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„Im Proberaum sind wir wie kleine Hunde herumgetobt“: Fury über ihr neues Album „Now“, Streit wie bei den Gallaghers und Gratis-Masken

„Im Proberaum sind wir wie kleine Hunde herumgetobt“: Fury über ihr neues Album „Now“, Streit wie bei den Gallaghers und Gratis-Masken

26.04.2021
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Nach 13 Jahren haben Fury ihr neues Album „Now“ herausgebracht und sind sehr glücklich damit. Foto: Olaf Heine

Die Hannoveraner Band Fury In The Slaughterhouse gibt’s seit 35 Jahren – nach 13 Jahren ohne neues Album haben sie nun „Now“ herausgebracht. MOPOP sprach mit den Brüdern und Bandmitgliedern Kai (61) und Thorsten Wingenfelder (55) über Streit wie bei den Gallagher-Brüdern, ihre Zeit in den USA, der sie auch einen neuen Song widmen, und ihre Freundschaft mit Rami Jaffee von den Foo Fighters.

MOPOP: Wer ist eigentlich dieser Boxer auf Ihrem Albumcover?

Kai Wingenfelder: Der Schwiegervater unseres Grafikers Dirk Rudolph hat in der Vergangenheit mal geboxt. Wenn die beiden sich treffen, werden gerne mal alte Fotoalben rausgeholt und in einem war das Foto drin vom Schwiegervater, der mittlerweile über 80 Jahre alt ist. Und unser Grafiker dachte bei dem Foto sofort: Das ist es! Er wusste in dem Moment nur, dass unser Album „Now“ heißen würde und das passte für ihn perfekt. Der Boxer strahlt aus „Jetzt geht’s los!“ und „Wir schaffen das!“ – das hat auch uns sehr gut gefallen.

Auf dem Albumcover ist der Schwiegervater von Furys Grafiker zu sehen. Der Boxer ist mittlerweile über 80 Jahre alt.

  

13 Jahre ist Ihr letztes Album her. Warum ausgerechnet jetzt ein neues?

Kai Wingenfelder: 2008, nach 22 Jahren, hatten wir festgestellt, dass wir nicht mehr ins Studio gehen und ein Album machen können, weil wir uns musikalisch auseinandergelebt hatten. Menschlich und mental waren wir zu der Zeit auch nicht mehr in der Lage, unsere unterschiedlichen Meinungen unter einen Hut zu bekommen, sodass wir nur mit riesigen Streitereien und Nervereien ein Album zustande bekommen hätten. Die Alben davor waren schon schwierig. Live hätte es noch funktioniert, aber dann hätten wir ja auch nur alte Kamellen spielen können und wären eine Art Schützenfest-Band geworden. Deswegen haben wir es dann erst mal ganz bleiben lassen. Dann haben wir manchmal noch für den guten Zweck gespielt, weil wir doch irgendwie zusammenbleiben wollten. Aber wir mussten uns trennen, damit wir unsere Freundschaft nicht verlieren. Wenn wir normal weitergemacht hätten, wäre da einiges eskaliert. Dann haben wir angefangen, wieder alle paar Jahre „Klassentreffen“-Konzerte zu spielen.

Live hätte es noch funktioniert, aber dann hätten wir ja auch nur alte Kamellen spielen können und wären eine Art Schützenfest-Band geworden. Deswegen haben wir es dann erst mal ganz bleiben lassen.

