Folgen Sie uns

Wonach suchen Sie?

Interviews

Michael Patrick Kelly: „Ich hatte eine Phase, in der ich zu zerbrechen drohte“

Michael Patrick Kelly
„Konzerte sind mein Lebenselixier. Sie sind der Ort, wo aus Fremden Freunde werden“, sagt Michael Patrick Kelly (48). „Ich spiele zweieinhalb bis drei Stunden lang.“
Foto: Marvin Stroeter

Seine Popsongs laufen im Radio rauf und runter, und doch haben die Lieder von Michael Patrick Kelly mehr zu bieten als angenehme Oberflächlichkeit. Der 48-Jährige, der als Mitglied der Kelly Family von Kindheit an Musik macht, zwischen 2004 und 2010 in einem französischen Kloster lebte, seit 2013 verheiratet ist und irgendwo in der bayerischen Provinz lebt, erzählt auf seinem aktuellen Album „Traces“ teils sehr persönliche und tiefgehende Geschichten, die vor allem eins bewirken: Sie geben Hoffnung.

MOPOP: Ist es für Sie die pure Freude oder doch eher richtig harte Arbeit, ein Album wie „Traces“ zu machen?

Michael Patrick Kelly: Songs zur Welt zu bringen ist für Musiker ein bisschen so wie Kinder kriegen. Es gibt Kinder, die kommen in einer halben Stunde raus, andere brauchen einen ganzen Tag. Und so gibt es auch Songs, die sind einfach da. Und andere, die sich wie der schlimmste Schmerz der Welt anfühlen. Wenn sie dann endlich da sind, sind sie kostbar und geliebt.

Bei welchem der Lieder war die Geburt denn  besonders schwer?

Bei „K.H.A.“, der Titel steht für „Keep Hope Alive“, habe ich drei oder vier Strophen geschrieben. Erst stand der Text der Melodie im Weg, dann war mir die Melodie zu melodiös, sodass die Worte nicht so rüberkamen. Man darf Popmusik nicht unterschätzen. Es ist wirklich nicht leicht, einen dreiminütigen Song zu schreiben, der dem Ohr Spaß macht, das Herz berührt, den Hintern zum Wackeln bringt und dann noch Substanz hat, was zu sagen. Wofür manche einen ganzen Roman Platz haben, müssen Pop-Autoren auf die Essenz reduzieren, destillieren und auf den Punkt bringen.

„K.H.A.“ ist ein ziemlicher Upbeat-Song über die Rettung vor dem Suizid. Wie ist das Stück entstanden?

Ich hatte eine sehr lange Unterhaltung mit Kevin Briggs, einem mittlerweile pensionierten Highway Patrol Officer an der Golden Gate Bridge. Er hat dort auf der Brücke viele Menschen gerettet, vom 13-jährigen Mädchen bis zum 80-jährigen Mann. Das Schöne ist, dass er sie nie mit Gewalt davon abbrachte, von der Brücke zu springen, sondern durch bis zu acht Stunden lange Gespräche und das dort oben, wo es kalt, windig und laut ist. Inzwischen arbeitet er in der Suizidprävention und bildet Leute aus.

Das Thema geht Ihnen persönlich sehr nah, oder?

Ja. Mit Anfang 20 hatte ich selbst so eine Phase, in der ich zu zerbrechen drohte. Ich hatte alles, wovon viele träumen, das, was man mit „fame and fortune“ meint, aber ich hatte keinen Lebensmut und wusste nicht mehr weiter. Die richtigen Menschen, der Glaube an Gott und eine Psychotherapie haben mich damals gerettet. Heute spricht man viel mehr über Mental Health als früher. In dem Punkt hat sich die Welt sehr zum Positiven verändert. In den 90ern hätte ein junger Mann, der sich Hilfe in einer Therapie sucht, weil er nicht mehr kann, wohl niemals darüber gesprochen. Das wurde damals auch gerade im Showbusiness nicht gerne gesehen.

Sie haben die irische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Seit 2024 sind Sie Botschafter der Vereinten Nationen und haben quasi die Patenschaft für das nachhaltige Ziel „Peace, Justice And Strong Institutions“ übernommen – also „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. Da denkt man unweigerlich an Donald Trumps Attacken auf die Demokratie. Was ist Ihre Haltung dazu?

