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„Backstage“ von Marcnesium: Dieser Bildband ist ein echter Schatz für die (Hamburger) HipHop-Geschichte


Foto:
Dieses verrückte Foto ist auf dem Buchrücken von „Backstage“. Ein von Fünf Sterne deluxe zum Aschenbecher umfunktionierter Award. Die Geschichte dazu erzählt Buchautor Marc Clausen im großen MOPOP-Interview. Foto: Marc Clausen/Marcnesium

Der Bildband „Backstage – Fischmob und Kollegen: Hamburger Erinnerungen“ von Marc Clausen a.k.a. Marcnesium ist ein echter HipHop-Schatz mit superstarken 1176 Fotos auf 560 Seiten. Der im „Parental Advisory – Explicit Content“-Look gehaltene Hinweis auf dem Buch „Sichtbare Geschlechtsteile sind aus Gummi“ nimmt den großen Spaß, den man mit dem Buch hat, schon vage vorweg. Als Grafiker und Fotograf begleitete Marc Clausen Bands wie Fischmob und viele andere und war selbst Mitglied bei Fünf Sterne deluxe. Im großen MOPOP-Interview erzählt er von der Arbeit am Buch, von der unvergesslichen Zeit, die er hatte und gibt Einblicke in die (Hamburger) HipHop-Kultur. 

Dieses Buch ist ein echter HipHop-Schatz. Foto: Marc Clausen/Marcnesium
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MOPOP: Stell dich doch bitte mal vor.

Marcnesium: Na klar. Mein Name ist Marc Clausen und ich bin 1970 in Flensburg geboren. In den 90ern bin ich nach Hamburg gekommen und habe Kommunikations-Design mit Schwerpunkt Fotografie studiert. Ab 1994 habe ich bis 2008 in Hamburg freiberuflich als Grafiker und Fotograf größtenteils für die Musikbranche gearbeitet und Artworks und Plattencover für verschiedene Künstler gestaltet – angefangen mit Fischmobs Debütalbum „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“ – und einige Musik-Videos produziert. Und von 1998 bis 2018 war ich auch aktives Mitglied und Grafiker bei Fünf Sterne deluxe (FSd). Mein Leben in Hamburg von 1992 bis 2008 habe ich über die ganzen Jahre mit meiner Kamera dokumentiert.

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Das von Marcnesium gestaltete Fischmob-Plattencover.

 

Was machst du heutzutage?

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Aktuell mache ich Grafik, Video und Web in einem Kölner Arthouse-Filmverleih und immer wieder Auftragsarbeiten. Meine analoge Ausrüstung von damals habe ich mittlerweile bis auf eine Kamera komplett verkauft. Ich fotografiere heute tatsächlich nur noch mit meinem iPhone. Eine neue Herausforderung innerhalb der Fotografie habe ich im modernen digitalen Bilder-Overkill bis heute noch nicht gefunden.

„Das Ganze wurde dann zum Familybusiness.“

Marc Clausen über die Fischmob-Zeit

Du hast mit DJ Koze, der ja auch zu Fischmob gehörte, in einer WG gewohnt.  Wie war das und wie bist du mit der HipHop-Kultur in Kontakt gekommen?

