Ihre rauchig-soulige Stimme klingt nach Lebenserfahrung und wärmt wie Kuscheltuch und Rheumadecke: Ina Müller. In ihren Liedern stellt die norddeutsche Sängerin, Kabarettistin und Fernsehmoderatorin („Inas Nacht“) mit der großen Klappe gern die Stereotypen über Frau und Mann auf den Kopf. In ihrem neuen Album „6.0“ dreht sich alles um das Thema Liebe. Müller will es 2026 und 2027 auf einer großen Tournee vorstellen. Beim MOPO-Interview lässt eine Erkältung Ina Müllers Stimme heiser und tiefer klingen. Ein Gespräch über das Singlesein, Feminismus, Tabubrüche und „Boomer-Trutschen“.
MOPO: Im Mittelpunkt Ihres neuen Albums „6.0“ steht das Thema Liebe. Warum schreiben Sie Lieder über die Liebe?
Ina Müller: Es geht nicht nur um die Liebe zum Mann oder zum Menschen, es geht auch um die Liebe zu Freundinnen, zu verstorbenen Freunden, zum Leben. Um die Liebe zum neuen Freund, der aber gar kein Mensch ist. Um die Liebe zum Staubsauger-Roboter. Es geht im Allgemeinen um die Liebe zur Zeit der Kindheit.
Wie autobiografisch ist die Platte?
Auf diesem Album geht es viel um Aktuelles aus meinem Leben oder um meine Erinnerungen. Der Song „Mixkassettentage“ zum Beispiel: Nach meinen Nacht-Sendungen bekomme ich von vielen Musikern ihre aktuelle Vinylplatte geschenkt. Neulich sogar eine Musikkassette. Die werden grad’ wieder groß. Als ich dann noch Kassetten als Pfannenwischer gesehen hab’, war der Text da und alle Erinnerungen auch: wie man da noch per Hand alles draufschreiben musste, und wenn man ein Mix-tape geschenkt bekam, das war doch so romantisch! Dann hatte der Junge vielleicht mit einem Buntstift das Weiße rot gemalt und da etwas in Schönschrift draufgeschrieben und mit Blümchen ausgeschmückt. Wie bewegend! Manchmal kriege ich so Retro-Anfälle, und die lasse ich auch zu. So langlebige Bands wie Abba, Kiss und The Sweet entstehen ja heute gar nicht mehr. Wenn ich mir damals für viel Geld ein Vinyl-Album von Queen gekauft hatte, habe ich das ein halbes Jahr lang nur gehört, bis ich alles komplett mitsingen konnte. Solche Alben, die einen über Jahrzehnte begleiten, so was entsteht ja heute gar nicht mehr. Dafür ist unsere Welt einfach zu schnelllebig, und es gibt zu viel neue Musik. Die Fangemeinde findet ganz schnell jemand Neues, der vielleicht ähnliche Musik macht, aber den Zeitgeist auf andere Weise trifft.
Verstehen Sie Lieder wie das über einen Staubsauger-Roboter auch als Kritik an der heutigen Gesellschaft?
Über Einsamkeit zu singen ist doch gesellschaftskritisch. Dass man so einsam sein kann, dass man nach Hause kommt, wo kein Hund, kein Mensch, keine Katze auf einen wartet, also nichts Lebendiges. Sondern man sich dabei ertappt, wie man seinem Staubsauger-Roboter zuruft: Ich bin wieder da, Schatz! Vielleicht aus Spaß, aber doch mit einem Hauch Tragik. Ist mir schon passiert. Dabei wäre ich auch gerne jemand, der sich in einer Riesen-WG wohlfühlen würde. Das bin ich aber nicht. Ich glaube generell, das Thema Einsamkeit wird in unserer Gesellschaft noch sehr groß werden. Einsamkeit und Altersarmut.
In „Mit der stimmt doch was nicht“ beschreiben Sie eine Frau, die allein, aber nicht einsam ist. Ein autobiografischer Song?
