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Alli Neumann: Madonna oder Hure — und dazwischen wenig Platz

Alli Neumann: Madonna oder Hure — und dazwischen wenig Platz

Veröffentlicht vor 3 Tagen
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Alli Neumann ist Schauspielerin und Sängerin – endlich ist ihr Debütalbum erschienen. Foto: Clara Nebeling

Die Künstlerin über ihr Album, Selbstermächtigung und die Befreiung von Eindimensionalität, Selbstzweifeln und toxischen Beziehungen

Alli Neumann ist Sängerin und Schauspielerin – ihr Debütalbum „Madonna Whore Komplex“ ist vor Kurzem erschienen. Musikalisch ist es genauso bunt und vielfältig wie sie selbst – inhaltlich geht’s um ihre persönliche Befreiung. Im MOPOP-Interview spricht sie über das Landleben, Ton Steine Scherben, wie es ist, wenn man vor lauter Arbeit die frischen Unterhosen vergisst und mit Monokel und Zylinder zur Schule geht.

MOPOP: Dein Debütalbum ist endlich erschienen – was ist das für ein Gefühl?

Alli Neumann: Super surreal. Ich habe es immer noch nicht begriffen. Es war mein Lebenstraum seitdem ich drei oder vier war, irgendwann ein Album zu machen. Und ich hatte oft schon das Gefühl, dass ich kurz davor bin. Dem war aber lange nicht so. Aber jetzt hat es geklappt!

Ich habe ich mir schon immer gewünscht, wie Ton Steine Scherben in Fresenhagen zu leben.

Alli Neumann

Du bist in Solingen geboren, hast als Kind in Polen gelebt und bist dann bei Flensburg aufgewachsen. Nun bist du zurück aufs Land gezogen – wieder an die dänische Grenze. Man denkt ja eigentlich von dir, dass du ein Großstadtmensch bist. Giltst du im Dorf als der bunte Hund?

Früher war das auf jeden Fall so. Da bin ich morgens auch mal mit Zylinder, Monokel und Gehstock zur Schule gegangen (lacht). Momentan wohne ich echt im Nirgendwo – die einzige Wechselwirkung, die ich dort habe, ist mit Pflanzen und Tieren. Ich genieße es total, zwischen all meinem Unterwegssein, wo ich ja genug spannende Sachen erlebe und tolle Menschen kennenlerne, diesen Ruhepol zu haben. Für mein Schreiben ist das ultimativ, weil bei mir in der Ruhe und Langeweile erst die Ideen kommen. Außerdem habe ich mir schon immer gewünscht, wie Ton Steine Scherben in Fresenhagen zu leben.

Alli Neumanns Debütalbum ist bei ihrem eigenen Label JAGA Recordings erschienen.

 

Wann wusstest du, dass du Musikerin werden willst?

Meine Mum sagt, dass ich gesungen habe, bevor ich gesprochen habe. Ich wusste also schon sehr früh, dass ich sehr Musik gerne mag. Dass ich auch Musikerin werden wollte, ist mir klar geworden, als ich in Flensburg die Band Echt erlebt habe. Die kamen aus meiner Gegend, deswegen war das greifbar für mich und das wollte ich dann auch.

 

Mittlerweile arbeitest du viel mit mit dem ehemaligen Echt-Sänger Kim Frank zusammen, er ist jetzt Filmemacher und hat auch einige deiner Musikvideos gemacht.

Ich bin so dankbar über den spannenden kreativen Austausch mit ihm. Früher konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, dass ich irgendwann mal auf einer Bühne stehen würde. Ich habe es mir irgendwie gewünscht, hatte aber noch gar keine Vision davon. Und jetzt fühlt es sich so an, als hätte sich das alles gefügt. Eben auch, weil Kim Frank so ein großer Motivator für mich damals war. Ich bin sehr dankbar für alles, was wir miteinander erschaffen, und dass ich in ihm jemanden gefunden habe, der so eine passende visuelle Vorstellung für mich hat.

Ich habe gefühlt jeden Tag versucht, meine Karriere zu starten.

Alli Neumann

Du hattest deine Karriere ja schon mal mit 14, 15 gestartet, aber das lief irgendwie nicht.

Ich habe gefühlt jeden Tag versucht, meine Karriere zu starten. (lacht) In dieser Zeit, die du meinst, habe ich angefangen, mit tollen Leuten aus Hamburg zusammenzuarbeiten, und auch einen Vertrag unterschrieben. Auch da dachte ich schon, ich könne ein Album herausbringen. Aber da war ich einfach noch nicht an dem Punkt, an dem ich genau wusste, was ich will. Damals sah man mich eher als Singer/Songwriterin, ich war aber voll auf dem Rock-Trip. Da gingen die Vorstellungen weit auseinander. Deswegen habe ich mich da entschieden, mich noch mal zurückzunehmen.