Kai Wingenfelder (61)

Thorsten Wingenfelder: 2017 haben wir dann drei legendäre Konzerte in Hannover gespielt und seitdem sind wir wieder zusammen auf eine Reise gegangen, die ganz ruhig und entspannt war. Auf der Reise sind wir auch immer noch – das Album jetzt ist gar nicht lange vorher geplant. Wir dachten einfach: Wir könnten es ja mal wieder versuchen. Wir hatten den Produzenten Vincent Sorg mit im Boot und dann haben wir einen Song gemacht und fanden den toll, dann haben wir noch einen zweiten gemacht … Und nach dem fünften Song war dann irgendwie klar, dass es auch eine ganze Platte werden könnte. Und mittlerweile sind wir einfach wieder Freunde und dabei sehr demütig und dankbar. Wir kennen uns lange, passen aufeinander auf und zuletzt hatten wir im Proberaum richtig Spaß. Wie kleine Hunde sind wir da rumgetobt! In den guten Momenten haben wir gemerkt: Okay, jetzt sind wir wieder die richtigen Fury! Wir machen das jetzt so lange weiter, wie es uns guttut und Spaß macht. Aber im Moment sind wir einfach sehr glücklich!

Im Moment sind wir einfach sehr glücklich!

Thorsten Wingenfelder (55)

Kai Wingenfelder: Alles kann, nix muss. Das Album wollten wir eigentlich schon früher veröffentlichen, aber wegen Corona haben wir es erst mal geschoben. Aber dann kam doch irgendwann die Erkenntnis: Wir müssen es jetzt machen. Weil das Album nun mal fertig war und es ein hartes, positives Rock’n’Roll-Album geworden. Und wir dachten uns: Wenn die Leute alle schon zu Hause bleiben und durch eine harte Zeit gehen müssen, dann möchten wir ihnen wenigstens die Möglichkeit geben, die Boxen aufzureißen und durch die Küche zu tanzen.

Noch mal zu den Streitereien: Sie als Brüder haben sich auch richtig gefetzt?

Thorsten Wingenfelder: Ja, wir haben da alles durch. Das hatte manchmal richtig Gallagher-Brüder-Style: Flaschen nacheinander werfen und so was. So was passiert immer, wenn der Erfolg schnell wird. Wenn die Autofahrt zu rasant ist und du nicht über alles sprechen kannst, um es aus dem Weg zu räumen. Unsere Zeit in den USA etwa war auch eine schwierige Phase und danach musste es Schlag auf Schlag weitergehen. Wir hatten nie Zeit, uns mal gegenseitig zu fragen: „Wie geht’s euch? Alles okay?“ Damals passte es eben irgendwann nicht mehr – da hatten wir die Pause, um das alles zu klären, dringend nötig.

 

Der Song „1995“ bezieht sich ja auch auf Ihre USA-Tour. Das war sicher eine krasse Zeit.

Kai Wingenfelder: Klar. Als kleiner Rock’n’Roll-Junge aus Deutschland träumt man natürlich davon, auch irgendwann mal nach Amerika zu kommen. Und wenn dann eine amerikanische Plattenfirma nach Deutschland kommt und zu dir sagt: „Wir wollen euch in Amerika unter Vertrag nehmen!“, dann ist das noch etwas ganz anderes, als wenn dich eine deutsche Plattenfirma versucht zu exportieren. Dann kommst du dort an und steigst am Flughafen in New York in deine Stretch-Limo und im Radio läuft „Every Generation Got Its Own Disease“. Dann hast du deinen Traum erledigt. Du spielst monatelang Konzerte mit allen möglichen Leuten wie Green Day, Weezer, Sheryl Crow und sonst wem. Während der Zeit haben wir es nicht begriffen und teilweise auf hohem Niveau über schlechtes Catering rumgejammert. Aber am Ende des Tages hatten wir da eine Mega-Zeit. Been there, done that!

Als kleiner Rock’n’Roll-Junge aus Deutschland träumt man natürlich davon, auch irgendwann mal nach Amerika zu kommen.

Kai Wingenfelder

Thorsten Wingenfelder: Danach waren wir aber auch sehr ausgelutscht und zerstritten. Anstatt Pause zu machen, sind wir direkt ins Studio und haben weitergemacht. Die Amerikaner hätten uns übrigens auch gerne dabehalten.

