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Frehn Hawel von der Karsten Jahnke Konzertdirektion analysiert die Konzertmisere

„Der Impfstoff ist ein Silberstreif am Horizont“: Musik-Experte Frehn Hawel über die derzeitige Konzert-Misere

04.12.2020
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Frehn Hawel arbeitet seit knapp 30 Jahren in der Konzertbranche. Seine Band Hawel/McPhail (genau, der von den Tocos) hat ein Album in der Schublade, das veröffentlicht und live gespielt werden will. Der Impfstoff ist für ihn das Licht am Ende des Tunnels. Foto: Nina Hawel

Null. So viele Konzerte finden gerade in Hamburg und sonstwo statt – abgesehen von all den Streaming-Events natürlich. Corona, Lockdown, so ist es eben. Ob die Lage wirklich so rabenschwarz ist oder ob es auch Licht am Ende des Tunnels gibt, darüber hat MOPOP mit Frehn Hawel (52) geredet. Er arbeitet seit knapp 30 Jahren in der Konzertbranche, leitet bei der Karsten Jahnke Konzertdirektion die Kommunikation und ist Pressesprecher des Reeperbahn-Festivals.

 

MOPOP: War der erneute Kultur-Lockdown eine Überraschung für Sie?

Frehn Hawel: Eigentlich nicht. Es war ja klar, dass ein erneuter Lockdown die Vermeidung von Menschenansammlungen als oberstes Ziel hat. Und darunter fallen nun mal Konzerte und alles andere, auch wenn es in vielen Spielstätten sehr gut funktionierende Hygiene-Konzepte gab.

Wie ist die Stimmung bei Ihnen in der Firma?

Wir sind komplett in Kurzarbeit. Aber wir machen das Beste daraus, optimieren interne Prozesse, machen Schulungen und Weiterbildungen. Gerade setzen wir natürlich große Hoffnung in den Impfstoff – auch wenn das alles noch dauert. Das ist der Silberstreifen am Horizont, der uns eine gewisse, wenn auch diffuse Perspektive und Planungssicherheit gibt. Es hängt natürlich auch immer von den aktuellen behördlichen Vorgaben ab. Die Branche hat ja bewiesen, wie anpassungsfähig sie da ist – mit den ganzen tollen, neuen Konzepten, die innerhalb kürzester Zeit entstanden sind.

Johannes Oerding hat in diesem Jahr 15 pandemiegerechte Konzerte im Stadtpark gespielt, die von der Karsten Jahnke Konzertdirektion veranstaltet wurden. Foto: Christian Charisius/dpa

Aber da geht es ja auch immer um Anpassungsfähigkeit versus Wirtschaftlichkeit. Ihre vielen Stadtpark-Konzerte von Johannes Oerding mit geringerer Besucherzahl haben doch nur die Kosten gedeckt, oder?

Genau. Die Produktionskosten waren vielleicht etwas geringer, aber dafür stiegen die Ausgaben für Personal, das Einlass- und Sitzplatz-Konzept und die Sicherung der Laufwege.

Ist Ihnen ein Fall bekannt, bei dem das Hygiene-Konzept nicht funktioniert hat?

Nein, es sind keine Infektionsgeschehen auf Konzerten bekannt.

Auch das vom Bund und Land subventionierte Reeperbahn-Festival, quasi das erste Pandemie-gerechte Festival der Welt, hat funktioniert. Wie hat die Politik darauf reagiert?

Kultursenator Carsten Brosda hat in seiner Festival-Eröffnungsrede gesagt, dass das Stattfinden des Reeperbahn-Festivals zeigt, was möglich ist, wenn alle es wollen. Auch die Zusage des dann leider kurzfristig erkrankten Vizekanzlers Olaf Scholz hat gezeigt, dass die Nöte der Musikindustrie inzwischen auf der höchsten Politik-Ebene wahrgenommen werden.

Welches Gefühl hatten Sie während des Festivals?

Das gute Gefühl, dass wirklich alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben, damit es gelingt. Kultur hat sich in dieser Situation, die ausnahmslos niemand vorher kannte, einmal mehr als sehr wichtiges gesellschaftliches Bindeglied erwiesen.

„Die einzigartige Hamburger Clublandschaft muss erhalten werden!“

Frehn Hawel (52)

Wie schätzen Sie die Lage der Hamburger Clubs und von Selbständigen in der Live-Branche ein?

