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Marco Wanda: „Es ist nicht schlecht in einer Band zu spielen, in der praktisch jeder eine Therapie hinter sich hat“

Hinterm Mikrofon zuhause: Sänger Marco Michael Wanda (36), der eigentlich Michael Marco Fitzthum heißt.
Hinterm Mikrofon zuhause: Sänger Marco Michael Wanda (36), der eigentlich Michael Marco Fitzthum heißt.
Foto: Imago/Elbner Europa

Seit zehn Jahren stehen Wanda, die Pop-Barden aus Österreich, für Konzerte zwischen Rausch und Ekstase, für Lieder zwischen Falco und Freud. Wie geht es weiter, jetzt, da die Band mit dem Tod ihres Keyboarders einen großen Verlust erlitten hat? Ein Anruf bei Sänger Marco Wanda.

MOPOP: Wir führen dieses Interview übers Telefon, ich erreiche dich in Wien. Wo genau?

Marco Wanda: Ich bin in meinem Arbeitszimmer. Da steht eine Drum Machine, die ich aber nicht zum Laufen bringe. Da steht ein kaputter Verstärker, der ist mir runtergefallen, als ich betrunken war. Da steht eine Gitarre, die auch nicht funktioniert, warum auch immer. Es funktioniert eigentlich gar nichts in diesem Raum.

Die Telefonleitung zwischen uns funktioniert, immerhin etwas.

Immerhin die.

Wanda live ­– das ist oft ein großer Rausch. Zumindest für die Menschen vor der Bühne. Wie fühlt sich das an für euch, die ihr oben steht?

Ich freue mich einfach, dass ich Menschen begegne in einem Rahmen, der nicht alltäglich ist und in dem jede Emotion, außer totaler Aggression, erlaubt ist und stattfinden kann. Dadurch lerne ich sehr viel über das Menschsein. Jedes Mal.

Erlebst du eure Konzerte noch einmal anders nach der Zwangspause durch Corona?

Für mich hat es sich nicht angefühlt wie eine Pause. Weil wir die ganze Zeit im Studio waren oder geprobt haben. Ich habe mich auch erstaunlich schnell wieder zurecht gefunden auf der Bühne. Das ist für mich ein sehr vertrauter Ort und auch einer der Räume, die mich am meisten interessieren in meinem Leben. Ich lebe abseits der Bühne sehr zurückgezogen, fast wie ein Profisportler. Fahre meinen Alltag herunter und erhole mich fürs nächste Konzert. Das ist schon eines der großen Zentren meines Lebens geworden.

… und soll es bleiben?

Das einzige Traurige am Leben ist für mich nur, dass es ein Ablaufdatum gibt, um auf einer Bühne sein zu können, körperlich nicht mehr das tun zu können, was mir das Liebste ist. Diesem Tag blicke ich ein bisschen mit Entsetzen entgegen. Aber Mick Jagger beweist, dass es bis ins hohe Alter möglich ist. Theoretisch.

Christian Hummer, Gründungsmitglied eurer Band, ist im September gestorben, er war lange krank. In derselben Woche ist euer neues Album erschienen. Wie ging das zusammen, die Trauer um Christian und die Freude, mutmaßlich, die neuen Songs mit euren Fans teilen zu können?

Ohne den Kontakt mit unserem Publikum hätten wir das vielleicht gar nicht geschafft. Es war sehr schwierig und die Trauer ist lange nicht beendet. Sie wird uns unser Leben lang begleiten, das ist klar. Aber ich denke mir auch: Die Antwort auf den Tod muss immer das Leben sein. Christians Tod hat mir deutlichst vor Augen geführt, was für ein unglaubliches Geschenk das Leben ist. Wenn ich etwas esse, das mir wirklich gut schmeckt, dann denke ich immer an den Christian. Ich denke mir dann: Der isst das jetzt durch mich und mit mir mit (lacht).

Zehn Jahre Wanda, fünf Alben, viele, viele Konzerte: Sind die Jahren wie ein Fingerschnipsen vergangen? 

