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Olli Schulz und Fynn Kliemann: „Wir können nur jedem von einem Hausboot abraten!“

Olli Schulz und Fynn Kliemann: „Wir können nur jedem von einem Hausboot abraten!“

07.03.2021
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Fynn Kliemann (32, l.) und Olli Schulz (47) haben das Hausboot zwei Jahre lang restauriert. Am Ende konnten sie auch wieder lachen. Foto: Jonas Neugebauer

Olli Schulz (47) ist eigentlich Musiker, Entertainer und Podcaster – Fynn Kliemann (32) ist Heimwerk-YouTuber, Unternehmer und auch Musiker. Jetzt sind sie auch die Besitzer von Gunter Gabriels († 75) Hausboot. Eine Netflix-Doku zeigt ab kommendem Dienstag (9. März), was für ein (finanzieller) Super-GAU die Restaurierung für die beiden war. Die MOPO sprach vorab mit ihnen.

MOPOP: Was schätzen Sie an dem jeweils anderen und was nervt Sie?

Olli Schulz: Ich schätze Fynn Kliemanns Wissbegierde, seine Lust und seine positive Lebensart, die einen mitreißt. Und er macht jeden Scheiß mit. Was ich nicht an ihm mag, ist, dass er die gleichen Schwächen hat wie ich. Das nervt! Wir sind ungeduldig, jähzornig, aufbrausend, brüllen manchmal zu laut herum, können nicht gut streiten, sind schnell beleidigt und unsouverän in Krisensituationen. (lachen beide)

Fynn Kliemann: Olli Schulz‘ größte Stärke ist es, dass er aus jeder schlimmsten Situation mit einer unfassbaren Naivität und einem Optimismus – woher er den auch immer nimmt – herauskommt. Es macht überhaupt keinen Sinn mehr, alles bricht über einem zusammen und Olli steht da lachend, macht einen dummen Witz, wählt die richtige Telefonnummer und im besten Fall ist die Sache dann gegessen. Wie ein Phoenix aus der Asche! Deswegen heißt ein Album und ein Song von ihm wohl auch „Feelings aus der Asche“.

Schulz: So war es einfach immer bei mir. Das ist mein Überlebensinstinkt.

Kliemann: Seinen Rage-Mode mag ich nicht so. Wenn ein Tropfen zu viel drauffällt, dann gibt’s bei ihm zehn Minuten, in denen er unaufhaltsam explodiert. Da kann man dann nur Deckung suchen und muss abwarten, bis es vorbei ist.

Gunter Gabriel (1942-2017): Er erwarb die „Magdeburg“ im Jahr 1995 für 80 000 D-Mark (ca. 40 000 Euro) – das Hausboot war einst ein altes DDR-Arbeiterschiff. Seit 1997 bewohnte der Countrysänger und Rüpel es im Harburger Binnenhafen. In seinen letzten Lebensjahren vernachlässigte er das Boot zusehends – nach seinem Tod war es in keinem guten Zustand. Zeitweise wurde überlegt, ob aus dem Hausboot ein Gunter-Gabriel-Museum gemacht wird. Er sammelte sehr viel und es war vollgestopft mit seinen Sachen. 2018 verkaufte seine Tochter Yvonne Koch das Boot an Olli Schulz und Fynn Kliemann. Nach zwei Jahren chaotischer Restaurierung ist das Boot nun fertig und soll Konzert-Location und Rückzugsort für Musiker, Schriftsteller und Künstler werden. Foto: DPA

 

Haben Sie Gunter Gabriel je kennengelernt?

Schulz: Nicht wirklich. Einmal bin ich ihm in Berlin begegnet, als ich mit Jan Böhmermann mit dem Auto an einer Ampel stand. Er hat uns aber nicht erkannt und dachte wahrscheinlich, dass wir blasierte Spinner sind, weil wir mit einem Leih-Cabrio mit Münchner Kennzeichen unterwegs waren. Und einmal bin ich ihm vor einem Tonstudio begegnet. Ich habe da meine Platte aufgenommen und er wollte auch irgendwas klären wegen seiner Songs. Die hatten noch nicht geöffnet, aber er musste dringend mal und hat dann einfach seine Hose geöffnet und neben mir vor die Tür von so einem italienischen Restaurant gepisst.

