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Folk-Punk-Star Frank Turner: „Das Molotow fühlt sich für mich wie zuhause an, wie Familie“

Turner sitzt draußen auf einer Treppenstufe
Hat ein Herz für Indie-Clubs: der britische Folk-Punk-Star Frank Turner (42)
Foto: Shannon Shumaker

„Molotow Must Stay!“, findet auch Folk-Punk-Star Frank Turner (42) – und spielt zwei ausverkaufte Shows im bedrohten Kiez-Club. Warum das eine Herzensangelegenheit ist, erklärt der Brite im Interview.     

MOPOP: Sie führen sehr genau Buch über Ihre Konzerte. Die wievielte Show wird Ihr Auftritt im Molotow sein?
Frank Turner: Das habe ich nicht im Kopf, sondern sehe es immer erst am Tag des Konzerts. Wahrscheinlich wird es Nummer 2870 oder so sein. (lacht)

2009 haben Sie im Molotow eines Ihrer ersten Deutschland-Konzerte gespielt. Erinnern Sie sich daran?
Natürlich, das war noch im alten Molotow. Ich habe an dem Abend Mexikaner kennengelernt. Mein Gitarrist sagt immer, es sei, wie sich einen Schraubenzieher in den Kopf zu stecken. Aber ich liebe das Zeug.

Frank Turner spielt am 17. Mai zwei Soli-Shows im Molotow

Nun präsentieren Sie dort Ihr neues Album „Undefeated“. Woher kommt Ihre besondere Beziehung zu dem Club?
Das Molotow fühlt sich für mich wie zuhause an, wie Familie. Mein erster Auftritt dort war ein perfektes Punk-Konzert: 200 Leute, der Schweiß tropft von der Decke, alle singen mit, die Leute aus der ersten Reihe fallen auf die Bühne … Und ich dachte: Das gefällt mir, ich komme wieder.

Viele Gelegenheiten dazu gibt es wohl nicht mehr. Das Molotow soll bald geschlossen werden und an der Stelle ein Hotel eröffnen.
Das ist einer der Gründe, warum ich jetzt dort spiele: um die „Molotow Must Stay“-Kampagne zu unterstützen. Ich hoffe sehr, dass sie wieder ein neues Zuhause finden. In England haben wir die gleichen Probleme. Mit Indie-Clubs wurde man noch nie reich, aber in den letzten vier Jahren hat sich die Situation noch einmal verschlimmert. Dafür gibt es keine einfache Lösung, aber es gibt viele Leute mit kreativen Ideen.

Eine Zeit lang habe ich darum gekämpft, der härteste Tourtyp der Welt zu sein. Bis ich gemerkt habe, dass sonst niemand an diesem Wettkampf teilnimmt.

Frank Turner

Auf vielen Ihrer bisherigen neun Alben gibt es ein Thema, das sich durchzieht. Ist das auch jetzt so?
Es geht vor allem um zwei Dinge. Erstens die Freude darüber, dass wir aus dem Corona-Lockdown zurückgekehrt sind. Und zweitens bin ich stolz darauf, mein zehntes Album zu machen. Ich will nicht wie ein Arsch klingen, aber nicht viele schaffen das. Meine Eltern wollten nicht, dass ich Platten kaufe, meine Mitschüler haben mich ausgelacht, weil ich in einer Band spielen wollte. Aber jetzt stehe ich hier.

Der Titel „Undefeated“ klingt, als hätten Sie viele Kämpfe hinter sich.
Ich mag den Titel, weil er nicht bedeutet, dass du immer gewonnen hast. Aber dich hat eben auch niemand besiegt. Wie schon gesagt, es gab einige Probleme in meiner Kindheit. Ich hatte schwere Zeiten mit Drogenmissbrauch. Und als ich clean war, habe ich gemerkt, dass die Drogen nur ein Symptom waren und ich eigentlich psychische Probleme hatte.

Albumcover in schwarzweiß, zeigt den tätowierter Rücken einer PersonFoto: Xtra Mile
„Undefeated“ ist am 3. Mai bei Xtra Mile erschienen.

Wie hat Ihnen Musik geholfen, das durchzustehen?
Songs schreiben ist meine öffentliche Therapie. Aber ich habe auch gemerkt, dass das nicht reicht. Ich habe gelernt, dass es Fachleute gibt, die beim Umgang mit Angstzuständen und Depressionen helfen können – und dass ich die auch manchmal brauche.

Einer Ihrer neuen Songs heißt „Pandemic PTSD“. Wie sieht diese posttraumatische Belastungsstörung durch die Pandemie bei Ihnen aus?
​In meiner kleinen Ecke der Welt hat die Pandemie viel Schaden angerichtet. Ich finde, wir sollten mehr darüber reden, weil die Probleme immer noch da sind – in der Musikindustrie, aber auch auf persönlicher Ebene. Ich gehe viel weniger raus als früher, ich bin viel nervöser in der Welt da draußen. Viele Kinder sind lange nicht zur Schule gegangen, das wird 50 Jahre lang Auswirkungen haben. Aber für viele Menschen ist das Schnee von gestern.

