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Die Stimme des deutschen Soul: Joy Denalane über ihre neue Platte, Politik und Rassismus

Die Stimme des deutschen Soul: Joy Denalane über ihre neue Platte, Politik und Rassismus

13.09.2020
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Joy Denalane hat ihr neues Album bei Motown veröffentlicht. Foto: Ulrike Rindermann

Joy Denalane ist die große Stimme des deutschen Soul. Mit ihrem neuen Album „Let Yourself Be Loved“ ist die gebürtige Berlinerin nun auch die erste deutsche Musikerin, die eine Platte bei dem legendären Soul-Label Motown in den USA veröffentlicht. Dort nämlich, wo schon Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder, die Jackson Five und Smokey Robinson ihr musikalisches Zuhause hatten. Denalane zählt sie beim Interview nicht nur als bevorzugte Künstler auf, ihre neuen Songs fügen sich auch nahtlos ein. Im MOPOP-Interview spricht die 47-Jährige über politische Songs, Rassismus und über die große Unterstützung ihres Vaters.

MOPOP: Frau Denalane, Sie sind die erste Deutsche, die ihr Album auf dem Motown-Label veröffentlicht. Wie kam das zustande?

Joy Denalane: Jemand von meiner Plattenfirma hier in Deutschland hat das fertigproduzierte Album mit rübergenommen und sie den Motown-Leuten vorgespielt. Dann kam er zurück und meinte: „Du, die finden deine Platte so toll und würden sie gerne rausbringen. Könntest du dir das vorstellen?“ Und ich so: „Ob ich mir das vorstellen kann?“ Ich war einfach nur total glücklich! Und nun bringen sie sie in Amerika raus unter der Motown-Flagge. Und wenn wir jetzt nicht in der Pandemie stecken würden, wäre ich gerade drüben, um die Platte zu bewerben.

Joy Denalane veröffentlicht das Album in den U.S.A. beim legendären Label Motown aus Detroit

Ihr Vater soll die Liebe zum Motown-Soul bei Ihnen gesät haben. Hat dieses Album diesbezüglich Erinnerungen hochgespült?

Nicht so bewusst. Aber mein Vater war während des Songwritings schon die schützende Hand über mir. Ich vertraute sehr der musikalischen Prägung, die ich durch ihn erfahren habe. Oft, wenn ich etwas einsinge, frage ich mich: Wie würde er das jetzt finden? Er wohnt auch in Berlin, ich spiele ihm mal was vor, weil er sich auch mit Gesang sehr gut auskennt und ich seine Meinung spannend finde. Ich bin froh, wenn er es dann für gut befindet. Aber er hat auch schon mal gesagt, dass es ihm nicht gefällt. Ich dachte drüber nach und befolgte tatsächlich seinen Rat. 

Das sind nicht Sie auf dem Albumcover, oder?

Nein. Mir war es total wichtig, meine Schwestern und die Töchter meiner einen Schwester in das Fotoshooting zu involvieren, sie sind Teil der Geschichte. Als die Fotos entwickelt auf dem Tisch lagen, die meisten waren von mir, ist dieses Bild für mich so wahnsinnig herausgestochen. Kein Porträt von mir konnte da mithalten. Diese Fotografie verbindet sich mit dem Albumtitel auf unglaubliche Weise. Also habe ich entschieden, lieber die Töchter meiner Schwester aufs Cover zu nehmen. Auf meinem letzten Album „Gleisdreieck“ gibt es mit dem Lied „Elli Lou“ bereits eine Hommage an die Erstgeborene meiner Schwester.

Auf dem Cover des Albums sind Joy Denalanes Nichten.

Ende der 60er brachten auch immer mehr Motown-Künstler gesellschaftspolitische Lieder heraus, die widerspiegelten, was auf den Straßen passierte. Wie politisch ist Ihre Platte?

Es gab in der Vergangenheit viele Lieder, in denen ich mich explizit politisch äußere. Dies ist jetzt die eine Platte, auf der ich keinen primär politisch erkennbaren Text habe. Aber ich glaube, es schwingt immer eine Energie, vielleicht sogar eine Dringlichkeit in meinem Gesang mit, der in gewisser Weise auch politisch ist.

Hat das auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun?