Kliemann: Wegen solcher Geschichten – ich habe weitere, ähnliche von anderen Leuten gehört – bin ich auch nicht so traurig, dass ich ihn nie getroffen habe. Mit ihm Musik zu machen soll auch schwierig gewesen sein – 99 Prozent der Menschen, die mit ihm zu tun hatten, fühlten sich bedroht.

Schulz: Es gibt tolle, aber auch viele traurige Geschichten von ihm.

Was war denn das Skurrilste, das Sie von ihm auf dem Boot gefunden haben?

Schulz: Wir wollen hier jetzt keinen Verstorbenen verunglimpfen. Aber man muss sagen, dass er das Boot in seinen letzten Jahren nicht mehr besonders gepflegt hat. Es gibt da so einen etwa einen Meter hohen Bereich – man nennt ihn Bilge – zwischen ganz unten und dem Fußboden des Bootes. Der war vollgestopft mit alten Matratzen, Klamotten und irgendwelchen Felgen. Ein eigener Schrottplatz auf dem Boot!

Kliemann: Da lagen sieben Matratzen oder so. Und da ist ja alles nass. Das war schon eklig und merkwürdig.

Drecksarbeit: Nach und nach taten sich immer mehr Probleme bei der Restaurierung auf. Foto: Brian Jakubowski

 

Hat das Chaos seiner Hinterlassenschaften bei Ihnen dazu geführt, dass Sie sich über Ihren eigenen Tod und Ihren Nachlass Gedanken gemacht haben?

Kliemann: Total. Ich habe deswegen mein Testament und eine Verfügung geschrieben, wer meine ganzen Sachen bekommt. Wir haben hier ja echt am Anfang mit 25 Leuten zwei Tage lang Sachen in den Container geschmissen. Sowas will doch keiner nach seinem Tod! Er hat ja auch so viel gesammelt, das ist schon krass. Ich selbst sammele ja auch einiges und will nicht, dass das irgendwann nutzlos in einer Regalreihe verrottet und irgendwer anderes sich durch meine Ordnung wühlen muss.

Schulz: Tatsächlich habe ich auch ein Testament gemacht – aus den gleichen Gründen wie Fynn. Das Ganze hat bewirkt, dass man selbst auf sein eigenes Ende blickt. Gunter Gabriel kommt ja auch noch mal aus einer anderen Zeit. Unsere Kinder werden uns eher für unseren ganzen Datenmüll, den wir auf Festplatten hinterlassen, hassen. Dieser riesige digitale Scheiß ist wahrscheinlich noch schlimmer als Felgen und Bücher.

Wegen Gunter Gabriels Hinterlassenschafts-Chaos haben Olli Schulz und Fynn Kliemann ihre eigenen Testamente aufgesetzt

Wenn Sie Ihren Bootsbauer Max für die Restauration nicht mit ins Boot geholt hätten, wäre die Sache nicht gut ausgegangen, oder?

Kliemann: Der ist der allerbeste!

Schulz: Der ist bei dem Projekt zum Mann geworden. Der war am Anfang 22 …

Kliemann: … und jetzt ist er 40.

Schulz: Auf jeden Fall deutlich gealtert. Für den war das eine megageile Möglichkeit – vor allem in der Corona-Zeit, wo eh alles scheiße ist.

Es flogen nicht nur Funken, sondern auch Fetzen: Fynn Kliemann (v.) und Olli Schulz überlegten beide mehrfach, das Projekt hinzuschmeißen. Foto: Brian Jakubowski

 

Das Boot war ja in einer Werft in Finkenwerder. Haben die Arbeiter Sie belächelt?

Schulz: Wir wurden nicht belächelt, sondern ignoriert. Als wir da am Anfang reinkamen und Hallo gesagt haben, hat uns keiner zurückgegrüßt. Fynn meinte vorher noch, dass er einen guten Draht zu solchen Leuten hat.

