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Lügen-Baron der Herzen: Autor und Musiker Timo Blunck liest und spielt im Knust

Lügen-Baron der Herzen: Autor und Musiker Timo Blunck liest und spielt im Knust

22.04.2021
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Timo Blunck (59) hat einen wahnwitzigen Roman geschrieben – und den passenden Soundtrack gleich noch dazu. Foto: Elliot Blunck

Der Hamburger Autor und Musiker Timo Blunck (Palais Schaumburg, Die Zimmermänner) versüßt uns am Sonntag die Lockdown-Tristesse mit einem Livestream-Event, das es in sich hat. Im Knust wird er nicht nur aus seinem unterhaltsamen Buch „Die Optimistin“ lesen, er liefert mit Band auch gleich den Soundtrack dazu. Polit-Schlager trifft dabei auf „Forrest Gump“, die Beatles auf Heinz Erhardt. Im MOPOP-Interview erzählt Blunck, wieso er gerne flunkert, und warum es auch in Corona-Zeiten keinen Grund gibt, pessimistisch zu sein.

MOPOP: Herr Blunck, Sie haben nicht nur ein Buch veröffentlicht, sondern auch gleich die Musik dazu. Wie kommt’s?

Timo Blunck: Die Protagonistin des Buches heißt Charlotte Keller. Die Geschichte spielt 2019 kurz vor ihrem 80. Geburtstag. Aber sie war ja auch mal jung und erzählt dem türkischen Hochzeitsflüchtling Toygar, der von seiner Familie zwangsverheiratet werden soll, in ihrer Wohnung im Seniorenheim an der Ostsee ihr ganzes Leben. Ungefähr im letzten Drittel ihrer Erzählung kommt sie darauf, dass sie in den späteren 70ern ein Schlagerstar in der DDR war – obwohl sie aus dem Westen stammt. Im Buch erwähne ich ein paar ihrer Songtitel, zu dem Zeitpunkt gab’s aber noch gar keine Songs.

„Die Optimistin“ von Timo Blunck ist bei Heyne Hardcore erschienen.

 

Die Lieder haben Sie also nachträglich geschrieben?

Genau. Ein Lied heißt „Die Ballade von der Überlegenheit der sozialistischen Wissenschaft“. Dazu muss man wissen, dass die Texte in Charlottes Erzählungen Ulrike Meinhof geschrieben hat. Sie war über 40 Jahre ihre beste Freundin, Charlotte hat ihr zu einer neuen Identität verholfen. Ab 1971 hieß Meinhof dann nämlich Brigitte Rosinski – und das war ihre Texterin. Weil die immer so sozialistische Texte geschrieben hat, war Charlie Keller in der DDR systemkonform und sehr erfolgreich mit ihrem Album „Das Mädchen mit der Elektrolele“. Sie war die Lieblingskünstlerin der Stasi, und ihr Instrument ist eine elektrische Ukulele.

Die Hamburger Sängerin Franziska Herrmann schlüpft in die Rolle der Charlie Keller. Die Musik gibt’s über Tapete Records.

 

Und das alles kommt nun auf dem Album zusammen?

Die Gesangskarriere in der DDR ist eine von vielen Geschichten des Buches. Aber für mich als Musiker ist es natürlich jene, die ich am besten ausspielen konnte. Es ist eine typische Lockdown-Platte daraus entstanden, wir haben sie in unseren Schlafzimmern an unseren Computern gemacht. Ich sage bewusst wir, denn dabei waren die hervorragende Hamburger Sängerin Franziska Herrmann, der Multiinstrumentalist Roland Wolff aus Mönchengladbach, den ich bisher nur virtuell getroffen habe, und der Berliner Gitarrist Frank Schmiechen, den ich schon ewig kenne. Wir haben die Titel einfach vertont. Die Grundidee war, dass es so klingen muss wie Schlagerrock in der DDR in den späten 70ern.

In den 80ern erreichten Sie mit der NDW-Band Palais Schaumburg Kultstatus und spielten sogar mit Depeche Mode in London. Hat es Ihnen viel abverlangt, sich nun dem Schlager zu widmen?

Es ist ja kein richtiger Schlager, textlich sowieso nicht. Das ist meine Version von dieser Idee eines sozialistischen Schlagers, der immer ein Augenzwinkern hat, hier und da auch einen kleinen Seitenhieb. In den Stücken geht es auch nicht nur immer um Liebe, sondern vor allen Dingen um politische Themen wie den Kalten Krieg und Hunger in Afrika. Musikalisch schließt es an meine NDW-Band Die Zimmermänner an. Wir wurden schon oft mit Manfred Krug verglichen, mit dem Album schließt sich nun der Kreis, denn „Das Mädchen mit der Elektrolele“ hat schon eine ganze Menge davon.

Die Hamburger Sängerin Franziska Herrmann schlüpft in die Rolle der Charlie Keller. Die Musik gibt’s über Tapete Records.

 

Und das hat Hitpotential?

