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Punk-Urgestein trifft Rapper: „Das ist hier ja wie in einer Dating-Show!“

Punk-Urgestein trifft Rapper: „Das ist hier ja wie in einer Dating-Show!“

28.04.2022
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Sofa vor einer grauen Betonwand, Dingen sitzt da mit den Füßen auf einem Tisch, Swiss sitzt auf der Rückenlehne

Swiss (l.) und Diggen beim Interview-Termin in der MOPO-Redaktion. Foto: Florian Quandt

Am Samstag (30.4.) findet endlich das mehrfach verschobene Konzert von Swiss & Die Andern in der Sporthalle statt – da ist ein Crossover-Abriss garantiert. Auch weil Dirk „Diggen“ Jora (Ex-Frontmann von Slime) und auch Ferris bei der Show dabei sind. MOPOP sprach mit Swiss und Diggen vorab über unterschiedliche Punk-Generationen, biografische Gemeinsamkeiten, die EP „Keine Gewalt ist auch keine Lösung“ und natürlich über Diggens Trennung von Slime.

Was mögt ihr am jeweils anderen am meisten?

Diggen: Das ist hier ja wie in einer Dating-Show!

Swiss: An Dirk mag ich, dass man bei ihm immer weiß, was man bekommt. Dirk ist Dirk! Wenn ihn etwas nervt, sagt er das. Der labert nicht rum, sondern hat sein Herz auf der Zunge. Damit kann ich sehr gut umgehen, auch wenn es nicht immer das Schlaueste ist, was er sagt. (lacht)

Diggen: Nein, mein Weg ist nicht immer der einfachste. Aber das kann ich eigentlich auch genau so an Swiss zurückgeben: So ist er auch und damit kann ich was anfangen. Das erinnert mich auch an die sehr guten Zeiten damals mit Slime. Da wurde nie „rumgeslimt“, sondern sich alles ins Gesicht gesagt. Das Leben ist nie nur „butschi-butschi“ und Häkelkurs. So ist es auch besser: Das nimmt die Luft raus und klärt Sachen im Vorfeld. Achso und an Swiss mag ich natürlich auch, dass er der Macker ist, der diese ganzen gutenn kreativen Ideen hat und sie auch umsetzt. Nicht umsonst heißt die ganze Geschichte Swiss & Die Andern.

An Swiss mag ich natürlich auch, dass er der Macker ist, der diese ganzen gutenn kreativen Ideen hat und sie auch umsetzt. Nicht umsonst heißt die ganze Geschichte Swiss & Die Andern.

Diggen

Und was nervt euch aneinander?

Swiss: Du kannst mit Technik nicht so gut umgehen. Wie meine Mutter.

Diggen: Ja, und deine Generation ist Technik-hörig. Ihr seid alle Smartphone-Social-Media-Sklaven. Täglich wie du auf Instagram etwas rauszuhauen, wäre überhaupt nicht mein Film. Aber ich arbeite gerade an einem Video-Blog. Darin wird‘s periodisch um Politik, Brokdorf, Hafenstraße, Slime, Auswärtsfahrten mit St. Pauli usw. gehen. Das wiederum ist genau mein Ding. 

Apropos Slime: Du bist ausgestiegen und die Band macht nun mit neuem Sänger weiter. Was sagst du dazu?

Diggen: Sie hätten sich einen anderen Namen geben sollen, auch um den neuen Sänger aus der Schusslinie zu nehmen. Denn so hat das nichts mehr mit Slime zu tun.

Es gibt nun auch die EP „Keine Gewalt ist auch keine Lösung“ von Swiss & Diggen & Die Andern. Gab’s Stress beim Songwriting?

Swiss: (lacht) Diggen hatte immer was zu meckern. Es kamen dann auch so Sprüche von ihm wie „Oh nee, das ist mir zu Helmet-mäßig!“, dabei war das in dem Fall ein richtig guter Beat.