Kai Wingenfelder: Dann hätten wir wahrscheinlich das nächste Album in L.A. gemacht. Aber dann hätte man mich womöglich mit einer Koks-Überdosis in irgendeiner Ecke gefunden. Insofern haben wir alles richtig gemacht: Wir haben beide drei Kinder, uns geht’s gut und wir können uns hier unterhalten, weil wir im Jahr 2021 eine neue Platte veröffentlichen, noch leben und ich mittlerweile so alt bin, dass ich FFP2-Masken umsonst bekomme. (lacht) Wir sind glücklich!

Sie haben ja einige Songs, die die Zeit überdauern …

Thorsten Wingenfelder: Ja, wir kriegen etwa Videos von Leuten, die in der Wüste bei einer Rallye mitgemacht haben. Der perfekte Song für sie dazu war dann „Won’t Forget These Days“. Der Song ist bei vielen, die in den 90ern ihr Abi gemacht haben, ihre Hymne. Oder zu „When I’m Dead And Gone“ werden Leute zu Grabe getragen. Da merken wir schon, dass unsere Songs Soundtracks zum Leben der Menschen sind und deswegen eine Relevanz haben. Das ist toll!

Das neue Album ist herrlich hymnisch und müsste eigentlich auf ganz normalen Konzerten, auf denen sich die Leute in den Armen liegen können, live gespielt werden.

Thorsten Wingenfelder: Wir sind einfach froh, dass wir überhaupt spielen können. Wir planen ja einen Pandemie-gerechten Konzertsommer. Dass wir die großen Konzerte jetzt schon wieder verschieben mussten, ist natürlich absurd. Aber unter dem Corona-Licht betrachtet, ist es uns völlig egal, ob wir vor Strandkörben, Sitzbänken, Autos und von mir aus auch vor Kinderpools mit zwei Leuten drin! Darauf freuen wir uns trotzdem sehr.

Kai Wingenfelder: Natürlich fehlen uns Momente, in denen 15.000 Leute „Won’t Forget These Days“ mitsingen. Aber diese Momente fehlen ja nicht nur uns, sondern auch den Fans. Wir sind da eine richtige Solidargemeinschaft geworden. Wir müssen jetzt gucken, wie wir da gemeinsam durchkommen.

Ist Ihnen das Album ganz leicht von der Hand gegangen? So wirkt es jedenfalls.

Kai Wingenfelder: Ja, wir sind so gut! (lacht)

Thorsten Wingenfelder: Auf gewisse Weise tatsächlich. Das ist auch der Verdienst unseres Produzenten Vincent Sorg. Der lässt die Künstler und Musiker wirklich sein, gibt ihnen einen Raum und fügt am Ende alles mit den Kräften der Band zusammen. Und das klingt dann so unangestrengt und leicht. Viele meiner Gitarrenläufe haben wir zum Beispiel erst beim Machen erfunden. Deswegen haben wir das Spielen teilweise abgefilmt, um uns daran erinnern zu können. Sowas klingt natürlich immer frisch, wenn es direkt aufgenommen wird.

Kai Wingenfelder: Unser Produzent hat da eine Position wie ein Dirigent. Er hat die Songs nicht geschrieben und er ist auch nicht das Orchester. Aber er weiß, dass er da gute Leute hat, die er genau so leitet, dass sie die Höchstleistung bringen. Der hat das mentale Produzieren so drauf, er kann die Leute lesen. Er liebt Popmusik genauso wie wir und hat verstanden, dass wir ein Brett-Album machen wollten. Eine totale Win-Win-Situation.

 

Haben Sie Angst, dass den Leuten die ganz neue Musik nicht gefallen könnte?