 

Auf „Madonna Whore Komplex“ geht’s um toxische Beziehungen und Befreiung.

Ja, es geht ganz viel um Selbstermächtigung und Emanzipation – und um Selbstzweifel, die ich damit loswerden möchte. Die entstehen ja auch dadurch, dass man in gewissen Strukturen und Systemen groß wird. Das Patriarchat lässt Raum dafür, dass viele Beziehungen einfach toxisch sein können. Ich habe in den letzten zwei Jahren aber so viele Frauen kennengelernt, die emotional emanzipiert, selbstbewusst und frei sind. Ein totales Selbstverständnis! Das wollte ich auch und konnte auch viele Sachen erfolgreich hinter mir lassen. Das Album hält diesen Prozess fest – „Frei“ war dann auch das letzte Lied, das ich für das Album geschrieben habe. Am Anfang des Entstehungsprozesses wäre ich zu so einem Lied noch gar nicht in der Lage gewesen. In der Zeit der Pandemie habe ich sehr viel gelesen, mich weitergebildet und habe dadurch so viel verstanden. Zum Beispiel, dass man ganz oft Sexismus auch gegen sich selbst und seine Freunde anwendet. Ich befreie mich davon jeden Tag immer weiter. Es macht so viel Spaß, diese Ketten abzulegen und sich leichter zu fühlen.

 

Kannst du da mal Beispiele geben, was du gelernt und abgelegt hast?

Ich bin dabei, die Selbstzweifel abzulegen. Dass ich denke, ich kann etwas nicht und mich von jemandem abhängig mache. Und ich hinterfrage ganz viel: Warum hat man als Kind so etwas gesagt wie „Die schießt ja wie ein Mädchen!“? Oder warum fragt man sich, wenn man auf der Straße gecatcallt wird, als Allererstes: „Habe ich etwas Falsches an? Ist das meine eigene Schuld?“ Mit so was muss man aufhören. Es ist in dieser Welt einfach so, dass es passieren kann, dass man auf der Straße von irgendjemandem belästigt wird, obwohl man nichts gemacht hat. Das geht so nicht.

Was hat es mit dem Albumtitel „Madonna Whore Komplex“ auf sich?

Das ist eine Freudsche Theorie, die besagt, dass Frauen in der Wahrnehmung oft in Madonnen und Huren eingeteilt werden und es dazwischen wenig Platz gibt. Davon musste ich mich ehrlich gesagt auch befreien. Ich habe gedacht, dass ich entweder sexy oder seriös sein kann. Aber das ist nicht die Wahrheit – ich möchte mich selbst einfach nicht so einschränken und eindimensional machen. Und genau darum geht’s auf dem Album. Ich habe Sachen aus der Vergangenheit verarbeitet, die mich verletzt und runtergezogen haben, und gleichzeitig eine Vision und die neue Welt manifestiert. Wenn ich so ein Lied wie „Frei“ schreibe, dann heißt das nicht, das sich mich schon ultimativ frei fühle, aber ich kann mir vorstellen, wo ich emotional hinwill und wie die Welt dafür sein müsste.

Sind wir gerade an einem Wendepunkt?

Ja, das Gefühl habe ich. Es wird nicht alles morgen gut sein – wir müssen da immer noch einen langen Atem haben, damit wir irgendwann alle wirklich gleichberechtigt sind und alle Menschen auf die Welt kommen und denken: Wer möchte ich sein, weil „no one’s telling me“? Das wäre der ultimative Traum. Aber wie lange das noch dauert: Wer weiß das schon?

Die Musik auf dem Album ist anders und smart. Da stecken Funk, Soul und viele Gitarren drin – und man spürt deine Liebe für Country, Blues und HipHop.

Das Album habe ich überwiegend mit dem sehr talentierten Berliner Produzenten und Künstler Jonathan Kluth gemacht – und auch mit dem Hamburger Produzenten Franz Plasa. Eigentlich war Jonathan mein Tour-Gitarrist. Weil wir so viel Spaß miteinander hatten und immer backstage gejammt haben, haben wir uns irgendwann einfach getroffen, um es mal auszutesten – aber auf einmal waren wir drei Monate lang komplett am Stück im Studio. Ich musste mir dann neue Unterhosen und Kram vom Flohmarkt holen, weil ich überhaupt nichts dabeihatte. Und Franz Plasa ist einer der witzigsten, kreativsten Menschen, die ich kenne. Und der beste Gitarrist!

Alli Neumanns Album „Madonna Whore Komplex“ ist bei ihrem eigenen Label JAGA Recordings erschienen. Sie tritt am 17. Dezember im Uebel & Gefährlich auf, Tickets ab 23 Euro gibt‘s hier!

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