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Koze habe ich während des Zivildienstes 1991 in Flensburg kennengelernt. Für uns war damals relativ schnell klar: Wir gehen zusammen nach Hamburg und verändern die Welt. Er war damals schon leidenschaftlicher HipHop-DJ und hatte die ersten Rap-Projekte in Flensburg gestartet. Ich war musikalisch schon immer sehr breit aufgestellt und mich hat die Energie der frühen amerikanischen Rap-Produktionen auch schnell mitgenommen. Passte also. Zwei Mann, ein Plan und Ende 1992 wohnten wir in unserer ersten WG in Eppendorf. Die Ex-Flensburger, die schon in Hamburg waren, haben uns sofort eingemeindet und wir hatten sehr schnell ein cooles Netzwerk in der Stadt. Ich zeichnete, malte und experimentierte an meinem ersten Mac herum. Koze machte Musik, Mixe und scratchte sich einen ab. Und immer Halligalli in der WG. Geile Zeit. Vier aus der Flensburger Clique gründeten dann in dieser Phase Fischmob (Koze, Cosmic DJ, Der schreckliche Sven und Stachy), bekamen auch gleich noch einen Plattenvertrag beim Label Plattenmeister. Das Ganze wurde dann zum Familybusiness. Die Jungs produzierten ihren deutschen Rap und Cosmic, seine damalige Freundin Andrea und ich kümmerten uns um Cover und Artwork. Wenn‘s dann zusammen auf Tour ging, bin ich immer mitgefahren und habe alles fotografiert und gefilmt. In diesen Jahren entwickelte sich dann auch eine Freundschaft zu André Luth, der das Plattenlabel Yo Mama gegründet hat, und zu Der Tobi & das Bo. Und später ging meine HipHop-Reise ja dann mit FSd weiter.

Der Typ hinter dem Buch: Marc Clausen alias Marcnesium. Foto: EMMYEMM

  

Es war sicher gar nicht so leicht, all diese Fotos zusammenzusuchen und daraus ein Buch zu machen.

Richtig schwer war damals vor allem das Fotografieren an sich. Das kann man sich in Zeiten der Smartphone-Fotografie gar nicht mehr vorstellen. Die meisten Aufnahmen im Buch sind ja noch analog entstanden und ich habe damals immer kiloweise Equipment in Taschen und Koffern mit mir herumgeschleppt. Zwei, drei geladene Kameras, eine Sammlung Objektive und Filter, Blitze, Stative und eine Tüte voller Filme. Aber das war eben die Zeit und anders ging es nicht. Unter diesen Umständen technisch präzise dann genau diesen einen, richtigen Moment zu erwischen und gleichzeitig einen ansprechenden Bildaufbau hinzubekommen, war genau das, warum analoge Fotografie für mich schon immer so spannend und besonders war.

„Backstage“: Von den ca. 10.000 Fotos haben es 1176 ins Buch geschafft

Wie viele Fotos besitzt du aus der Zeit 1992 bis 2008 insgesamt? Und war es nicht total schwierig da die 1176 auszuwählen, die jetzt im Buch gelandet sind?

So 10.000 Aufnahmen, schätze ich. Ich habe aber wirklich nach hinten raus Glück gehabt, weil ich alle meine Fotos schon von Anfang an immer sehr diszipliniert geordnet und sortiert habe. Und ich habe mit 14 angefangen zu fotografieren. In den Jahren habe ich schon ganz automatisch beim Sichten der Filme so eine Art Best-of-Sammlung zusammengestellt, die immer weiter gewachsen ist, auf die ich mich als Basis aber schonmal verlassen konnte. Ich habe aber letztendlich dann doch alle Archive wieder komplett durchgeschaut, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, etwas Wichtiges übersehen zu haben. Die Auswahl musste ich dann nochmal ordnen, sortieren und weiter reduzieren, bis diese Sammlung übrig blieb. Das hat dann vorm Druck auch die meiste Zeit gekostet. In dem Buch – wie es jetzt vorliegt – möchte ich auf kein einziges Foto verzichten. Ich hätte sogar sicher noch zwei, drei Bilder mehr gehabt, musste mich aber aufgrund der technischen Möglichkeiten beim Buchbinden irgendwann selber stoppen.

