Gut 40 Jahre ist es jetzt her, dass die Eurythmics mit „Sweet Dreams (Are Made Of This)“ den weltweiten Durchbruch schafften. „Here Comes The Rain Again“, „When Tomorrow Comes“, „Sexcrime (1984)“, „There Must Be An Angel“ – unzählige Hits hat das Synthiepop-Duo in den 80ern hervorgebracht. Mit einer Top-Frauen-Band im Rücken, aber ohne Original-Sängerin Annie Lennox wird Gitarrist Dave Stewart das „Eurythmics Songbook“ am 15. Juli im Stadtpark zum Besten geben. Im MOPOP-Interview spricht der 71-jährige Brite über Nahtod-Erfahrungen und käsige Textzeilen.
MOPOP: Wie oft haben Sie Annie Lennox schon gefragt, ob sie nicht doch mit auf Eurythmics-Tour kommen will?
Dave Stewart: Ich frage sie seit 20 Jahren immer wieder! Aber es nützt alles nichts, sie mag einfach das Touren nicht. Auf Konzertreise zu sein, ist schon ermüdend für die zwei Stunden Liveshow. Annie empfand das immer als sehr stressig, und sie litt deswegen unter Angstattacken. Selbst als Solo-Künstlerin hat sie nur selten Konzerte gegeben. Aber für zwei, drei Songs kommt sie gerne mal auf die Bühne.
Dave Stewart und Annie Lennox sind seit 1975 befreundet
So wie 2022, als Sie anlässlich der Aufnahme der Eurythmics in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ noch mal gemeinsam als Duo auftraten.
Dass es bei der dritten Nominierung für die „Rock And Roll Hall Of Fame“ klappt, damit hätten wir gar nicht mehr gerechnet. Das war selbst für alte Showbiz-Hasen wie uns sehr aufregend. Unser Auftritt erinnerte mich an die 80er: Wenn wir damals zusammen auf der Bühne standen, war das elektrisierend. Das noch mal mit Annie zu erleben, hat irrsinnig viel Spaß gemacht, aber ging auch viel zu schnell vorbei.
Was mochten Sie an Annie, als Sie sie zum ersten Mal trafen?
Wir begegneten uns 1975 in einem winzigen Restaurant in London, in dem sie als Kellnerin jobbte. Ab dem Moment konnten wir nicht mehr aufhören zu reden. Es war 18 Uhr, und sie machte Feierabend. Wir quatschten bis 6 Uhr morgens und vergaßen zwölf Stunden lang Raum und Zeit. Sie erzählte mir, dass sie an der „Royal Academy of Music“ klassische Musik und Flöte studieren würde, aber total unglücklich sei, weil die Leute dort so konkurrenzmäßig eingestellt waren. Sie fühlte sich sehr allein. Ich sagte ihr: „Du solltest da aufhören, du bist doch eigenständige Künstlerin.“ Am nächsten Morgen schmiss sie hin. Statt die Schule besuchte sie mit mir meine Mutter, und wir tranken mit ihr Tee. Ab dem Tag waren wir ein Paar und lebten zusammen.
Foto: picture alliance / Fryderyk GabowiczBis heute sind Sie befreundet.
Ja, Annie ist und bleibt eine unglaubliche Frau. Ich wusste immer, dass sie besonders ist – ich lebte vier Jahre mit ihr zusammen! Zu der Zeit schrieben wir noch keine Songs. Erst als unsere Liebesbeziehung zerbrach, entschlossen wir uns, damit anzufangen. Wir schrieben Dutzende Lieder über Trennungen. Manche Paare werden erfolgreich und trennen sich dann. Bei uns war es andersrum. Als Annie Anfang der 90er an ihrem ersten Soloalbum arbeitete, schrieb sie wieder Songs über die Trennung: „Why“ und „Walking On Broken Glass“ handeln davon. Ich bin bis heute sehr stolz auf sie. Und nicht zuletzt hat Annie mein Leben gerettet.
Was ist passiert?
Das war vor den Eurythmics, als wir als Paar zusammenlebten. Ich hatte überdosiert, mein Herz hörte auf zu schlagen, Annie rief den Notarzt und fuhr mit ins Krankenhaus, wo ich eine Nah-Toderfahrung hatte. Ich lag auf dem OP-Tisch, die Messgeräte zeigten eine flache Linie an, aber ich war auch bewusst im Raum und guckte von oben auf mich hinunter. Ich habe die Kurve gekriegt, es reichte dann auch: Mit 27 schwor ich komplett den Drogen ab – worauf der Erfolg der Eurythmics fußte.
Dave Stewart ist am 15. Juli mit dem „Eurythmics Songbook“ im Stadtpark
Mit Nena haben Sie auch mal musiziert.