Diese Zeit wird immer lebendig im Dialog, wir reden sehr viel über die Vergangenheit. Auch rund um Christians Tod haben wir ganz viele Geschichten ausgetauscht. Was diese Band in diesen zehn Jahren erlebt hat, das erleben die wenigstens Bands in 30 Jahren. Es war eine wilde Zeit. Eine prägende und wilde Zeit.

Prägend, weil …

Mein Leben hat erst Sinn gemacht, nachdem ich diese Typen kennengelernt habe. Da habe ich eine Aufgabe gefunden, das hat gerechtfertigt, dass ich die zehn Jahre davor so gelebt habe, wie ich gelebt habe. Wahnsinnig exzessiv, wahnsinnig mit meiner eigenen künstlerischen Weiterentwicklung beschäftigt. Das hat aber vor dieser Band alles keinen Sinn ergeben. Davor war ich halt nichts. Mit diesen Menschen kam eine Art Auftrag in mein Leben, fast eine höhere Mission.

Wo hast du diese Typen denn kennengelernt?

Unseren Gitarristen Manuel Poppe zum Beispiel habe ich auf einer Party kennengelernt, wir sind aufeinander aufgewacht mehr oder weniger, weil wir so betrunken waren. Uns hat sofort die gemeinsame Besessenheit von Nirvana verbunden. Bei jedem aus der Urformation war mir schon beim Kennenlernen klar: Das ist ein Star. Im Proberaum habe ich manchmal nur gestaunt, was für eine Ausstrahlung diese Typen hatten. Damals mit 22 Jahren hatte ich sicherlich keinen Geschäftssinn, aber irgendwas in mir hat gewusst, dass es funktionieren kann mit diesen Musikern.

Hast du euch gleich auf einer großen Bühne gesehen?

Für mich war eine große Bühne damals der größte Club in Wien. Ich habe mir gedacht, wenn wir im „Flex“ auftreten, dann sind wir Weltstars. Da hat meine Welt aufgehört, ich habe nie über Wien hinausgedacht, ich hätte nie gedacht, dass wir mal in einem anderen österreichischen Bundesland spielen, dass wir jemals in Deutschland spielen. Dass wir in der Wiener Untergrund-Welt die Nummer eins werden, das war schon das Ziel. Aber was dann passiert ist, konnte sich niemand von uns vorstellen.

Die Band hat sich nach der berühmten Wiener Zuhälterin Wanda Kuchwalek benannt.Foto: Wolfgang Seehofer
Die Band hat sich nach der berühmten Wiener Zuhälterin Wanda Kuchwalek benannt.

Erlebt ihr euer Publikum in Deutschland anders als in Österreich?

Heute nicht mehr. Uns schlägt dieselbe Euphorie entgegen. Am Anfang war es sehr befreiend in Deutschland zu spielen, weil man das Gefühl hatte: Ich wohne hier nicht, ich lebe hier nicht, ich kann machen, was ich will. Ich kann hier eine Straftat begehen, und dann haue ich ab über die Grenze.

Jetzt füllt ihr wie hier in Hamburg die größeren Hallen.

Ich bin grundsätzlich ein großer Fan von Deutschland, vom Land, von der Kultur, ich finde die Gesellschaft spannend. Österreich hat immer noch etwas Gemütliches, es führt nicht in der Intensität soziale und gesellschaftliche Diskurse, wie das in Deutschland geschieht, auch was die Vision des eigenen Landes betrifft. In Deutschland habe ich immer das Gefühl, es geht um was.

Im ersten Song eures aktuellen Albums heißt es nichtsdestotrotz „I keep on rocking in Wien“. Wie entscheidend ist es, dass du von dieser Stadt aus auf die Dinge blickst und darüber schreibst?

Was Wien für uns in unserer Identität als Musiker und Menschen bedeutet, das ist schwierig festzumachen. Wir haben mit Sicherheit das Glück uns auf eine Musikhistorie beziehen können. Auch abseits von Falco gab es hier einen sehr vitalen Underground und ganz viele tolle Rockbands, die Hallucination Company und Drahdiwaberl zum Beispiel, es ist einfach immer viel passiert. Sich darauf beziehen zu können, und zwar so, dass es von außen als authentisch angesehen wird und nicht als kultureller Diebstahl, das empfinde ich als Vorteil. Ich wüsste in Deutschland nicht wirklich, worauf ich mich als Rockmusiker beziehen könnte. Außer Ton Steine Scherben fällt mir wenig ein.

