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Band Feine Sahne Fischfilet: „Wir haben uns verabschiedet vom Schwarz-Weiß-Denken“

Max Bobzin (l-r), Hauke Segert, Olaf Ney, Jan "Monchi" Gorkow und Kai Irrgang von der Band "Feine Sahne Fischfilet" in ihrem Proberaum.
Max Bobzin (v.l.), Hauke Segert, Olaf Ney, Jan „Monchi“ Gorkow und Kai Irrgang von der Band „Feine Sahne Fischfilet“ in ihrem Proberaum.
Foto: picture alliance/dpa | Bernd Wüstneck

Anderthalb Jahrzehnte seit ihrer ersten Platte ist die einst gar vom Verfassungsschutz beobachtete Band aus Vorpommern nicht nur politisch, sondern auch musikalisch in die Mitte gerückt. Radikaler Punk war einmal, heute setzen Feine Sahne Fischfilet  eher auf massenverträglichen Rock mit druckvollem Trompetensound. Auf dem neuen Album „Wir kommen in Frieden“ plädieren sie sogar ansatzweise für den Dialog mit Rechten. In Hamburg treten sie in der Sporthalle auf. Wir unterhielten uns mit Sänger Jan „Monchi“ Gorkow (37).

MOPO: Monchi, in den sozialen Medien hast du gepostet, zum ersten Mal 28 Kilometer am Stück gewandert zu sein. Bist du fit wie nie?

Monchi: Es ist ein Auf und Ab. In den letzten vier Jahren habe ich 130 Kilo ab- und 100 Kilo zugenommen. Im Moment bin ich in einer guten Phase. Ich laufe, wandere, schwimme und merke, dass ich auf der Bühne einfach mehr Luft habe.

Treibt ihr in der Band zusammen Sport, gibt es eine Feine-Sahne-Laufgruppe?

Bitte nicht! Wir verbringen so viel Zeit miteinander, da müssen wir nicht noch gemeinsam Sport machen. Ich glaube, wenn wir jetzt alle ins selbe Fitnessstudio gingen, würden wir zu viel kriegen (lacht).

Im Jugenderinnerungssong „15 Jahre“ hängst du mit Freunden am See rum, und plötzlich suchst du deine Zähne im feuchten Sand. Warum liegen die da?

Weil sie mir von Dorf-Faschos rausgeschlagen wurden. Dieses Erlebnis war das erste von dreien in meinem Leben, wo ich dachte, jetzt muss ich sterben. Mit kaputtgeschlagener Fresse und ohne Vorderzähne ging ich nach Hause und sagte zu meiner Mutter, die Zahnärztin ist und an dem Tag Geburtstag feierte: „Du, die Party ist vorbei.“ Ich konnte kaum noch sprechen. Sie ist mit mir in die Praxis gefahren, um mich wieder zusammenzuflicken. Danach konnte ich wochenlang nur Suppe trinken.

Das ist also alles so passiert, wie du in dem Lied singst?

Ja, und das gilt für jede einzelne Zeile auf diesem Album. Das sind ausnahmslos Geschichten, die wir selber erlebt und gelebt haben.

Und die anderen beiden Male?

Das war zum einen im türkischen Suruç, an der Grenze zu Syrien, wo wir mit Lkw Hilfslieferungen hingebracht hatten und plötzlich zwischen 31 Leichen standen, weil ein IS-Terrorist sich selbst in die Luft gesprengt hatte. Es hieß, es sei noch einer mit einer Bombe unterwegs. Das dritte Mal war auch in Vorpommern. Es gab eine Schlägerei, und auf einmal standen zehn Leute um mich herum. Das war sehr brenzlig, ich dachte wirklich, die machen mich platt.

Eure Teenagerzeit ist etwa 20 Jahre her. Wie erleben das die Jugendlichen von heute?

Ich denke, dass es heute nicht mehr so brutal zugeht. Ich war zehn, meine Freunde waren ein paar Jahre älter, wir sind rumgezogen, ich habe wie selbstverständlich einen Baseballschläger in die Hand gedrückt gekriegt, um die Nachbarsjungen anzugreifen. Das fanden wir irgendwie normal. Und ungefähr jeder Zweite von uns hatte ein Luftgewehr. In der Breite erlebt die Jugend das heute nicht mehr so krass. Die Gesellschaft hat sich dahingehend entwickelt, dass Gewalt schneller verurteilt wird als vor 20, 30 Jahren.

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„Grüße ins Neandertal“ ist ein erfrischend fröhlicher Abgehsong, in dem ihr euch über die Rechtsradikalen geradezu lustig macht. Ist Humor ein neuer Umgang mit diesen Leuten?

