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Hetzjaeger: „Wir haben Spotify und Co. ans Bein gepisst“


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MOPOP traf sich mit dem anonymen „Hetzjaeger“-Sänger Click in einem Kellergewölbe irgendwo im Hamburger Hafen, wo das Video zu „Kameraden“ gedreht wurde.Laut gegen Nazis – dieses Projekt steckt hinter der vermeintlichen Nazi-Band "Hetzjäger", hier im Bild der Sänger der Band, der anonym bleiben will. Foto: Florian Quandt

Hamburger Fake-Band zeigt, wie rechter Hass sich ungehindert im Netz verbreitet

Das Interview führte Wiebke Bromberg

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Hass und Hetze sind im Netz allgegenwärtig. Doch wie einfach ist es, mit einer rechten Band auf den Streaming-Portalen durchzustarten? Das haben die „Hetzjaeger“ gezeigt. Eine antifaschistische Band, die sich mit ihrem Song „Kameraden“ als Neonazis ausgab. Innerhalb weniger Wochen gab es 100.000 Klicks, großen Support und Hilfsangebote aus rechten Kreisen. MOPOP traf Click, den Sänger der Band, an dem Ort, an dem das Musikvideo gedreht wurde – in einem Kellergewölbe im Hamburger Hafen. 

MOPOP: „Hetzjaeger“ sind ein trojanisches Pferd der Musikszene. Was steckt hinter dem Projekt?

Click: Es handelt sich dabei um unterschiedliche Leute, die sich gegen rechts starkmachen. Gemeinsam haben wir die Band Hetzjaeger erfunden und ein Video zu der Single „Kameraden“ produziert. Es wurde nur die erste Strophe veröffentlicht, in die wir möglichst viele Trigger-Wörter eingebaut haben. Wir äußern uns nicht rassistisch, aber die Botschaft ist eindeutig. Das Ganze ist sehr martialisch, männlich und auch sehr dumm. Wenn ich mich mit dem Song irgendwo draußen hinstellen würde, würde das sofort jeder hinterfragen. Im Netz tut das keiner. Obwohl du dort viel mehr Menschen erreichst.

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Wer hat die „Hetzjaeger“ ins Leben gerufen?

Initiatoren sind „Laut gegen Nazis“  und eine Hamburger Agentur, die die Idee hatten, etwas dagegen zu unternehmen, dass jeder seine Scheiße auf Spotify, YouTube und Co. posten kann – ohne dass es eine Kontrollinstanz gibt. Rechte Hetze und Gewalt sind eigentlich verboten. Aber wen interessiert das schon? Es schert sich keiner drum. Uns ist wichtig, einem Riesen wie Spotify zu zeigen, dass er kontrollieren muss, wem er eine Plattform gibt.

„Ein Riese wie Spotify muss kontrollieren, wem er eine Plattform gibt.“

Click von Hetzjaeger
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Die erste Strophe erzählt von guten alten Zeiten und einem Deutschland, das sich Stück für Stück dem Feind ergibt. Einen solchen Text zu schreiben – was war das für ein Gefühl?

Zu Beginn hat es noch Spaß gemacht, der Produzent und ich haben uns lustig gemacht. Je unwohler wir uns fühlten, desto näher waren wir dran, etwas zu erschaffen, das man glauben kann. Nach dem Spaß kam dann Ekel. Du musst es authentisch singen. Das hat sich nicht gut angefühlt.

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Ein düsterer Wald, Nebel, Fackeln, Springerstiefel, Bomberjacken, Wolfsmasken. Das Video zur Single „Kameraden“ dürfte viele Neonazis angesprochen haben. Wie waren die Reaktionen?