Kliemann: Ich wollte irgendwann mal beim Schweißen helfen, aber der Typ meinte: „Bitte, lass es einfach!“ Das ist ein ganz anderes Level da. In einer Schweißnaht ist schnell mal ein kleines Loch drin. Aber das ist ja ein Metallboot und wenn da ein Loch drin ist, dann geht’s unter. Die wissen da, dass sie was können.

Schon Gunter Gabriel prophezeite es in seinem Song: „Hey Boss, ich brauch‘ mehr Geld!“

Am Ende war die Restaurierung viel teurer als erwartet. Können Sie mir verraten, wie viel es insgesamt gekostet hat?

Schulz: Über Geld spricht man nicht. Das weiß man doch als Hamburger.

Kliemann: Allein bei der Müllentsorgung kriegen wir die Kosten nicht mehr auf die Reihe. Da waren mehrere Dienstleister engagiert. Bei mir zu Hause im Garten vom Kliemannsland steht übrigens auch noch voll viel Zeug herum, das ich vielleicht noch verwenden will. Aus einer Rückwand vom Boot habe ich schon eine automatische Tontöpferscheibe gebaut.

Sie haben sehr oft darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen, oder?

Schulz: Es war die Hölle! Ich bin drei Mal, ohne dass es jemand mitbekommen hat, ausgestiegen. An den nächsten Morgen dachte ich dann aber immer: Das kann ich nicht machen, das wäre zu dumm! Fynn ging es da nicht anders.

Wir waren hilflos in einer Werft gefangen, mussten Leuten vertrauen, brauchten ein Riesen-Team, einen Arsch voll Geld und sauviel Platz, Zeit und Material. Das Scheißding wiegt 30 Tonnen, ist 30 Meter lang und du kannst es nicht bewegen. Jeder Tag kostet ein paar 1000 Euro.

Fynn Kliemann (32)

Ja, Sie als Heimwerker machen solche verrückten Projekte ja öfter. Wie schlimm war das Projekt auf einer Skala von 1 bis 10?

Kliemann: 10! Kein Scheiß jetzt. Wir waren hilflos in einer Werft gefangen, mussten Leuten vertrauen, brauchten ein Riesen-Team, einen Arsch voll Geld und sauviel Platz, Zeit und Material. Das Scheißding wiegt 30 Tonnen, ist 30 Meter lang und du kannst es nicht bewegen. Jeder Tag kostet ein paar 1000 Euro. Die Größenordnung macht halt keinen Bock. Zu Hause bastelst du dir mal was Kleines – wenn du das verkackst, musst du vielleicht 200 Euro draufzahlen. Aber wenn du das Hausboot verkackst, bist du ruiniert. Das ist eine ganz andere Fallhöhe.

Schulz: Fynn ist ja handwerklich sehr begabt, aber in das Projekt sind wir wirklich mit null Ahnung rein. Das waren so viele Bereiche, in denen wir uns nicht auskannten. Wie läuft das in einer Werft? Wo fragt man bei der Hansestadt Hamburg einen Liegeplatz an? Wie viel kostet der? Wir haben schnell gemerkt, dass es da wenig Interesse vom Hafen und von den Leuten gibt. Wir sind immer davon ausgegangen, dass wir da eine geile Sache machen. Wir machen das ja nicht nur für uns, sondern für die Musik und Künstler! Wir haben hier die Möglichkeit, kleine besondere Konzerte und intime Abende für kleine Bands und 150 Zuschauer zu gestalten und auch Sendungen aufzuzeichnen.

So ein Hausboot ist ein Loch, wo du immer wieder Geld reinschmeißen musst.

Olli Schulz (47)

Jupiter Jones haben schon ihr Comeback-Konzert auf dem Boot aufgezeichnet.