Klar. Als Musiker und überhaupt als Kreative haben wir das große Glück, dass wir vieles spiegeln können in unserer Arbeit. Ob das die persönliche Erfahrung ist oder gesellschaftliche Auseinandersetzung mit bestimmten Themen – das ist das Schöne an unserem Beruf. Ohne das Wort jetzt überstrapazieren zu wollen, aber vielleicht drückt sich in meinem Gesang eine Art von Schmerz aus. Das meinte ich auch mit der gewissen Dringlichkeit. 

Es gibt nicht viele schwarze Deutsche, die es musikalisch auf den Level geschafft haben wie Sie. Woran liegt das?

Es gibt dieses Alleinstellungsmerkmal, weil die Lobby sehr klein ist. Aber die Frage ist natürlich, warum die Lobby für diesen Sound und schwarze Künstler so klein ist, das ist ja auch eine Rückkoppelung von etwas. Dass ich dieses Alleinstellungsmerkmal habe, liegt nicht daran, dass wir so wenige sind, sondern daran, dass so wenige von uns diese Sichtbarkeit bekommen. Das wiederum finde ich problematisch. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das gar nicht schön ist, allein auf weiter Flur zu sein. Das ist überhaupt nichts Erstrebenswertes, dass ich dieses Alleinstellungsmerkmal habe. Denn es bedeutet ja auch, dass es eine Einsamkeit gibt. 

Schützen Ruhm und Erfolg vor Rassismus?

Das finde ich nicht. Es gibt natürlich bestimmte Bereiche, wenn ich meinetwegen irgendwo eingeladen bin, wo man ganz besonders darauf achtet. Aber ich habe ja auch noch ein Leben neben meiner Karriere, und das nimmt auch sehr viel Platz ein, da erlebe ich Rassismus genauso wie jeder andere auch, der nicht der Öffentlichkeit steht. 

Wie haben Sie den Tod von George Floyd wahrgenommen?

Es war erschütternd, weil man diesen Tod sozusagen als Live-Mitschnitt verfolgen konnte. Ich hatte das Video unvorbereitet gesehen und merkte erst während des Anschauens, dass ich gerade einer grausamen Ermordung beiwohne. Ich war so entsetzt und so ratlos, ich konnte gar nicht drüber sprechen. Und das ist ja nicht der erste Tod, der mit rassistischen Übergriffen oder durch Polizeigewalt passiert ist.

„Es war erschütternd, weil man diesen Tod sozusagen als Live-Mitschnitt verfolgen konnte.“

Joy Denalane über George Floyds Tod

Vielleicht ist der Unterschied, dass es diesmal kaum mehr Raum für Interpretation gibt.

Es war vieles krass daran, auch die Tatsache, dass es einen Menschen gibt, der es aufgenommen hat und Leute, die drumherumstanden – alle haben quasi zugeschaut dabei. Ich will niemanden verurteilen, aber es war einfach an Krassheit nicht zu überbieten. 

Haben Sie mit den Ausschreitungen in den USA gerechnet, die im Nachgang passierten?

Ja, irgendwie schon. Es gab in den zwei Wochen vor George Floyds Ermordung den Fall von Amy Cooper, der viral gegangen ist: Die weiße Amerikanerin, die ihren Hund verbotenerweise unangeleint durch den Central Park laufen lässt und von einem Afroamerikaner aufgefordert wird, ihn anzuleinen. Sie hat dann in seinem Beisein die Polizei angerufen und ihnen gesagt, sie werde von einem Afroamerikaner bedroht und bräuchte Hilfe. Sie hat die Ausnutzung des weißen Privilegs par excellence vorgeführt. Davor gab es die Erschießung des unschuldigen Joggers Ahmaud Arbery durch einen weißen Mann mit seinem Sohn. Diese Überlagerung der Ereignisse in Kombination mit der Corona-Pandemie, in der die Menschen nur noch Zuhause vor Rechnern sitzen mit kaum Kontakt zur Außenwelt, hat das wohl alles potenziert.

War das überfällig?

Schon. Ich fand das wichtig, dass diese Energie um die Welt gegangen ist. Und dass es dazu geführt hat, dass sich Gesellschaften grundsätzlich hinterfragen. Mir ist total oft passiert, dass Leute mich gefragt haben, ob es angemessen wäre, die amerikanische Polizeigewalt auf Deutschland zu übertragen. Darum geht es gar nicht. Natürlich passiert die Polizeigewalt in Amerika vor einem anderen historischen Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass wir in unseren Strukturen nicht Rassismus haben. Es geht darum, sich als Gesellschaft grundsätzlich zu hinterfragen. Und wenn es ein Ereignis gibt, dass den Anstoß dafür gibt, dann ist das doch gut genug. Ich find es dann falsch, per se die Augen davor zu verschließen. 

