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Michael Patrick Kelly: „Leute haben zu meinen Songs Kinder gezeugt“

Michael Patrick Kelly spielt am 30.9. ein Konzert in Kiel, am 1.10. kommt er nach Hamburg. Mit im Gepäck: seine riesige „Peace Bell“, die er aus Granathülsen und Panzerteilen aus der Ukraine herstellen ließ.

Foto: Sony

Nachdem beim ersten Termin das Telefon nicht klingelte, ist Michael Patrick „Paddy“ Kelly (44) beim zweiten Telefonat besonders gesprächig und spirituell, meint man. Das MOPOP-Interview handelt von Konzerten, die er so vermisst hat (Samstag spielt er in der Barclays-Arena!), seiner 840 Kilo schweren Friedensglocke, guten Songs und wahren Geschichten, der Freundschaft mit Rea Garvey und seiner Beziehung zu Gott.

MOPOP: Wie sehr freust du dich über die Tour, die endlich stattfindet?

Michael Patrick Kelly: Meine letzte Tour liegt drei Jahre zurück. Das ist für mich ein großes Ding jetzt! Ich war davor wie ein Rennpferd, das nur darauf wartet, dass die Schranke aufgeht. Das hat mir sehr gefehlt. Es ist so wichtig, dass man an so einem Abend zwei, drei Stunden lang all seine Probleme vergessen und ein Wir-Erlebnis mit vielen anderen Menschen, die man nicht kennt, erfahren kann. Das ist ein Stück Himmel auf Erden: kein Krieg, Hass, Stress und keine Probleme und Gewalt. Alle sind eins, freuen sich und können auch mal wieder Kind sein. Vielleicht wird auch mal geheult. Bei sehr vielen Menschen hat sich ja einiges aufgestaut. Und dann ist ein Song manchmal wie ein Wasserdamm-Bruch. Das tut so gut, das wieder zu erleben!

Was hat Corona mit der Leichtigkeit gemacht, Konzerte zu spielen?

Ich bin jetzt viel dankbarer und demütiger, das machen zu können. Früher hat man Live-Konzerte als selbstverständlich erachtet. Es ist Hammer, dass die Leute Tickets kaufen, kommen und sich nicht von ihren Zweifeln und Ängsten, die sie ja sicher haben, abhalten lassen.

Sehr viele kleine und mittelgroße Acts verkaufen gerade zu wenige Tickets.

Ja, wir reden sehr viel über die Entlastung der Krankenhäuser und Pflegedienste, das ist richtig. Aber es sind ja auch Tausende Menschen abhängig vom Musikkonsum. Es gibt Leute in der Veranstaltungsbranche, die nehmen sich das Leben. Das ist echt heavy. Ich finde: Die Mediziner sind für unsere Gesundheit, die Polizei und Feuerwehr für unsere Sicherheit da. Und wir Künstler – ohne uns jetzt auf ein Podest stellen zu wollen – sind für die Emotionen da. Wir Menschen brauchen diese Erlebnisse einfach.

„Peace Bell“: 840 Kilo schwer und aus Granathülsen und Panzerstücken aus der Ukraine hergestellt

Du hast bei deinen Shows eine Friedensglocke dabei.

Bei meinen Konzerten gibt‘s immer eine Schweigeminute für den Frieden. Und um diese Schweigeminute einzuleiten, habe ich jetzt eine 840 Kilo schwere „Peace Bell“ dabei. Im ersten und zweiten Weltkrieg wurden über 150.000 Kirchenglocken beschlagnahmt, um aus dem Metall Waffen herzustellen. Ich habe diesen Prozess nun umgekehrt und Granathülsen und Panzerstücke aus der Ukraine einschmelzen lassen, um die Glocke zu gießen. Ist schon ein starker Moment, wenn 10.000 Menschen kurz innehalten und schweigen. Da bekomme ich immer Gänsehaut und das gibt eine Wahnsinns-Power!

„B.O.A.T.S.“ = „Based On A True Story“

Die Initialen deines Albums „B.O.A.T.S.“ stehen für „Based On A True Story“.

Ja, alle Songs sind biografisch oder erzählen von anderen Menschen, die mich inspiriert haben. Wahre Geschichten aus dem echten Leben berühren, ermutigen und inspirieren mich einfach am meisten. Man sagt ja auch: Ein guter Song besteht aus drei Akkorden und der Wahrheit. Und auf „B.O.A.T.S.“ gibt‘s auch nur Geschichten mit gutem Ausgang. Schlechte Nachrichten gibt es gerade genug. Ich finde, man muss mehr gute Geschichten erzählen. Da kann man auch die berühmte Frage von Faust stellen: Was hält die Welt in sich zusammen? Meine Antwort: die selbstlose Liebe der Menschen.

Das Album ist bei Sony erschienen.

In deiner Doku zum Album sagst du, dass die Menschen die Song-Inhalte oft auf ihr eigenes Leben umdeuten. Kannst du Beispiele geben?

Die Schweizer Skirennfahrerin und Olympia-Siegerin Michelle Gisin etwa hört vor jedem Wettkampf Songs von mir, um ihre Ängste und Sorgen abzuschütteln. „Shake Away“ passt dazu sehr gut. Ich habe auch mitbekommen, dass eine Pflegerin meine Songs einer älteren Dame, die im Sterben lag, vorgespielt hat. Als Trost, weil ihre Familie wegen Corona nicht bei ihr sein konnte. Andere Leute haben zu meinen Songs geheiratet, die Mutter beerdigt oder Kinder gezeugt. (lacht) Das ist für mich wahrer Erfolg: wenn meine Songs eine Eigendynamik bei anderen Menschen entwickeln. Der Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens hat mir erzählt, dass meine Musik ihn schon zu Tränen gerührt und dass er das mit seinem Essen noch nie bei jemand anderem geschafft hat. Stark!