Schulz: Darüber waren wir sehr froh, ja. Das Boot ist ja auch toll und wir lieben es! Das Problem ist aber einfach, dass da noch sehr alte Verordnungen und Gesetze gelten. Wenn unser Hausboot im Hamburger Hafen liegt, dann dürfen da andere Boote auch liegen und das will die Stadt wiederum nicht. Dazu muss man sagen, dass der Hamburger Hafenbetrieb gar nicht mehr so relevant ist, weil vieles über Wilhelmshaven geleitet wird. Es gibt hier so viele Kanäle, die gar nicht mehr benutzt werden. Trotzdem stellt sich die Stadt da noch ziemlich quer, dass irgendwo Boote liegen dürfen.

Kliemann: Hausboote sind in Hamburg und Umgebung – eigentlich egal wo – ungern gesehen. Weil Hamburg den echten Schifffahrtsverkehr lieber hat. Das findet einfach schwer Anklang. Und wir brauchen ja sowas wie Abwasser – viele Sachen, an die man denken muss. Wir können nur jedem von einem Hausboot abraten! Man bekommt keine Liegeplätze und alles ist schweineteuer.

Schulz: Das ist eigentlich was für reiche Typen, bei denen jedes Jahr 800.000 Euro auf dem Konto landen. Nichts für welche wie uns, die kein regelmäßiges Einkommen haben. So ein Hausboot ist ein Loch, wo du immer wieder Geld reinschmeißen musst.

Das fertig restaurierte Boot: Bei Veranstaltungen bietet es an Bord Platz für 150 Menschen. Foto: Jonas Neugebauer

 

Aktuell liegt das Boot im Harburger Binnenhafen. Zieht es noch mal um?

Kliemann: Ja, nächste Woche. Aber wohin, verraten wir noch nicht. Der Plan ist ja folgender: Das Hausboot soll zwei Saisons haben. Eine ist nicht-öffentlich, da können sich dann Musiker auf dem Boot einquartieren und etwas erschaffen. Von mir aus auch Schriftsteller, die ein Buch schreiben. Und in der anderen soll das Boot an einer Stelle liegen, wo jeder hinkann und dann finden regelmäßig Konzerte statt. Im besten Fall sind wir – wenn eh die großen Festivals stattfinden und alle Bands da sind – ein eigener kleiner Festivalspot. Neben den 150 Leuten, die aufs Boot passen, könnten weitere 150 mit eigenem kleinen Kahn oder Kajak vorm Hausboot parken und der Musik zuhören. Und wir bewirten die Leute dann und schmeißen Bierflaschen in die Boote.

Da hatten sie schon Land gewonnen: Das Streichen zählte zu den einfacheren Arbeiten. Foto: Brian Jakubowski

 

Wenn das wirklich genehmigt wird, werden wir das mit MOPOP auf jeden Fall unterstützen.

Schulz: Super! Fynn hat sogar die Idee, vor dem Hausboot eine künstliche Welle zu erzeugen, sodass man dann surfen kann. Das sind alles Träume, aber auf der anderen Seite ist das hier immer noch ein Hafengebiet, in dem Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden müssen. Das ist ganz wichtig. Aber wir finden einfach, dass man hier tolle Sommerabende verbringen könnte. Mein Wunsch wäre, dass sich jeder Hamburger in zehn, fünfzehn Jahren erzählt: „Auf Fynns und Ollis Boot habe ich auch mal gefeiert und die und die Band live erlebt.“

Fynn Kliemann uns Olli Schulz träumen von Konzerten mit Zuhörern auf dem Boot und auf dem Wasser – und von einer künstlichen Surfwelle davor

Tim Mälzer hat ja bei der Restaurierung vorbeigeschaut und hatte die Idee, dass auf dem Boot auch Hochzeiten stattfinden können. Was ist daraus geworden?

Schulz: Tim Mälzer ist ein guter Freund von mir und ein guter Geschäftsmann, den wir um Rat gefragt haben. Denn es ist ja so: Wir haben einfach eine Menge Geld in das Boot gesteckt, deswegen wäre es schön, wenn wir das irgendwann mal wieder rauskriegen würden. Wir können uns schon vorstellen, dass der da auch mal darauf kocht und irgendwas gefeiert wird. Das ist alles Zukunftsmusik!

„Das Hausboot“ läuft ab Dienstag (9. März) auf Netflix.

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