Axel Bosse wird von seinen Fans Aki oder einfach nur Bosse genannt. Der Wahlhamburger, der sich selbst als Dur-Typ bezeichnet, aber viel Moll-Musik macht, ist ein Künstler mit Haltung. Auf seinem neuen Album „Stabile Poesie“ singt er Songs, die sich gegen Hass im Netz und digitale Gewalt richten, und trifft damit einen Nerv. MOPOP sprach mit dem 46-Jährigen über die Abgründe des Internets und echte Kunst.
MOPOP: Ihr Lied „Lass dich nicht ficken“ richtet sich gegen digitale Gewalt. Glauben Sie, dass sich per Gesetz Deep Fakes wie gefälschte Pornobilder verhindern lassen?
Bosse: Ich glaube, man muss zuerst einmal anerkennen, dass digitale Gewalt eine Form von Gewalt ist. Alles Menschenverachtende, was im Internet passiert, wie Deep Fakes, Hate-Kommentare oder schädliche Bots, ist natürlich strafbar, und da sind Gesetze das Allerwichtigste. Die größte Aufgabe der Politik in den nächsten Jahren ist, das alles zu begrenzen. „Lass dich nicht ficken“ hat im Netz eine Welle gemacht, weil Menschen dazu ihre Hasskommentare offengelegt haben. Ich habe viel mit Betroffenen gesprochen, mit der Initiative „HateAid“ (hateaid.org; d. Red.) gearbeitet und mich fortgebildet.
Sind Sie tief eingetaucht in die Netzwelt?
Ja, vor allem in deren Abgründe. Das wirklich Gute an der Aktion waren die Reaktionen in den Kommentarspalten und die Solidarität. Beim Eintauchen in die dunkelsten Tiefen des Netzes habe ich gemerkt, die Tech-Firmen haben uns im Griff, der Algorithmus hat übernommen. Was da passiert, ist demokratiefeindlich und freiheitsraubend. Als ich aus dem Netz und dem Hate aufgetaucht bin, habe ich das Lied „Nokia“ geschrieben. Wir müssen alle mal wieder Gras streicheln.
Auch mit „Nokia“ fassen Sie ein heißes Eisen an. Zitat: „Ich brauch Frieden von dem ganzen Scheiß / Mir haben Snake und SMS gereicht / Ich bin so durch mit all den Bots / dem Hate, den Deep Fakes, all dem Rotz.“
Als ich Kind war, gab es noch keine Handys. Ich habe das Gefühl, dass ich deswegen entspannter war als viele Kids von heute. Aber ich will mit dem Song nicht sagen, dass früher alles besser war. Denn das Internet hat natürlich auch viel Gutes. Es war eigentlich mal als soziale Plattform gedacht und eben nicht als Propaganda-Mittel für Hass und Scheiße. Und darum geht es in dem Lied „Nokia“.
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Und mit „Lass dich nicht ficken“ machen Sie Menschen Mut, sich von Hassnachrichten im Netz nicht einschüchtern zu lassen.
Ich habe das Lied für eine Freundin geschrieben, die Journalistin ist und im Internet plattgemacht wurde. Das am häufigsten benutzte Wort dabei war „ficken“. Nachdem sie mir die Hate-Kommentare geschickt hatte, mailte ich ihr irgendwann den Satz „Lass dich nicht ficken!“ zu, und dann schrieb ich für sie den Song. Weiblich gelesene Personen und marginalisierte Gruppen sind vor allem Opfer digitaler Gewalt. Nachdem ich mit vielen gesprochen hatte, die beschimpft wurden und werden, ist mir klar geworden, dass ich persönlich überhaupt nicht betroffen bin. Das ist so minimal, dass ich darüber nicht einmal nachdenken muss. Wenn ich mal beschimpft werde, dann kommt es aus der rechten Szene. Bedrohungen zeige ich konsequent an. Das kann man übrigens hervorragend über HateAid tun.
Hatten diese Anzeigen Konsequenzen?
Es gab ein oder zwei Abmahnungen wegen Androhung körperlicher Gewalt. Manchmal sind es auch Bots gewesen, die automatisiert arbeiten. Mich juckt es nicht, weil es nicht oft passiert. Manchmal wird sich im Netz darüber lustig gemacht, wie ich tanze oder wie ich aussehe. Aber das vergesse ich schnell wieder. In meiner Kommentarspalte geht es eigentlich immer sehr friedlich zu.
Wird „Lass dich nicht ficken“ eigentlich im Radio gespielt?
Nein, nicht ein einziges Mal. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das mit dem F-Wort funktioniert. Heute wird meine Musik auch von Kindern gehört, deswegen habe ich eine jugendfreie Version namens „Lass dich nicht zwicken“ gemacht. Die ist hier und da in Kinderradios gelaufen. Und das ist schön, weil natürlich auch Kinder von Mobbing und Ausgrenzung betroffen sind.
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Sie befürchten, „echte Kunst ist morgen ausgestorben“. Bedeutet KI das Ende der Songwriter-Kunst?
Das Ende sehe ich nicht. Gerade weil es so einfach geworden ist, werden wir überschwemmt werden mit maschinell Hergestelltem und erkennen das Echte oft gar nicht mehr. Ich glaube aber an Konzerte, an das schief Singen und an das Scheitern. KI schafft noch keine echten beziehungsweise schlauen Texte. Echte Kunst wird auf eine Art und Weise überleben, aber es wird immer schwieriger. Ich wäre nicht gern noch mal 17 mit dem Wunsch, Musiker zu werden. Wo soll da Platz sein bei einem KI-überschwemmten Netz.
Was würden Sie davon halten, wenn die Künstler freiwillig zustimmten, ihre Musik für das KI-Training zu lizenzieren, und dafür eine Vergütung erhalten?
Allein die Frage macht einen ja schon traurig. Ich wehre mich gegen KI-Training immens, aber es gibt schon so viele Apps, die alles in sich umsonst reingesogen haben. Wo und wie werden die Urheberinnen und Urheber in der Zukunft denn vergütet? Sollte die Zukunft so aussehen, dass man mit meiner KI-Stimme zu Hause Bosse-ähnliche Songs machen und vielleicht sogar veröffentlichen kann, wäre es schon schön, wenn ich dafür auch vergütet werde. Aber ich glaube leider, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist.
Wie würden Sie Ihr gegenwärtiges Lebensgefühl beschreiben?
Mein Lebensgefühl ist ein ständiges Hin und Her. Ich verspüre eine große Vorfreude auf meine kommende Tour. Und meine Familie ist gesund, das ist super. Ansonsten habe ich ein permanent seltsames Bauchgefühl, was das Weltgeschehen angeht. Es sagt mir, dass wir uns an einem Kipppunkt befinden. Da eine Balance zu finden, ist im Moment herausfordernd.
Konzerte: 9.5., 20 Uhr, Barclays-Arena, Karten 53-79 Euro; 2.12., 20 Uhr, Große Freiheit 36, ausverkauft
Album: „Stabile Poesie“ (Vertigo/Universal)


