„Wenn man so will, habe ich etwa 30 Jahre für das Buch gebraucht.“

Marc Clausen a.k.a. Marcnesium

Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Die Arbeit fing ja grundsätzlich schon mit dem ersten Bild Anfang der 90er an. Die Idee eines Buches hatte ich dann erstmals 2004 in Hamburg. Ich habe damals schon einige Zeit mit einem befreundeten Grafiker an einem Konzept gearbeitet. Keine Ahnung, warum damals noch nichts daraus wurde, es war einfach noch nicht soweit. Als ich 2009 – nachdem meine Tochter geboren war – nach Köln zog, hatte ich wieder den Willen, mit den ganzen Aufnahmen endlich einen Bildband zu machen – bestimmt auch aus Heimweh. Vollenden konnte ich das damals allerdings auch noch nicht. 2014 blitzte die Idee zum dritten Mal kurz auf, weil wir in dem Jahr noch einige Shows mit FSd spielten. Privat war mein Leben damals aber zu unruhig und hat mich dann auch einige Zeit erst mal ordentlich durchgeschüttelt. Irgendwann war dann auf einmal 2020 und ich wollte das Buch fertigmachen. Es passte plötzlich alles, machte Spaß und ging locker von der Hand. Und ab dem Zeitpunkt habe ich dann über ein Jahr fast täglich konzentriert daran gesessen. Wenn man so will, habe ich etwa 30 Jahre für das Buch gebraucht.

Ferris MC im Jahr 2004 in Kalifornien – das Foto wurde damals auch als Pressefoto verwendet. Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

Warum hast du bewusst auf Erklärungen zu den Fotos im Buch verzichtet?

Irgendwann, als die Zahl der Bilder, die in die Endauswahl kamen, immer größer wurde, merkte ich, dass ich zwar noch sehr genau wusste, wer auf den Bildern zu sehen ist. Wann und wo die Fotos wiederum genau gemacht wurden, konnte ich eigentlich bei fast allen Aufnahmen nicht mehr wirklich sagen. Nach etlichen Umzügen und der Digitalisierung durch diverse Fremdfirmen haben sich meine Archive über die Jahre leider völlig verselbständigt. Nichts ist mehr da, wo es hingehört und meine Beschriftungen der Dia-Kästen und Negativtaschen sind nach der ganzen Zeit völlig ausgeblichen und nicht mehr richtig zu lesen. Ich hab mich dann letztendlich aufgrund des ganzen Chaos entschieden, auf Bildunterschriften oder Anekdoten zu den Bildern komplett zu verzichten und die Bilder einfach für sich völlig frei sprechen zu lassen. Feelings first. Und jetzt bin ich richtig glücklich damit, dass es einfach ‚nur‘ ein Bilderbuch geworden ist.

„Diese vielen tollen Jahre in Hamburg bleiben für mich ewig unvergessen. Sie haben ihren Platz. Ich wäre heute nicht der, der ich bin ohne diese ganzen Erlebnisse und Erfahrungen und bin richtig glücklich, dass ich so viel davon dokumentieren konnte.“

Marc Clausen

Vermisst du manchmal diese gute Zeit in Hamburg, die ihr zusammen hattet und würdest gerne die Uhr zurückdrehen?

Nein, überhaupt nicht. Alles hat seine Zeit. Ich habe immer sehr gerne Vollgas im Hier und Jetzt gelebt und den Augenblick genossen. Aus Vollgas ist mittlerweile eher entspannte Gemütlichkeit geworden, aber ich bin immer noch sehr neugierig, was als nächstes passiert und achte drauf, dass der tägliche Spaß nicht zu kurz kommt. Diese vielen tollen Jahre in Hamburg bleiben für mich ewig unvergessen. Sie haben ihren Platz. Ich wäre heute nicht der, der ich bin ohne diese ganzen Erlebnisse und Erfahrungen und bin richtig glücklich, dass ich so viel davon dokumentieren konnte.

Marcnesium hat für MOPOP einige seiner liebsten Fotos aus dem Buch herausgesucht und kommentiert: „Eines meiner ersten Fotos von meinem Freund Stefan/DJ Koze, an das ich mich erinnere. Wir haben damals ab und zu mal mit Freunden Partys in der Stadt veranstaltet und dieses Bild war das Flyer- und Plakatmotiv für eine Party mit dem Motto ‚Live from da funky underground‘. Das Foto ist noch 1991 in Flensburg während unserer Zivildienst-Zeit entstanden, war für mich aber immer irgendwie der Startschuss unserer gemeinsamen Zeit in Hamburg.“ Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

Kannst du in Worte fassen, was an dieser Zeit so großartig war?

