich bin nicht der Typ, der nur der Vergangenheit nachtrauert.
Barclays-Arena: 21.11., 20 Uhr, ab 60,05 Euro

































