Sie haben schon auf Deutsch gerappt, als Sido, Apache 207 und Haftbefehl noch am Rockzipfel ihrer Mütter hingen. Die Fantastischen Vier aus Stuttgart waren die erste Rap-Formation, die mit „deutschem Sprechgesang“, wie sie ihre Musik selbst nennen, Anfang der 90er bundesweit Schlagzeilen machte. Sie wurden von der Gesellschaft für deutsche Sprache mit dem „Medienpreis für Sprachkultur“ ausgezeichnet und verkauften bis heute mehr als acht Millionen Tonträger. Jetzt haben die Fantas ihre Abschiedstournee angekündigt. Im Januar treten sie auch in Hamburg auf. In der MOPO spricht Rapper und Gründungsmitglied Michael „Michi“ Beck (57) über die Hintergründe.
MOPO: Unter dem Titel „Der letzte Bus“ wollen Sie Ihre Abschiedstournee spielen. Warum ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?
Michi Beck: Ob es der richtige Zeitpunkt ist, das weiß man immer erst hinterher. „Jetzt“ heißt ja in unserem Fall von Ende nächsten Jahres bis 2028. Wir denken, dass das ein guter Zeitpunkt ist, weil wir während dieser Tour alle unsere Sechziger erreichen. Bis zu unserem 40-jährigen Bandbestehen 2029 sind wir uns ziemlich sicher, dass wir in der Lage sein werden, die typische Fanta-Vier-Energie auf die Bühne zu bringen – aber wir wollen nicht irgendwann aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen sagen müssen, dass wir jetzt alles anders machen müssen. Die Fantastischen Vier live sind die drei MCs, die im Dauerspurt über die Bühne laufen und herumhüpfen. So soll man uns auch in Erinnerung behalten. Bevor der Verfall noch mehr einsetzt, ist das ein guter Zeitpunkt, einen Schlussakkord zu setzen. (lacht)
Es gibt da ja diese „Verabredung“ zwischen Fan und Künstler: „Du, Rockstar, bekommst meine Kohle, dafür lebst du das wilde, drogen- und groupieverseuchte Leben, das ich gerne führen würde – und trittst früh ab.“ Das hat der Kabarettist Max Uthoff jedenfalls mal behauptet. Sehen Sie das auch so?
Das kann ich nachvollziehen. Aber es ist nicht das, was man von uns erwartet. Das trifft vielleicht eher auf Haftbefehl zu, wie der extreme Erfolg der Doku gerade zeigt. Die trifft genau diesen Punkt. Bei uns ist es eher die Kontinuität und der Umstand, dass wir in den Texten und Songs nicht nur uns, sondern auch vielen Menschen unserer Generation aus der Seele sprechen. Wir haben viele selbstreflexive Lieder wie „Sie ist weg“, „Aufhören“ oder „Wie weit“. Im Bestfall können das einige Menschen auf sich selbst und nicht nur auf das Leben von uns Musikern beziehen. Das ist eher der Vertrag, den wir mit unserem Publikum haben.
Wie kräftezehrend ist eine Tournee mit den Fantastischen Vier?
Wir merken schon, dass die zweieinhalb Stunden auf der Bühne die Energie von einem Tag komplett auffressen. Das Drumherum wird für uns immer anstrengender. Das hört sich nach Jammerei an, ist aber simple Realität.
Die Entscheidung ist Ihnen trotzdem sicher nicht leichtgefallen, oder?
Wir haben intern schon lange und viel darüber geredet, Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Wir haben uns immer geschworen, unsere Karriere nicht mit einer Mischung aus Abschiedstour und Comeback zu beenden. Wenn wir es sagen, dann muss es auch so sein. Und dann verkündest du es und weißt, es gibt kein Zurück mehr. Aber das Medienecho hat mich dann emotional mehr eingeholt, als ich dachte. Nach diesem Announcement hatte ich zwei, drei Tage einen richtigen Blues.
Foto: picture alliance/United Archives | ValdmanisGab es bei den Fantas in den vergangenen 36 Jahren eigentlich auch mal richtig Zoff oder harte Diskussionen über künstlerische Dinge?
Absolut. Bei drei Schreiberlingen ist der Filter beim Texten sehr hart. Dazu kommt Andi, der technisch, musikalisch und soundmäßig immer am Puls der Zeit gewesen ist. Für „Tag am Meer“, „Sie ist weg“ und „Die da“ haben wir jeweils zwei oder drei ganz neue Ansätze gemacht, bis wir bei den finalen Versionen gelandet sind. Deshalb haben wir für unsere Platten immer ewig gebraucht. Die ersten drei Alben sind in drei Jahren entstanden, aber dann hatten wir manchmal vier oder sogar fünf Jahre Pause. Da war notwendiger Müßiggang dazwischen, aber auch extrem langwierige Produktionsphasen.
Haben Sie im Lauf der Zeit eine gesunde Streitkultur entwickelt?
O ja! Es hilft auch, dass wir alle in verschiedenen Städten wohnen. Irgendwann wurde uns bewusst, dass es nicht gut für uns und unsere Leben ist, wenn wir weiter alle in dem relativ engen Stuttgart bleiben. Abstand war wichtig, um zusammen weiter zu funktionieren. Unser Grundsatz war ein bisschen verlogen, aber schon wichtig: „Bei uns kann jeder machen, was er will.“ Aber das galt natürlich nie für wichtige Abgabe-, Konzert- oder Promotermine.
Bob Dylan, Kraftwerk – das sind allesamt ältere Herrschaften, die noch immer unterwegs sind. Warum können so viele Künstler nicht von der Bühne lassen?
Damit sprechen Sie eine Gefahr an, die ich kommen sehe: Vielleicht werden wir das Touren ja irgendwann vermissen? Man ist ja schon verwöhnt, was Aufmerksamkeit und Zuspruch von außen betrifft, wenn man das so lange macht wie die genannten Acts oder auch wir. Diese Liebe fehlt einem irgendwann. Ich glaube nicht, dass Bob Dylan oder Ralf Hütter aus finanziellen Gründen auf Tour gehen. Wir haben schon öfter auf kleinen Bühnen gespielt. Sobald es so klein wird, steht das gemeinsame Musikmachen mehr im Vordergrund. Das ist ein ganz anderes Gefühl. Ich könnte mir vorstellen, dass wir irgendwann etwas Kleines, etwas Abgefahrenes, etwas Neues machen.
Wie haben es die Fantas eigentlich geschafft, die 36 Jahre ohne große Blessuren zu überstehen?
Wir sind und waren immer unsere eigene Therapiegruppe. Ich mit meinen von Unsicherheit geprägten Arroganzanfällen in den frühen 90ern, Thomas mit seiner Flirterei mit der Yellow Press. Manchmal hatte man auch keinen Bock auf gar nichts, schwächelte, hatte eine komische Idee oder war eine Weile irgendeinem unguten Zeug verfallen – immer wieder haben wir uns gegenseitig aufgefangen.
Barclays-Arena: 13./14.1.2027, je 20 Uhr, ab 99 Euro


































