Share on facebook
Share on twitter

„Mein Afro wurde zum Statement“: Ein Gespräch mit der britischen Soulsängerin Celeste über Hamburg, Politik, Liebe und Musik

„Mein Afro wurde zum Statement“: Die britische Soulsängerin Celeste über Hamburg, Politik, Liebe und Musik

09.02.2021
Share on facebook
Share on twitter
Celeste versteht ihren Afro auch als Statement. Foto: Polydor/Universal

Als Nominierte des Anchor Award beim Reeperbahn-Festival 2019 hinterließ die britische Singer/Songwriterin Celeste Waite (26) bleibenden Eindruck. Spätestens seit ihrer Ballade „Strange“ wird für die Frau mit der Ausnahme-Soulstimme eine Weltkarriere prognostiziert. Die gute Nachricht: Mit ihrem Debütalbum „Not Your Muse“, das von der Liebe handelt, wird sie allen Anforderungen gerecht. Im MOPOP-Zoom-Interview erzählt sie, warum ihr Afro mehr ist als eine gute Frisur, wie man den perfekten Valentinstag im Lockdown verbringt und welche Erinnerungen sie an Hamburg hat.

MOPOP: Celeste, denken Sie gerne an das Reeperbahn-Festival 2019 zurück?

Celeste: Das waren aufregende Tage! Ich war in der „Superbude“ untergebracht, das war cool und ganz anders als Hostels in England. Einmal bin ich von dort mit dem Mini-Scooter zum Soundcheck gefahren – das hat man auch nicht alle Tage. Ich erinnere mich an mein Konzert im Imperial Theater – mit dem roten Plüsch war es wie gemacht für meine Musik. Auch im Mojo war es klasse: Das Publikum war so warm und empfänglich für eine Newcomerin wie mich.

Wie bitter war es, den Anchor Award dann doch nicht gewonnen zu haben?

Ich war schon ein bisschen enttäuscht. Da hatte sich viel Spannung in meinem Kopf aufgebaut. Ich hatte genau geplant, was ich zu der Award-Show anziehen würde und dem viel Bedeutung beigemessen. Aber als das dann gelaufen war, dauerte es nicht lange, und ich war glücklich, so viele Leute getroffen zu haben. Dermot Kennedy habe ich dort zum ersten Mal gesehen. Ich lernte Peaches kennen, von der ich als Teenager Fan war, weil sie so freimütig war. Und Bowie-Produzent Visconti hatte noch einige nette Dinge über mich gesagt. Wenn solche Leute enthusiastisch sind gegenüber dem, was du tust, dann gibt dir das definitiv das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Insofern vergebe ich Hamburg! (lacht)

Celeste wird eine Weltkarriere prophezeit – den Newcomerpreis des Reeperbahn-Festivals gewann sie 2019 aber nicht

Lily Allen brachte 2017 Ihre erste EP auf ihrem Label heraus. Hat Ihnen das die Karriere geebnet?

Es hat definitiv geholfen. Ich hatte zuvor nie die Möglichkeit, Musik mit einem Plattenlabel im Rücken zu veröffentlichen. Ich konnte also erst mal sehen, wie der Hase läuft, wenn man überhaupt eine Plattenfirma hat. Nachdem diese Beziehung zum Ende kam, hatte ich allerdings das Gefühl, es würde auch das Ende meiner Karriere bedeuten. Ich dachte, ich hätte diese kleine Chance gehabt, und sie wäre verpufft. Ich fiel in ein Loch und wusste nicht wirklich, wie es weitergeht. Ein Jahr ging das so, bis ich schließlich meinen heutigen Manager traf und kurze Zeit später bei Polydor unter Vertrag genommen wurde.

Und Lily ist jetzt sauer?
Nein, ich denke, sie ist glücklich, dass ich jetzt mein Ding mache. Sie weiß, wie hart es im Musikbusiness sein kann.

Celestes Debütalbum ist bei Polydor/Universal erschienen.

Anfang 2020 haben Sie den Brit Award gewonnen, aber Ihr Album war noch nicht fertig. Scharrt man da nicht mit den Hufen?

Klar, ich wollte reisen, jeden Tag Shows spielen, aber musste dann wieder umschalten auf ein anderes Mindset, um weiter an der Platte schreiben zu können. Denn wenn so viel passiert – Videodrehs, Konzerte, TV-Auftritte – bist du nur auf „Go! Go! Go!“ programmiert und funktionierst einfach. Du hast einen Fokus, der dich körperlich da durch bringt und gut sein lässt, was aber nicht zwingend im Einklang steht mit deinen Emotionen. Doch genau an die muss ich beim Songschreiben ran, um mich mit der Musik ausdrücken zu können. Wenn beides zusammentrifft, also die Arbeit mit dem Inneren und die Arbeit nach Außen, kann das körperlich schon sehr ermüdend sein. Als sich alles durch die Pandemie verlangsamte, kam ich in einen Zustand, wo ich viel sensibler und offener war für das, was um mich herum passierte. Mein Herz war quasi freigelegt. Das war gut, um die Platte fertigzustellen.