Diggen: Ich habe mir sogar mal ein Helmet-Album geholt, aber das ist einfach nicht mein Ding. Ich bin Rock’n’Roller und mit Glamrock, den Stones, Led Zeppelin und Deep Purple großgeworden. Und ich habe immer nur Punkrock gehört und bin nie den Weg zum Hardcore gegangen. Ich als alter Fan von Rage Against The Machine mag ich sowohl die Crossover-Sachen als auch die emotionaleren Songs von Swiss & Die Andern. Genau so eine Mischung wollten wir auf der EP haben und das ist uns ja auch gut gelungen.

Swiss: Diggen hört ganz viel, was ich als „Schweinerock“ bezeichnen würde. Das ist so gar nicht meins. Wir haben uns da wirklich sehr aneinander gerieben. Aber das muss wohl so sein bei so zwei Typen wie uns.

Swiss & Die Andern + Diggen + Ferris: Konzert in der Hamburger Sporthalle

Ihr seid letztlich Punks aus unterschiedlichen Generationen. Gibt es bei euch biografische Gemeinsamkeiten?

Swiss: Unsere Biografien sind unterschiedlich, aber die Gemeinsamkeit ist, dass wir beide Underdogs waren seit wir auf der Welt sind. Ich bin als kleiner deutscher Junge in der Schanze großgeworden. Auf dem Fußballplatz war ich oft das schwächste Glied und als ich in Eimsbüttel zur Schule gegangen bin, war ich der Schanzen-Asi. Ich habe mich nie irgendwo zu Hause gefühlt. Dadurch ist natürlich eine gewisse Haltung entstanden. Man macht da verschiedene Stufen durch, ist erst wütend, dann auch traurig. Ich glaube, da hatten wir ein ganz ähnliches Gefühl.

Diggen: Wobei ich mich dann doch auch oft zugehörig gefühlt habe: In der Hafenstraße, bei der Anti-AKW-Bewegung oder in der Punkszene. Bei mir war der Knackpunkt, dass ich mit 16 von meinen Eltern weg bin. Die waren keine Nazis, aber die brauchten als Nährboden trotzdem tiefste Autoritätshörigkeit. Und jeder Bulle, jeder Lehrer und jeder Nachbar hatte immer eher Recht – meine Alten haben nie so richtig zu mir gestanden. Daraus resultierte bei mir die „Fickt euch alle!“-Haltung und Punkrock war da das musikalische Äquivalent. Das mit meinen Eltern ist ein ganz zentraler Aspekt meiner Biografie, den ich lange verarbeiten musste. Nach hinten raus, als mein Vadder Schlaganfälle hatte und zum Pflegefall wurde und Muddern Krebs, haben wir uns dann doch wieder zusammengerauft. 

Swiss: Die Leute, mit denen ich das Musikding jetzt schon zehn Jahre zusammen mache, sind mir am allerwichtigsten. Das ist so viel wert, wenn man eine Gemeinschaft gefunden hat, mit der man sich versteht und auch streiten kann. Deswegen hege und pflege ich unser Ding auch so und habe ein totales Harmonie-Bedürfnis, weil ich mich auch immer nach sowas gesehnt habe.

Diggen: Dann ist das die Gemeinsamkeit: Wir sind beide Lonesome Rider mit großem Bedürfnis nach Gemeinschaft. 

Diggen, was magst du an Swiss‘ Label „Missglückte Welt“ und dem ganzen Umfeld, das daraus entstanden ist?

