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The Joni Project: Joni Mitchell als beste Freundin

Joni Mitchell als beste Freundin

18.09.2021
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Die drei etablierten Musikerinnen Stefanie Hempel (v. l., „Hempel’s Beatles Tour“), Anne de Wolff (BAP, Calexico) und Iris Romen (Tim Neuhaus, Ben Becker, Astrid North) haben sich als The Joni Project zusammengetan. Foto: Sebastian Madej

The Joni Project ehrt die legendäre kanadische Songwriterin und ihr Album „Blue“ morgen im Stage-Club

Stefanie Hempel (44), Anne de Wolff (50) und Iris Romen (44) haben sich als The Joni Project zusammengetan, um in diesem Jahr den 50. Geburtstag des Albums „Blue“ von Joni Mitchell (77) zu feiern und live aufzuführen. Vor der Show morgen im Stage-Club erzählen sie im MOPOP-Interview von der legendären Songwriterin, von Emotionen, Stärke und Humor, „falschen“ Tönen und dem „Joni-Seufzen“.

Wenn ihr nur ein paar Wörter hättet, um Joni Mitchell zu beschreiben – welche wären das?

Stefanie Hempel: Genie und Mut.

Iris Romen: Universal-Gefühl.

Anne de Wolff: Stark und sensibel.

Wie habt ihr für The Joni Project zueinander gefunden?

Hempel: In der dunkelsten Lockdown-Zeit des Winters, als Konzerte so weit weg waren, habe ich mir überlegt, was ich dennoch Schönes machen könnte. Eigentlich mache ich ja viele Beatles-Sachen, aber mein heimliches Lieblingsalbum ist „Blue“. Und weil es in diesem Jahr 50. Jubiläum feiert, wollte ich es gerne komplett aufführen – am liebsten mit starken Frauen, Songwriterinnen und Instrumentalistinnen. An Anne habe ich sofort gedacht, wir kennen uns zwar schon lange – aber hatten vorher noch nie musikalisch etwas zusammen gemacht. Iris kannte ich gar nicht persönlich, ich hatte immer nur durch andere von ihr gehört und sie deswegen auf Instagram gestalkt. (lacht) Ich wusste bei beiden aber gar nicht, ob sie Joni überhaupt mögen. Dann habe ich mir einfach Iris‘ Nummer besorgt und sie hat sofort zugesagt. Anne auch.

Romen: Ich fand das total mutig von Steffi, dass sie einfach mit einer fertigen Idee im Kopf angerufen hat. Ich dachte mir dann: In Hamburg mit zwei supercoolen Frauen Joni Mitchell spielen? Ja! Schon bei dem Gedanken habe ich direkt am ganzen Körper Gänsehaut bekommen.

de Wolff: Für mich war es auch klar, weil ich Joni Mitchell liebe und ich mir das mit unseren drei Stimmen sehr gut vorstellen konnte. Gereizt hat mich auch, einfach mal nur mit Frauen unterwegs zu sein. Sonst mache ich viel mit Jungs. Das mit uns und ihr ist einfach anders.

Das Album „Blue“ wird in diesem Jahr 50 Jahre alt.

 

Was macht die Magie bei euch aus? 

de Wolff: In ihren Texten geht es ja zum Beispiel um ihr Kind, das sie zur Adoption freigegeben hat – und so viele weitere tiefe Sachen, die einen berühren. Ein bisschen verrückt bei uns dreien ist auch, dass wir alle einen Sohn haben und die gleiche Erfahrung gemacht haben, als Musikerinnen alleinerziehend zu sein. Auf dieser Ebene und vielen anderen verstehen wir uns einfach und sind dennoch sehr unterschiedlich. Das ist so schön, tief und bereichernd.

Hempel: In den Proben mussten wir nach Songs wie „River“ oder „A Case Of You“ oft innehalten. Zum einen, weil wir unsere eigenen Arrangements gemacht haben, aber auch weil die Texte so komplex sind und wir uns einfach die Zeit nehmen mussten, ganz genau zu verstehen, was Joni da eigentlich meint und erlebt hat. Das hat uns oft sehr berührt und uns auch an eigene schwierige, traurige und schöne Situationen aus unserem Leben denken lassen. Und das haben wir dann natürlich miteinander geteilt.

The Joni Project spielten im Sommer schon ein Konzert für die Elbphilharmonie. Foto: Karsten Boettcher

 

Warum finden manche Leute nur schwer Zugang zu Joni Mitchell?