Ich hatte eine gute Zeit mit ihr, als sie nach Los Angeles kam, um ein Konzert zu geben. Sie hat mich mit ihrer Großfamilie in meinem Haus besucht. Ich weiß nicht, warum, aber wir hatten ständig Lachanfälle und konnten uns gar nicht mehr einkriegen. Wir haben das Duett „Be My Rebel“ bei mir zu Hause aufgenommen und es später auch gemeinsam in einer deutschen TV-Show ihr zu Ehren performt.
Haben Sie noch Kontakt?
Es klingt lächerlich, aber mit den meisten Kollegen kommuniziere ich nur noch über Direktnachrichten via Instagram – das bringt das unstete Künstlerleben mit sich. Die Hälfte meiner Live-Band für die anstehende Tour habe ich auf die Art angeheuert. Ich fand sie auf Instagram über den Hashtag #berlinmusicians. Vier Musikerinnen schickte ich Direktnachrichten. Ich musste erst mal beweisen, dass ich es bin, denn es gibt zu viele Fake-Accounts. Unter ihnen war auch Keyboarderin Hannah Koppenburg, die nun meine Band anführt, die ausschließlich aus Frauen besteht – eine brillanter als die andere. Auf die Art will ich meiner Freundin Annie Lennox Tribut zollen. Und nicht nur damit.
Wie meinen Sie das?
Ich habe zu jedem Song Bilder zusammengestellt. Ich will nicht zu viel verraten, aber ganz am Anfang des Konzerts gibt es viele alte Fotos von Annie und mir. Es geht in Richtung immersive Erfahrung; Sänger und Bühne vermischen sich mit den Bildschirmen. Vielleicht ist es nicht ganz so unfassbar wie das, was U2 in „The Sphere“ in Las Vegas machen, aber ich will ja auch noch die einzelnen Gesichter im Publikum sehen können. Die Soulsängerin RAHH aus Manchester und Popsängerin Vanessa Amorosi, für die ich gerade Songs geschrieben und produziert habe, sind übrigens auch live mit dabei.
Der größte Eurythmics Hit: „Sweet Dreams (Are Made Of This)“
Sie stehen auf starke Frauen, oder?
Es muss wohl so sein – nicht nur wegen Annie. Als ich 1977 das erste Mal in Berlin spielte, war ich Teil der feministischen Band The Sadista Sisters. Ich lebte mit der Bandleaderin zusammen. Meine jetzige Frau Anoushka Fisz, die Fotografin ist, lernte ich bei ihrer Ausstellung zum Thema starke Frauen kennen. Das Tolle ist, dass meine Töchter auch zu starken Frauen heranwachsen: Kaya singt auf der anstehenden Tour einige der Eurythmics-Stücke. Genau genommen singt sie sie, seitdem sie drei Jahre alt ist. Annie ist ihre Patentante.
Ihr Meilenstein-Hit „Sweet Dreams (Are Made Of This)“ erschien vor 40 Jahren. Erinnern Sie sich noch, wie Sie ihn geschrieben haben?
An jedes Detail. Annie lag im Flur und war ziemlich deprimiert, weil nichts funktionierte. Die Plattenfirma glaubte nicht an uns. Als Liebespaar hatten wir uns gerade getrennt. Alles war kompliziert, und das machte ihr zu schaffen. Ich experimentierte an einem neuen Drumcomputer – heraus kam der erste Beat von „Sweet Dreams“, der so richtig losdonnert. Als Annie die Sounds hörte, die den Song zum Explodieren brachten, sprang sie vom Boden auf und fragte aufgeregt: „Wow, was ist denn das?“ Sie sang dazu, was ihr gerade in den Kopf kam: „Sweet Dreams are made of this …“ Durch den Song wurde aus der traurigen Frau ein Mensch, der durch den Raum hüpfte und feierte.
Eine beliebte Coverversion des Songs heißt „Sweet Dreams (Are Made Of Cheese)“.
Oh ja, diese Version lief eine Zeit lang überall und ist die witzigste überhaupt. „Sweet dreams are made of cheese. Who am I to dis a Brie?“ Wenn man das einmal im Kopf hat, kriegt man es nicht wieder raus. Aber es ist doch schön, wenn ein Hit 40 Jahre später noch als Hymne für den Käseladen taugt.
Stadtpark Open Air: 15.7., 19 Uhr, 61,55 Euro
Tickets für das Konzert zu gewinnen!
Eurythmics-Legende Dave Stewart präsentiert am Montag die zeitlosen Hits der ikonischen Gruppe im Stadtpark – und wir verlosen 3 x 2 Tickets. Viel Glück!
Wer gewinnen will, schickt bis Freitag (12.7.), 12 Uhr, eine E-Mail mit Betreff „Dave Stewart“ an [email protected] und beantwortet folgende Frage richtig: Wer komplettierte neben Stewart das Duo Eurythmics?
Veranstalter des Gewinnspiels ist die Morgenpost Verlag GmbH. Bei einer Teilnahme gelten unsere AGB als akzeptiert. Diese AGB gibt’s unter www.mopo.de/gewinnspiel-agb
