Diggen: Es gibt Parallelen zur Slime-Geschichte. Gemeinschaft und Feeling ähneln sich. Genauso wie wir haben sich Swiss & Die Andern und die Missglückte Welt von irgendwelchen Vorwürfen in der Szene gelöst. „Kommerzschweine“ und „Verräter“ – das mussten wir uns mit Slime auch schon vor Jahrzehnten anhören. Fakt ist: Ich lebe seit zwei Jahren von Hartz 4, mein Übersetzer-Job ist weg und die Band auch. Deswegen muss ich mir von niemandem den Vorwurf eines „Kommerzschweines“ anhören. Das ist so absurd. Aber in der Vergangenheit habe ich immer noch irgendwie versucht, mich da zu erklären. Das macht die Missglückte Welt nicht und zieht da rigoroser ihr eigenes Ding durch.

Swiss: Sobald du versuchst, dich solchen Leuten zu erklären, spielst du auf demselben Spielfeld. Diejenigen, die einem erklären wollen, dass man eine „Sellout“-Band ist, sind meistens Abiturienten-Kids, die noch zu Hause wohnen. Die Leute sehen auch nicht, wo wir herkommen. Ich habe das erste Mal mit 30 mit Musik Geld verdient. Vorher habe ich von der Hand in den Mund gelebt und meine Eltern hatten auch immer sehr wenig Geld. Ich habe jeden Scheißjob gemacht. Diese Leute kennen mich überhaupt nicht. Im Internet kann ich da noch drüberstehen, aber wenn mir auf der Straße jemand zuruft: „Ey, wer ist hier jetzt die Zecke?“ und meine Tochter dabei ist, dann ist das eine andere Ebene, trifft mich und dann muss derjenige auch mit Konsequenzen rechnen.

Diggen: Schon 1982 meinte Rio Reiser zu mir: „Schaff dir ein dickeres Fell an!“ Der hatte das mit den Scherben da schon alles durchgemacht. Deswegen habe ich das auch vor ein paar Jahren zu Swiss gesagt. Das ist einfach die Kontinuität der Idioten. Aber all das lassen Swiss und ich ja auch in unsere Texte einfließen. Unser früherer gemeinsamer Song „Was geht die Scheiße dich an?“ handelt genau davon und „Noch nicht kaputt“ mit der Zeile „Wo wir herkommen, könnt ihr alle nicht verstehen“ bezieht sich auch darauf.

Swiss: Und der Song „Plenum“ handelt auch davon. Am Ende des Tages sind das alles die eigenen dysfunktionalen Gedanken der Leute. Sie alle haben den Anspruch, eine bessere Welt und eine solidarischere Gesellschaft zu schaffen, aber schaffen das noch nicht mal in ihrer eigenen Szene. Warum gehen die Leute nicht erst mal zu Xavier Naidoo oder Nena? Warum kommen die zu uns? Daran merkt man, dass es auch immer um Neid geht. 

Auf dem Sofa sitzen Dingen und Rike, auf dem Sessel links daneben Swiss, er hat die Kapuze seiner Jacke über die Augen gezogen
Swiss (l.) und Diggen mit MOPOP-Redakteurin Rike Arns. Foto: Florian Quandt

Habt ihr eine Erklärung dafür, warum man in einer Szene auch oft gegeneinander agiert, auch wenn man eigentlich das gleiche Ziel verfolgt?

Swiss: Eine Szene braucht wohl oft elitärere, noch kleinere Zellen. Das kommt daher, wenn Leute sich zu krass mit ihr identifizieren und meinen, sie müssen sie noch reiner und purer gestalten. So eine Subkultur wird auch oft zur Bühne der Selbstdarstellung. 

Diggen: Das ist oft nichts anderes als in einer Sekte. Und ich glaube, das ist auch ein typisch deutsches Ding. Wenn Punkbands aus anderen Ländern größer werden, freuen sich die Leute da mit. Dass die mit ihrer Arbeit und ihrem Herzblut Geld verdienen, wird ihnen gegönnt. In Deutschland gibt’s das nicht.

Swiss: Es gibt auch Leute, die sagen: „Ich war schon auf so und so viel Konzerten und habe Merch gekauft.“ – und dafür erwarten die dann was, als hätte ich eine Schuld zu begleichen. Die Wahrheit ist, dass ich niemandem etwas schulde, weil ich als Künstler mit jedem meiner Songs alles von mir gebe.