Wir hatten damals sicherlich das Glück, alle zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ein wahres Energiebündel, sowas kann man ja nicht planen. Hamburg war für uns in den 90ern ein wundersamer herrlicher Spielplatz. Die Stadt war damals einfach genau richtig für uns im Verhältnis zur Flensburger Provinz, die hinter uns lag. Wir haben unser Leben in vollen Zügen genossen, die Power der Großstadt aufgesaugt und ausprobiert, was uns Spaß machte. Überall gab es tolle Menschen mit Bock und Ideen, kreativen Input, positive Vibes und irgendwie Aufbruch – wohin auch immer. Gerade für unsere Generation fühlte sich einfach alles richtig und gut an. Freiheit, Liebe, Lebenslust, Freundschaft und die richtige Portion Wahnsinn und Gags on top. Und die Musik! Die Musik dieser Jahre und gemeinsam zu feiern hat uns alle sehr verbunden. Und totaler Crossover! Am Ende waren dann immer wieder alle schön angeschiggert im Pudel. Normal. Das Millennium stand ja vor der Tür. Ich habe eindeutig nie so viel gelacht in meinem Leben wie diese ganzen Jahre in Hamburg. Und ich denke, genau deshalb ist mir dieses dicke Buch der Momente auch immer so wichtig gewesen und mir nie aus dem Kopf gegangen.

„So haben wir damals Der Tobi & Das Bo kennengelernt, die mit ihrem Debütalbum ‚Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander‘ 1994 schon ein kleines Meisterwerk abgeliefert hatten und immer mal wieder bei uns in der WG zu Besuch waren. Dieses Foto hat mir immer sehr gut gefallen, weil dieser Augenblick – aus meiner Sicht – ganz cool rüberbringt, was die beiden bis heute noch freundschaftlich und erfolgreich verbindet.“ Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

HipHop war (und ist es irgendwie immer noch) in Deutschland ein Dorf. Auf deinen Fotos sind lange nicht nur Leute aus Hamburg. Die Zusammengehörigkeit der Szene war damals etwas sehr Besonderes, oder?

Das hat jeder sicherlich individuell auf seine Art empfunden. Ich als Quereinsteiger war ja kein reiner HipHop-Künstler und auch nicht ganz von Anfang mit dabei. Ich erinnere mich aber sehr genau daran, als Stefan und ich 1992 in Flensburg „Vier gewinnt“ von den Fantastischen Vier durchgehört haben. Das war deshalb damals ja so besonders, weil sie mit der Single „Die da“ einen echten Gassenhauer produziert hatten, der plötzlich überall rauf und runter lief. Ein Rap-Hit in Deutschland! Das war neu. Im Prinzip die Spitze des Eisbergs im Mainstream, denn in vielen Städten Deutschlands war deutscher Rap und die HipHop-Kultur regional mit Aktivisten der ersten Stunde ja schon startklar fürs nächste Level. Jugendzentren, Jams, Mixtapes, immer mehr Plattenveröffentlichungen auf kleinen engagierten Labels und erste Shows im damaligen Musikfernsehen. Die Leidenschaft für Rap mit deutschen Texten hat Experten und Aktivisten der ersten Stunde schon früh miteinander verbunden. Man hörte hier und da was, bekam Tapes zugesteckt und tauschte sich aus. Später kamen dann nach und nach ja auch alle selber im Land herum und erlebten, wo was geht und wer wie was macht. Es ging immer weiter, weil man einfach daran glaubte, dass diese Bewegung gut ist und etwas bedeutet. HipHop wie ich ihn damals mit Fischmob und später in meiner Position bei FSd erleben durfte, hat mir persönlich gezeigt, dass individuelle Kreativität und persönlicher Ausdruck, Aufrichtigkeit und Authentizität eines Künstlers Menschen wirklich begeistern und bewegen kann – politisch bis humorvoll. HipHop ist so kraftvoll und cool und hat sehr viele aus unserer Generation einfach begeistert und mitgerissen. Diese Erfahrung war wirklich ein großes Geschenk. Es hatte alles Sinn, was man machte.

