Christopher von Deylen alias Schiller kommt mit seinem aktuellen Album „Euphoria“auf Tour. Wie auf dem Album wird auch bei den Konzerten der atmosphärische Schiller-Sound im Dolby-Atmos-Surround-Format erklingen. Vor seinem Auftritt in der Barclays-Arena erklärt der 55-jährige Niedersachse, weshalb er trotz des russischen Angriffskriegs häufig in Kiew auftritt.
MOPOP: Wie erleben Sie die Ukraine bei Ihren Besuchen?
Christopher von Deylen: Im Januar habe ich in Kiew wieder ein Konzert gespielt. Vor 5000 Menschen. An dem Tag gab es große Stromausfälle, sodass nicht einmal die U-Bahn fuhr. Trotzdem haben sich alle zu diesem Event durchgeschlagen. Die Menschen empfinden diese Zeit als „gelebte Freiheit“ und sehen nicht ein, in den Stunden, in denen mal kein Luftalarm herrscht, mit gesenktem Haupt übers Trottoir zu schleichen. Ich kann sogar ein bisschen verstehen, dass bei einigen in Deutschland reflexhaft die Frage aufkommt: „Ich dachte, da wäre Krieg! Wenn man feiern gehen kann, kann es ja so schlimm nicht sein!“ Man muss sehr lange sehr viel erklären, um Menschen dahin zu bringen, dass sie sagen, so hätten sie das noch nie gesehen.
Sie haben in der Ukraine wirklich keine Angst?
Wir haben dort die erste Nacht im Bunker verbracht, genau wie letzten Sommer. Ich muss sagen, dass ich da relativ angstfrei bin. Trotzdem versuche ich, nicht unvernünftig und leichtsinnig zu sein. In der Ukraine gibt es diverse Apps, die meist noch vor dem eigentlichen Luftalarm eine Warnung abgeben. Man weiß dann noch nicht, was es für ein Alarm ist, deswegen sind alle eher genervt, als dass sie in Panik ausbrechen. Dann gibt es noch diverse Telegramkanäle, wo man Details erfährt. Sind es Drohnen, ballistische Raketen, beides? Davon macht man sein Verhalten abhängig. Am nächsten Tag gehen alle wieder zur Arbeit, das Leben geht ja weiter. Dadurch entsteht eine erstaunliche Einheit und ein wahnsinniger Lebenswillen.
Auf Ihrer Homepage schreiben Sie: „Es ist, als würde der Krieg nicht lähmen, sondern im Gegenteil einen Motor freisetzen.“
Die Überschrift unseres letzten Konzertes in Kiew lautete „Interstellar“ und war angelehnt an den gleichnamigen Science-Fiction-Film von Christopher Nolan. Es war gar nicht so einfach, Generatoren für diesen einen Tag zu organisieren. Und es gab einen White-Dresscode, sodass alle weiß gekleidet bei minus 20 Grad in die Location gekommen sind. Am Aufbautag haben Hunderte mit uns gemeinsam dieses Event auf die Beine gestellt, von dem man ja gar nicht wusste, ob es überhaupt stattfinden kann. Würde man das hier machen, würde der Veranstalter wahrscheinlich abwinken: zu schwierig, zu kompliziert, zu viel Arbeit. Es ist spannend zu sehen, wie in Kiew trotz der Unwägbarkeiten mit allem umgegangen wird und wofür man fernab der Front bereit ist, zu kämpfen. Das ist hierzulande schwer zu erklären.
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Nur wenige namhafte ausländische Künstler treten noch in der Ukraine auf. Wollen Sie mit Ihren Konzerten ein Zeichen setzen?
Nein. Ich reagiere immer etwas gereizt, wenn mal wieder ein Zeichen gesetzt werden soll – weil das für mich in Richtung Zeigefinger geht. Das ist moralisierender Frontalunterricht, von dem ich wirklich genug habe. Wenn ich Haltung zeigen will, gehe ich zum Orthopäden. Mir würde es nicht im Traum einfallen, andere Künstler dazu zu überreden, auch mal was in der Ukraine zu machen.
Der erste und letzte Song bei einem Ihrer Konzerte in Kiew war „Willkommen im Glück“ vom „Euphoria“-Album. Wie definieren Sie Glück in der heutigen Zeit?
Ich mache wahnsinnig gerne Musik und spiele gerne Konzerte, aber das sind nicht die Momente, aus denen ich für mich selber das Glück herausdestilliere. Natürlich möchte man als Künstler geliebt werden, natürlich ist es ein wunderschönes Gefühl, wenn das Publikum deinen Namen skandiert. Denke ich an das echte Glück, dann ist das eher der schöne kleine Moment, wo man an einer Autobahnraststätte irgendwo zwischen Lwiw und Kiew einen mit viel Liebe zubereiteten Kaffee serviert bekommt. Von einer lächelnden Dame, die vielleicht auch die Nacht im Bunker verbracht hat. Man wechselt ein paar Worte in gebrochenem Englisch miteinander. Das ist etwas, was mir in dieser Sekunde als Glücksmoment einfällt. Es ist das kleine Glück, das ich versuche zu erkennen und zu schätzen. Also, Konzerte machen mich natürlich auch glücklich, aber das wahre Glück finde ich woanders.
Barclays-Arena: 15.5., 20 Uhr, 60,30-95,30 Euro


































