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Die queer-feministische Künstlerin Peaches: „Es kommen auch wieder andere Zeiten“

Die Künstlerin Peaches
Auch wenn Peaches durchaus Freude am Schockieren hat: Vor allem geht es ihr um gegenseitiges Verständnis und Toleranz.
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Sie hat eine Installation für die Ausstellung „Sex Now“ in Düsseldorf angefertigt, war 2024 Gegenstand zweier Dokumentarfilme und spielte im Stuttgarter Schauspiel die Hauptrolle in Brechts „Die sieben Todsünden“. Nur musikalisch hat die 1966 als Merrill Lisker in Toronto geborene und im Jahr 2000 nach Berlin übergesiedelte Peaches lange nichts von sich hören lassen. Aber nun macht sie wieder Krach und vermischt auf „No Lube So Rude“, ihrem ersten Album seit über zehn Jahren, Electro, Punk, Pop, Industrial, einige zarte Balladen sowie ihre geballte Sexpositivität zu einem einzigartigen Erlebnis. Am Montag ist sie live in Hamburg zu erleben.

MOPOP: Inwieweit spiegelt sich die Zerrissenheit und Spaltung der Welt in Ihrem Album und im Titelsong „No Lube So Rude“ (etwa: kein Gleitmittel, so unsanft) wider?

Peaches: Auf ganz direkte Weise. Spannungen, kleine Risse und Irritationen lassen sich lindern, wenn man sie mit Gleitmitteln behandelt. Der Titel ist absurd und auf den Punkt zugleich. Das Schmiermittel sollte uns helfen, empathischer zu sein, aufeinander zuzugehen oder zumindest mal miteinander zu sprechen. Selbst das ist oft ja schon scheinbar zu viel verlangt. Dabei sollten wir älteren Leute mit den Jüngeren in Austausch treten, uns gegenseitig zuhören und irgendwie zusehen, dass wir am selben Strang ziehen. Und dann hat der Albumtitel für mich als Frau nach der Menopause noch eine persönliche Bedeutung. Ich denke, wir sollten all die Stigmata rund um die Weise, wie wir unsere Sexualität und unsere Bedürfnisse ausleben, loswerden und uns einfach auf das einlassen, was uns Freude bereitet. Nur weil ich fast 60 bin, falle ich noch nicht ins Grab – auch wenn ich mit 20 natürlich überzeugt war, dass das Leben in meinem jetzigen Alter längst vorbei sei.

Ist es aber nicht.

Oh, nein. Schon klar, der Körper knackt an mehr Stellen als früher, und ich muss besser auf ihn achtgeben. Aber sonst geht es mir gut. Ich bin voller Vitalität und fange mein Leben auf gewisse Weise sogar neu an. Also: Immer her mit den Gleitmitteln, damit alles besser flutscht und wir uns ganz unserer Lust und Leidenschaft hingeben können – und zwar jenseits von geschlechtlichen Konventionen und Limitierungen. Denn jeder Mensch verdient es, Spaß zu haben.

Mit Ihren Songs und Ihrem Erscheinungsbild haben Sie anfangs durchaus zu schocken gewusst. Heute auch noch?

Die Lust am Schocken stand nie im Mittelpunkt meiner Arbeit. Ich habe mich so präsentiert, wie ich war, und das Ganze mit spielerischen Aspekten verstärkt. Bei den ganzen Kontroversen, die wir heute haben, geht es mir erst recht nicht mehr um Schocks, sondern um gegenseitiges Verständnis.   

Dass Ihr Verständnis für das Gebaren der aktuellen US-Regierung gering ist, bringen Sie im Stück „Not In Your Mouth None Of Your Business“ sehr deutlich zum Ausdruck.

Ich konnte nicht anders. Die USA sind immer Vorreiter gewesen, nicht zuletzt in der Popkultur, aber auch in vielen anderen Debatten. Im Guten wie im Schlechten. Ich meine, 2006 habe ich das Album „Impeach My Bush“ rausgebracht, auch damals konnte man die ganze Widersprüchlichkeit, das absurde Wohlstandsgefälle, die Zerrissenheit des Landes schon erkennen. Einwanderer haben die USA aufgebaut. Und guck dir an, wie sie Immigranten jetzt behandeln. Das ist Wahnsinn.

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2015, als „Rub“ rauskam, war Barack Obama noch im Amt, und ich wurde in Interviews gefragt, ob in den USA jetzt nicht alles bestens sei. Ich fand das zum Teil ja sogar selbst. Nie hätte ich gedacht, dass der Fortschritt und die gesellschaftspolitischen Errungenschaften der Obama-Jahre so radikal in Gefahr geraten oder gar zerstört werden könnten. Aber hier sind wir nun gelandet. Ich bin sehr besorgt um die Einhaltung grundlegender Menschenrechte, und daher finde ich es so wichtig wie selten zuvor, politisch aktivistische Musik zu machen. 

Wird die relative Sorglosigkeit wie zu Zeiten der Obama-Präsidentschaft wieder zurückkommen?

Erst mal müssen wir selbst was dafür tun, wir müssen aktiv und aufmerksam und laut sein. Die Demokratie geht zugrunde, wenn alle den Mund halten. Als Unterhaltungskünstlerin will ich die Menschen animieren und motivieren, nicht in Stille und Apathie zu versinken. Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann Zeichen setzen und Stellung beziehen. Alles in allem glaube ich, dass politische Entwicklungen wie Ebbe und Flut sind. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Entsprechend hoffnungsvoll endet Ihr Album mit der versöhnlichen Streicherballade „Be Love“.

Exakt. Ich wollte das schönste Lied, das ich habe, an den Schluss setzen. Ich möchte nicht nur lieben und geliebt werden. Ich möchte die Liebe sein. 

Große Freiheit 36: 27.4., 20 Uhr, 46,25 Euro

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