„Toll! Mit diesem Foto von Thees Uhlmann am Millerntor-Stadion kann ich mich hier ja jetzt nochmal herzlich bedanken. Ich habe Thees Ende der 90er über meine Freundin Tania kennengelernt. Er kam damals einfach mal vorbei, um mir beim Umzug in die Balduinstraße zu helfen. Unvergessen, wie er meinen alten Röhren-Fernseher – groß wie ein Kühlschrank und schwer wie ein Kleinwagen – alleine (!) einfach so die steile Treppe hoch in die Wohnung getragen hat.“ Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

Siehst du dich immer noch als Teil der Szene oder hat der HipHop in Deutschland heute nichts mehr mit der Zeit damals zu tun?

Ich liebe Rap, HipHop don‘t stop. Ich bin aber auch Jazz-Fan und natürlich schon immer Raver mit Elektroherz, entspanne mich mit Klassik, stehe auf Punk, Rock, Speed Metal, Weltmusik, Folklore und und und. Ich war nie ein Szene-Dogmatiker und hab auch immer eher etwas Abstand zu Gruppen gehalten. Schubladendenken war mir immer irgendwie unangenehm. Für mich steht über allem die individuelle Freiheit, zu jeder Zeit kreativ genau das machen zu können, was ich möchte oder gerade für mich brauche. Das war schon so, als ich Anfang der 80er begann zu fotografieren, Comics zeichnete und Musik noch keine so große Rolle spielte. Ich bin ein großer Freund davon, sich als kreativer Mensch grenzenlos in verschiedenen Disziplinen ausprobieren zu können. Das ist unabhängig einfach leichter. Am Ende hat ja eh alles immer wieder was mit allem zu tun. Bei mir läuft eigentlich rund um die Uhr irgendwas an Musik, deswegen sehe ich natürlich die Entwicklung der deutschen Rap-Szene über die letzten Jahrzehnte. Zum Glück bin ich jetzt Vater und meine Tochter spielt mir das ganze Neo-Zeug immer vor – unser aktueller Lieblingstrack ist gerade ‚Nuttööö‘ von SSIO. HipHop und Rap sind heute längst feste Größen im Musikbusiness. Und genau das ist auch der Unterschied zu damals. Mit allen Vor- und Nachteilen. Mit ausreichend Abstand würde ich sagen, dass ich heute einfach dankbar und auch ein wenig stolz bin, Rap und die HipHop-Kultur auf ihrer erfolgreichen Reise durch Deutschland ein paar sehr, sehr gute Jahre lang mit angeschoben zu haben.

„Drei meiner sechs ausgewählten Fotos möchte ich besonderen Menschen widmen, die nicht mehr bei uns und verstorben sind. Boris Büchner wurde nach unserer gemeinsamen Zeit auf der Fischmob-Tour 1995 einer meiner besten Freunde. Er war damals Bassist der Gruppe Cucumber Men (mit Justin Balk und Heiko Franz) und als Support mit uns im Nightliner unterwegs. Wir verstanden uns ohne Worte, der Humor hat uns verbunden. Wir hatten dann leider viel zu wenig Zeit zusammen. Boris erkrankte bald schwer an Morbus Crohn und ich besuchte ihn letztendlich eigentlich nur noch im Krankenhaus. 1997 hat er uns verlassen. Ich denke noch oft an ihn und wie es wäre, mit im heute über so vieles zu lachen.“ Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

Was war die Reaktion der Protagonisten auf die Fotos von ihnen und auf das Buch?