Die ihr im neuen Song „Wir sind verloren“ sogar zitiert.

Ja, die sind uns geistig nicht unverwandt.

Euer neues Album „Wanda“, das ist immer noch keine Platte, zu der man Wasser statt Wodka trinkt. Aber unter den Exzess mischt sich mehr Bedacht.

Wir sind nachdenklicher geworden, auch wegen Christians Krankheit. Wir haben das der Öffentlichkeit erspart, aber sie ist ja nicht von heute auf morgen passiert, sondern dauerte fünf Jahre. Diese Nachdenklichkeit wird sich auch auf unserer nächsten Platte fortsetzen. Es gibt viel zu erzählen. 

Ihr seid schon im Studio?

9, 10 Songs sind fertig. Ich glaube, das neue Album wird mehr eins für Jasmintee.

„Man wird verletzlicher“ singst du schon in „Va Bene“ …

Verletzlicher zu werden bedeutet eigentlich nur, dass man mehr zulässt, die Dinge auf eine intensivere Art erlebt. Im Leben ist das auf keinen Fall etwas Negatives, eher ein Ziel. Aber in dem Geschäft, in dem wir operieren, kann man sich Verletzlichkeit auf keinen Fall leisten. Da braucht man schon eine raue Haut.

Wovor müsst ihr euch denn schützen?

Man muss aufpassen, dass man in diesem Business nichts sucht. Da drinnen gibt’s nichts. Das kann das Leben nicht ersetzen, dieses Geschäft, und der Erfolg kann das auch nicht. Wenn man in diesem Geschäft Zuneigung, Liebe, Anerkennung sucht, dann wird man früher oder später in der Hölle aufwachen. Ich schütze mich davor, indem ich mir wenig Gedanken um die Zukunft der Band mache. Ich schaue immer, dass wir einen Schritt nach dem anderen, und den so intensiv wie möglich gehen.

Die nächste Tour, das nächste Album …

Ja. Und daneben muss man sich eine gewisse Einsamkeit erhalten. Man muss es verkraften können, aus dem ganzen Trubel auch wieder in die Einsamkeit zurückzukehren. Das beginnt schon nach der Show, schlagartig wechselt die Farbe. Aber das können wir mittlerweile.

Dann würdest du die Uhr auch nicht zurückdrehen wollen?

Ich möchte keinen Tag mehr zurück, ich würde Dinge aber gerne rückblickend anders machen. Ich war sehr unsicher und dadurch aggressiv, auch meinen Bandkollegen gegenüber. Der Druck war groß von außen und hat sich dann auch innen entladen. Dazu ist eine Gruppe da, natürlich, das ist wie eine Familie, aber ich, zum Teil wir alle, haben das übertrieben über die Jahre.

Ihr habt’s zusammen durchlebt und durchlitten.

Es hat für jeden von uns gedauert zu akzeptieren, dass die Band und alles, was dazu gehört, so ein großer Teil des eigenen Lebens ist. Da hat sich jeder auch auf seine Weise dagegen gewehrt, das ist nämlich ziemlich unheimlich. Aber wir können sehr gut damit umgehen mittlerweile. Und es ist auch nicht schlecht in einer Band zu spielen, in der praktisch jeder eine Therapie hinter sich hat, das verändert alles (lacht).

Das aktuelle Album „Wanda” ist bei Vertigo Berlin/Universal Music erschienen, am 18.3. spielen Wanda in der Edel-Optics.de-Arena (20 Uhr, Tickets ab 44 Euro hier). Hinweis: Marco Wanda hat am Wochenende auf Instagram mitgeteilt, dass er einen Bandscheibenvorfall erlitten hat. Das Konzert in Ravensburg musste abgesagt werden. Wir wünschen gute Besserung und hoffen sehr, dass die Band das Hamburg-Konzert spielen kann.

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