Der größte Hit von Charlie Keller ist „Ich, Sigmund Jähn“, eine Hymne über den ersten Deutschen im All. Sowohl mit Die Zimmermänner als auch mit Palais Schaumburg und als Solokünstler bin ich bei dem Hamburger Label Tapete Records unter Vertrag. Die fanden den Song so originell, dass sie sich eine eigene Geschichte dazu ausgedacht haben: Sie behaupteten, dass es sich um eine verschollene Sängerin auf einem Tape aus den 70ern handelt, das sie auf dem Flohmarkt gefunden haben.

Die Story über die unbekannte Sängerin ging viral

Die Story über die unbekannte Sängerin ging viral auf Facebook!

Ja, es gab unheimlich viele Theorien, um wen es sich bei der Sängerin handeln könnte. Wir haben teilweise ein bisschen Angst gekriegt, denn es gab Menschen, die das wahnsinnig ernst nahmen und eigene Nachforschungen anstellten. Carsten Friedrichs von Tapete Records hat die Leute richtig gut an der Nase herumgeführt, der ist ein echter Lügenbaron! Einige vermuteten irgendwann Studio Braun dahinter. Zum Glück waren die Leute nicht wütend, als wir mit einem Video auflösten, dass es nur die musikalische Ergänzung zum Buch ist.

 

Wie werden Sie das am Sonntag beim Live-Stream aus dem Knust umsetzen?

Auf der Platte zu meinem ersten Buch habe ich noch selbst gesungen. Aber diesmal schicke ich Franziska vor. Es wird intim, denn wir haben ja kein Publikum vor Ort. Wir haben auch kein Schlagzeug, sondern spielen die Lieder mit zwei Gitarren und einem Keyboard. Und ansonsten lese ich. Aber ich lese nicht so wie andere Autoren. Meine Bücher haben sehr viele Dialoge, und ich spiele immer die Personen beim Lesen und singe auch mal. Das Ganze wird auf jeden Fall unterhaltsam.

Aber dass Sie sich verkleiden, so weit geht es dann nicht?

Nein, es ist ja kein Klamauk. Meine Autoren-Karriere ist nur eine Fortsetzung meiner Songschreiber-Karriere. Bei Die Zimmermänner gab es immer einen ganz speziellen Humor. Und so ist es nun auch in meinen Büchern. Es ist alles sehr fantasievoll. Es ist ja kein Tatsachenroman, obwohl unglaublich viele geschichtliche und kulturhistorische Begebenheiten vorkommen, die faktisch stimmen.

Timo Blunck nennt sein Flunkern „Blunckern“

Deshalb lautet das Motto des Buches auch: „Alles stimmt, aber nichts ist wahr“?

Das Flunkern liegt bei uns in der Familie! Wir nennen es „Blunckern“! Das fing schon bei meiner Großmutter an. Sie hat uns viele Geschichten erzählt, aber ich habe sie immer wieder anders von ihr gehört. Es ist doch auch total öde, eine Geschichte geradeaus zu erzählen, ich schmücke auch immer gerne aus. Ich kann mir auch immer nicht vorstellen, dass jemand anderes sie interessant findet, ohne dass ich noch ein bisschen was addiere oder vielleicht Situationen zusammenlege oder den Ort ändere. Das macht die Sache dann auch viel dramatischer.

„Die Optimistin“: Der Film „Forrest Gump“ war eine Inspiration

Das erinnert an den Kinofilm „Forrest Gump“, in dem historischen Momenten auch etwas dazugedichtet wird. War der Film eine Inspiration?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin zwar eine Leseratte, aber ich finde mich im Storytelling in Büchern relativ selten wieder. Ich bin eher von Drehbüchern und Filmen inspiriert, und natürlich auch durch „Forrest Gump“. Aber das ist eine komplett amerikanische Story. So etwas auf Deutsch gedacht ist etwas ganz anderes. Ich habe die Story dann auch bewusst mit meiner persönlichen Familiengeschichte verbunden.

Inwiefern?

Das Buch fängt direkt nach dem zweiten Weltkrieg an, da ist Charlotte noch ein Kind. Ich habe dafür mit Aufzeichnungen von meinem Vater gearbeitet, der 1945 elf Jahre alt war und alleine auf der Autobahn drei Monate lang vom Bodensee nach Hamburg gelaufen ist. Es gibt ein Kapitel, das spielt im Traum in Stalingrad, dort trifft Charlotte zum ersten Mal ihren Vater, der noch während der Schwangerschaft ihrer Mutter einberufen wurde. Dafür bediente ich mich bei den Briefen meines Großvaters von der Front sowie seinen Büchern: Er bezeichnete sich als Naturphilosoph und sein Werk hieß: „Tätige Liebe zur Natur“. Ich habe auch einen Originalbrief fürs Buch benutzt, den meine Großmutter nach dem Tode meines Großvaters vom Oberstabsarzt von der Ostfront geschickt bekommen hat. Die Geschichte ist generell sehr deutsch, natürlich auch was die Schauplätze und die Figuren betrifft, die darin auftauchen. Ein Kapitel spielt beispielsweise mit Heinz Erhardt im Göttingen der 50er, was das Hollywood Deutschlands war.