Ich habe den allerengsten Freunden, Wegbegleitern und Experten, zu denen ich heute noch irgendwie Kontakt habe, das Buch signiert und geschenkt und viele herzliche, persönliche und sehr bewegende Rückmeldungen bekommen. Dieses kleine Archiv mit ihnen allen heute teilen zu können ist für mich wirklich fast ein Wunder und ich glaube, sie verstehen den Bildband ganz genau. Sehr viele meiner engsten Freunde waren völlig überrascht, weil sie überhaupt nicht mehr aufm Zettel hatten, wie viel ich eigentlich damals fotografiert und aufgenommen habe. Diese außergewöhnliche Zeit und die vielen Jahre Arbeit an dieser Dokumentation machen für mich jetzt grade einfach Sinn. Ich bin ja noch nicht ganz Opa Claudox, der schon leicht tüdelig von den alten Zeiten schwärmt, aber es ist einfach schön, diese Erinnerungen jetzt so in der Hand zu haben. Dieser Bildband hat auf jeden Fall Potenzial, mit dem Alter immer besser zu werden.

Auf dem Buchrücken sieht man einen Cometen, einen Preis den Fünf Sterne deluxe bekommen haben. Er wurde zum Aschenbecher umfunktioniert. Erzähl mal die Story dahinter.

Wir haben 2000 den Comet ‚HipHop national‘ gewonnen. Den Preis kennt man ja heute eventuell noch – eben diese Glaskugel in grün und orange. Damals wurde der Preis von VIVA in Kooperation mit dem ZDF verliehen. Keine Ahnung warum, der Comet ist am Ende bei mir im Office gelandet. Da saßen wir ja eh alle oft zusammen herum und da stand er dann. Eines Morgens komme ich ins Büro, will meinen Mac hochfahren und mein Blick fällt zufällig auf die Kugel. Die war auf einmal kaputt, die Glaskuppel unten komplett aufgebrochen. Es dauerte einen Moment und dann habe ich verstanden, was passiert war. Die Comet-Kugel war vom Design innen in der Mitte – am Äquator sozusagen – von einer Plastikplatte in zwei Hälften geteilt. Auf die eine Seite dieser Platte war eine silberne Halbkugel aus Plastik angeklebt, auf der anderen Seite klebte eine massive Halbkugel aus Glas. Und jetzt hatte sich genau diese sehr schwere Glashalbkugel von der Mittelplatte gelöst, ist abgefallen und hat den Glas-Cometen sozusagen von innen zerschlagen. Der Millenium-Preis hatte sich also tatsächlich selbst zerstört! Der Rest der Geschichte: Je mehr Freunde und Kollegen mich danach im Büro besuchten, desto voller wurde der neue Aschenbecher. Eigentlich ganz normal, so als Raucher …

Wie kamen die Fotos mit Tic Tac Toe oder Campino im Buch zustande?

Seit Schlüsselübergabe der weißen S-Klasse im FSd-Clip von ‚Dein Herz schlägt schneller‘ sind wir mit Karl-Heinz ‚Kalle‘ Schwensen ganz freundschaftlich verbunden. Ich war immer mal wieder bei dem ein oder anderen seiner Projekte mit Kamera oder beratend dabei. Kalle hatte irgendwann während er abends RTL schaute wohl eine Vision: das Comeback von Tic Tac Toe. Ein Mann ein Wort. Und ab ging die Post, er nahm das in die Hand. Kalle rief mich damals irgendwann an und ich habe die drei in dieser Zeit dann einige Male mit meiner Kamera begleitet und die Arbeit hinter den Kulissen dokumentiert. Die Fotos im Buch sind 2005/2006 während des Videodrehs zur Single ‚Keine Ahnung‘ entstanden, beim Presse Fotoshooting und den Bandproben für die ‚Comeback‘-Album-Tour, die dann aber leider abgesagt werden musste. Das Foto mit Campino ist einfach ein Schnappschuss vom Hurricane-Festival. Wahrscheinlich hat er gedacht ,Wieder so ein Freak, der ein Foto machen will.‘ Ich glaube nicht, dass er mich kennt oder sich an das Foto erinnern kann.