Ein guter Song besteht aus drei Akkorden und der Wahrheit.

Michael Patrick Kelly (44)

Wo begegnen dir die besten wahren Geschichten?

Zwei Beispiele: Ich trete manchmal in Gefängnissen auf. Und da hatte ich mal eine spannende Begegnung mit einem Mann, der lebenslänglich bekommen hat. Er hatte einen langen Bart und wirkte sehr friedlich und ausgeglichen und hatte mehr Freiheiten als die anderen Insassen. Er wollte mir nach dem Auftritt unbedingt seine Zelle zeigen. Die war vollgestapelt mit Ikonen. Der war Ikonen-Maler! Der hat dort im Gefängnis eine totale Umkehr erlebt und ist gläubig geworden. Das Ikonen-Malen war die Buße für seine Taten. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, ist er ins Kloster nach Griechenland und hat dort genau so weitergemacht. Diese „Redemption“-Story hat mich zum Song „Icon“ inspiriert. „Running Blind“ handelt von dem blinden Läufer und paralympischen Goldmedaillen-Gewinner Henry Wanyoike aus Kenia. ich durfte ihn kennenlernen. Sein Laufbegleiter, den er ja haben muss, ist 2000 in Sydney kurz vorm Ziel wegen Durchfall und Fieber zusammengebrochen. In dem Moment hat Henry Gott um Hilfe gebeten und dann haben ihm tatsächlich die Leute im Stadion durch Zurufe den Weg geleitet. Ich finde, das ist eine tolle Metapher für einen Song. Denn wir haben alle Momente, in denen wir vor einer schwarzen Wand stehen und nicht weiterwissen. Mut ist eben nicht, keine Angst zu haben, sondern in der Angst trotzdem zu handeln.

Deine alten Kellys-Songs vs. deine Solo-Songs von heute: Hat sich da was im Songwriting verändert?

Ich bin viel offener für andere Musikgenres geworden. Vor allem durch die Sendung „Sing meinen Song“. Ich durfte da drei Mal mitmachen und auf einmal hat man mit einem Rapper, Reggae-Künstler, Metaller oder einer Deutschpoetin zu tun. Und dann findet man das alles spannend und dann leckt Blut. Dadurch ist dann so ein Song wie „Beautiful Madness“ mit Reggae-Flavour entstanden, was ja eher untypisch für mich ist. Und Bäm! Das ist der größte Hit, den ich bisher als Solokünstler hatte.

Unter irischen Männern sagt man zum Beispiel: „Wie geht’s dir, du Stück Scheiße?“

Paddy Kelly

Dein Song zusammen mit Rea Garvey heißt „Best Bad Friend“. Wie definiert sich eure Freundschaft und was nervt dich am meisten an ihm?

Wir verstehen uns total gut – als würden wir uns schon aus Kindertagen kennen. Es gibt so viele Parallelen: Wir kommen beide aus Irland, stammen aus Großfamilien, waren Teil von sehr erfolgreichen Bands und haben uns jetzt als Solokünstler emanzipiert. Wir sind beide sozial engagiert und gläubig. Der Song sollte nicht zu „cheesy“ werden, deswegen haben wir Duell-Momente untergebracht. Im irischen Humor zickt man sich an, aber das ist ein Zeichen, dass man sich mag. Unter Männern sagt man zum Beispiel: „Wie geht’s dir, du Stück Scheiße?“ (lacht) An Rea nervt mich total, dass er so gut singen kann. (lacht laut) Der kommt ins Studio und haut einfach raus. Das hat dazu geführt, dass ich meine Vocals dann alle noch mal neu machen wollte. Der Konkurrenz-Vibe war also da.

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Du hast im Leben viel durch: Teeniestar, Ruhm, Armut. Was ist deine Definition von Lebensglück?

Ich habe mein tiefstes Glück und inneren Frieden im Glauben an Gott gefunden. Es gibt ein Limit an Glück, das die Welt zu bieten hat: Freundschaft, Liebe, Beruf, Haus, Geld, Schönheit … Aber wir sind nie satt. Wir laufen auf etwas zu oder vor etwas weg. Ich auch! Tiefen Frieden und pure „Happiness“ findet man woanders. Und dafür muss man jetzt nicht wie ich sechs Jahre ins Kloster. Mein tiefstes Glück ist, zu wissen, dass es Gott gibt. Dass ich unendlich geliebt, gewollt und kein Zufallsprodukt bin. Die Evolution hat sicher ihren Beitrag geleistet, meine Gene zu erschaffen. Aber die Seele, die kommt nicht von meinen Eltern. Ich nenne Gott den unsichtbaren Regisseur meines Lebens. Wir Menschen existieren in Gott wie Fische im Wasser und nehmen das gar nicht richtig wahr, dass es überall und immer eine Gegenwart gibt, die es gut mit uns meint und an die wir uns wenden können. Diese Antwort ist sehr spirituell, ich weiß …

Konzerte: 30.9., Wunderino-Arena Kiel, 1.10. Barclays-Arena Hamburg (20 Uhr), ab 43 Euro hier

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