Wir wollten nicht so eine Rumheul-Nummer, sondern ein selbstbewusstes Lied, das diese Nazi-Jammerlappen lächerlich macht. Dort, wo ich wohne, haben 54 Prozent die AfD gewählt. Wenn du so ein Lied raushaust und vor die Tür gehst, dann fühlt sich das ganz anders an, als wenn du in irgendeinem alternativen Viertel wie Berlin-Kreuzberg lebst. Das Stück ist natürlich ein Affront gegen viele Leute, denen man im Alltag begegnet. Man ist ja fast schon erleichtert, wenn die neuen Nachbarn im Garten nur die Deutschlandfahne hissen und nicht die Reichskriegsflagge. Wir haben gemerkt, dass es uns guttut, diesen Umtrieben auch mal mit einem Augenzwinkern zu begegnen.

Ihr kämpft seit 20 Jahren gegen rechts. Denkt man, es war alles umsonst, wenn im eigenen Dorf die AfD plötzlich die Mehrheit hat?

Nein. Es war ganz bestimmt nicht umsonst, was wir gemacht haben. Viel mehr hätten wir nicht tun können, aber ich sehe heute manches etwas selbstkritischer. Wir haben uns verabschiedet vom Schwarz-Weiß-Denken und davon, die Leute immer gleich zu verurteilen. Für viele Linke ist jeder gleich ein Nazi, der eine andere Meinung hat, aber wenn alle Nazis sind, ist halt keiner mehr Nazi. Mit einigen dieser Leute kann man reden, ins Gespräch kommen, diskutieren. Nur mit den Überzeugungsarschlöchern nicht, und da ziehen wir auch eine klare Grenze.

Also: reden mit den Deutschlandflaggen-Leuten, aber nicht mit den Reichtskriegsflaggen-Leuten?

So in etwa. Natürlich finde ich es scheiße, wenn 54 Prozent die AfD wählen, aber ich glaube nicht, dass jeder Einzelne von denen als Gegner zu betrachten ist. Lasst uns doch lieber schauen, was uns verbindet, und nicht, was uns trennt.

Im Song „Awarenesskonzept“ geht es um moralische Überlegenheit, die vor allem von linken Stadtmenschen gern vor sich hergetragen wird.

Ich denke bei diesen Leuten, die ständig den erhobenen Zeigefinger präsentieren und meinen, das Richtige zu tun: Kommt doch mal bei uns aufs Dorf.  Hier sitzt du halt auch mal mit Rechten zusammen im Biergarten, und wenn du das nicht aushältst, musst du zu Hause bleiben. Wir werden als Band hoffentlich weiter punktuell wirken, etwa mit unserem jährlichen Festival „Wasted in Jarmen“, wo wir ganz viele Leute von vor Ort einbinden und zum Beispiel gemeinsamen Frühsport anbieten. Aber massenhaft politische Einstellungen zu verändern, das ist aus meiner Sicht völlig utopisch. Wir haben auch nicht die eine tolle Antwort auf alle Probleme, die es in unserer Gesellschaft gibt. Ich hoffe einfach, dass wir auch in zehn Jahren hier noch sitzen und behaupten können, dass wir in einer halbwegs stabilen Demokratie leben.

Was hältst du von der sogenannten Wokeness, die vor allem in linken Kreisen immer extremer zu werden scheint?

Manche dieser woken Diskussionen sind wichtig, aber manche sind auch übertrieben und für die Faschos geradezu Weihnachts- und Ostergeschenk auf einmal. Ich halte überhaupt nichts von dieser Moralapostelscheiße. Auch wir sind nicht ohne Sünde und waren hier und da Idioten. Früher waren wir selbst noch stärker in diesem Schwarz-Weiß-Ding drin. Aber davon haben wir uns befreit. Wir sind nicht Teil einer Szene, sondern wir sind Feine Sahne Fischfilet. Und wir machen das, worauf wir Bock haben.

Ein außergewöhnlicher Song ist „Haut an Haut“. Die ruhige Ballade handelt von deiner tiefen Liebe zu deiner Tochter. Wir wussten gar nicht, dass du ein Kind hast.

Ja, ich bin Papa geworden! Ich habe lange mit mir selbst und meinem Umfeld diskutiert, wie wir damit umgehen. Natürlich habe ich keine Lust, mein Kind in die Kamera zu halten, aber ich hatte auch keinen Bock, mein Kind zu verheimlichen. Schließlich lebt Feine Sahne Fischfilet davon, dass ich sehr viel von mir persönlich in die Songs hineingebe, manchmal vielleicht zu viel. Und Vater zu sein ist eine der schönsten Erfahrungen, die mir im Leben passiert sind. Wenn ich mal tot sein sollte, will ich, dass mein Kind diesen Song hört und weiß: „Papa hat mich sehr geliebt.“

Sporthalle: 11.12., 20 Uhr, 59,90 Euro

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