Hamburg ist immer wichtig.

Timo Blunck

Auch das zerbombte Hamburg spielt eine zentrale Rolle.

Hamburg ist immer wichtig. Ich habe lange im Ausland gelebt, in England und in Amerika. Als ich hierher zurückkam, entdeckte ich meine deutschen Wurzeln wieder. Deswegen wollte ich unbedingt eine sehr deutsche Geschichte erzählen. Das Kapitel „Trümmermädchen“ handelt von Charlotte im Hamburg der Nachkriegszeit, da kommt dann auch der Tierpark Hagenbeck ins Spiel. Charlotte erlebt die Beatles auf dem Kiez in den 60ern und Freddy Quinn im Operettenhaus. Hamburg ist Hauptspielplatz.

Ich glaube, viele aus der Generation meiner Mutter, die den Krieg und die Nachkriegszeit durchgemacht haben, den kalten Winter von 1945/46, die gehungert haben, kein Dach über dem Kopf hatten, die zu siebt in einem Zimmer hausten, gerade im so krass zerbombten Hamburg, lachen über Corona.

Timo Blunck 

Charlotte Keller ist nicht grundlos „Die Optimistin“. Ihr Lebensmotto lautet „Da vorne wird’s schon wieder hell“.

Der Spruch stammt von meiner Mutter, der ich auch das Buch gewidmet habe. Das ist eigentlich ein typischer Nachkriegsspruch, geprägt von purem Zweckoptimismus, aber auch dem generellen Glauben an einen positiven Ausgang in schlimmsten Situationen bzw. darin noch das Gute zu sehen. Was auch in der jetzigen Zeit wieder total Sinn macht, denn meine Mutter lacht ja über Corona. Ich glaube, viele aus ihrer Generation, die den Krieg und die Nachkriegszeit durchgemacht haben, den kalten Winter von 1945/46, die gehungert haben, kein Dach über dem Kopf hatten, die zu siebt in einem Zimmer hausten, gerade im so krass zerbombten Hamburg, tun das.

Ist es denn Zufall, dass Sie gerade in der Corona-Zeit ein Buch über eine Optimistin veröffentlicht haben, das dann auch noch von einer älteren Person in einem Seniorenheim handelt?

Ich habe bereits 2019 angefangen, das Buch zu schreiben. Es ist tatsächlich Zufall, dass es diesen Bezug gibt und dass die Geschichte auch in einer Art von Lockdown stattfindet. Denn die eigentliche Handlung passiert ja in einem einzigen Raum im Altersheim. Die Handlung lebt erst durch diese ganzen Geschichten, die Charlotte aus ihrer Vergangenheit holt. Sie hat immer eine Idee, bei ihr geht immer alles gut aus. Es ist schön, in diesen Zeiten etwas Optimistisches herausgebracht zu haben. Deshalb ist es wohl auch recht erfolgreich geworden, denn es gibt derzeit nicht so viele positive neue Bücher oder Bücher, die hauptsächlich unterhalten wollen.

Und die Moral von der Geschicht’?

Dass man alten Leuten zuhören sollte! Sie waren auch mal jung, haben wahnsinnig viel erlebt und gute Geschichten zu erzählen. Und es geht definitiv darum, sich auf das Positive zu konzentrieren. Ich bin selber ein Optimist, ich sehe auch in der jetzigen Situation noch etwas Gutes. Ich bin am Staunen und sage mir: „Hey, Wahnsinn, in so kurzer Zeit haben wir einen Impfstoff?“ Sich dann permanent darüber aufzuregen, dass der jetzt noch nicht so richtig am Start ist, finde ich überflüssig. Dass es ein Wunder ist, den Impfstoff zu haben, ist die Botschaft, die momentan viel zu selten gesagt wird.

Sind wir Deutschen gerade zu pessimistisch?

Ich finde, ja. Klar ist es derzeit Scheiße, aber da kommen wir schon durch. Selbst als Musiker muss ich ehrlich sagen: Ganz viele von meinen Freunden haben eine finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. Ich wurde mit meiner Firma unterstützt. Mein Sohn, der freier Künstler ist, wurde unterstützt. Ich kenne viele, die Hilfe bekommen haben. Die meisten relativ schnell und unkompliziert. Darüber redet kaum einer. In Deutschland haben wir Kurzarbeit – was ist das für ein Luxus? Ein Amerikaner versteht das Konzept nicht mal, denn die werden sofort entlassen, verlieren ihre Wohnungen oder ihre Häuser werden versteigert. Insofern: Trotz allem, was gerade im Argen liegt, wir haben es hier echt nicht so schlecht.

Live-Stream aus dem Knust: Sonntag (25. April, 20 Uhr), Soli-Ticket über tixforgigs.com ab 11,50 Euro, freier Livestream hier

Buch: „Die Optimistin“ (Heyne Verlag), 20 Euro

Album: Charlie Keller – „Das Mädchen mit der Eletrolele“ (Tapete Records)

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