Es gab bei uns Halle, Hanau und die NSU, und trotzdem brauchte es den Anlass George Floyd, um die antirassistische Bewegung lauter zu machen. 

Man kann sich fragen, warum es so lange gedauert hat, oder warum es ein perfides Beispiel geben musste. Aber das ändert natürlich nichts an den Tatsachen, an dem strukturellen oder institutionellen Rassismus bei uns, den man mittlerweile ganz gut messen kann. Man muss hinschauen. 

„Man muss hinschauen.“

Joy Denalane (47) über strukturellen und institutiellen Rassismus

Verstärken sich völkische und rechte Strömungen durch die Pandemie?

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen sehr verunsichert sind. Dass die Pandemie Angst und vielleicht sogar Panik auslöst, verstehe ich bis zu einem gewissen Grad. Wir können ja noch gar nicht sagen, welche Wirtschaftszweige wie stark von den Folgen betroffen sind. Aber die Suche nach schnellen Lösungsansätzen, sorgt auch für diffuses und gefährlichesGedankengut. 

Es ist derzeit immer wieder von „Cancel Culture“ die Rede. Ist das hilfreich oder doch eher Hilflosigkeit im Umgang mit dem Rassismus-Problem, wenn U-Bahn-Höfe umbenannt oder Denkmäler vom Sockel gestoßen werden?

Dass beispielsweise die Mohrenstraße in Berlin umbenannt wird, ist ja nun wirklich höchste Zeit. Aber mal anders gesprochen: Ich wüsste nicht, warum man an solchen Dingen festhalten sollte. Aus einer Tradition heraus oder damit es einem persönlich kein Unwohlsein verschafft? Das ist zu kurz gedacht. Cancel Culture per se zu verteufeln, halte ich für falsch. Und alles unter diesem Deckmantel zu verstecken, um es schlecht zu relativieren auch. 

Haben Sie Hoffnung, dass die positiven Bewegungen, die gerade passieren, etwas bewirken werden?

Es gibt auf jeden Fall eine Bereitschaft dafür, die ich so in der Form noch nicht erfahren habe. Meine bisherigen Erfahrungswerte basieren, verallgemeinert gesagt, eher so auf Reaktionen wie „Ach, so was haben wir doch hier gar nicht“. Oder auch „Das kann ich mir gar nicht vorstellen, was du da erzählst. Vielleicht bist du etwas sensibel.“ Das sind Standardaussagen. Ob die Leute sich mehr zurückhalten, weil sie gerade nichts Falsches sagen wollen oder aus einer ehrlichen Offenheit heraus, vermag ich noch nicht zu sagen. Das braucht mehr Zeit.

Was würden Sie sich von weißen Deutschen wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass diese ewigen Kategorisierungen, was ethnische Gruppen betrifft, aufhören, so von wegen: Die Türken sind ja immer so und so. Das ist eine Art von Ignoranz, die den Leuten relativ leicht über die Lippen kommt. Eine Kritikfähigkeit wäre auch gut. Es gibt das so genannte Phänomen „white fragility“, das beschreibt, wie überempfindlich Weiße reagieren, wenn man sie auf ihre Privilegien und den Rassismus in ihrer eigenen Lebensrealität anspricht. Sie werden dann sauer, sind verletzt, fangen an zu relativieren und fühlen sich nicht gesehen. Das sollte bitte aufhören.

„Ich würde mir wünschen, dass diese ewigen Kategorisierungen, was ethnische Gruppen betrifft, aufhören.“

Joy Denalane

Können Sie verstehen, wenn Weiße verunsichert sind?

Ja, das ist in Ordnung. Es sagt ja aber auch niemand gleich: Du bist ein böser Nazi. Denn der Rassismus beginnt doch nicht beim Nazi. Es geht wirklich darum, sich mit offenen Ohren und einem echten Interesse mal die Geschichten von Leuten anzuhören, die auf der anderen Seite stehen.

Das Album „Let Yourself Be Loved“ ist am 4. September bei Vertigo, Universal und Motown erschienen.

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