Die Frage ist, ob es mehr darauf ankommt, was ich denke, als auf das, was ich als Musiker bewirken kann, wenn ich nicht noch einer mehr bin, der sich öffentlich echauffiert. Ich verstehe mich nicht als politischen Künstler. Ich verstehe mich vielmehr als Künstler, der die Menschen verbindet. Ich glaube, es gibt genug Polarisierung, genug Extrempositionen, genug Schwarz-Weiß-Denken, genug Fake News. Was wir brauchen, ist mehr Gemeinsamkeit, mehr Zusammenkommen, reden, Dialog, Demokratie im wahrsten Sinne des Wortes. Ich denke, die Welt braucht mehr Liebe. Ich wünsche mir, dass Menschen verschiedener Weltanschauung in meine Konzerte kommen, um gemeinsam ein positives Wir-Erlebnis zu haben. Ich sehe in jedem Menschen einen Wert. Ich verurteile niemanden, der anders denkt als ich.

Das könnte Sie auch interessieren: Johannes Oerding: „Davon träume ich, seit ich sechs Jahre alt bin“

Im Lied „The Day My Daddy Died“ singen Sie, dass Sie lange gebraucht haben, um nach dem Tod Ihres Vaters im Jahr 2002 weinen zu können.

Ja, das passierte erst zehn Tage nach der Beerdigung. Ich kann dir bis heute nicht sagen, warum ich vorher nicht weinen konnte oder wollte. Vielleicht war es das Wissen, dass er nun vom Leid erlöst ist. Er hatte eine Hirnblutung gehabt, war dann acht Monate lang bettlägerig, jeder Atemzug war eine Qual. Als der Sarg in den Boden gelassen wurde, war der Moment, wo ich wusste „Okay, he is gone“.

Haben Sie die Beerdigung organisiert?

Ja. Im Familienkontext hatte ich zu der Zeit eine Funktion, die man als eine Art Säule beschreiben kann. Wir mussten die Beerdigung in die Abendstunden verschieben, damit die Paparazzi nicht so gut fotografieren konnten. Das war die Zeit, in der manche Medien, was uns betrifft, im wörtlichen Sinne über Leichen gegangen sind. Uns hat das damals alle sehr getroffen.

In dem Lied singen auch Ihre Geschwister mit. War das von Anfang an der Plan?

Nein, die Idee kam spontan, wenige Tage vor Fertigstellung beziehungsweise der Abgabe des Albums. Der Song war im Grunde fertig, und irgendwie hatte ich plötzlich den Impuls, dass es so sein sollte. Ich habe dann rumtelefoniert, und meine Geschwister haben in Irland, in Spanien, in den USA und in Deutschland in Tonstudios ihren Part aufgenommen. Als ich selbst meinen Teil eingesungen habe, musste ich mehrfach abbrechen, so nah ging er mir. Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihn live singen können werde.

Das letzte Lied auf „Traces“ heißt „Symphony Of Peace“ und ist wirklich bombastisch. Der Opernsänger Jonas Kaufmann ist dabei, der britische Musikproduzent Wil Malone hat die Streicher aufgenommen, auch der London Community Gospel Choir singt mit.

Ich wollte seit vielen Jahren eine Friedenshymne schreiben und habe einige Anläufe gebraucht, bis ich nun denke, mit diesem Song dem Thema gerecht zu werden. Bei meinen Konzerten gibt es immer eine Schweigeminute für den Frieden. Sie wird mit der Peacebell eingeläutet, der Friedensglocke, gegossen aus einer Tonne von Kriegsschrott. Bei der Tour werden wir anschließend die „Symphony Of Peace“ spielen. Das wird auf jeden Fall ein Highlight werden.

Barclays-Arena: 24.4., 20 Uhr, 57,95-78,70 Euro (Restkarten)

Das könnte Dich auch interessieren

Konzerte

Sie wollen es nochmal wissen: Die Ärzte kommen nächstes Jahr nach Hamburg – für gleich zwei Konzerte nacheinander. Der Vorverkauf startet schon am Mittwoch....

Interviews

Düstere Gitarrenriffs, Chöre und wuchtiges Schlagzeugspiel – das zeichnet Kreator aus Essen aus. Die Thrash-Metaller um Sänger und Gitarrist Miland „Mille“ Petrozza (58) veröffentlichten...

Festivals

In Stade steigt an diesem Samstag eins der ersten Festivals des Jahres – und vielen Fans zufolge ist es auch eins der schönsten Festivals:...

Anzeige

Das wird ein genialer Abend: Am Samstag, 18. April 2026, steht die Rapperin Älice im Rahmen der Konzertreihe „Made in Hamburg“ auf der Bühne...