Ja, immer mal wieder. Immer wenn ich in meinem Leben Single war, war die Schwierigkeit nicht das Singlesein, sondern dieses Schräg-angeguckt-Werden, dieses Sich-selber-dabei-Ertappen, wie man nicht alleine essen gehen mag, nicht alleine ins Theater geht. Man muss dann immer erst mal jemanden finden, der mitkommt. Zum Ehemann könnte ich sagen: Ist mir jetzt egal, Ralf, du ziehst dich jetzt an und gehst mit mir in die Oper! Ich gehe dann Sonntag mit dir zur Harley-Davidson-Ausstellung. Das kann man bei seinen Freunden natürlich so nicht sagen. Auf jeden Fall muss man als Single in unserer Gesellschaft immer noch diese mitleidigen Blicke aushalten, lustigerweise oft von Pärchen, die selber in einer unglücklichen Beziehung stecken. Ich las neulich einen sehr schönen Artikel über Frauen, die nur deshalb mit einem Mann zusammen sind, weil dann endlich die Fragerei von Tante Helga und Mama aufhört.
Kann man auch als Single ein erfülltes Leben führen?
Ja, pfff, natürlich! Kann man denn in einer Beziehung ein erfülltes Leben führen? Jede zweite Ehe wird geschieden. Scheint ja auch nicht nur gut zu laufen. Ich bin aber jetzt auch nicht die Spezialistin fürs Singlesein. Ich habe kein Problem damit, wäre aber genauso gerne in einer Beziehung, nur nicht um jeden Preis. Das unterscheidet mich vielleicht von vielen Frauen. Ich mag es, nicht jeden Tag tausend Kompromisse eingehen zu müssen: Was essen wir heute Abend, welchen Film gucken wir und und und. Natürlich ist da auch viel Egoismus dabei, weil ich einfach den ganzen Tag tun und lassen kann, was ich möchte. Es gibt doch eigentlich keine attraktivere Lebensform. Ich muss dann aber auch damit leben, dass in dem Moment, wenn ich nachts Schmerzen kriege und glaube, ich habe einen Blinddarmdurchbruch, niemanden bei mir habe, der mich ins Krankenhaus fährt. Ich habe niemanden zu Hause, auf den ich etwas abwälzen kann. Die Steuern machen, das Auto in die Werkstatt bringen, einkaufen. Lustigerweise reagieren Frauen anders auf mich, wenn ich Single bin, sie haben dann irgendwie Angst, ich könnte ihnen den Mann klauen. Was mich immer zutiefst beleidigt, denn ich denke dann: Guck dir doch deinen Mann mal an! Wieso denkst du denn, dass ich scharf auf den wäre? Unverschämt!
13 Männer bräuchte jede Frau, singen Sie augenzwinkernd …
Sie sind der Erste, der sagt: „augenzwinkernd“. Viele denken: Ich musste mir gerade das neue Männerhasser-Lied von Ina Müller anhören! Können Männer denn nur noch eine Sache? Nein, es ist wirklich nur ein kleiner Seufzer, während Ute mit dem vollen Wäschekorb durch die Bude läuft, dabei über die Mülltüte stolpert und zwischendurch mal träumt: einen zum Küssen, einen zum Lachen, einen zum Nichts-mehr-selber-Machen!
Welche Eigenschaften müsste ein Mann haben, um Sie zu beeindrucken?
Er müsste eine gute Mischung haben aus Humor, Intelligenz und Selbstbewusstsein, und mir sollte sein Aussehen ein bisschen gefallen. Aber welche Frau sitzt schon da und sagt: Ja, er sollte ein bisschen blöd und möglichst unattraktiv sein. Und gerne auch mal lügen, wenn es passt. Nein, aber mal ehrlich, Jungs, es ist doch nicht so schwer, seid einfach humorvoll, klug, höflich und geht duschen!
Umfragen haben ergeben, dass das traditionelle Rollenverständnis zwischen Mann und Frau in weiten Teilen der jungen Generation wieder tief verwurzelt ist.