Kritiker sagen Ihnen nun eine Weltkarriere voraus. Sind Sie bereit dafür?

Letzte Woche ist es mir um die Ecke von meiner Wohnung in London zwei Mal passiert, dass Leute mich auf der Straße ansprachen. Das war das erste Mal, dass das passierte. Erst in dem Moment fing ich an, darüber nachzudenken, wie sich mein Leben nun verändern könnte. Ich habe durch das Pandemie-Jahr überhaupt kein Gefühl dafür, wie enthusiastisch die Leute mir und meiner Musik gegenüber wirklich sind. Ich merke zwar, dass sich bei Social Media eine Fanbase gebildet hat, aber da ich keine Leute treffe, weiß ich nicht, was das in der realen Welt bedeutet. Es wird also eine Überraschung!

Sie ernten Vergleiche mit Amy Winehouse, Billie Holiday und Sade. Wie fühlen Sie sich damit?

Vergleiche können am Anfang einer Karriere hilfreich sein, weil sie eine Verbindung zu dem Publikum besagter Größen herstellen. Aber nach einer Weile musst du beweisen, dass du noch andere Nuancen zu bieten hast mit dem, was du tust. Es reicht auch nicht zu sagen: „Ich bin anders.“ Du musst zeigen, dass du es bist. Was aber oft vergessen wird: Es sind Vergleiche mit der vollendeten Version dieser Superstars – sie haben bereits ihr ikonisches Album herausgebracht. Ich bin aber noch auf dem Weg dorthin.

Fiel es Ihnen schwer, Ihren persönlichen Kern zu finden?

Schon. Ich musste mich fragen, wer ich wirklich bin und meinem eigenen Urteil vertrauen – unabhängig von allen Vergleichen und den großen Erwartungen seitens der Musikindustrie. Der Anspruch an mich ist, einerseits Einfluss zu nehmen mit meiner Musik, andererseits soll es sich nicht anhören wie ein gewöhnlicher Pop-Soundtrack.

Celeste hat sich die Gesangs-Phrasierungen bei Billie Holiday, Nina Simone und Aretha Franklin abgeguckt

War denn Amy Winehouse eine Inspiration?

Zu ihren Hochzeiten war ich noch etwas zu jung, um komplett zu verstehen, was sie in ihrer Musik ausdrückte. Erst als Erwachsene mit 22 fand ich einen Zugang. Ich verstand plötzlich ihre Aussagen über Sex, Liebe oder Drogen. Die größere stimmliche Inspiration kam aber von Künstlern wie Billie Holiday, Nina Simone und Aretha Franklin. Ich habe ihre Phrasierungen beim Gesangs geradezu studiert – ich hörte wie besessen über Jahre ihre Musik. Ich habe nicht versucht, genauso zu klingen wie sie, aber so viel wie möglich davon mitzunehmen.

Ihr Neo-Soul hat durchaus etwas Nostalgisches.

Mein Album klingt schon ein bisschen Retro. Meine Mutter wurde in den 60ern am Stadtrand von London geboren, mein Vater kommt aus Jamaika. Aus diesen beiden Strömungen entstand der Ska in England, von dem sich Ansätze auch auf meiner Platte wiederfinden, zum Beispiel im Song „Beloved“. Noch mehr kommt dieses Gemisch allerdings in meiner Mode zum Ausdruck. Meine Mutter war Mod, mein Großvater war ein Teddyboy. Mein Vater trug diese unglaublichen Anzüge in tollen Farben und darunter Poloshirts in Stretchstoff. Diese Silhouetten haben mich als Kind sehr beeinflusst.

Celeste ist das Gesicht der Gucci-Kampagne „Beloved“

Sie sind Gesicht der aktuellen „Beloved“-Kampagne des italienischen Modelabels Gucci. Wie kam es dazu?