Diggen: Wenn jemand nicht vergisst, wo er herkommt …

Swiss: … und wenn du den in der Bahn triffst und der noch nett „Moin!“ sagt – dann frage ich mich, was da das Problem ist. Diese Leute müssten sich mal fragen, wie sie sich an unserer Stelle verhalten würden.

Diggen: Ich erinnere mich da an eine Situation, da kam ich verschwitzt von der Bühne, hatte 100 Minuten gespielt und alles gegeben. Dann stand da so ein Typ und sagte zu mir: „Du gibst mir jetzt ein Interview!“ Ich habe den natürlich weggeschoben und daraus ist dann entstanden, dass ich noch ein halbes Jahr später als arroganter Rockstar galt. Man wird da auch in eine Rolle reingedrängt.

Swiss: Sowas kenne ich auch. Die Leute denken oft, dass man ein allgemeines Kulturgut ist: „Ey, komm mal her, Foto!“ Bei sowas erkläre ich demjenigen dann erst mal, wie man danach richtig fragt und dass man ihm nicht gehört. Dann kommt oft die Entschuldigung „Ey, ist doch alles Punkrock!“ Nee, ist es eben nicht. Punkrock hat nichts mit schlechten Manieren zu tun.

Diggen + Swiss & Die Andern: Gemeinsame EP „Keine Gewalt ist auch keine Lösung“

Letzte Frage: Wie sehr freut ihr euch auf die Show, die nun endlich stattfinden kann?

Swiss: Das wird wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Für uns Musiker ist so lange so ein Stück Leben einfach weggebrochen. Das wird sehr emotional und richtig geil.

Swiss & Die Andern + Diggen + Ferris: Sporthalle, 30.4., 0G mit Maske (ausverkauft) und 17.12. (ab 41 Euro); EP „Keine Gewalt ist auch keine Lösung“ (Missglückte Welt); Swiss neues Soloalbum „Jung, arm & traurig“ erscheint am 2.9., der Trailer zu Diggens Video-Blog erscheint im Mai, die ersten Folgen dann im Juni auf u.a. dem YouTube-Kanal von Missglückte Welt.

1 x 2 Tickets für das ausverkaufte Konzert zu gewinnen!

Um am Gewinnspiel teilzunehmen, beantworte einfach folgende Frage: Wie heißt die aktuelle EP von Diggen + Swiss & Die Andern? Schick die Antwort in einer E-Mail mit dem Betreff „Diggen & Swiss“ und Deinen Kontaktdaten an: mopop@mopo.de.

Teilnahmeschluss ist Donnerstag (28. April), 24 Uhr.

Teilnahmebedingungen für das Gewinnspiel:

Teilnahme ab 18 Jahren bis 28.4.2022 (Einsendeschluss: 24 Uhr). Die Gewinner werden durch Los ermittelt und telefonisch oder per Mail benachrichtigt. Veranstalterin des Gewinnspiels: Hamburger Morgenpost Verlags GmbH, Barnerstraße 14, 22765 Hamburg.

Daten der Teilnehmer werden zur Auswertung der Aktion gespeichert und 14 Tage nach der Beendigung der Aktion gesperrt und dann nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nur, wenn es für die Durchführung des Gewinnspiels notwendig ist, z.B. an Veranstalter für die Gewinnerbenachrichtigung und Eintragung auf der Gästeliste.

Als Teilnehmer sicherst du zu, dass eingesendete Beiträge frei von Rechten Dritter sind, insbesondere keine dritten Personen unberechtigt abgebildet oder genannt werden.

Die Datenverarbeitung kannst du durch Mitteilung auf gleichem Wege wie die die Teilnahme jederzeit widerrufen. Beachte dazu auch unsere Datenschutzerklärung.

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