Alte Schule: Ian Gillan, mittlerweile auch schon 80, empfängt nicht nur fast auf die Minute pünktlich, sondern auch in allerbester Stimmung in Berlins feinem „Hotel de Rome“. Der Sänger von Deep Purple trägt ein Hemd mit Blumenmuster und die gesunde Bräune eines Mannes, der weiß, wie man es sich gut gehen lässt. Neben der Sitzecke hat die Plattenfirma einen mannshohen Aufsteller des Albumcovers von „Splat!“ aufgebaut, dem neuen Deep-Purple-Album, das es seit dem 3. Juli zu kaufen gibt. Die Platte ist im besten Sinne ein Kracher. Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey und Simon McBride hauen einige richtig harte Nummern raus – die sie im November auch live in Hamburg präsentieren werden. „Splat!“ ist ein weiteres Kunststück einer Jahrhundertband, und es hört sich nicht so an, als könnte es das letzte Album sein.
MOPOP: „Splat!“ klingt auf gute Art aggressiv, lustvoll, beseelt – jedenfalls nicht wie das Album von ein paar selbstzufriedenen älteren Männern.
Ian Gillan: Das freut mich doch sehr zu hören. Nur weil wir alte Säcke sind, müssen wir uns ja nicht wie alte Säcke anhören. Die Idee war, mit dieser Platte Leidenschaft, Staunen, Energie und musikalisches Feuer zurückzubringen.
Das Albumcover ist auch optisch ein echtes Ereignis.
Irgendwie ist uns da etwas sehr Elegantes gelungen. Eine Verbindung aus Altem und Neuem. Unter uns: Meine Augen machen leider nicht mehr so richtig mit, und als sie mir das Artwork geschickt haben, konnte ich auf meinem Laptop kaum was erkennen. Aber heute habe ich es vor mir gehabt und gedacht: Das ist es. Das war damals die Magie von Alben. Du hast die Platte aufgelegt, die Lyrics mitgelesen, die Bilder angeschaut, dich stundenlang damit beschäftigt. Heute ist das alles so flüchtig. Ich liebe dieses Format nach wie vor.
Das Cover zeigt unter anderem eine Figur, die in einem Fenster aus Zeit und Raum verschwindet. Wer ist das?
Das ist niemand Geringeres als die Menschheit. Das Ideenkonzept hinter „Splat!“ begleitet mich schon seit Jahren. Das Problem war immer, dass mir das Ganze als zu endgültig erschien, als zu hoffnungslos. Und dann kam die Metamorphose ins Bild, mir fiel das Bild des Schmetterlings ein – die Raupe, die Verpuppung –, und plötzlich hatte das Ganze einen Ausweg, der auch Hoffnung machen kann.
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Haben Sie sich immer schon für komplizierte Themen wie die Unendlichkeit begeistert?
Gott, ja. Ich denke über Unendlichkeit nach, seit ich acht Jahre alt war. Die Weltbevölkerung betrug etwa 2,8 Milliarden, als ich geboren wurde, und es hat eine Viertelmillion Jahre gedauert, diese Zahl überhaupt zu erreichen. Heute ist sie fast auf das Vierfache angewachsen. Das ist in meinen Augen nicht nachhaltig. Wenn es von einer Art zu viele gibt, dann wendet sie sich gegen sich selbst – und das erleben wir gerade in Form von all der Aggression, dem Gezänk, den Kämpfen. Also frage ich mich: Könnten wir gerade vielleicht das Ende der Menschheit erleben?
Der Titelsong „Splat!“ endet mit den Worten „It’s better than I hoped“. Es gibt diese Hoffnung also tatsächlich?
Ja, unbedingt. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass eine Spezies wie unsere so dumm sein wird, durch Überpopulation auszusterben. Aber die Dinge entwickeln sich rasend schnell. Früher verlief der Wandel langsam genug, dass jede Generation ausreichend Zeit hatte, zu verstehen, was auf sie zukommt. Heute bleibt so gut wie keine Zeit mehr zur Anpassung. Deshalb denke ich, wir befinden uns gerade in einer Art Verpuppungszustand. Wir schütteln den Baum, bevor er Früchte trägt.
Sprechen Sie im Pub eigentlich mit Ihren Kumpels über Politik?
Nein. Das bringt nur Ärger. (lacht)
Sie sagen, Deep Purple habe von Anfang an mit einem ganz bestimmten Ethos gearbeitet.
Wir wollten nicht modisch sein. Denn wenn du heute modisch bist, bist du es morgen der Definition nach nicht mehr. Mein größtes Vergnügen – auch heute noch – ist es, wenn wir auf der Bühne stehen und ich gerade nicht singe. Dann stehe ich einfach da zwischen Schlagzeug und Keyboard und denke: Hör dir das an. Das ist fantastisch. Ehrlich, ich bin ein großer Fan meiner eigenen Band.
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Simon McBride ist jetzt seit vier Jahren dabei. Was bringt er mit, was vorher gefehlt hat?
Sein Hintergrund ist britischer Rock, Gary Moore war sein großes Vorbild. Es gibt einen Clip auf YouTube – Simon McBride, zwölf Jahre alt, in einer Talentshow, und er spielt „Satch Boogie“ von Joe Satriani. Simon hat uns energetisch wieder stabilisiert. Und mit Bob Ezrin als Produzenten, der die Arrangements straff hält und den Sound kontrolliert, sind wir wieder genau da, wo wir hingehören.
Sie werden Mitte August 81 Jahre alt. Wie gehen Sie mit dem Alter um?
Indem ich es, so gut es geht, ignoriere. Ich fühle mich immer noch, als wäre ich acht Jahre. Okay, ab und zu gehe ich die Straße entlang und höre hinter mir ein Klirren – dann ist wieder irgendetwas von mir abgefallen. (lacht) Aber ich schätze mich glücklich, dass die meisten Teile meines Körpers noch funktionieren.
Was glauben Sie, wie viele Jahre als Band noch in Ihnen stecken? 20?
Na, wir wollen mal nicht übermütig werden. (lacht) Wir gehen diesen Weg Schritt für Schritt. Man wacht jeden Morgen auf und überprüft: Funktioniert noch alles? Und man freut sich, wenn die Maschine noch anspringt. Wir stellen uns also nicht hin und verkünden hier unser finales Album. Wir machen einfach weiter.
Konzert: 1.11., 19 Uhr, Sporthalle, Karten für 95,50 Euro
Album: „Splat!“ (EarMusic/edel; gerade erschienen)


