Hempel: Als Nicht-Muttersprachler muss man sich einfach sehr stark mit ihren Texten befassen, um sie zu verstehen. Das kann anstrengend sein. In vielen Köpfen steckt wohl auch fest, dass alles von Joni nur traurig und depressiv ist. Das stimmt natürlich einerseits, die Platte heißt deswegen ja auch „Blue“. Aber andererseits geht auch so viel Kraft von ihr und ihrem Leben aus.

de Wolff: Sie hat einen schönen Humor, der das „Drama“ wieder ausgleicht. Er bewirkt, dass man die Traurigkeit auch genießen kann.

Weil sich durch die ganze Lockdown-Zeit so viel neu sortiert hat, mag ich von „All I Want“ die Zeilen „I wanna be strong, I wanna laugh along, I wanna belong to the living“ sehr gerne. Das ist wie mein aktuelles Mantra.

Iris Romen (44)

Könnt ihr mal ein Beispiel geben?

Hempel: In meinem Lieblingssong „A Case Of You“ singt sie „You’re in my blood like holy wine, you taste so bitter and so sweet. I could drink a case of you.” Sie kann also eine ganze Kiste von ihm trinken und würde immer noch auf beiden Beinen stehen. Eigentlich ist es also ein Sauflied. Besoffen von Alkohol und der Liebe.

Was sind eure Lieblingssongs, Anne und Iris?

de Wolff: Bei mir ist es der wohl bekannteste Song „River“. Die Sehnsucht, Selbstreflexion darin –  und ihre eigene Erbarmungslosigkeit zu sagen, dass sie ein schwieriger Mensch ist. Das berührt mich sehr.

Romen: Weil sich durch die ganze Lockdown-Zeit so viel neu sortiert hat, mag ich von „All I Want“ die Zeilen „I wanna be strong, I wanna laugh along, I wanna belong to the living“ sehr gerne. Das ist wie mein aktuelles Mantra. Oder „My Old Man“: Der Song ist eigentlich sehr leicht, aber in der Bridge kommen dann die dunklen Wolken. Diese Stimmungsschwankungen mochte ich schon immer. Aber so ist das bei Joni: Plötzlich kommt Traurigkeit, aber irgendwann geht auch wieder die Sonne auf.

Hempel: Es ist so, als würde sie sagen: „Wenn du weiterkommen und dich finden willst im Leben, dann musst du da durch.“ Als ich mal in einer Beziehung war, die kurz vor ihrem Ende stand, hat mir „River“ geholfen. Ich wollte es nicht wahrhaben. Aber Jonis Text „I’m so hard to handle, I’m selfish and I’m sad.Now I’ve gone and lost the best baby that I ever had” hat es auf den Punkt gebracht. Man muss da eben auch mit sich selbst ins Gericht gehen. Joni geht es immer darum, sich selbst besser zu verstehen.

Sie hat ihr Weichsein zur Stärke gemacht.

Anne de Wolff (50)

Deswegen ist Joni Mitchell auch eine Pionierin im Songwriting.

de Wolff: Sie hat ihr Weichsein zur Stärke gemacht. Daran nehme ich mir ein Beispiel. Ich gehe als Musikerin und Produzentin zwischen vielen Jungs immer gefühlsmäßiger an alles heran. Das ist viel weniger zu erklären und zu legitimieren als sowas wie „Hier kommt jetzt die Strophe, der Refrain, die Bridge, der Break und die und die Tonart“. Sie hat das sehr früh und stark durchgezogen. Frei sein, Frau sein, stark sein, ihre Platten selbst produzieren und sich durchsetzen. Bei ihr wurde immer vieles hinterfragt – machen wir selbst bei unserer Musik ja auch ständig, indem wir uns z.B. fragen: Passt der Ton hier oder nicht? Aber bei Joni gibt’s keinen falschen Ton – er steht einfach immer für ein bestimmtes Gefühl. Der vermeintlich falsche Ton hat genau seinen Sinn. Jonis Musik fasst einen anders an und gleitet nicht vorbei – deutsche Popmusik tut das ja gerne mal.

Hempel: Joni nennt diese „falschen“ Töne „Chords of inquiry“, also „suchende Akkorde“. Sie hat in ihrem Leben einfach immer emanzipiert gehandelt. Sie hat sich nie beirren lassen und das zu einer Zeit, als das überhaupt nicht normal war. Und die Leute, die sie persönlich und musikalisch eingeschränkt haben, hat sie verlassen, auch wenn sie damit größten Schmerz erleben musste. Zum Beispiel ihren ersten Mann Chuck Mitchell – der war auch Songwriter und wollte sie kleinmachen.

de Wolff: Das war für sie alles selbstverständlich und natürlich, sie hat da keine feministische und kämpferische Fahne hochgehalten. Das war alles andere als leicht – sie wusste einfach, dass man kein Kind großziehen und gleichzeitig freie Musikerin sein kann. Diesen Schmerz kennen wir auch sehr gut als Mütter: Man hatte oft ein schlechtes Gewissen.