Das passt zum Phänomen der „Trad Wives“, das gerade aus Amerika zu uns rüberschwappt. Dass Frauen wieder zurückmöchten in die traditionelle Frauenrolle der 50er Jahre. Kochen, putzen, Kinder kriegen und ihrem Mann gehorchen. Da kommt mir wirklich nicht nur die Galle hoch. Unsere schöne hart erkämpfte Emanzipation, das größte Gut für uns Frauen, wird jetzt von ihnen selber mit Füßen getreten, und sie wollen zurück an den Herd. Obwohl, ich habe neulich das Buch „Pick me Girls“ von Sophie Passmann gelesen, tolles Buch, aber mir fiel auf: Heute gibt es die gleichen Probleme wie damals, von wegen Feminismus. Oder Body Positivity, wo ist die denn hin? Seit Jahren waren die Models auf den Laufstegen nicht so dünn wie im Moment.
Sie sind im Juli 60 geworden. Man sagt, alt werden ist nichts für Feiglinge. Gilt das auch für Sie?
Ja, was soll ich sagen, ich fand 40 werden auch toller als 60 werden. Und 60 werde ich wahrscheinlich toller finden als 70 werden. Andererseits darf man mit 60 auch mal anfangen, morgens aufzuwachen, sich zu bewegen, zu denken: Super, es tut einfach noch gar nichts weh. Ich kann alles schmerzfrei bewegen, zum Sport gehen. Also freu dich doch einfach, dass du noch da bist, Ina! Wir können doch die Zeit nicht zurückdrehen. Das kann nicht mal die KI. Es wird uns allen passieren, auch denen, die jetzt noch jung sind. Ich nehme mich ja selber noch gar nicht als älteren Menschen wahr, aber wenn ich ehrlich bin, bin ich natürlich einer.
Wie gehen Sie damit um?
Es hört sich jetzt irgendwie beleidigt an, aber ich würde mir wieder mehr gesellschaftliche Akzeptanz für das Älterwerden wünschen. Ich finde es schade, dass ich zum ersten Mal das Gefühl habe, meine Generation wird grad von den jungen Generationen gehasst. Das versetzt mir einen richtigen Stich ins Herz. Das tut weh, mir tut sonst wirklich noch nichts weh, aber dieses generelle Uncool-Finden der älteren Leute, das ist hart. Als ich jung war, fand ich Oma und Opa auch nicht cool, aber ich hab sie respektiert. Heute heißt es oft, so, die sind jetzt über 60, das sind jetzt die schrecklichen Alten, die Verbohrten mit Haaren auf den Zähnen, die alles kaputt gemacht haben. Das geht mir richtig nah.
Gibt es auch Entwicklungen, die Sie begrüßen?
Ganz spannend finde ich grad die Rapperin Ikkimel. Die macht ihre Musik ja nicht für meine Generation, aber sie will genau mich damit treffen. Am Anfang hat es bei mir auch funktioniert. Ich hab’ gedacht, ist das schrecklich, die singt ja nur „Titten“ und „Fotze“, das ist ja ekelhaft! Der arme Feminismus, der muss aber auch für jeden Mist herhalten. Bis ich geschnallt habe: Wie soll sich eine junge Frau denn heute sonst von ihrer Mutter abgrenzen, die wahrscheinlich die gleichen Klamotten trägt wie sie und halbwegs dieselbe Musik hört? Außer mit so ekligen Texten am Rande der Provokation. Damit wir Boomer-Trutschen es ganz eklig finden und uns aufregen. Tabubruch ist die einzige Chance, sich von den so jung gebliebenen Alten noch abzugrenzen.
CCH: 11.-13. Dezember 2026 und 19./20. März 2027, Karten ab 71 Euro
Album: „Ina Müller – 6.0“ (Sony)


