Die Markthalle hat umgestellt und öffnet ihr Haus für Obdachlose. Das ist sicherlich ein lobenswertes Modell, aber für die meisten anderen Clubs nicht umsetzbar. Entscheidend bleibt aber: Die einzigartige Hamburger Clublandschaft muss erhalten werden! St. Pauli ohne die ganzen Clubs ist für mich nicht vorstellbar – und sie sind zudem essentiell für das Reeperbahn-Festival. Was die Selbstständigen betrifft: Es besteht aktuell die Gefahr, dass viele richtig gute Leute abspringen und in andere Branchen wechseln. Für die Zeit nach Corona wäre das sehr bitter – denn dann werden sie umso dringender gebraucht.

Das Reeperbahn-Festival fand in diesem Jahr pandemiegerecht statt. Hier spielen Die Sterne gerade im Michel. Foto: Christian Hedel

Jetzt müssen wir aber noch mal genauer über die Impfungen sprechen.

Ganz klar: Das Konzertpublikum fällt natürlich nicht unter die Ersten, die Impfungen erhalten werden. Aber aus unserer Sicht als Konzertveranstalter, der die Stadtpark-Saison, Tourneen und eine Vielzahl an örtlichen Konzerten organisiert, rechnen wir derzeit mit einem eingeschränkten Regelbetrieb ab Juni. Vielleicht gelingt dies auch früher, aber wir bleiben zunächst lieber vorsichtig – zudem haben wir in unserer Branche auch längere Planungsvorläufe. Und wir hegen die leise Hoffnung, dass ab Oktober wieder der Normalbetrieb herrschen könnte – sicherlich noch mit Hygiene-Auflagen, aber vielleicht ohne Kapazitätsbeschränkungen. Zu diesem Zeitpunkt darf man ja hoffen, dass durch die Impfungen die Infektionskurve dauerhaft niedrig gehalten werden kann, das Infektionsrisiko sinkt und mehr Immunität erreicht wurde. Aber all das ist natürlich auch nur hoffnungsvolles Orakeln von mir, ich bin kein Virologe. Die Lage bleibt nach wie vor hochdynamisch, sodass man letztlich immer nur über Momentaufnahmen sprechen kann.

Gibt es für Ihre Konzertdirektion eine Deadline, bei der Sie sagen: Wenn bis dahin nichts stattfinden kann, ist Schluss?

Wir stehen durch gutes Wirtschaften und die staatliche Unterstützung vergleichsweise gut da, sodass wir noch eine Weile durchhalten können. Spätestens ab dem Sommer muss sich langsam wieder was bewegen. Aber die aktuelle Geschwindigkeit, mit der es mit den Impfungen vorangeht, zeigt ja, dass die Hoffnung nicht aus der Luft gegriffen ist.

„Ich vermisse diesen Moment der kurzen Anspannung, wenn das Licht ausgeht kurz bevor die Künstler auf die Bühne kommen am meisten. Diese Euphorie, wenn es mit dem ersten Ton losgeht und man spürt: Hier stimmt gerade alles! Das ist mit Geld nicht zu bezahlen.“

Frehn Hawel

Wie sehr vermissen Sie Konzerte und worauf freuen Sie sich am meisten, wenn das alles vorbei ist?

Ich vermisse Konzerte sehr – nicht nur aus Konzertveranstalter-Sicht, sondern auch als Musiker, denn mit meiner Band Hawel/McPhail habe ich ein fertiges Album in der Schublade, das rausgebracht und live gespielt werden will. Als jemand, der in der Branche arbeitet und als Musik- und Konzertliebhaber vermisse ich am meisten diesen Moment der kurzen Anspannung, wenn das Licht ausgeht kurz bevor die Künstler auf die Bühne kommen. Diese Euphorie, wenn es mit dem ersten Ton losgeht und man spürt: Hier stimmt gerade alles! Das ist mit Geld nicht zu bezahlen.

Glauben Sie, dass die Leute, wenn das alles vorbei ist, die Türen bei Konzerten einrennen werden?

Das wäre zu hoffen, aber natürlich gibt es auch Stimmen, die sagen, dass alle erst mal zurückhaltend sein werden. Wenn man sich allerdings dieser Tage mal in einer der Haupt-Einkaufsstraßen umsieht, ist da von Zurückhaltung – leider – wenig zu spüren. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass das Nachholbedürfnis groß sein dürfte – das haben ja bereits die wenigen Konzerte unter Pandemiebedingungen, die wir in diesem Jahr veranstaltet haben, gezeigt. Ich würde mir wünschen, dass diese Krise eindringlich den Wert der Kultur und allen, die sie ermöglichen, deutlich vor Augen führt.

 

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