Wer sind die älteren Damen da am Ende des Buches?

Cool, dass dir das aufgefallen ist. Das sind meine Mutter und meine Tante. Zwei der drei Frauen – Oma fehlt –, mit denen ich aufgewachsen bin und die mir das ganze Leben erklärt haben. Ich habe von klein auf bis heute mit ihrem Glauben in meine Fähigkeiten und ihrer Unterstützung meinen eigenen Weg gehen können, auch wenn sie sehr oft nicht wirklich verstanden haben, was ich eigentlich genau mache. Sie haben mir immer den Rücken frei gehalten ohne mich jemals zu beeinflussen. Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie eigentlich alles für mich getan haben. Jetzt, wo ich selber Vater bin, sehe ich ihre Unterstützung auch noch mal mit ganz anderen Augen und bin ihnen einfach sehr dankbar. Also haben sie selbstverständlich einen Ehrenplatz am Ende des Buches – wie Waldorf & Statler in der Loge.

„Dieser ganz persönliche Moment vom damals schon legendären Kurt Hauenstein a.k.a. Supermax erinnert mich auch immer wieder an die Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Menschen. Kurt hat mit uns 1999 eine Woche im Hamburger NHB-Studio an der Single ‚Stop Talking Bull‘ vom zweiten Album ‚Neo.Now‘ gearbeitet und FSd hatten eine tolle, intensive Zeit mit ihm. Kurt war damals im Hotel Hafen Hamburg untergebracht und weil wir den gleichen Heimweg hatten, saß ich abends nach der Arbeit noch einige Abende mit ihm bis in die Nacht in einer der Kneipen auf St. Pauli. Er war ein sehr warmherziger, kluger Mann mit großer, fast magischer Ausstrahlung. Ich erinnere mich sehr gerne an unsere Gespräche, seine ruhige, feine und sanfte Art. Ich bin heute einfach sehr dankbar, dass ich ihn so persönlich kennenlernen durfte. Er starb zwei Jahre später im März 2011.“ Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

Hast du eigentlich einen Liebling, den du am allerliebsten fotografiert hast? Mir gefallen die Fotos von Ferris MC ja alle immer gut.

Kann ich so eigentlich nicht sagen. Wenn ich die Bilder betrachte, sehe ich auf jeden Fall, dass ich von den Freunden die meisten Fotos im Buch habe, mit denen ich damals auch am meisten zusammen war. Bo ist da zum Beispiel ganz weit vorne. Er is ja auch ein echter Styler, ein „Kreateur“ und Naturtalent mit einem top Feeling für Timing, Moment und den finalen Gag. Wir beide haben immer super zusammen funktioniert und viel Spaß gehabt. Er hatte immer einen Move am Start, den ich dann sofort knipsen konnte. Tobi natürlich auch! Oder Toni Europa, Toptyp mit großem Herz. Und Coolmann a.k.a. Kuddl Harris. Ohne Worte. Ferris wiederum war immer Ferris. Egal wo. Auch stark. Er hat nie jemandem was vorgemacht und ist unbeeindruckt seinen Weg gegangen. Ferris ist very cool. Und dann wir ganzen Flensburger, herrlich … Von den ganzen anderen Kollegen will ich gar nicht anfangen, das sprengt einfach den Rahmen. Jedes Bild im Buch ist mir insgesamt einfach mit all seinen schönen Erinnerungen ans Herz gewachsen und mir fliegen die ganzen Geschichten nur so um die Ohren, wenn ich mir die Fotos anschaue. Ich könnte wahrscheinlich bis nächstes Jahr über die Bilder fabulieren, wie cool gerade dieser Moment und die jeweilige Person war.

