Helge Schneider wird am 30. August 70 Jahre alt und tritt an dem Abend – Glückwunsch! – im Stadtpark auf. Vorher aber kommt sein Film „The Klimperclown“ in die Kinos, in dem der begnadete Jazzmusiker und Anarcho-Clown von seiner abenteuerlichen Karriere erzählt. Im Interview spricht er über sein Außenseiterdasein, Metallica – und über Tante Erna.
MOPO: Gegen Ende des Films sagen Sie: „Die wirklich wahren Geschichten klingen immer wie ein fantastischer Traum.“ Kommt Ihnen Ihr Leben manchmal vor wie ein Märchen?
Helge Schneider: Wie ein Märchen nicht, aber so als wäre mein Leben vorgezeichnet gewesen. Das liegt wahrscheinlich an meinem Grundvertrauen. Ich konnte es immer weiterentwickeln, weil ich eben Erfolg hatte.
Wie sind Sie an „The Klimperclown“ herangegangen?
Wir waren vollkommen frei – die Geschichte konnte sich während der Dreharbeiten entwickeln. Da kamen plötzlich ganz andere Wendungen zustande. Unsere Art, Filme zu machen, gibt es gar nicht mehr. Sie stammt aus den Anfängen des Kinos, als man drauflosgedreht hat. Man sagte einfach: „Halt du mal die Lampe!“
Foto: Radius FilmsIhr ehemaliger Schlagzeuger Peter Thoms, mittlerweile 86, spielt im Film die Hebamme, die Sie am 30. August 1955 in Mülheim zur Welt gebracht hat. Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung?
Eine frühe Kindheitserinnerung: Ich war vielleicht ein halbes Jahr alt und lag in einem dieser flachen Korbkinderwagen. Leute, die zufällig vorbeikamen, meinten: „Ist das aber ein hübsches Mädchen!“ Da war ich schon mal sauer. Tante Erna erwiderte: „Nein, das ist ein Junge!“ Aber da hatte ich schon angefangen zu schluchzen. „Der Junge ist ja so sensibel.“ Und da war es ganz aus, weil ich das Wort „sensibel“ nicht mochte. Ich wollte nicht zu weich sein, sondern ein Mann. Ich war ein hübscher Junge mit roten Haaren, weshalb viele mich für ein Mädchen hielten. Später sowieso, als ich mir die Haare wachsen ließ. Wenn beim Trampen ein Porsche eine Vollbremsung machte und der Fahrer im Rückspiegel meinen Bart sah, fuhr er sofort weiter.
Wollten Sie sich schon in jungen Jahren mit schrägen Auftritten beweisen, dass Sie ein „echter Mann“ sind?
Ich fand das immer lustig. Ich wollte meine Lust am Leben zeigen. Ich spielte Klavier, Boogie-Woogie, Rock ‘n‘ Roll, Jazz, Dixieland. Schon damals schrieb ich eigene Lieder. Mit 15 war ich in einer Rockband, aber eigentlich wollte ich Jazz spielen. Auf Rock kann ich nicht so gut tanzen wie auf Jazz und Swing. Deshalb bin ich meine eigenen Wege gegangen.
Sie haben die Schule nach neun Jahren verlassen. An welchen Fächern sind Sie gescheitert?
An allen. In meiner Klasse muss ich wohl ein sehr unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Frech war ich auch. Einmal schmiss ein Lehrer ein Schlüsselbund nach mir, und ich schmiss es einfach zurück an seinen Kopf. Plus aller möglichen Schulbücher. Das war natürlich zu viel. Ich war ein absoluter Außenseiter – auf dem Schulhof sowieso, aber auch in der Familie.
Konnten Ihre Eltern mit Ihrer Anarchokunst etwas anfangen?
Mein Vater war ja selbst so ein Typ, und auch meine Mutter war offen für alles Mögliche. Und von Tante Erna kamen immer Statements wie: „Ja, ja, der Helge, der macht sowieso, was er will. Dat is ein ganz Eigener.“
1993 wurden Sie mit dem Lied „Katzeklo“ zum Star. Trotzdem erweckt Ihr Film den Eindruck, dass Ihnen stets auch eine gewisse Distanz zum Showgeschäft wichtig war.
Das ist mir ganz wichtig, man ist ja auch Mensch. Das Showgeschäft ist für mich eine Arbeitsstelle. Eine Werkstatt, in die ich gehe.
1999 spielten Sie am Nürburgring kurz vor Metallica vor 40.000 Metalfans. War das Ihr bislang härtester Auftritt?
Ja, das war mit meiner damaligen Band The Firefuckers. In Nürnberg bei „Rock im Park“ sind wir auch aufgetreten. Die Jungs von Metallica waren nett, haben uns zugeguckt und fanden es klasse. Wir haben auch gute Sachen gemacht. Es war natürlich nicht der Helge, der mit seinem Quatsch berühmt geworden ist.
Hatten Sie das Gefühl, dass Metallica Ihre Art von Jazz-Musik verstanden haben?
Das muss ja so gewesen sein. Was die machen, ist nichts anderes, nur eben in einer Form, die spektakulär ist durch die technischen Möglichkeiten.
Haben Sie Ihre Kunst immer als eine Reaktion auf irgendetwas „da draußen“ verstanden?
Ich will mit meiner Kunst zeigen, dass die Fantasie und der Humor unbedingt Platz haben müssen in unserem Leben. Der Unsinn braucht freie Bahn.
Haben Sie sich für die Tour zu Ihrem 70. Geburtstag ein feierliches Programm überlegt?
Nein. An meinem Geburtstag spiele ich in Hamburg im Stadtpark. Die haben einen schönen Backstagebereich, und da kommen dann ein paar Leute zum Gratulieren vorbei. Ansonsten habe ich meine Geburtstage immer zu Hause in Mülheim gefeiert, mit drei oder vier Leuten. Ich glaube, meine Kinder wissen gar nicht, wann ich Geburtstag habe.
Tickets zu gewinnen!
3 x 2 Tickets für das Konzert am 30.8. zu gewinnen. Schicken Sie bis 4.8. eine E-Mail mit Betreff „Helge“ an [email protected] und beantworten Sie folgende Frage: Wie alt wird Helge Schneider am 30. August?
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.Veranstalter des Gewinnspiels ist die Morgenpost Verlag GmbH. Bei einer Teilnahme gelten unsere AGB als akzeptiert. Diese AGB finden Sie unter www.mopo.de/gewinnspiel-agb
Konzerte: 29./30.8., 19 Uhr, Stadtpark-Open-Air, 47 Euro
Kino: „The Klimperclown“ mit Gast Helge Schneider: 9.8., 18.30 Uhr, Studio-Kino; 9.8., 19.30 Uhr, Abaton; 9.8., 20.30 Uhr, Zeise;

