Die ersten Wochen lief es erst mal etwas langsamer an. Aber schon von Tag eins an haben wir gemerkt, dass die Algorithmen den Song verbreiten. Dann haben wir Werbung geschaltet. Als ein linker Blog darauf aufmerksam wurde, ging’s durch die Decke. Auch Leute, die Punk hören, haben die Werbung dann angezeigt bekommen. Als sie sich bei Spotify beschwerten, wurde der Song dort auch entfernt. Er konnte aber wieder hochgeladen werden. Erst als wir nach drei Wochen die Werbung beendet haben, wurde der Song wieder gelöscht. Die Reaktionen des linken Blogs sorgten auch dafür, dass Rechte aufmerksam wurden und uns ernst nahmen. Am Ende gab es verschiedene Lager auf Telegram. Die einen haben uns als Fans supportet. Andere wollten uns als Band unterstützen und haben angefragt, ob wir Shirts, ein Label oder Kontakte in die rechte Szene brauchen. Und dann gab es welche, die hinter der Aktion Jan Böhmermann vermutet haben.

„Je unwohler wir uns fühlten, desto näher waren wir dran, etwas zu erschaffen, das man glauben kann.“

Click

Ab der zweiten Strophe wird eure Botschaft eindeutig – unter anderem singst du von „brauner Scheiße“. Am 30. Januar um 18.18 Uhr wolltet ihr mit dem vollständigen Song Weltpremiere feiern. Kein zufällig gewähltes Datum. An diesem Tag wurde Adolf Hitler 1933 Reichskanzler, die 18 steht in der rechten Szene für AH – die Initialen von Adolf Hitler. Warum kam es nicht dazu?

Wir wurden vorher von rechten Kanälen geleakt. Allerdings war es kein Misserfolg, dass wir mit dem Projekt aufgeflogen sind. Dadurch ist noch viel mehr Pulver ins Feuer gekommen, die Reichweite wurde immer größer. Wir haben unheimlich viele Hasskommentare unter dem Video. Und konnten den Streaming-Portalen aufzeigen, dass keiner von ihnen draufgeschaut hat. Am Ende hat der Leak das viel mehr verbreitet, als es unser Livestream je getan hätte.

Wie haben die Streaming-Dienste auf die „Hetzjaeger“ reagiert?

Spotify hat den Song, wie gesagt, runtergenommen, als unser Werbebudget aufgebraucht war. SoundCloud hat uns immer wieder nach Meldung gelöscht, da ist man aber nach fünf Minuten wieder drauf. Apple, Amazon und Deezer haben gar nicht reagiert. Erst mit der Auflösung und Veröffentlichung des gesamten Songs sind wir von allen Plattformen geflogen. YouTube hat zwischenzeitlich mal den Teaser für Deutschland gesperrt, international lief er aber weiter. Da konnten wir auch ohne Probleme bis zum Ende das Video bewerben.

Du und die anderen Menschen hinter „Hetzjaeger“ wollen anonym bleiben. Warum?

Wir hatten uns vorher nie Gedanken gemacht, ob wir anonym bleiben wollen. Erst als wir gemerkt haben, dass man uns das abnimmt und es groß werden könnte, wurde es zu gefährlich. Auch mit meiner eigenen Band sage ich öffentlich meine Meinung. Aber das war eine andere Nummer. Wir grätschen in etwas hinein. Wir haben infiltriert. Ich selber habe keine Angst um mich. Aber es waren Menschen beteiligt, die kleine Kinder haben. Hinzu kommt, dass Spotify mein Arbeitgeber ist. Wenn die wüssten, dass ich dahinterstecke, hätte ich große Angst, als Künstler dort nicht mehr stattzufinden. Wir haben denen ans Bein gepisst.

Wie bist du auf den Namen Click gekommen?

Ich habe überlegt, welcher Name besonders bescheuert wäre. Warum Click? Weil ich halt ‘ne Waffe habe und immer wenn ich abdrücke, macht’s „Click“. So richtig dumm.

Meinst du, dass euer Projekt für eine Veränderung sorgt?

Spotify und Co. müssen sich bewegen. Es wird immer mehr Gegenwind geben. Die haben sich seit Jahren nicht bewegt. Jetzt müssen sie es. Seit wenigen Tagen fängt Spotify langsam an, Songs und Bands, die wir auch in unserer Aktion genannt haben, zu löschen.

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