Hempel: Ja, böse Blicke von anderen Müttern, weil man sein Leben als Musikerin weiterlebt.

Stark und selbstbestimmt: Joni Mirchell 1970. Foto:  Philippe Gras/Le Pictorium/imago

 

Was würdet ihr machen, wenn ihr Joni Mitchell treffen könntet?

Hempel: Ich würde mich für die Inspiration, Lebenshilfe und Schönheit, die sie mir gegeben hat, bedanken. Und mit ihr eine Kiste Wein trinken. (lacht)

de Wolff: Ich würde sie einfach nur beobachten und ihr zuhören wollen, um zu überprüfen, ob das feste Bild, das ich von ihr habe, überhaupt stimmt.

Romen: Man braucht sie auch eigentlich nicht mehr viel fragen, weil sie uns schon so viele Antworten und Möglichkeiten gegeben hat.

Hempel: Ein riesiger schwarzer Türsteher soll in Los Angeles mal zu Joni gesagt haben: „Durch dich habe ich gelernt zu fühlen.“ Diese Geschichte zeigt sehr gut, wie ihre Musik dazu fähig ist, zu transzendieren und Grenzen zu überschreiten.

Wie geht es euch emotional auf der Bühne?

Romen: Da sind wir zum Glück gut beschäftigt, weil wir mit unseren ganzen Instrumenten rumhantieren.

Hempel: Wir haben da aktuell 16 Stück!

Romen: (lacht) Das ist richtig Arbeit. Aber wenn logistisch, mit der Musik und den Texten alles passt, dann sind wir im siebten Himmel und überglücklich.

de Wolff: Die Unterschiedlichkeit und Harmonie eurer beiden Stimmen rührt mich manchmal zu Tränen auf der Bühne. Andererseits wird die Platte – die man aufgrund der Emotionalität sonst nur schwer am Stück durchhören konnte –  live durch unsere drei Stimmen und die ganzen Instrumente auch verständlicher und zugänglicher.

Wir haben noch nie so viel emotionales Feedback wie bei The Joni Project bekommen.

Stefanie Hempel (44)

Welches Feedback bekommt ihr vom Publikum?

de Wolff: Viele Männer kommen nach den Konzerten zu uns und sagen, wie sehr sie bewegt sind. Die können oft nur noch seufzen – das finde ich ganz beachtlich. Steffi erzählt aber neben der Musik ja auch immer tolle Geschichten.

Hempel: Genau, neben den intensiven Momenten gibt es auch immer viel Witz und Kurzweiligkeit. Aber es stimmt: Wir haben ja alle schon viele andere Konzerte gespielt, aber noch nie so viel emotionales Feedback wie bei The Joni Project bekommen.

de Wolff: Eine Frau, die Joni vorher gar nicht so gut kannte, hat nach einem Konzert zu mir gesagt: „Ich habe jetzt das Gefühl, dass sie meine neue Freundin ist.“ Und die ist dann auch noch mehrfach wiedergekommen, um diese neue Freundin wiederzutreffen.

Stage-Club: 19.9., 19 Uhr, ab 35 Euro, auch Abendkasse; das Konzert gehört zur Reihe „Club (a)live – Musik spüren“, alle Termine und Tickets unter hypertension.reservix.de

Tickets für The Joni Project gewinnen!

Für das Konzert von The Joni Project morgen (19.9.) im Stage-Club verlosen wir 1×2 Tickets. Viel Glück!

Um am Gewinnspiel teilzunehmen, beantworten Sie einfach folgende Frage: Welches Album von Joni Mitchell feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag? Schicken Sie die Antwort in einer E-Mail mit dem Betreff „The Joni Project“ und Ihre Kontaktdaten an: mopop@mopo.de!

Teilnahmeschluss ist morgen (19. September) um 12 Uhr.

Veranstalter des Gewinnspiels ist die Morgenpost Verlag GmbH. Bei einer Teilnahme gelten unsere AGB als akzeptiert. Diese AGB finden Sie unter www.mopo.de/gewinnspiel-agb

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