Einige Leute, die für Gucci arbeiten, waren bei einer meiner Shows, ohne dass ich es wusste. Meine Stylistin nahm Kontakt zu ihnen auf, und sie meinten, dass ihnen mein Konzert gefallen habe und sie meinen Stil mögen würden. So begann die Beziehung. Es sind einfach sehr angenehme Menschen. Sie machen Outfits, die gut zu meiner Körperform passen. Denn bisher bekam ich die Kleidungsstücke von Modefirmen in Größe 4, bestenfalls in 6, ich liege aber zwischen 12 und 16 – je nachdem, wo ich einkaufe. Oftmals ist dann die Attitüde: Wenn du uns tragen willst, dann kriegst du es hin, dort hinein zu passen. Zum Glück setzt Gucci seine Leute nie so unter Druck. Das lies mich echt gut fühlen. Davon mal abgesehen, kann ich mich gut identifizieren mit der Diversität, die sie zum Ausdruck bringen.

Freuen Sie sich schon auf die After-Lockdown-Gucci-Partys mit Harry Styles, Florence Welch und Iggy Pop?

(lacht) Mal schauen, ob das passiert. Ich kann es jedenfalls nicht abwarten, bis ich anfangen kann, die Welt zu bereisen und Shows in verschiedenen Ländern zu spielen. Da lernt man dann zwangsläufig viele andere Künstler kennen.

Ich hatte das Gefühl, mit natürlichem Haar ehrlicher zu mir selbst zu sein. So fing es an. Dann las ich darüber, wie in den 60ern Farbige in der US-Bürgerrechtsbewegung ihr natürliches Haar zum Ausdruck ihres Stolzes in Bezug auf „Black Power“ einsetzten. Ich hoffe, dass ich junge Frauen dazu animieren kann, ihre natürliche schwarze Schönheit preiszugeben.

Celeste (26) über ihre Haare

Ist Ihr Riesen-Afro auch als Statement zu verstehen?

Er wurde zum Statement! Als Teenager trug ich meine Haare immer glatt. Bis ich sie an einem Sommertag zum ersten Mal als Afro frisierte. Meine Freunde meinten, wie schön es aussehen würde. Und ich fühlte mich einfach nur befreit. Ich hatte das Gefühl, mit natürlichem Haar ehrlicher zu mir selbst zu sein. So fing es an. Dann las ich darüber, wie in den 60ern Farbige in der US-Bürgerrechtsbewegung ihr natürliches Haar zum Ausdruck ihres Stolzes in Bezug auf „Black Power“ einsetzten. Ich hoffe, dass ich junge Frauen dazu animieren kann, ihre natürliche schwarze Schönheit preiszugeben.

Ihre Texte porträtieren Sie als eine Frau, die sich nach Liebe und Romantik sehnt, die sich dafür aber nicht verbiegen lassen will. Welches Image von Frauen möchten Sie rüberbringen?

Interessant, dass Sie diese zwei Aspekte herauspicken, denn das ist exakt die Person, die ich bin. Ich hatte immer das Verlangen nach tiefgründiger Liebe, aber ich bin mir auch bewusst, dass ich mich nicht verändern werde, um in diese Art von Beziehung zu passen. Zum Glück habe ich nun genau diese Liebe gefunden, die mir fehlte. Es hat lange gebraucht, an diesen Punkt zu kommen. Aus Angst, verletzt zu werden, hatte ich eine Mauer des Selbstschutzes um mich herum gebaut.

Was haben Sie über die Liebe gelernt?

Es gibt das Buch „Love Is A Many Trousered Thing“ von Louise Rennison. Meine Interpretation davon ist: Liebe ist komplexer, als einfach nur jemanden zu lieben und geliebt zu werden. Es geht darum, die beste Version von dir selbst für diese Person zu sein und bedingungslos zu lieben.

 

Im neuen Video zu „Back To Love“ tragen Sie den Afro sogar in Herzform. Haben Sie einen Tipp, wie man am Valentinstag punkten kann?

Etwas an der Türschwelle hinterlegen, klingeln und weglaufen – das fände ich romantisch. Und Corona-konform ist es auch noch.

Wie werden Sie den Valentinstag im Lockdown verbringen?

Ich werde mich mit meinem Liebsten zu Hause ordentlich rausputzen, ein schönes Essen kochen und Musik hören. Es ist das erste Mal für mich, dass ich am Valentinstag einen festen Freund habe. Auch für ihn wird es das erste Mal sein, dass er an dem Tag der Liebe nicht alleine ist. Wir werden es also genießen.

Ihr Freund Sonny Hall ist Dichter, oder?

Ja, ein richtig guter sogar! Vielleicht dichtet er ja zum Valentinstag für mich? Aber eigentlich spielt das keine Rolle, denn er hat auch so jede Menge Poesie in mein Leben gebracht.

Celestes Album „Not Your Muse“ ist bei Polydor/Universal Music erschienen.

Share on facebook
Share on twitter

Das könnte Sie auch interessieren

Wonach suchen Sie?