Kai Wingefelder: Überhaupt nicht. Bei der ersten Nummer „Sometimes (Stop To Call)”, dachten wir alle: Wie geil! Der Refrain haut einem da die Ömme weg. Das ist so ein bisschen wie mit „Achtung Baby“ von U2 und dem Song „The Fly“. Da hat man sich auch gefragt: Was macht dieser Mensch mit der komischen Brille da und warum klingen die so? Trotzdem fand man’s geil. So ähnlich erging es mir bei unserer Nummer. Ich habe mich so darauf gefreut, dass die Leute den Song endlich hören können. Und wenn man etwas wirklich mag, dann hat man auch keine Angst, weil es einem scheißegal ist, was die Leute denken. Und wir machen die Platte ja auch nicht nur für die Menschen da draußen, sondern auch für uns selbst. Und wenn man macht, was man liebt, dann wird es auch gut. Und wir finden es auch gut! Da sind wir sehr ehrlich. Denn wir haben auch Platten gemacht, da wussten wir, dass es nicht gut geworden ist. Diesmal haben wir aber alles hinbekommen, was wir machen wollten und sind deswegen sehr happy.

Können Sie den krassesten Moment Ihrer Karriere benennen?

Thorsten Wingenfelder: Nach über 30 Jahren ist das sicherlich nicht nur einer. Für mich waren die drei großen, ausverkauften Konzerte 2017 in Hannover aber zum Beispiel so etwas. Der zweite Tag war perfekt. Meine Familie war da, mein jüngster Sohn war in dem Alter das richtig wahrnehmen zu können, wir haben gespielt wie die Teufel und es gab sogar einen Heiratsantrag in der Show. Es hätte nur noch gefehlt, dass das Dach wegfliegt und die Konfetti-Kanonen von oben herunterkommen. Da sind wir mal nicht nervös auf der Bühne rumgehibbelt, sondern haben den Moment genossen. Da konnte ich meinen Frieden mit vielen Dingen machen.

 

Im Song „Letter To Myself“ spielt das Foo-Fighters-Mitglied Rami Jaffee die Piano-Parts. Wie kam es dazu?

Thorsten Wingenfelder: Wir haben für unsere andere Band Wingenfelder mal im „Artfarm“-Studio im Oberbergischen bei Köln produziert und die Foo Fighters waren da auch mal. Rami Jaffee hat sich in die Gegend verliebt und ist mit den Leuten da mittlerweile gut befreundet. Dadurch haben wir uns auch kennengelernt. Wir mögen uns und ticken alle irgendwie gleich. Und Rami hat dann irgendwann geäußert, dass er auf unserem neuen Fury-Album irgendwie dabei sein möchte. Aber das haben wir erst mal nicht hingekriegt, weil die Foo Fighters ja auch noch ihr eigenes Album herausgebracht haben. Aber dann hat er irgendwann zwischendrin noch etwas Geniales im Hotelzimmer aufgenommen und uns das rübergeschickt. Das ist natürlich eine große Ehre für uns. Er ist ein wahnsinnig lustiger Typ!

Kai Wingenfelder: Wir sind schon fürs nächste Jahr im Oberbergischen am Swimming-Pool verabredet. Die Foo Fighters sind neben U2 auch meine Lieblingskapelle.

Der Titeltrack „Now“ gefällt mir besonders gut. Der hat was von den Gorillaz.

Kai Wingenfelder: Der ist mit Christoph Stein-Schneider in irgendeinem schlechten Hotel nach irgendeiner Show entstanden. Der spielte mir diese Nummer einfach vor und meinte: „Ist ganz gut, ne?“ Ich meinte: „Die ist super, die sollten wir aufnehmen!“ Am Anfang hat er sich gewehrt, aber dann haben wir es doch gemacht. Ich finde es immer charmant, wenn er singt. Dann haben wir in Hannover auch wieder die Nummer Eins, was schlechtes Englisch betrifft, zurückerobert. Sonst hat die ja eigentlich Klaus Meine von den Scorpions inne. Der Song passt perfekt in die Mitte des Albums, weil er so ein lockeres, wertfreies, spaßiges Ding aus Gorillaz, Milky Chance, Snoop Dogg und Fury.

„Now“ ist bei Starwatch Entertainment/Sony Music erschienen. Am 7. August spielen Fury ein Corona-konformes Konzert im Stadtpark, Tickets ab 59 Euro gibt‘s hier!

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