Song mit Ingo Knollmann von den Donots

Sie haben mit Ingo Knollmann von den Donots auch einen Song auf Deutsch aufgenommen. Wie ist es dazu gekommen?
Ich versuche, bei jedem Konzert immer ein paar Sätze in der Landessprache zu sagen, einfach aus Respekt vor dem Publikum. Und dann habe ich mir gedacht: Mache ich doch einen Song auf Deutsch. Ingo hat bei der Übersetzung einen tollen Job gemacht. Es gibt nur ein Problem: Im Studio konnte ich jede Zeile einzeln einsingen. Um den Song live zu spielen, musste ich ihn lautsprachlich auswendig lernen. Ich vertraue Ingo einfach mal, dass er das bedeutet, was ich glaube.

Sie touren seit vielen Jahren um die ganze Welt, haben fast 3000 Konzerte gespielt. Welchen Tribut fordert so ein Leben?
Auf Tour besteht die Möglichkeit, aber auch die Gefahr, dass man nie erwachsen wird. Eines der wichtigsten Dinge, die mir in den letzten zehn Jahren passiert sind, war die Tour mit dem US-Musiker Jason Isbell. Er ist trockener Alkoholiker, trinkt also nicht, die anderen trinken vielleicht ein Glas Wein, unterhalten sich, die Familien sind dabei. Das hat mir die Augen geöffnet. Man kann nicht sein ganzes Leben auf einem Junggesellenabschied verbringen, ich will nicht enden wie Lemmy. Und das Tourleben isoliert dich auch ein bisschen. Ich habe so viele Geburtstage verpasst, so viele Hochzeiten. Das tut schon manchmal weh.

Man kann nicht sein ganzes Leben auf einem Junggesellenabschied verbringen, ich will nicht enden wie Lemmy.

Frank Turner

Haben Sie auch mal die Nase voll?
Ich gehe längst mehr so lange auf Tour wie früher. Viele aus meiner Band haben Kinder, ich bin verheiratet, ich habe eine Katze, ich habe Gründe, nach Hause zu kommen – anders als früher. Ich will Konzerte spielen, bis ich alt bin. Aber damit das klappt, darf ich mich nicht in meinen Vierzigern umbringen. Eine Zeit lang habe ich darum gekämpft, der härteste Tourtyp der Welt zu sein. Bis ich gemerkt habe, dass sonst niemand an diesem Wettkampf teilnimmt. Das macht dich körperlich und psychisch einfach kaputt.

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Auf Ihrem Album heißt es, dass sie in Ihren Vierzigern wieder ein „wütender Mann“ geworden seien. Was würde der 2009-Molotow-Frank-Turner über den Frank Turner von heute denken?
Wenn du jung bist, ist die Welt schwarz-weiß. Und dann erkennst du, wie wenig du über die Welt weißt, und wie wichtig es ist, zu versuchen, die Standpunkte von Menschen zu verstehen, mit denen du nicht einverstanden bist. Aber du weißt auch, wer du bist, und kannst besser Nein sagen. Für mich gilt das sowohl in Bezug auf meine Karriere als auch auf andere Menschen und Politik.

Am 19. Oktober tritt Frank Turner in der Sporthalle auf

Gibt es heute Dinge in Ihrem Leben, von denen Sie früher nie gedacht hätten, dass sie mal passieren würden?
Ich bin verheiratet und ich lebe nicht mehr in London. Wenn mir das 2009 jemand gesagt hätte, hätte ich gedacht, er nimmt Drogen. Ich lebe jetzt anderthalb Stunden von London weg am Meer und wir haben einen Garten. Ich bin kein guter Gärtner, aber ich mag, dass Gartenarbeit ein Investment ist: Man macht etwas, dass in fünf Jahren gut aussieht. Das ist etwas komplett anderes als mein Leben mit 25, wo ich nur Kokain genommen und mich nicht um die Zukunft gekümmert hab

Im Oktober spielen Sie ein Konzert in der Sporthalle. Sind Ihnen kleine Clubs oder die großen Hallen lieber?
Die typische Punkrock-Antwort wäre wohl: die kleinen Clubs. Aber ehrlich gesagt: Es ist auch verdammt geil, auf die Bühne zu gehen vor 5000 Leuten, die durchdrehen.

Album: „Undefeated“ (Xtra Mile)
Sporthalle: 19.10., 19.30 Uhr, 50,75 Euro

Mit MOPOP Frank Turner live erleben!

Wir verlosen 1 x 2 Tickets für Frank Turners Konzert in der Sporthalle am 19. Oktober. Im Vorprogramm spielen dann übrigens Skinny Lister. Viel Glück!

Wer gewinnen will, schickt bis 23.5., 24 Uhr, eine E-Mail mit Betreff „Frank Turner“ an [email protected] und beantwortet folgende Frage richtig: Wie heißt das aktuelle Album von Frank Turner?
Veranstalter des Gewinnspiels  ist die Morgenpost Verlag GmbH. Bei einer Teilnahme gelten unsere AGB als akzeptiert. Diese AGB finden Sie unter www.mopo.de/gewinnspiel-agb


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