Seit Jahrzehnten steht Walter Trout, einer der weltweit bekanntesten Bluesrocker, auf der Bühne. Die feurigen Liveshows des 74-jährigen US-Amerikaners sind oft ein Höhepunkt auf Bluesfestivals. Dort präsentiert er sein hervorragendes Gitarrenspiel. Unter dem Titel „Sign Of The Times“ hat er jetzt sein 32. Soloalbum eingespielt. Mit der MOPO sprach Walter Trout über sein Leben auf Messers Schneide, seine Rettung durch John Mayall und Carlos Santana und darüber, was es bedeutet, sich mit Haut und Haaren der Kunst zu verschreiben.
MOPO: „Sign Of The Times“ ist Ihre mittlerweile 32. Soloplatte. Glauben Sie, dass dieses Albumformat – trotz Spotify und Co. – immer noch eine wichtige Kunstform ist und bleiben wird?
Walter Trout: Ich kann nicht sagen, ob das so bleiben wird. Ich bin ein Typ, der seit 56 Jahren dabei ist, also bin ich von der alten Schule. Ich mache mir keine Gedanken über die Zukunft des Musikgeschäfts, aber ich denke, KI ist Spinnerei. Ich sehe immer diese Fakes auf Facebook. Ich bin froh, dass ich heute nicht jung bin, und versuche, mit diesem Schwachsinn anzufangen.
Als Sie begannen, war die Zeit der Beatles, der Rolling Stones, von Bob Dylan und Jimi Hendrix.
Diese Jungs beherrschten die Welt. Gerade das menschliche Element des Schaffens und der Kunst machte es interessant. Wie ist Bob Dylan auf diese Songs gekommen? Wie sind die Beatles auf diese Lieder gekommen und haben sie so gut gespielt? Es war mystisch, es war wunderschön. Jetzt ist es nur noch ein beschissener Computer, den jemand programmiert hat.
Auf der Platte singen Sie über die „Zeichen der Zeit“. Ein Konzeptalbum?
Nein, eher nicht. Ich denke, es ist einfach mein Blick auf die Welt. Ich habe keine Antworten. Ich kann nur darüber schreiben, dass die Scheiße, die in der Welt im Moment passiert, sehr beängstigend ist. Ich werde hier aber nicht politisch werden. Jetzt, wo wir dringend Antworten auf Dinge wie den Klimawandel brauchen, gehen wir rückwärts. Die Welt wird zerstört. Was hinterlassen wir unseren Kindern?
Würden Sie sagen, dass Künstler per se sensibler sind als „normale“ Menschen?
Das müssen sie ja sein. Denn das ist ein Grund, warum man ein Künstler wird. Die Dinge berühren mich immer wirklich tief. Andere Menschen scheinen bei bestimmten Dingen nicht so emotional zu werden wie ich. Seit ich ein kleiner Junge war, wurde die Musik für mich zu einem Zufluchtsort. Die Welt hörte dann auf zu existieren. Ich konnte dem ganzen Mist, den ich in meiner Kindheit durchmachte, der ganzen schlimmen Scheiße, die ich erlebte, entkommen, indem ich einfach die Augen schloss und Gitarre spielte. Wenn ich heute auf der Bühne stehe, kann ich der Misere auch wieder entkommen, über die ich mir Sorgen mache.
Das könnte Sie auch interessieren: Pures Gold in der Stimme: Ex-Spandau-Ballet-Sänger Tony Hadley in Hamburg
Ihre Karriere dauert jetzt schon 56 Jahre an. Welche Stärken braucht man als Künstler, um von seiner Leidenschaft leben zu können?
Nun, man muss engagiert sein, entschlossen und inspiriert. Nach 56 Jahren muss man in der Lage sein, wie ich heute Abend auf die Bühne zu gehen und tatsächlich noch Spaß zu haben. Ich liebe das. Es hält mich bei Verstand.
In den 80er Jahren waren Sie Teil von John Mayalls Bluesbreakers. Dort spielten unter anderem auch John McVie von Fleetwood Mac und Mick Taylor von den Rolling Stones.
Es war auf jeden Fall spektakulär. Und wir haben alle eine Menge getrunken.
Am Ende war John Mayall derjenige, der Sie vor dem Alkohol gerettet hat. Wie schlimm stand es um Sie?
John Mayall … ja, als ich das erste Mal mit ihm auf Tour war, trank er selbst sehr viel. Das ging so weit, dass wir nach den Gigs durch die Clubs gingen und die halb ausgetrunkenen Getränke, die auf den Tischen standen, in eine Weinflasche schütteten und später tranken. Aber irgendwann hat John aufgehört zu trinken und mir dabei geholfen, es auch zu tun.
Wenn Sie noch einmal anfangen könnten, was würden Sie anders machen, wenn Sie jetzt 20 wären?
Ich weiß nicht, ob ich irgendetwas anders machen würde. Denn mit 20 war ich total am Ende. Es wäre toll, wenn ich dann sagen könnte, dass ich nicht mit Drogen und Alkohol anfangen würde. Ich war sogar zwei Jahre lang heroinabhängig, wissen Sie.
In dem Song „I Remember“ singen Sie von der Sehnsucht nach einer Zeit, in der das Leben einfach war. Wann war das in Ihrem Fall?
Vor dem Internet, vor Computern, in den 80er Jahren, das war ein schönes Lebensgefühl. In dem Song geht es um das Gefühl, jung zu sein. Ich bin mittlerweile 74 und viele meiner Freunde haben sich zurückgezogen. Sie sitzen auf der Couch und schauen Netflix und sind fertig. Das Gefühl, wenn man jung ist und das Leben noch vor sich hat, wenn man sich vielleicht zum ersten Mal verliebt, wenn man Pläne schmiedet, wenn das Leben aufregend ist und man den Drang verspürt, etwas zu tun – darum geht es in dem Lied. Dein Körper kann alt werden, aber du kannst innerlich jung bleiben. Ich erinnere mich an dieses Gefühl. Nüchtern zu werden, war übrigens das Beste, was ich je getan habe. Und das passierte mir vor 38 Jahren.
Vor zehn Jahren erhielten Sie eine Leber-Transplantation. Ohne diese OP hätten Sie kaum eine Überlebenschance gehabt. Wie geht es Ihnen heute?
Ich nehme seitdem jeden Tag sechs Pillen, drei am Morgen und drei am Abend. Sie halten mich am Leben. In Amerika kosten diese Medikamente etwa 200 Dollar im Monat. Zum Glück bin ich krankenversichert. In Dänemark, wo ich auch lebe, ist das alles kostenlos. Meine Lebertransplantation in Amerika hat zwei Millionen Dollar gekostet. In Dänemark wäre sie gratis gewesen. Man verwendet dort die Steuergelder, um den Menschen zu helfen. Und was bekommt man in Amerika für seine Steuern?
Viele Ihrer Fans haben Sie damals unterstützt. Und auch Kollegen.
Das war die einzige Möglichkeit. Wir waren in der Lage, unser schönes Haus am Strand nicht verkaufen zu müssen, weil meine Frau eine Spendenaktion durchführte und wir genug Geld zusammenbekamen, um davon zwei Jahre lang leben zu können. Ich hatte in der Zeit kein Einkommen. Ich muss auf Tour gehen, um Geld zu verdienen.
Markthalle: 12.11., 20 Uhr, 45,35 Euro

