„Ich bin ja auch großer Jazz-Fan und besonders mag ich klassische Trios mit Klavier, Bass und Schlagzeug. Das Esbjörn Svensson Trio (e.s.t.) hat mich schon seit den 90ern mit ihren modernen Produktionen begleitet. Dementsprechend begeistert war ich, als mein Freund Orhan Sandikci vom Indra mich im November 2007 anrief und fragte, ob ich bei ihm fotografieren und filmen könnte. Das Trio spiele bei ihm. Es war dann tatsächlich ein kleines, persönliches Konzert für geladene Gäste (ein Geburtstagsgeschenk für den Veranstalter Fritz Rau, soweit ich mich erinnere). Nach dem Auftritt hatte ich die Möglichkeit, mich bei e.s.t. für den tollen Abend zu bedanken und konnte die drei dann auch noch in einem sehr entspannten Moment fotografieren. Nur wenige Monate später starb Esbjörn Svensson im Juni 2008 bei einem Tauchunfall in Schweden. Diesen schönen Abend und diese kurze Begegnung werde ich immer im Herzen behalten.“ Foto: Marc Clausen/Marcnesium

 

Für wen ist das Buch geeignet? Nur für die Protagonisten selbst oder auch für Liebhaber der Szene?

Also ganz ehrlich, das Buch habe ich eigentlich erstmal nur für mich gemacht, weil ich die Schnauze voll hatte, auf meinen ganzen Festplatten in den Back-up-Ordnern immer wieder diese ganzen Bilder zu entdecken. Ich hatte den Überblick verloren und musste mich und meine ganzen Eindrücke dieser Zeit vor allem erst mal selber ordnen. Ich habe ja teilweise nächtelang ganz alleine mit diesen vielen optischen Flashbacks vorm Rechner gesessen und dachte irgendwann, das kann ja so nicht weitergehen, du wirst bald verrückt. Dann begann ich, an alle meine Freunde und alle Fotografierten zu denken und mich über jede gelungene Aufnahme zu freuen. Das war sehr gut. Ich habe so oft alleine laut über unsere ganzen Momente gelacht, hatte aber auch Phasen, wo ich irgendwie gar nicht mehr glauben konnte, dass ich das alles nicht nur fotografiert, sondern auch wirklich erlebt habe. Und dann wurde mir klar, dass ich diese ganze Liebe, die ich über all die Jahre aufnehmen durfte unbedingt wieder zurück geben möchte. So ist es letztendlich eine dicke Zeitmaschine für alle geworden. Für die, die damals am Start waren, und vielleicht auch für die Kids, die heute mal wissen wollen, wie die Zeiten und ihre Eltern damals eigentlich so waren und ganz sicher auch ein besonderer Einblick für Fans, die hier jetzt wirklich mal sehen können, dass das Coole damals eben nicht nur auf der Bühne stattfand oder für irgendeine eine Show auswendig gelernt wurde. Insgesamt ist das Buch meine persönliche Erinnerung an ein sehr besonderes Lebensgefühl mit authentischen Bildern, die für mich Stimmungen oft viel komplexer und intensiver wiedergeben, als man es mit Worten ausdrücken kann. Und wenn ich dann on top vielleicht auch noch einige Fotografen mit dieser Arbeit ein wenig inspirieren kann, wäre es mir eine Ehre.

Die Bücher, wie sie im Lager aufeinandergestapelt sind. Noch gibt es Exemplare von der limitierten Auflage. Foto: TANNYTEE

 

Die erste Hälfte der 1000er-Auflage von Marcnesiums Buch „Backstage – Fischmob und Kollegen: Hamburger Erinnerungen“ ist schon weg. Man bekommt es am besten direkt bei Marcnesium selbst unter [email protected], bei hhv.de oder hanseplatte.de. Das Buch mit 1176 Fotos und 560 Seiten kostet 149 Euro. Eine weitere Auflage ist nicht vorgesehen.

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